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Full text of "Edgar Poe. Teil 2 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter"

MARIE BONAPARTE 

EDGAR POE 




-■•%-iu 



EINE PSYCHOANALYTISCHE STUDIE 

MIT EINEM VORWORT VON SIGM. FREUD 

BAND II 

INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



MARIE BONAPARTE 

EDGAR POE 



TEIL II 



I 




ELIZABETH POE, geb. ARNOLD 
(Nach der Miniatur im Besitz von J. H. Ingram) 



EDGAR POE 

EINE PSYCHOANALYTISCHE STUDIE 

VON 

MARIE BONAPARTE 



TEIL II 
DIE GESCHICHTEN: DER ZYKLUS MUTTER 



MIT EINEM TITELPORTRA'T 



1934 

INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 



Autorisierte Obersetzung aus dem Französischen von Fritz Leliner 



Alle Rechte vorbehalten 

Copyright 1534 by Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Gesellschaft m. b. H. in Wien 



Prlnted in Austria 
Drude: Christoph Reisser's Söhne, Wien V 



L 



DIE GESCHICHTEN: 
DER ZYKLUS MUTTER 



Wir gehen nun daran, die Geschichten Edgar Poes zu 
studieren. Die literarisdien und künstlerischen "Werke der 
Menschen enthüllen das Intimste ihrer Psyche und sind, wie 
Freud gezeigt hat, nach Art unserer Träume aufgebaut. Die 
gleichen Medianismen, die der Verarbeitung unserer stärksten, 
wenn auch verborgensten Wünsche — und das sind häufig jene, 
die unser Bewußtsein am heftigsten zurückweist — im Traum 
oder im Naditalp dienen, leiten auch die Arbeit am Kunst- 
werk. Die Kunstwerke, Wunschphantasien wie die Träume, 
bilden für ihren Sdiöpfer — und dann aucii für die, die sich 
an ihnen erfreuen — eine Art Sicherheitsventil gegen den 
zu starken Druck, den die verdrängten Triebe ausüben. 
Und wenn Poe nidit die geniale Gabe besessen hätte, seine 
fürchterlidien Triebe in den Erzählungen zu sublimieren, sie 
gleichsam in den glänzenden Schleier des Ästhetischen ein- 
zuhüllen, so würde er vielleidit manches Jahr seines Lebens 
im Gefängnis oder Irrenhaus verbracht haben. 

In dieser Studie folgen wir aber nicht der chronologischen 
Reihenfolge, in der die Geschichten Poes geschrieben 
wurden. Die Art, wie die alten und verdrängten Triebe eines 
Mensdien aus dem Unbewußten hervorbredien und einen 
Traum oder ein Kunstwerk verursachen, nimmt auf diese 
Reihenfolge keine Rücksicht. Wir sind daher bereditigt, die 
Schöpfung des Erzählers nach dem unbewußtenThema, 
das in ihnen vorherrscht, zu gruppieren; die Umstände des 
realen Lebens Edgar Poes hatten ja keine andere Aufgabe, 
als immer wieder jenes Thema zu wecken. Wir werden in 
jeder Gruppe die typischesten Werke auswählen, um durch 
sie das Leben des Dichters zu illustrieren. 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



„In den Novellen Poes", schrieb Baudelaire/ „gibt es keine 
Liebe", und er fügt hinzu: „Die Meinung der Frances Osgood, 
Poe habe die Frauen ritterlich geachtet, wird durch die Tat- 
sache bekräftigt, daß trotz seines wundervollen Talents, 
Groteskes und Schreckliches darstellen zu können, in seinem 
ganzen Werk nicht eine einzige Stelle vorkommt, die un- 
züchtig wäre oder auf sexuellen Genuß anspielt. Die Bilder 
der Frauen sind sozusagen mit einem Heiligensdbein umgeben; 
sie strahlen im Innern einer übernatürlichen Wolke und sind 
in der übertreibenden Art eines Bewunderers gemalt." Eines 
Bewunderers, werden wir hinzufügen, der Angst hat, sich dem 
zu nähern, was er verehrt, weil er ein sdbredcliches und ge- 
fahrenreidbes Mysterium fürchtet. 

Mit den Geschichten, in denen jener Frauentypus 
vorherrscht, der von „einer übernatüriichen Wolke" umgeben 
ist, wollen wir uns zuerst beschäftigen. 

i) Edgar Poe, sa vie et ses auvres. als Vorwort zur Baudelaire- 
sAen Übersetzung der Histoires extraordinaires: „Dans les Nouvelles 
T fr* T,"'' ^ ^^""^'^ d'atnour." Ferner: „Ce qui corrobore l'idee 
de Mme. Frances Osgood relativement au respect dievaleresque de 
Foe pour les femmes, c'est que, malgr^ son prodigieux talent pour 
le grotesque et Thorrible, il n'y a pas dans tout son oeuvre un seul 
passage qu. ait trait k la lubricit^ ou mgme aux jouissances sensuelles. 
tes portraits de femmes sont pour ainsi dire aur^ol^s; ils briUent 
au sem d'une vapeur surnaturelle et sont peints ä la mani^re 
emphatique d'un adorateur." 



I 



DER ZYKLUS DER 
TOTLEBENDEN MUTTER 



BERENICE^ 

Edgar Poe war nadi seinem stürmisdien Abgang von West 
Point im März 1831 von Frau Clemm aufgenommen worden. 
Er fand in diesem Hause seine kleine Cousine Virginia wieder, 
die damals nodi nidit neun Jahre alt war. Wir wissen, welchen 
Raum in seinem Herzen, seinem Leben und in seinem Werk 
die Frau einnehmen sollte, welche im Unbewußten des 
Diditers die kleine Schwester seiner Kindheit und zugleich die 
gebredilidie, poesieumhauchte und sterbende Mutter war, die 
seine einzige große Liebe bleiben sollte. Es wird uns daher 
nidil überraschen, wenn wir sehen, wie unter dem Einfluß der 
Muse (die Virginia, ohne es zu wissen, gewesen ist) diese 
erste große Ernte von Erzählungen aufging, die G e- 
schichten des Folio Clubs, zu denen die düstere 
Berenice gehört. 

Aegeus, der Besitzer eines alten Schlosses, Sproß eines 
Geschlechtes von feudalen Hellsehern, vereinigt in sich die 
einander widersprechenden Kennzeichen verschiedener gei- 
stiger Erkrankungen. Zuerst stellt er sich als ein Schizoider 
vor: „Die Realitäten des Lebens erschienen mir wie Visionen 
und immer nur wie Visionen, während die wunderlichen 
Ideen aus Traumlanden nicht nur meinem täglichen Leben 
Inhalt gaben, sondern ganz und gar zu meinem täglichen 
Leben selber wurden." Dann verrät er einen Zustand von 
Zwangsgrübeln. Er sondert sich selbst von den gewöhnlichen 



1) Berenice (Southern Lkerary Messenger, März 183J, 1840; 
Broadway Journal, 1, 14). 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Träumen ab, die sich dem Nachsinnen hingeben: „In meinem 
Fall war es stets ein nichtiger Gegenstand, an den 
meine Betrachtung sich knüpfte, wenngleich er infolge meines 
krankhaft intensiven Anschauungsvermögens vielfältige und 
übertriebene Bedeutsamkeit bekam. Meine Gedanken 
schweiften nur wenig ab und kehrten stets eigensinnig wieder 
zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Diese Grübeleien waren 
niemals angenehm, und wenn sie endeten, so hatte der Gegen- 
stand, von dem sie ausgingen, für mich ein unnatürlich ge- 
steigertes Interesse bekommen, und eben dies war es, was 
den charakteristischen Zug meines Übels ausmachte." Von der 
dritten Art geistiger Verwirrung, der er verfallen war und die 
zu der Untat am Schluß der Erzählung führt, werden wir 
später zu sprechen haben. 

Aegeus, der zweifellos konzentriert und übersteigert 
mehrere der psychoneurotisdien Züge des Mensdien, welcher 
ihn schuf, reproduziert, und an dem sogar die Vorliebe Poes 
für das Opium geschildert wird,« hat ebenso wie der Dichter 
eine Cousine, die zu Beginn der Geschichte gesund ist, wie es 
damals auch Virginia noch war. „Ah, leibhaftig steht ihr Bild 
jetzt vor mir, so wie in jungen Tagen ihrer Leichtherzigkeit 
und ihres Frohsinns!" Aber das andere, ältere Bild, welches das 
Herz Poes quälte, das Bild einer Mutter, die er um so inniger 
liebte, je näher sie dem Tode war, ließ es nicht zu, daß irgend- 
eine der Heldinnen in Poes Erzählungen gesund bleibe. Und 
schon nach wenigen Zeilen ist alles Mysterium und Schrecken, 
eine Geschichte, „die verschwiegen werden sollte. Krankheit, ver- 
hängnisvolle Krankheit befiel ihren Körper; plötzlich — vor 
meinen Augen fast — brach die Zerstörung über sie herein, 
durchdrang ihren Geist, ihr Gebaren, ihren Charakter und 
vernichtete mit schrecjclicher, unheimlicher Gründlichkeit ihr 

3) Die Zeile über das Opium ist in den späteren Ausgaben 
{Broadway Journal, Griswold) von Poe gestridien worden. 



Berenice i-. 



ganzes Wesen, ihre ganze Person." So versdimilzt die Persön- 
lidikeit der kleinen Cousine Poes, der Berenice oder Virginia 
nadi und nach mit der seiner geliebten Mutter, weldie wie 
diese beiden an einer Tuberkulose gestorben war, die dem 
kleinen Edgar ebenso unfaßbar und unverständlich gewesen 
zu sein schien wie die Krankheit der Berenice dem Aegeus. 
Und das mußte wohl so sein, denn Edgar konnte nur dort 
lieben, wo die Schönheit vom Tod berührt wurde. Aegeus 
gesteht es auch ein: „Sicherlich habe idb sie in den strahlenden 
Tagen ihrer unvergleichlichen Schönheit nie geliebt . . . und 
jetzt, — jetzt schauderte ich bei ihrem Nahen und ich erbleichte 
bei ihrem Anblick. Aber ich beklagte ihren Verfall bitter, 
und ich erinnerte mich, daß sie mich seit langem liebte, und 
so kam es, daß ich in emer schlimmen Stunde von Heirat 
sprach." 

Der Tag, an dem sie Hochzeit halten sollten, kam immer 
näher; an einem der in jener Gegend lauen Winternadimittage 
befand sich Aegeus in der Bibliothek seines Schlosses. „Die 
Erinnerung an die ersten Jahre meines Lebens", hat uns 
Aegeus schon vorher mitgeteilt, „ist mit jenem Zimmer und 
seinen Büchern, meinen Büchern . . . innig verknüpft. Hier 
starb meine Mutter. Hier wurde ich geboren." Dieser Saal 
wird, wie das Gehirn des Aegeus oder Edgars, von einem 
„Erinnern, das sidi nidit bannen läßt, einem Erinnern, das 
einem Schatten gleicht", heimgesucht. Auf solche Weise ver- 
steht .es Edgar Poe, mit den Ahnungen eines Dichters, von 
unbewußten Erinnerungen zu sprechen; und wie stellen sich 
diese unbewußten Erinnerungen für Aegeus dar? „Ich habe", 
sagt Edgar-Aegeus, „ein Erinnern an luftzarte, an geisterhafte, 
bedeutsame Augen, an harmonische, doch trauervolle Laute." 
Man kann die singende Sylphide, die zarte Künstlerin Eliza- 
beth Arnold, nicht subtiler heraufbesdhwören. „Ein Erinnern, 
das sidi nicht bannen läßt, ein Erinnern, das einem Schatten 



14 Die Gesdiichten: Der Zyklus Mutter 



W I 



gleidi sich nicht von meiner Vernunft loslösen läßt, solang ihr 
Sonnenlicht bestehen wird." 

Es ist daher keineswegs erstaunlich, daß der verlobte 
Aegeus eines Tages in der Bibliothek seines Sdilosses, in der 
audi seine Mutter starb, sieht, wie dieser Schatten wieder 
Körper wird — ganz so wie dieser Schatten schon einmal 
bereit gewesen, in der Cousin^ Virginia wieder lebendig zu 
werden, die der Familientuberkulose verfallen war, an der 
damals Henry unter dem gleichen Dach starb, unter dem audb 
der Dichter wohnte. Das erschreckende und ersehnte Phantom 
erscheint. Ganz plötzlich, während Aegeus glaubt, mit seinen 
Büchern allein zu sein, steht Berenice vor ihm. „Vielleicht war 
sie seit ihrer Krankheit größer geworden."'^ Elizabeth Arnold, 
die zarte Sylphide, hatte es nicht nötig, wenn sie im Gedächtnis 
ihres Sohnes erscheinen wollte, größer zu sein als ihre 
Nichte Virginia. Wer unter uns hat nicht beobachtet, um wie- 
viel kleiner in der Wirklichkeit die Maße der Dinge sind, die 
uns zu der Zeit umgaben, in der wir Kinder waren, und die 
wir später als Große, ErwacJisene wiedersehen! Wir messen 
alles nach einem Maßstab, der in uns selbst ist, und außerdem 
vergrößern wir in der Einbildung die Wesen, die uns be- 
herrschen, so wie das Kind das mit den Erwadbsenen macht. 
Haben nicht die Völker häufig den Göttern und Göttinnen, die 
nichts anderes als in das Unendliche projizierte Väter und 
Mütter sind, eine übermenschliche, gigantisdie Gestalt gegeben? 
Aegeus betrachtet die entsetzlich abgemagerte Erscheinung, 
schließlich fallen seine „brennenden Blicke ... auf ihr Antlitz". 
— „Die Stirn war hoch und sehr bleicäi und sonderbar starr, 
und war über den hohen Schläfen von zahllosen Löckchen des 
einst pechschwarzen Haares beschattet, das jetzt von lebhaftem 
Gelb war und dessen phantastische Ringel mit der souveränen 

3 a) Dieser Satz wurde in den letzten Fassungen Poes gestrichen. 
(Siehe Y. E., Bd. 2, S. 314 und 317.) 



r 



Berenice % j 

Melandiolie des Antlitzes seltsam kontrastierten. Die Augen 
waren ohne Leben und ohne Glanz und ansdieinend ohne 
Pupillen; und ich schauderte unwillkürlich vor ihrem glasigen, 
starren Ausdruck zurück und wandte mich der Betrachtung 
der dünnen und eingesunkenen Lippen zu. Sie teilten sidi zu 
einem sonderbar bedeutungsvollen Lächeln und enthüllten 
meinem Blick langsam der veränderten Berenice Zahn e." 

Wir haben hier ein Porträt vor uns, in dem wir die Züge 
beider Modelle wiederfinden können. Die hohe bleidie und 
seltsam sanfte Stirne scheint der Virginia angehört zu haben 
(siehe das Ponrät der Virginia, Bd. I nach S. 240), obwohl 
auch Elizabeth Arnold eine solche Stirne unter den pech- 
schwarzen Haaren besessen haben dürfte, unter den Haaren, 
deren „phantastische Ringel mit der souveränen Melancholie 
des Antlitzes seltsam kontrastierten" (siehe das Bild Elizabeth 
Arnolds, Titelbild d. Bd.). Schwierig ist nur die Erklärung der 
Verwandlung des schwarzen Haars in blondes, da sie durch 
keinerlei klinische Beobachtung autorisiert wird. Dieser Zug 
hat midi lange gestört, bis mir bei der Lektüre des Alten 
Seemanns von Coleridge in der Beschreibung des Ge- 
spensterschifFcs, das dem Seemann erscheint und auf dem sidi 
zwei phantastisdie Figuren, der Tod und das Leben im Tod, 
befanden, auffiel, wie seltsam dort das Leben im Tode 
aussah. Es hatte nämlidi Haare von ein em phantastischen Gelb,* 

4) • Her lips wäre red, her looks were free. 

Her locks were yellow as gold: 

Her skin was as white as leprosy, 

The Nightmare Life-in-Death was she, 

Who thidcs man's blood with cold. 
(The Rime of the Ancient Mariner, 3. Teil.) 

(Ihre Lippen waren rot, ihr Blidc war frei, 

Ihre Lodcen waren gelb wie Gold: 

Ihre Haut war so weiß wie aussätzig, 

Sie war der Naditalp Leben-im-Tod, 

Der das Blut des Mensdien erstarren roadit.) 



i6 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



ganz wie die der Berenice. Nun weiß man, wie sehr Poe Cole- 
ridge sdion seit seiner Jugend verehrte. Es drängte sich mir 
daher der Gedanke auf, daß die gelben Haare unter dem Ein- 
fluß Coleridges zum Symbol für das Leben im Tode wurden, 
für diesen „Naditalp, der das Blut des Menschen erstarren 
macht." 

Nun gibt es nodi zwei andere Dichtungen Poes, in denen 
die Haare der Heldinnen gelb {yellow) sind, und zwar ganz 
so wie die der Berenice {vivid yellow): die Gedidite E u 1 a li e 
und Lenore. In Eulalie wird jedoch vom Unglüds nur 
gesprodien, um es zu bannen. In der Lenore aber wird das- 
Gelb der Haare bei der Gelegenheit erwähnt, da Lenore in 
ihrem Sarg liegt: 

„Das Leben nodi am gelben Haar 

Dodi nidit in ihrem Blidc — . 

Nodi immerdar im gelben Haar, 
Dodi Tod in ihrem Blidc."" 

All das scheint mir zu bestätigen, daß das Gelb der Haare 
für Poe tatsächlich ein Symbol für das Leben im Tod geworden 
war, für ein Leben, welches das Schicksal aller seiner Heldinnen 
gewesen, wie das seiner Mutter in den Tiefen seines Un- 
bewußten. 

In der ersten Fassung der Berenice hatte sie zuerst 
goldene Haare (golden, nidit yellow), und ihre Krankheit ver- 
wandelte diese Haare in schwarze, in „Lodcen, die so schwarz 
sind wie der Flügel des Raben" (ringlets now hlack as the 
raven's wing).^ Man könnte nun annehmen, daß diese Ände- 
rung unsere Deduktionen entkräfte. "Wir sehen aber ein wenig 
später, daß das Blond (nidit das Gel b) der Haare bei 



j) The life upon her yellow hair but not within her eyes — 
The life still there, upon her hair — the death upon her eyes. 
(Lenore, V. E., Bd. 7, S. 54.) 
6) V.E., Bd. 2, S.314. 



Berenice ^ 17 

Poe die „Untreue" gegen eine Mutter mit schwarzen 
Haaren symbolisiert, eine Untreue, die, in der ersten 
Fassung der Gesdiidite, sogar beim Körper der blonden 
Cousine siditbar wird, ganz so wie sich die sdiwarzhaarige 
Ligeia in der blonden Rowena wieder verkörpert. Die Tat- 
sache, daß Poe in der Berenice die Reihenfolge der 
Faktoren umkehrt und aus den ursprünglich goldenen Haaren 
der gesunden Berenice die gelben der sterbenden macht, zeigt, 
wie stark das bei Coleridge gefundene Symbol für das Leben 
im Tode in seinem Unbewußten herrschen konnte. 

Wenn wir nun bei der Beschreibung der „neuen Berenice" 
zu den Augen übergehen, dann müssen wir erkennen, daß es 
sidi nur um die Augen eines Leichnams handeln kann. Edgar 
Poe hat vielleicht als Kind die glasigen Augen seiner geliebten 
und toten Mutter flüchtig gesehen. Bezüglich ihrer Zähne glaube 
ich nun fast mit Sicherheit behaupten zu können: das Entsetzen, 
das Aegeus beim Anblick der Zähne packte, hat in dem Ent- 
setzen Edgars seine Wurzel, der am Sterbelager der Elizabeth 
Arnold stand. Die schmalen Lippen der Schwindsüchtigen 
legten wohl hier und dort die Zähne frei (wir werden diese 
Zähne in vielen Geschichten Edgar Poes wiederfinden) und die 
Beschreibung der Leiche Berenicens in ihrem Sarge, die dann 
folgt, bestärkt uns in unserer Meinung. 

Nachdem Aegeus eine Nacht, einen Tag und wieder eine 
Nacht in 'seiner Bibliothek verbracht und das weiße Gespenster- 
bild ihrer Zähne immer vor Augen gehabt hat, tönt ein 
gellender Schrei, jemand kommt herein und teilt dem Unglück- 
lichen mit, seine Berenice sei gestorben. Er sieht sie in ihrem 
Sarg wieder, einer ihrer Finger scheint sich zu bewegen, das Band, 
das die Kinnladen zusammenhält, ist gelockert und alle ihre 
Zähne sdieinen ihn mit grauenhafl:em Lächeln anzusehen. 

Edgar Poe fand selbst, daß diese Episode der Erzählung in 
den letzten Fassungen der Berenice unterdrüdct werden 

Bonaparte: Edgar Poe. U. 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



müsse; sie reproduzierte vermutlich eine Erinnerung, die für ihn 
zu wirklich war. 

Nun verfällt der Held einer andern Form geistiger Er- 
krankung: er erleidet einen Anfall von larvierter Epilepsie, 
die dann, wie es sich gehört, von einer Amnesie verdeckt wird 
Diese unwahrscheinliche Verwandlung eines Zwangsschizoiden 
m einen amnesischen Epileptiker ist bei Edgar Poe wohl 
irgendwie der Ausdruck der Infantilamnesie, welche die Quelle 
zuschüttete, aus der jene furchtbare Geschichte hervorgeholt 
worden war. Der Held folgt einem plötzlichen Zwang, er 
geht zum Friedhof, öffnet das Grab, in dem seine Berenice 
ruht, und mit Hilfe des Bestecks, das dem Schloßarzt 
gehört, reißt er ihre zweiunddreißig Zähne heraus. Durch 
diesen Überfall erwacht natürlich Berenice, die nur in einem 
Zustand der Starrsucht war, in einem Leben im Tod, und 
sie beginnt zu schreien. Man läuft, zu spät, herbei, und 
Aegeus, der in die verhängnisvolle Bibliothek zurückgekehrt 
ist, wird dort ganz von Erde beschmutzt und mit Blut be- 
spritzt von einem Diener aufgefunden; man macht ihn auf 
seine Untat aufmerksam, inzwischen aber fallen die Zähne der 
Berenice aus der Schachtel und verstreuen sich auf dem Fuß- 
boden. 

* 

Einige Beobachter werden nun sagen, daß bis hierher (wir 
sind am Schluß der Geschichte angelangt), trotz der Psycho- 
analyse, absolut nidits Sexuelles in der Geschichte enthalten ist! 
Der kleine Edgar, das dreijährige Kind, hat in seinem frühen 
Alter seine geliebte Mutter sterben gesehen; das furchtbare 
Bild ist in seinem Unbewußten erhalten geblieben und strebt 
sein ganzes Leben hindurch danach, sich zu reproduzieren 
und in den künstlerischen Berichten immer wieder gezeichnet " 
zu werden. Diese Erzählungen sind manchmal gewiß sehr er- 
schreckend, aber darin besteht eben die Eigenart des Erzählers. 



Berenice 19 



Eine soldie vereinfadite Erklärung gibt uns aber nicht 
darüber Rediensdiaft, warum sich Poe tatsächlich nur zu dieser 
Art von Geschiditen hingezogen gefühlt habe. Warum 
gerade sie für ihn mit diesem Zauber besetzt waren, kann 
man bloß verstehen, wenn man den Faktor des Sexualtriebs 
einführt. Wenn Poe unaufhörlich und mit soviel Lust die 
Krankheit, den Tod und die Beerdigung seiner Mutter — die 
übrigens meistens lebend beerdigt wird — reproduziert, so 
hat das seinen Grund darin, daß seine erwachende Erotik 
für immer an die Frau fixiert war, die gleichsam mit den 
Attributen der Krankheit und des Todes geschmückt dalag, 
eines Todes, an den man im Unbewußten und in der Kindheit 
nicht glaubt, und der nichts anderes sein kann als eine Reise, 
von welcher man heimkehren kann. 

Die Berenice lehrt aber den Analytiker noch etwas 
anderes. Die sexuelle Impotenz Poes entstand, wie wir wissen, 
durdi die Fixierung an die Mutter, noch dazu an eine sterbende 
Mutter, an einen Leidinam; daraus geht die Auflehnung der 
Psyche Poes gegen die Sexualität im allgemeinen hervor, und 
darum mußte sie für ihn sadistiscli-nekrophil sein. Die Gefahren 
der Sexualität, die drohende Strafe für denjenigen, der sich 
der Sexualität hingibt, werden nun in der Berenice in der 
Angst aufgezeigt, die Aegeus vor ihren Zähnen hat. Man 
findet tatsächlich bei der Analyse vieler Impotenter — was 
manchem Leser seltsam vorkommen wird — die mehr oder 
weniger bewußte Einbildung, daß die Vagina der Frau ge- 
zahnt, infolgedessen gefährlich ist, daß sie beißen, verstümmeln 
kann. Auch im Unbewußten Poes, und das beweisen seine 
Erzählungen, muß diese Phantasie wirklich wirksam gewesen 
sein. Mund und Vagina sind im Unbewußten äquivalent, und 
wenn Aegeus in einem krankhaften Zwang Berenice die Zähne 
ausreißt, so folgt er zugleich einer Lockung der mütterlichen 
Vagina und einem Rachegefühl gegen sie, die durch ihre 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Gefährlichkeit ihn von jeder Frau wegtrieb. Er führte auf 
diese Weise an seiner Mutter, die er liebte und zugleich haßte, 
weil sie die Sexualliebe ihres Kindes zurückgewiesen hatte, 
eine Strafkastration aus. Diese Strafkastration werden wir 
in der Schwarzen Katze wiederfinden. 

Im imaginären Thema von einer mit Zähnen versehenen 
und daher gefährlichen Vagina ist übrigens zu gleicher Zeit 
em (von oben nach unten) verschobenes Thema enthalten, 
dessen Transponierung auf tiefe reale Wurzeln hinweist. 
Man weiß, daß der Säugling, solange er keine Zähne hat, 
sich damit begnügt, an der mütterlichen Brust zu saugen; ' 
sobald er aber Zähne bekommt, versucht er, in die gleiche 
Brust zu beißen. Das ist die erste Form, die der Aggressions- 
trieb in jedem von uns annimmt, und mehr als eine Mutter 
tragt sichtbare Zeichen dieses ersten Aggressionsschubs davon. 
Abraham^ hat daher in seiner schönen Arbeit über die Ent- 
wicklungsgeschichte der menschlichen Libido das erste Stadium, 
durch das sie hindurchgeht, das orale Stadium, in zwei Unter- 
stadien geteilt, die gerade durch das Zahnen voneinander ge- 
trennt smd, und das zweite Unterstadium als „kannibalisch- 
qualifiziert. Das Kind würde demnach tatsächlich versuchen 
(wenn man es gewähren läßt), an der Brust der Mutter nicht 
nur zu saugen, sondern sie zu verzehren. Beißt es jedoch zu 
stark, dann weist sie es mit einem leichten Schlag zurück- 
spater, wenn sich im Kind durch die immer strengeren und 
zahlreicheren Verbote der Moral (wobei die Erziehung zur 
Reinlichkeit den ersten Akt darstellt) ein deutliches Gefühl für 
das, was man nicht machen darf, verstärkt hat, erscheint die Er- 
innerung, die Phantasie, man habe den mütterlichen Busen 
gebissen im Unbewußten wieder, und sie ist rückblickend mit 

7) Karl Abraham, Versuch einer En t w i ck 1 un gs- 
g e s c h 1 c h t e d e r L i b i d o. Int. P.ydioanalyt. Verlag, 15" ".' 



Berenice 21 

Gesetz von der Vergeltung kennengelernt hat, das sidi auf die 
Verletzungen der Moral bezieht, ein Gesetz, das übrigens tief 
im phylogenetischen menschlidien Unbewußten verwurzelt ist, 
dann fürchtet es, daß sich der Kannibalismus aus Strafe dafür, 
daß es seine Mutter hat beißen wollen, gerade dadurch, daß 
es nun von der Mutter gebissen wird, rächen werde.^ 

Es weiß docäi, daß der Wunsch, ins Fleisch zu beißen. 
Fleisch zu fressen, und sei es auch das Fleisch von seines- 
gleichen, ein im Biologischen tief verwurzelter Wunsch ist. Es 
schreibt ihn, und nicht ohne Grund, den anderen zu. Ver- 
schlingen nicht noch heute australische Völkerschaften ihre 
Kinder in einer Art von Familienfest?" Im Vater scheint sich 
noch länger als in der Mutter diese grausige Begehrlichkeit 
erhalten zu haben. Die Mutter versteckt ihren Sohn Zeus vor 
Chronos, um ihn vor der Gefräßigkeit des Vaters zu schützen. 
Aber auch die Mutter scheint in vorhistorischen Zeiten gelegent- 
lich solchen Appetit besessen zu haben wie die Kaninchenweib- 
chen manchmal in den Kaninchenställen. In den Mythen und 
Legenden, in den Kindermärdien sind uns die Spuren jener 
barbarischen Zeiten in den Gestalten der Menschenfresser und 
Menschenfresserinnen erhalten geblieben. Die Zähne der Bere- 
nice, obwohl sie für das Unbewußte „vaginiert" und „geni- 
talisiert" sind, können ihre Verwandtschaft mit denen der 
Menschenfresserin nicht verleugnen, die in der Fassung, welche 
Perrault.dem Märdien gibt, Dornröschens Kinder ver- 
schlingt. 



8) Idi^ verdanke einer Bemerkung Freuds diesen so interessanten 
und riditigen Gedanken, der die sdieinbar phantastische Idee von 
einer va^ina dentata auf eine reale, vom Leben ausgehende Quelle 
zurückführt. 

_ 9) Nadi Dr. Geza R6heim, der 1931 aus Australien zurütkkam. 
(Siehe Geza R6heim, Die Psydioanalyse primitiver Kulturen, 
Image XVIII, 1932.) 



MORELLAi° 



I 



M o r e 1 1 a gehört gleichfalls zu den Geschichten 
des Folio Clubs. Der nidit genannte Held der Ge- 
schichte begegnet eines Tages einem jungen Mädchen namens 
Morella. Seine Seele brennt seit dieser ersten Begegnung für 
sie in „fremder, entfesselter Glut". „Das war nicht die Flamme' 
des Eros", gesteht er uns selbst, „das war ein seltsam wilder 
Seelenbrand, und bitter und qualvoll war meinem Geist die 
wachsende Überzeugung, daß ich das rätselhafte "Wesen dieser 
Gluten auf keine Weise zu ergründen, noch ihr Aufflammen 
und Niedersinken zu beherrschen vermochte." 

Sie heiraten einander, aber der Gatte gesteht uns: „Doch 
nie sprach ich ein Wort, das Leidenschaft gewesen wäre, dachte 
nie einen Gedanken, der Liebe bedeutet hätte." 

Ein seltsamer Flaushalt. Indessen war „Morellas Gelehrsam- 
keit . . . unergründlich, . . . ihre Verstau deskräfle waren gi- 
gantisch!" Sie faszinierte ihren Gatten derart, daß er wider 
Willen ihr Schüler in den mystisch-philosophischen Wissen- 
schaften wurde, in deren Geheimnis sie eingedrungen war. 
„Und dann — dann, wenn ich, über geächtete, verderbliche 
Blätter gebeugt, fühlte, wie ein verderblicher Geist sein Feuer 
in mir entzündete, kam Morella und legte ihre kalte Hand 
auf meine heiße . . ." Aber bald wird auch sie von einer selt- 
samen Krankheit befallen. Sie siecht immer mehr dahin, ihr 



lo) Morella {Southern Literary Messenger, April 1835; Burton's 
Gentleman's Magazine, November 1839, 1840; Broadway Journal, 



Morella 23 

erschredcter Gatte beginnt immer mehr sie zu hassen. „Idi 
konnte die Berührung ihrer bleidien Finger nidit ertragen, idi 
konnte den sanften Klang ihrer tönenden Spradie, den Glanz 
ihrer melandiolisdien Augen nidit ertragen." Die Natur ihrer 
Krankheit liegt viel klarer vor uns als die der Krankheit der 
Berenice: „Mit der Zeit erschien und blieb auf ihren "Wangen 
eine bedeutungsvolle Röte, und die blauen Adern auf ihrer 
bleidien hohen Stirn sdiwollen an." Sie stirbt natürlidi an 
Tuberkulose, ganz wie Elizabeth Arnold. Ihr Gatte wird nun 
von einem glühenden Verlangen getrieben, sie möge endlidi 
sterben; aber der Tod zögert. 

An einem Abend im Herbst stirbt sie endlidi, nadidem sie 
ihrem Gatten in sibyllinisdien "Worten prophezeit hat, sie 
werde sterben und dodi weiterleben, und er werde sie, die er 
im Leben verabsdieut hat, im Tode lieben. „Und du wirst . . . 
auf Erden sdion dein Leidientudi mit dir herumtragen!" 
Sterbend bringt sie eine Toditer zur "Welt. 

Die Toditer wädist an Körper und Verstand mit einer 
unheimlidien Sdinelligkeit auf. Mit zehn Jahren hat sie bereits 
die Gestalt einer Erwadisenen, und das Lädieln in ihren 
Augen ist identisch mit dem Lädieln der Toten. Der Vater 
betet sie an, bald aber beginnt er sich vor seiner Liebe zu 
fürditen. „Und in den Umrissen der hohen Stirn und in den 
seidigen Locken ihres Haars, in den bleichen Fingern, die aus 
Gewohnheit mit ihren Lodien spielten, und in der klagenden 
Musik ihrer Stimme und vor allem ... in den Redewendungen 
der Toten, die von den Lippen der Lebenden und Geliebten 
flössen", findet der Vater „Nahrung für die aufreibendste 
Gedankenarbeit und für das rastloseste Entsetzen — für den 
Wurm, der niemals sterben wollte." 

Sein Kind wächst auf. Und wir erfahren, daß es nach zehn 
Jahren (zwei Lustren) noch keinen Namen erhalten hat. Er 
rief es nur „mein Kind", „mein Liebling". 



^ g'g Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Eine mysteriöse Kraft zwingt ihn aber dazu, die verspätete 
Taufe vornehmen zu lassen. Er ist jedoch unfähig, von vorne- 
herem emen Namen zu wählen, und von einem sinnlosen 
Zwang getrieben, flüstert er plötzlidi dem Priester den Namen 
der Toten zu: „Morella". In diesem Augenblick wird das Kind 
von emem krampfartigen Zucken befallen, es erblaßt und 
fallt vor ihm auf die schwarzen Fließen. . . der Familiengruft 
und sagt: „Hier bin ich!" 

Und wie nun der Vater mit seinen eigenen Händen das 
Kmd m der Familiengruft begraben will, bemerkt er, daß von 
der ersten Morella keine Spur mehr zu finden ist. 

« 
Das ist im wesentlichen der Inhalt dieser Geschichte. Man 
kann sich eme deutlichere Beschreibung des Mechanismus, den 
die Analyse Übertragung nennt, nicht vorstellen. Die 
Übertragung besteht darin, daß man Regungen, die 
man emem Wesen gegenüber hegt, auf ein anderes transponiert 
Wir ü b e r t r a g e n so alle im Lauf des Lebens unsere Gefühle 
(die Analytiker sagen: unsere Libidobesetzungen) von einem 
Objekt auf das andere, und dies nach dem Schema, das wir 
in der ersten Kindheit an unseren Eltern und Erziehern 
gewonnen haben, also an jenen, denen unsere erste Liebe 
und unser erster Haß gilt. Unsere ganze spätere Liebe 
und unser ganzer späterer Haß sind nichts als Über- 
tragungen. 

So ü b e r t r ä g t der Gatte und Vater der beiden Morella 
seine Liebe von der einen auf die andere. Man erkennt auch 
leicht, daß der Held von neuem niemand anderer als Edgar 
Poe ist und daß dieser in einer kaum verschleierten Form den 
affektiv besetzten Konflikt beschreibt, in dem er sich damals 
m seinem eigenen Leben befand. 

Als nämlich Poe neben Virginia diese Geschichte schrieb, 
war sie ungefähr zehn Jahre alt, ganz so wie die zweite 



Morella 2j 



Morella. Und genau in dem Alter der Virginia ist auch Morella 
mit dem Namen der toten Mutter getauft worden, die sie im 
übrigen sdion durch ihren "Wuchs erreicht hatte. Das sind 
durchsiditige Symbole für einen realen Fall: Virginia war 
ungefähr zehn Jahre alt, als Poe sie dadurch auszeichnete — 
wobei wohl Rosalie sich als „Zwischenglied" zwischen sie und 
die Erinnerung an die Mutter schob — , daß er auf sie die 
Gefühle für die Mutter übertrug. 

Eine soldie Übertragung geht aber nidit ohne Untreue in 
der Treue vor sich, und eine düstere Strafandrohung schwebt 
seit damals durch den Willen der Toten über dem Vater, der 
sein Kind zu sehr liebt. Er muß wider "Willen und trotz der 
neuen Liebe der Toten treu bleiben. Sie hat es ihm voraus- 
gesagt: „Und du wirst . . . auf Erden schon dein Leichentuch 
mit dir herumtragen", "Worte, die ebensogut Elizabeth Arnold 
ihrem Edgar hätte sagen können, der durch sie zu ewiger 
Trauer verurteilt worden war. „. . . Deine Tage werden Tage 
der Sorge sein . . . und die Freude erblüht nidit zweimal im 
Leben." "Welche Freude erlebte denn der Gatte neben seiner 
Frau? Er liebte nicht, wie sonst Gatten lieben — welcher Held 
Poes, und das ist immer Poe selbst, konnte das? — , aber er 
war fasziniert von der „gigantischen" Macht ihres Geistes. 
So wird das Band heraufbeschworen, das schon einmal die 
Mutter an ihr kleines Kind geknüpft hatte, und es wird gezeigt, 
wie er von der Frau abhängig ist, von der er die verbotenen, 
„verfluditen" "Wissenschaften — gewiß die der Sexualität — 
lernen wollte. Aber die Inzestschranke, die ein Aufblühen der 
Sexualität zwischen Mutter und Kind untersagt, verursachte, 
daß der Gatte ebenso seine Frau haßte, wie ehemals das Kind 
seine Mutter gehaßt hat, und daß „sich der Genuß plötzlich 
in Schrecken verwandelte". So verwandelte sich die unbe- 
friedigte Libido Poes, welcher der normale "Weg zur Befriedi- 
gung versperrt war, in jene Angst, die uns durdi seine G e- 



f^ Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



schichten bewiesen wird, in denen das Ideal des Schönen 
zum Ideal des „Scheußlichen" wurde. 

Daher ist es nicht nur eine gewöhnliche Strafe, die ihm von 
der Toten auferlegt wurde, daß sie sich ihrem Liebhaber ein 
zweitesmal in der plötzlich sterbenden zweiten Morella entzog. 
Denn hier spielt für den Helden auch der düstere Genuß mit, 
den Leichnam, an den seine Liebe fixiert war, wiederzufinden. 
Und dabei entdecken wir wieder den Wiederholungs- 
zwang, der unser Triebleben beherrscht, und der uns zwingt, 
unter stets gleichen Formen, woraus immer auch die Materie 
bestehen mag, die gleichen Erregungen zu suchen. Da für Edgar 
Poe die Liebe in seiner Kindheit außerdem das Antlitz des 
Todes angenommen hatte, mußte zur Erfüllung seines Glüdts, 
nach dem Beispiel der Elizabeth Arnold, die zweite Morella 
ebenso sterben, wie einige Jahre später auch die kleine Vir- 
ginia starb. 

* 

Bevor ich nun diese düstere Revue der Heldinnen Poes 
fortsetze, muß ich mich wegen der Monotonie des Themas 
entschuldigen. Immer wieder zeigt sich das gleiche manifeste 
Bild: Die Idealgestalt einer Frau siecht dahin, stirbt, ist aber 
nicht wirklich tot und lebt weiter in übernatürlichem Glanz, 
faulig und ätherisch zugleich. Es ist auch immer wieder das 
gleiche latente Thema: die Agonie und der Tod der jungen 
Schauspielerin Elizabeth Arnold, die sich Jahre nachher in 
dem Tod und der Agonie der kleinen Virginia wiederholen 
sollten. Fünf oder sechs Geschichten hindurch wird man 
nicht viel anderes finden können. Und es ist daher leicht 
möglich, daß sich des Lesers das Gefühl der Ermüdung be- 
mächtigt. 

Ich kann ihm aber diesen Überdruß nidit ersparen. Gerade 
diese Monotonie, die ewigwährende Wiederholung ist nämlidi 
der Ausdrudi für die psychische Struktur Poes. Da sie sich 



Morella 



27 



ihm aufdrängte, haben wir kein Recht, uns ihr zu entziehen, 
und aus unserer Analyse den einen oder andern dieser Teile 
auszulassen, durch welche die tot-lebende Mutter immer wieder 
hindurchgeht. Besser als irgendein isoliertes Beispiel erlaubt 
es uns die Monotonie des Themas sowie die Art, wie diese 
sich ausdrückt, zu ermessen, wie drückend der Wieder- 
holungszwang empfunden werden mußte, der das 
Leben, die Seele und das Werk Poes beherrschte. 



m 



I ! 



LIGEIA» 

Ligeia, eine zweite Geschichte einer Übertragung 
wurde von Poe allen seinen Prosaerzählungen vorgezogen."' 
Und niit Recht, wenn man bedenkt, in welch subtiler Form in 
Ligeia der Zentralkomplex des Dichters vorgeführt wird. 
Ligeia ist eine Frau, die ebenso außergewöhnlich durch 
Ihre Schönheit ist wie durch ihren Charakter, durch ihren Geist 
und Ar Wissen. Der Held begegnet ihr ein erstes Mal, sagt er, 
ohne aber dessen ganz sicher zu sein, „in einer altertümlichen 
Stadt am Rhein". Die ganze Geschichte spielt sich übrigens in 
Europa ab, m düsteren und aus dem Mittelalter geholten 
Dekorationen; in solchen Dekorationen gehen auch die Er- 
eignisse in Morella und Berenice vor sich, und in 
Ihnen erleben wir das Drama des Ha u s e s Us h e r Diese 
Dekoration wird wohl eine Erinnerung an den Aufenthalt 
des kleinen Edgar in Alt-England gewesen sein, wo er die 
Luft vergangener Jahrhunderte in der Atmosphäre seiner 
zweiten Mutter, der Frances Allan, unter gotischen Bogen 
und in den jahrhundertealten Parkanlagen atmete 

In Wirklichkeit aber weiß der Held nicht mehr genau, in 
welcher Stadt oder an welchem Ort des alten Europa er mit 
Ligeia zusammengetroffen ist. Er kennt nicht einmal ihren 
Familiennamen, den patemal name dieser einzigen und 

Broii%'fouZi:uf::r'' '"''"'"'' ^^p^-'^« ^«38, .840; 

wrinl"'" ^%7'-j'''"'' !^ ,r'^°J!^'fy the best story I have 
Z[T"'u "VV P,^ zweifellos die beste Geschichte ist, die ich 



Ligeia 29 

Verlobte, die Gefährtin seiner Studien und schließlich das 
^Teib seines Herzens" wurde. Ihre Herkunft blieb ihm un- 
bekannt. Sie kam und leitete sein Leben, das ist alles, was 
er weiß. 

„Immerhin hat mich wenigstens in einem Punkt meine Er- 
innerung nicht verlassen: die Persönlichkeit Ligeias steht mir 
heute noch klar vor Augen." Geben wir nun sehr acht, damit 
wir sehen, ob die folgende Beschreibung unsere Vermutungen 
bestätigen wird. „Sie war von hoher, schlanker Gestalt, in 
ihren letzten Tagen sogar sehr abgemager t.^^ Ver- 
geblidies Bemühen wäre es, wenn ich eine Beschreibung der 
Erhabenheit, der würdevollen Gelassenheit ihres Wesens und 
der unverständlidien Leichtigkeit^^ und Elastizität ihres 
Sdireitens versudien wollte." Das erinnert wieder auf das 
nachdrücklichste an die schwerelose Tänzerin, an die lungen- 
kranke Sylphide, die Elizabeth Arnold einmal gewesen. Aber 
hören wir dem Helden weiter zu: „War sie in mein Arbeits- 
zimmer gekommen, so bemerkte ich ihre Anwesenheit nicht 
eher, als bis ich den lieben Wohlklang ihrer sanften und tiefen 
Stimme vernahm, oder ihre marmorweiße Hand auf meiner 
Schulter fühlte." Wir finden hier die tiefe Stimme und die 
Marmorhand der Morella wieder, die einem gemeinsamen 
Modell gehört zu haben scheinen; und wir erinnern uns auch 
an die eisige Hand, die in jenen Nächten auf dem Antlitz 
Poes ruhte, als der Jüngling vom Alp heimgesucht war." 

„Kein Weib auf Erden trug soldie Sdiönheit im Antlitz wie 
sie! Strahlend sdiön war sie, wie die Ersdieinung eines Opium- 
traumes, wie eine götdidie, beseligende Vision . . .", 

und hier bitten wir den Leser, das Buch nochmals auf der Seite 
aufzuschlagen, auf der sich die Beschreibung des Porträts der 



13) Die Hervorhebungen sind von mir. 

14) Siehe Bd. I, S. 43. 



3° 



Die Geschichten; Der Zyklus Mutter 



ii/ ii 



Elizabeth Arnold befindet,^^ und dieses Bild mit dem zu ver- 
gleidien, das der Held von Ligeia zeichnet, und dabei die un- 
vermeidlidie Idealisierung zu beachten: 

„Dodi waren ihre Züge keineswegs von jener Regelmäßigkeit, wie 
die klassisdien Bildwerke des Heidentums sie aufweisen und die 
man mit Unredit so übertrieben bewundert. ,Es gibt keine aus- 
erlesene Sdiönheit', sagt Bacon Lord Verulam an der Stelle, wo er 
von allen Formen und Arten der Sdiönheit spridit, ,ohne eine gewisse 
S e 1 1 s a m k e i t in der Proportion.' Aber wenn idi audi sah, daß die 
2üge Ligeias nidit von klassisdier Regelmäßigkeit waren, wenn idi 
audi feststellte, daß ihre Sdiönheit in der Tat auserlesen war, 
und fühlte, daß viel Seltsamkeit in ihren Zügen lag, so habi 
idi dodi vergebens versudit, dieser Unregelmäßigkeit auf die Spur zu 
kommen und meine Feststellung des Seltsamen zu begründen. Idi 
prüfte die Kontur der hohen und bleidien Stirn — sie war fehlerlos. 
Wie kalt klingt dodi dies Wort für eine so götdidie Majestät, für die 
wie reinstes Elfenbein sdiimmernde Haut, die gebieterische Breite 
und ruhevolle Harmonie dieser Stirn, die sanfte Erhöhung 
über den Schläfen," die eine üppige Fülle rabensdiwarzer 
glänzender, natürlich gelockter Haare umsdimiegte — 
Locken, die das homerisdie Epitheton .hyazinthe n'" so wunder- 
bar erfüllten. Idi prüfte die feinen Linien der Nase, nirgends anders 
als auf den zierlidien hebräisdien Medaillons^" hatte idi ebenso 
vollkommen Sdiönes gesehen; nur dort hatte ich eine gleich 
wundervolle Zartheit und dieselbe kaum wahrnehmbare Neigung 
zu sanfter Krümmung, dieselben harmonisdi gesdiweiften Nasen- 
flügel, die einen freien Geist verrieten, gefunden. Ich betraditete 
den süßen Mund. Hier feierten alle Himmelswonnen ihr trium- 
phierendes Fest: dieser entzückende Schwung der kurzen Ober- 
lippe, diese weidie, wollüstige Ruhe der Unterlippe, diese 
tändelnden Grübchen, diese lodcende Farbe, die schimmernden 
Zähne, die jeden Strahl des heiligen Lichtes widerspiegelten, mit 
dem ihr heiteres und ruhevolles und gleichwohl frohlodiendes 
Lächeln sie blendend sdimüdtte. Ich prüfte die Form des Kinns und 
fand audi hier in seiner sanften Breite" Majestät, Fülle und 



15) Siehe Bd. I nach S. 16. 

16) Ich unterstreidie! 



Ligeia 31 

griediischen Geist, fand die Kontur, die der Gott Apoll dem 
Kleomenes, dem Sohn des Atheners, im Traum nur enthüllte; und 
dann vertiefte ich midi in Ligeias große Augen."" 

Idi habe jene Stellen des Berichtes, die am deutlidisten 
dem Medaillon der Elizabeth Arnold zu entspredien scheinen, 
durdi Sperrdrude hervorgehoben. Es ist dabei überaus bezeich- 
nend, daß sogar das Wort Medaillon sich in die Be- 
schreibung eingesdilidien hat, die Poe von Ligeia machte. 
Erinnern wir uns daran, daß das einzige Bild, welches der 
Diditer von seiner Mutter besaß, gerade jenes Medaillon war, 
von dem wir gesprodien haben. Und nun, nach der sanften 
Erhöhung über den Schläfen, dem natürlich 
gelockten schwarzen Haar und der sanften 
Breite des Kinns geht Poe zur Beschreibung der 
großen Augen Ligeias über, die womöglich nodi be- 
ziehungsvoller für den ist, der das Medaillon der Elizabeth 
Arnold vor sich hat. 

„Für Augen finden wir im fernen Altertum kein Vorbild. Es 
modite sein, daß eben hier — in den Augen meiner Geliebten — 
das Geheimnis lag, von dem Lord Verulam spridit. Sie schienen 
mir weit größer als sonst die Augen unserer Rasse. Sie waren 
üppiger als selbst die üppigsten Augen der Gazellen vom Stamme 
des Tales Nourjahad. Dodi gesdiah es nur zu Zeiten, in Augen- 
blidcen tiefster Erregung, daß diese .Seltsamkeit', von der idi 
vorhin spradi, deutlidi wahrnehmbar bei ihr wurde. Und in solchen 
Augenblicken war Ligeias Schönheit — vielleicht kam es audi nur 
meiner erglühten Phantasie so vor — die Schönheit von über- 
irdischen und unirdisdien Wesen, die Sdiönheit der sagenhaften 
Huri der Türken. Von strahlendstem Sdiwarz waren ihre Pupillen 
und waren tiefbeschattet von sehr langen, jettschwarzen Wimpern. 
Die Brauen, deren Linien kaum merklich unregel- 
mäßig wäre n.^^ hatten die gleiche Farbe. Die Seltsamkeit 
aber, die idi in den Augen fand, lag nicht in Form, Farbe oder 
Glanz, sie muß wohl in ihrem Ausdruck gelegen haben. Adi, 

17) Idi unterstreidie! 

18) Ebenso. 



32 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



bedeutungsloses Wort! Leeres Wort, hinter dessen bloßem Klang wir 
uns mit unserer Unkenntnis alles Geistigen verschanzen! Der Aus- 
druck von Ligeias Augen!... Wie viele Stunden habe ich ihm 
nachgesonnen! Wie habe idi eine ganze Mittsoramernacht lang 
gerungen, ihn zu ergründen! Was war es, dies Etwas, das tief in 
den Pupillen meiner Geliebten verborgen lag, das unergründlicher 
war als die Quellen des Demokritos? Was war es? Ich war wie 
besessen von dem Verlangen, es zu entdedcen. Diese Augen! Diese 
großen, diese schimmernden, diese göttlichen Augen! Sie wurden 
für mich die Zwillingssterne der Leda, und ich war ihr andächtigster 
Astrologe." 

Mit solch leidensdiaftlidier Glut sprach Edgar Poe, ohne 
um die tiefere Ursache seiner Leidenschaft zu wissen, von den 
Augen der Mutter, die für immerwährende Zeiten in seinem 
unbewußten Gedächtnis lebendig waren. Wir wissen, daß Poe 
selbst gesagt hat,i« die Ligeia sei im Gefolge eines Traumes 
empfangen worden, in dem Augen ersdiienen waren, nichts als 
seltsam faszinierende Augen. Aus der Tiefe seines eigenen 
Wesens heraus behexte ihn die Mutter seiner Kindheit weiter. 

Aber durch die Infantilamnesie waren diese Augen so 
lange verdeckt gewesen, daß Poe sie nicht erkannte. Trotzdem 
ahnte etwas in ihm, daß eine reale Erinnerung dahinterstecken 
müsse, und darum setzt der Liebhaber Ligeias so fort: 

„Es gibt in der Psydiologie viele unlösbare Rätsel, das unheim- 
lichste aber und aufregendste von allen ersdiien mir stets die Tatsadie 
— die übrigens von den Psychologen kaum je erwähnt worden ist — , 
daß wir oft, wenn wir etwas längst Vergessenes wieder in unser ' 
Gedäditnis zurückrufen wollen, b i s a n d i e S ch w e 1 1 e des Er- ' 
innerns gelangen, ohne doch das, was sozusagen schon vor uns steht, ', 
wirklich festhalten zu können. Und wie oft, wenn idi den Augen | 
Ligeias nadisann, fühlte idi midi der vollen Aufklärung über die | 
volle Bedeutung ihres Ausdrudcs ganz nahe: idi fühlte, diese Auf- I 
klärung war da — gleidi, gleidi würde idi sie erfassen — und da 
entschwebte sie wieder, nodi ehe idi sie hatte festhalten können." 



19) Siehe Bd. I, S. 224, Fußnote 131. 



Ligeia 



33 



etwa 



Edgar Poe wußte nidit, daß das was er suchte, nidit 

° die volle Bedeutung ihres Ausdrucks", des Ausdrudis 

der Augen Ligeias war. Er sudite etwas anderes: er wollte 
wissen, sidi erinnern, identifizieren, welcher Frau diese 
Augen gehört haben. Aber der psydiisdie Akzent war, nach 
den Medianismen, die der neurotisdien Rüdikehr des Ver- 
drängten zugehören und die vom Ganzen aufs Detail ablenken, 
auf eine andere Sadie versdioben worden, er versudite nur 
mehr, den Ausdruck zu erkennen. Es war ihm 
durch eine vorgesetzte Moralinstanz verboten, die Erinnerung 
an sein inzestuöses, sadistisdies, nekrophiles Verlangen nach 
der Mutter seiner Kindheit wiederzufinden, und darum konnte 
er, selbst an der Schwelle der Erinnerung, nidit zu der 
Erinnerung selbst gelangen. 

Immer neue Verschiebungen folgen einander; sie 
sind dazu bestimmt, den Suchenden von dem Objekt, das er 
sudit, weit wegzulocken. 

„O sonderbares, o sonderbarstes Mysterium! — und idi fand in 
den gewöhnlidisten Dingen von der Welt eine Reihe von Analogien 
zu diesem Ausdrude. Idi will damit sagen: nadidem Ligeias eigen- 
artige Sdiönheit mir bewußt geworden war und nun im Altar- 
sdirein meines Herzens ruhte, lösten viele Ersdieinungen der realen 
Welt dasselbe Empfinden in mir aus wie der Blidc aus Ligeias 
großen, leuditenden Augen. Trotzdem aber wollte es mir nicht 
gelingen, dies Empfinden zu ergründen oder zu zergliedern; auch 
überkam es midi stets in der gleidien Stärke. Um midi näher zu 
erklären: jenes Gefühl erfüllte midi zum Beispiel beim Anblidc 
einer sdinell emporsdiießenden Weinrebe, bei der Betraditung eines 
Naditfalters, einer Sdimetterlingspuppe, eines eilig strömenden 
Wasserlaufs. Idi habe es im Ozean gefunden und beim Fallen 
eines Meteors, sogar im Blick ungewöhnlidi alter Leute. Und es 
gibt am Firmament ein paar Sterne, vor allem ein Doppelgestirn 
sedister Größe nahe beim großen Stern der Leier, bei deren Be- 
traditung durdi das Teleskop idi mich des nämlidien Gefühls nidit 
erwehren konnte. Gewisse Töne von Saiteninstrumenten und be- 
stimmte Stellen in Büdiern durchschauerten mich in ähnlidier Art. 

Bonaparte: Edgar Poe. II. , 



34 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



1 



Unter zahllosen anderen Beispielen erinnere ich mich besondei 
eines Ausspruchs, den idi bei Joseph Glanvill fand, und der - 
vielleicht nur wegen seiner Wunderlichkeit - immer wieder dies 
Stimmung m mir erweckte: ,Und es liegt darin der Wille, de 
nicht stirbt. Und wer kennt die Geheimnisse des Willens und sein 
Gewalt? Denn Gott ist nichts anderes als ein großer Wille, de 
mit der ihm eigenen Kraft alle Dinge durchdringt. Der Mensd 
überliefert sidi den Engeln oder dem Nichts einzig durch di, 
Schwadie seines schlaffen Willens."' 

Wir werden noch bei anderen Gelegenheiten daran erinnern 
daß die Schönheit der Mutter auf die ganze Natui 
verschoben werden kann, auf den Weinstock (der den 
Alkohol hervorbrachte, den Poe so liebte), auf den Stern üb« 
dem Ozean, dem Meer, diesem ewigen Muttersymbol. 

Der Ursprung des Gefühls für das Schöne stand bei Poe 
in direktem Zusammenhang mit seinem Mutterkomplex; 
seine Mutter, die zarte Künstlerin, mußte für ihn zum Urbild 
aller Schönheit werden, und darum erklärte er, eine schöne tote 
Frau sei der Gipfel der Poesie,^» und darum war er auch so 
wütend gegen alle Menschen, weldie die Kunst und die Schön- 
heit herabsetzten oder nicht anerkannten. Sein Verhalten besaß 
eben eine tief hinabreichende reale, in sein Leben verpflanzte 
Wurzel, die sich zu unterst in seinem Triebleben festgesetzt 
hatte. 

Was soll man aber von dem Zitat aus Glanvill halten, das 
Poe seiner Geschichte auch schon als Motto vorangesetzt hat? 
Diese Stelle, sagt uns der Analytiker, enthält eine Wunsch- 
phantasie: das Waisenkind, das von seiner sterbenden Mutter 
verlassen wurde, schreibt ihr einen übermächtigen Willen zu, 
d. h. eine so große Liebe, daß sie den Tod besiegen uncl 
wieder zu ihm zurückkehren kann. Das ist auch der unbewußte 



20) The Philosophy of Composition. Siehe Bd. I, S. 80. 






Ligeia 35 

zentrale Wunsch, der den Antrieb zur Geschichte von der 

Ligeia bildet. 

Kehren wir jedoch zur Gelehrsamkeit der Ligeia zurück. Der 
Keld hat diese Frau (wie das Kind die Mutter) nicht nur ohne 
das geringste Zutun gefunden, ohne daß er weiß, woher sie 
kommt, ohne ihren Familiennamen, her paternd name, zu 
kennen (was audi ein Versuch sein kann, den väterlichen Rivalen 
in einer Wunschphantasie zu unterdrücken), sie hat auch ganz 
wie Morella dieses Attribut der Mutter an sich: allwissend zu 
sein. Diese Allwissenheit kann eine unbewußte Erinnerung an 
die kleine Schauspielerin darstellen, die deklamieren, tanzen und 
singen konnte und von ihrem kleinen Kind auf der Bühne be- 
wundert wurde; diese Fähigkeit der Morellas, der Ligeias sym- 
bolisiert jedoch wahrscheinlidi (wie wir schon gezeigt haben) 
vor allem die Allwissenheit der Mutter in sexueller Beziehung. 
Nach der Meinung jedes kleinen für seine Mutter auf infantile 
Weise schwärmenden Sohnes führt sie ihn in die Materie Lieb- 
kosung ebenso ein wie in das Gebiet des Wissens um un- 
bekannte und „verbotene" Dinge. Der kleine, wahrscheinlich 
frühreife Edgar verlor die Mutter, als er drei Jahre alt war, in 
dem Alter also, in dem bei ihm die Periode der infantilen 
Sexualforschung eingesetzt hatte; und die allwissenden „ein- 
führenden" Frauen seiner Geschichten werden zweifellos durch 
die Erinnerung an eine zu früh verlorengegangene, erträumte 
„Einführende" heraufgeholt, durch die Sehnsucht nach einer 
Frau, die er trotz der reinen Zärtlichkeit, mit welcier Frances 
Allan ihn betreute, seine ganze Kindheit und später ein ganzes 
Leben hindurch unbewußt beklagen sollte. Daher sagt der 
Gatte der Ligeia: 

„ . . . ihre Kenntnisse waren unermeßlich, für eine Frau ganz 
unerhört . . . Doch war ich m'ir ihrer unendlichen Überlegenheit 
bewußt, um mich mit kindlichem Vertrauen ihrer Führung durch die 
chaotische Welt metaphysischer Probleme, mit denen idi midi 



3f Die Geschichten; Der Zyklus Mutter 



(!' Ö 



wahrend der ersten Jahre unserer Ehe eifrigst beschäftigte, zu über- 
lassen. Mit weldi ungeheurem Triumph - mit welch lebhaftem 
Entzucken - mit welch himmlischer Hoffnung konnte idb, wenn 
sie m diesem so unbekannten, so wenig gepflegten Studium sidi 
helfend zu mir neigte, fühlen, wie vor mir der herrlichste Aus- 
blick sich öffnete und ein in die glänzenden Höhen führender, 
langer, köstlicher und noch ganz unbetretener Pfad sichtbar wurde, 
auf den idi wohl endlich empor ans Ziel einer Weisheit gelangen 
durfte, die zu göttlich erhaben ist, um nicht verboten zu sein!" 

Und diese verbotene Weisheit bleibt dem Gatten der Ligeia 
tatsächlich ebenso versagt, wie sie Edgar Poe versagt bleiben 
sollte. Ligeia erkrankt, noch bevor sie ihren Gatten zum ge- ' 
fürchteten Ziel geführt hat, ganz so wie Elizabeth erkrankt 
und gestorben war, noch bevor sie ihren Sohn Edgar in die 
„verbotenen Dinge" einführen konnte. Nach dem Beispiel 
vieler Impotenter bleibt er dann an die verlorene Mutter 
fixiert, er kann durch keine andere Frau in die Sexualität ein- 
geführt werden. „Ohne Ligeia war ich nichts als ein im 
Dunklen tastendes Kind." 

2u Ligeia findet inzwischen der Tod seinen Weg auf die 
gleiche Art, auf die er früher einmal zu der kleinen Schau- 
spielerin gelangt war. „Die seltsamen Augen strahlten in über- 
natürlichen Flammen" — war die Seltsamkeit dieser großen 
Augen nicht der Abglanz des Fiebers, den er schon an den 
großen mütterlichen Augen hatte sehen können? — „die bleichen 
Hände wurden wachsfarben wie bei einem Toten, und die blauen 
Adern auf der hohen Stirn hoben sich und pochten ungestüm bei 
der geringsten Aufregung. Ich sah, daß sie sterben mußte . . ." 
Der Kampf der Sterbenden mit dem Tod beginnt. „Die 
unheimliche Gewalt, mit der sie nur leben — nur leben — , 
nichts als leben — ■" wollte, erschreckt ihren Gatten. Dieses 
Verlangen nach Leben steckt aus Liebe zu ihm in ihr, es kommt 
aus der Angst, ihn verlassen zu müssen. „Aber erst in ihrem 
Sterben erhielt ich von der wahren Kraft ihrer Liebe den vollen 



Ligeia 



37 



Eindruck. Lange Stunden hielt sie meine Hand und schüttete 
vor mir das Überfluten eines Herzens aus, dessen mehr als 
leidenschaftliche Ergebenheit an Anbetung grenzte. Wie hatte 
ich es verdient, mit solchen Bekenntnissen gesegnet zu werden? 
Und wie hatte ich es verdient, durch den Verlust der Geliebten 
verdammt zu werden — in der nämlidien Stunde, da sie mir 
diese Bekenntnisse machte? Dodi idi kann es nicht ertragen, 
von diesen Dingen zu spredien. Nur eines laßt midi sagen: 
idi erkannte in Ligeias mehr als weiblicher Hingabe an eine 
Liebe, die ich, adi, gar so wenig verdiente, den wahren Grund 
für ihr so tiefes, so wildes Begehren nach dem Leben — dem 
Leben, das jetzt so eilend entfloh." Ist dieses Bild nicht die 
Wiederkehr einer realen Erinnerung? Hat nicht die Mutter, 
als sie ihren Tod nahen fühlte und nur von ihren beiden 
Kleinen, Edgar und Rosalie, umgeben war, den Jungen, den 
sie schon wegen seines Geschlechtes und seiner frühreifen Intelli- 
genz dem Mäddien vorzog, innig und oft an ihr Herz ge- 
drückt? Hat sie nidit in die kleine Hand des Kindes, das 
keine andere Stütze hatte als sie, in ihre abgemagerte Hand 
genommen, hat sie all das nicht in dem verzweifelten Bedauern, 
sie müsse nun das Leben verlassen, in einer wilden vergeblichen 
Sehnsucht nach Leben getan? 

Die unheilvolle Nacht bricht jedoch an. Ligeia fühlt, daß sie 
sterben wird. Sie bittet ihren Gatten, „ihr einige Verse her- 
zusagen, die sie selbst wenige Tage vorher verfaßt hat". Er 
trägt ihr das Gedicht Eroberer Wurm vor. In diesem 
Gedicht werden die armen Menschen (wie Schauspieler, die den 
Engeln ein Stück vorspielen) vom Wurm getötet und verzehrt: 
ein Bild des mensdilichen Schicksals, und audi des Schicksals 
Ligeias in dieser Naclit. 

Aber die sterbende Ligeia fordert den Wurm heraus und in 
ihrem letzten Seufzer flüstert sie die Worte Glanvills über die 
siegreiche Überwindung des Todes vor sich hin. 



38 



Die Geschichten: Der lyklus Mutter 



Poe spricht dann nicht von ihrer Leiche, weil das der Steige- 
rung des Schreckens dieser Geschichte Abbruch tun würde, er 
beschreibt uns nur die Trauer des unglücklichen Gatten. Wir 
erfahren dabei ganz überflüssigerweise, daß er von seiner 
Frau ein ungeheures Vermögen geerbt hat. „Ich hatte keinen 
Mangel an dem, was die Welt Besitz nennt; Ligeia hatte mir 
viel mehr, oh, sehr viel mehr gebracht, als für gewöhnlich 
einem Sterblichen zufällt." Der Held der Geschichte hätte 
ebensogut aus eigenem reich sein können; das war hier nicht 
der Fall, weil Ligeia auch über dieses letzte Attribut der 
Mutter verfügen sollte, über den Reichtum, die Fülle, mit der 
sie ihren Gatten ebenso beglücken konnte, wie die Mutter mit 
ihren Gaben dem biologischen Mangel ihres Kindes abhilft. 
Nach „einigen Monaten planlosen und ermüdenden Umher- 
wanderns" zieht sich unser Held, der die düstere, verfallene 
Stadt am Ufer des Rheins, in der er mit Ligeia lebte, ver- 
lassen hat, „in eine der wildesten und abgelegensten Gegenden 
des schönen England" zurück. Dank seinem Riesenvermögen 
kann er sich dort eine Abtei kaufen, deren Namen er nicht 
nennen will, die aber von „düsterer und trauriger Majestät" 
und von einem Besitz umgeben ist, an den sich melancho- 
lische und altehrwürdige Erinnerungen knüpfen; „an dem 
Abteigebäude selbst mit seinem verwitterten, unter blühendem 
Grün verborgenen Mauerwerk" nimmt er keine Veränderungen 
vor, dagegen widmet er sich „mit kindischem Eigensinn und 
vielleicht auch in der schwachen Hoffnung, seinen Kummer 
so zu zerstreuen, der Ausstattung der Innenräume und ent- • 
faltete hier eine ganz ungewöhnliche Pradit". 

Im Lichte der bewußten Psychologie hat seine Handlung 
wenig Wahrscheinlichkeit für sich. Ein Mann, der von solcher 
Trauer bedrückt ist und außerdem, wie er uns sagt, Opium 
nimmt, was seine Aktivität keinesfalls begünstigen kann, be- 
lastet sich gewöhnlich nicht damit, eine Wohnung einzurichten. 



Ligeia 



39 



Aber obgleidi ein solches Betragen immerhin möglidi ist, glaube 
ich doch, daß der nach dem Tod Ligeias plötzlich entfaltete 
Reichtum nur eine Wiederkehr eines tatsächlichen Ereignisses 
aus der Kindheit Poes darstellt: Edgar wurde nach dem 
Tode der Elizabeth Arnold von der reichen Frances Allan 
adoptiert und kam aus der „düsteren, verfallenen Stadt", in 
der er neben Ligeia-Elizabeth gelebt hatte, in eine herrliche 
Wohnung, deren Glanz in deutlichem Gegensatz zu jener 
„Stadt" stand. Noch eine andere Einzelheit des Berichtes gibt 
uns hier recht: die Tatsache, daß der Held nun ins „schöne 
England" übersiedelt. Brachten nicht seine Adoptiveltern den 
Sedisjährigen gerade in dieses Land, und kam der Achtjährige 
nicht in die Manor House School des gothischen Dorfes mit 
den großen Bäumen, nach Stoke Newington, das nie mehr aus 
seinem Gedächtnis verschwinden sollte? 

Man wird uns einwenden, Poe schreibt den Reichtum, mit 
dem er seinen Helden überhäuft, der Ligeia und nicht der 
Frau zu, die ihr folgt. Dieser Einwand besteht nicht zu Recht. 
Wir werden später sehen, warum. 

Der untröstliche Gatte Ligeias führt nun „in einem Anfall 
von geistiger Umnachtung" nach der unvergeßlichen Ligeia die 
„blondhaarige und blauäugige Lady Rowena Trevanion de 
Tremaine" zum Altar. Er führt sie in das hochzeitliche 
Zimmer, von dem er sagt: „Was dachten sich nur die gold- 
gierigen, «hochmütigen Angehörigen m.einer Braut, als sie einem 
so geliebten Mädchen, einer so geliebten Tochter gestatteten, 
die Schwelle eines derart ausgeschmückten Brautgemachs zu 
überschreiten?" Dann folgt die Beschreibung des Gemachs, das 
in einem hohen Turm liegt, prächtig und unheilverkündend 
geschmückt ist, mit seinem düsteren Fenster, einer schwarzen 
Decke, vier ägyptischen Granitsarkophagen, die in den vier 
Ecicen des Zimmers stehen, einer einzigen Hängelampe mit 
verschiedenfarbigen Lichtern; das Zimmer ist mit Teppichen 



40 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



aus schwerem GoIdstofF verhängt, in die seltsame schwarze U 
geheuer gewirkt sind, ein ständiger künstlicher Luftstrom zie 
durch die Räume und schafft für das menschliche Drama ei 
unheimlich belebte Atmosphäre. 

Der Gatte Ligeias haßt Rowena, seine zweite Frau. Rowei 

stellt nämlidi für Poe die Untreue dar, die Ruchlosigkeit geg, 

eine geheiligte Erinnerung. Wir können wohl vermuten, w 

für em Doppelwesen in dieser Frau mit den blonden Haare 

und den blauen Augen, diesen Symbolen der Verschiedenhei 

diesem Ausdruck des Gegensatzes, lebt. Wer half zur erste 

großen Untreue Edgars gegen seine wirkliche Mutter, wen 

nicht Frances Allan? Und war die neuerliche Untreue d< 

gleichen Edgar nicht durch diese kleine Cousine Virginia hervoi 

gerufen, die er soeben (1835) geheiratet hatte? Ich glaube nur 

daß Rowena in sich diese beiden Frauen verdichtet, währen. 

Morella, die Toditer, nur die mit Poe damals erst verlobt 

kleme Virginia war. Die Untreue der Rowena ist daher stärke 

akzentuiert. Denn diese Gestalt wurde von dem Adoptivsoh. 

der Frances Allan geschaffen und von dem Gatten Virginia 

— so unvollkommen er es auch gewesen sein mag. 

Die Verwandlung der realen Liebe, die er für seine „Ma' 
empfunden hatte und die er nun für „Sis" empfand, in Hali 
ist überaus interessant. Sie ist der psydiisdie Ausdruck dafür 
daß jene Neigungen als sträflich verdammt wurden. Während 
sich in Morella die Liebe zur Mutter unter dem Einfluß 
des Inzestverbotes in Abneigung verwandelt hatte, und nur 
die Liebe zur Tochter gestattet war, da Poe durch Virginia 
noch nicht bis zur Heirat verführt worden, wird in Ligeia 
die inverse Situation verwirklicht und die Liebe zur Mutter in 
ihrer ursprünglich herrschenden Intensität wiederhergestellt. 
Daher gesteht der Gatte Rowenas: 

„Ich verabsdieute sie, ich haßte sie mit einer Inbrunst, die 
geradezu teufhsdi war. Mein Erinnern floh - o mit weldi tiefem 



Ligeia 4' 

Leid-efühl — zu Ligeia zurück, der Geliebten, der Hehren, der 
Sdiönen der Begrabenen! Idi schwelgte im Gedanken ihrer Rein- 
heit und Weisheit, ihres erhabenen, himmlischen Wesens, ihrer 
Icidensdiaftlidien, ihrer anbetenden Liebe. Jetzt loderte in meiner 
Seele noch wildere, nodi heißere Flamme, als sie in ihr, m Ligeia, 
gebrannt hatte. In den Ekstasen meiner Opiumträume — ich lag 
fast immer im Bann dieses Giftes — rief ich wieder und wieder 
ihren Namen durdi das Schweigen der Nacht oder bei Tag durch 
die sdiattigen Schluchten der Landschaft. Es war, als ob das wilde 
Verlangen, die tiefernste Leidenschaft, das verzehrende Feuer 
meiner Sehnsudit nach der Dahingegangenen sie auf den irdischen 
Pfad zurückführen müßten, den sie — ach, konnte es denn für 
ewig sein? war das wirklidi möglidb? — verlassen hatte." 

Das Wunder der Radie für die Tote, der er nicht treu 
geblieben war, und das damit verbundene "Wunder der Über- 
tragung dieser Geliebten auf eine andere, beginnt sich nun aus- 
zuwirken. Rowena ist zu Beginn des zweiten Monats ihrer Ehe 
„plötzlich von einer Krankheit befallen, von der sie nur 
langsam genas. Zehrendes Fieber machte ihre Näcäite un- 
ruhig . . ." So ist Rovs^ena, ebenso wie seinerzeit Frances Allan, 
ebenso wie damals schon oder kurze Zeit nachher wieder Vir- 
ginia, von jener mystistäien Entkräftung überfallen, welche sie 
unerbittlidi ins Grab bringen sollte. Denn sobald sie sich von 
diesem ersten Anfall erholt hatte, „doch nur für kurze Zeit", 
warf sie ein neuer, noch heftigerer Anfall „aufs Krankenlager". 
Und yon diesem Rückfall konnte sie, die ohnedies von zarter 
Ge.sundheit war, sicii nie mehr vollständig erholen. Die Krank- 
heitserscheinungen, die dem zweiten Anfall folgten, waren sehr 
beunruhigend, sie spotteten aller 'Wissenschaft und allen Be- 
mühungen der Ärzte. Die übernatürliche Madit, welche die 
furditbaren Schicksale lenkt, bricht schon deutlich aus den 
„Lauten" und „seltsamen Schatten" hervor, die um die Kranke 
in dem unheimliciien Turmzimmer mit den winddurchlässigen 
Tapeten hörbar und sichtbar wurden. 



42 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



In einer Nacht, es war gegen Ende September, wird 
Rowena, die schon seit jeher durch diese Schatten und Ge- 
räusche beunruhigt war, plötzlidb von einem heftigen Schrecken 
erfaßt. „Doch ein tödliches Erbleichen ihrer Wangen ließ midi 
einsehen, daß meine Bemühungen, sie zu beruhigen, fruchtlos 
sein würden. Sie schien ohnmächtig zu werden, und keiner der 
Dienstleute war in Rufnähe. Doch da erinnerte ich mich einer 
Flasche leichten Weines, den die Ärzte verordnet hatten, und 
eilte quer durdis Zimmer, um sie zu holen." In diesem Augen- 
blick hat der Gatte der Rowena das Gefühl, er werde von 
irgendetwas Unsichtbarem gestreift, und er glaubt, einen 
Schatten auf dem Teppich zu sehen. Aber da er „infolge einer 
ungewöhnlich großen Dosis Opium" sehr aufgeregt ist, gibt 
er auf diese Erscheinung nicht adit, füllt das Glas mit Wein 
und bringt es an die Lippen seiner in Ohnmacht fallenden 
Frau. „Da geschah es, daß ich deutlich einen leisen Schritt über 
den Teppicli zum Lager hinschreiten hörte; und eine Sekunde 
später, als Rowena den Wein an die Lippen führte, sah ich 

— oder träumte, daß ich es sah — , wie, aus einer unsichtbaren 
Quelle aus der Atmosphäre des Zimmers kommend, drei oder 
vier große Tropfen einer strahlenden, rubinroten Flüssigkeit 
in den Kelch fielen. Ich sah dies — Rowena sah es nicht. Sie 
trank den Wein ohne Zögern", — und drei Tage später ist 
sie tot. 

So hat die Tote durch einige Tropfen von rubinroter Farbe 

— man denke an die Blutstropfen der Hämoptoen der Schau- 
spielerin — die Rivalin zu sich hinabgelockt, ganz wie Eliza- 
beth Arnold scheinbar Frau Stanard und Frances Allan zu sich 
hinabgezogen hatte und sie sich bald auch der Virginia Clemm 
bemächtigen sollte. 

Die Nachtwache des Gatten der Rowena im unheimliclien 
Zimmer neben dem ins Leichentuch gehüllten Körper seiner 
Frau stellt den dritten Akt dieser Erzählung in drei Abschnitten 



Ligeia 43 

dar Der Gatte richtet die Augen fest auf Rowena und denkt 
nur an Ligeia, an „sie, meine einzige, meine hödiste Liebe". 
Er vergißt auch nicht, uns davon zu benachrichtigen, daß er 
sehr viel Opium zu sidi genommen hat. 

Und das "Wunder von der Wiederkehr der Toten in dem 
Wesen, das sie getötet hat, in die Frau, die nur eine ihrer 
unwürdige Übertragung gewesen, geht allmählich in Erfüllung. 
Es mochte gegen Mitternacht sein — vielleicht etwas früher 
öder später, ich hatte der Zeit nicht geachtet — , als ein leiser, 
zarter, aber deutlicii wahrnehmbarer Seufzer mich aus meinen 
Träumereien aufschreckte! Ich fühlte, daß er vom Ebenholz- 
bett herkam vom Totenbett." Der Wacäiende konstatiert mit 

Schrecien, „daß ein leiser, ein ganz schwacher und kaum wahr- 
nehmbarer Hauch sowohl die Wangen, wie aucii die ein- 
gesunkenen feinen Adern der Augenlider gerötet hatte". Er 
versucht es, seine Frau, die er nocäi für lebend hält, zum 
Atmen zu bringen, „aber sdion nach kurzer Zeit war ersichtlich 
ein Rückfall eingetreten . . . Eine widrige, klebrige Kälte 
breitete sich scimell über den ganzen Leib, der überdies voll- 
ständig steif und starr wurde." Und der Witwer beginnt 
wieder leidenschaflHch von Ligeia zu träumen. 

Eine Stunde später wird die Tote neuerlich durch einen 
Anfall von Leben im Tod gepackt. Diesmal sieht man deut- 
lich, „daß die Lippen zitterten. Eine Minute später öffneten 
sie sich und legten eine Reihe perlenschöner Zähne bloß", jene 
Zähne wohl, die der kleine Edgar zwischen den abgemagerten 
Lippen seiner toten Mutter hervorschimmern gesehen, so wie er 
vielleicht schon an ihrem Leichnam die Marmorhand der 
Morella und der Ligeia gefühlt hatte. Diesmal scheint Rowena 
wirklich zum Leben zu erwachen: „Sowohl auf der Stirn, wie 
auf Wangen und Hals war jetzt ein sanftes Glühen zu be- 
merken, eine fühlbare Wärme durchdrang den ganzen Körper, 
am Herzen ließ sich sogar ein leichter Pulsschlag fühlen." 



44 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



« r 



Aber ihr Gatte bemüht sich vergeblidi aus Pflicht um sie, si 
fällt bald wieder in einen noch gräßlicheren Tod zurück. 

So folgen Wiederaufleben und Wieder-in-den-Tod-Vei 
sinken aufeinander, bis der größte Teil der Nacht vorüber isi 
Nun aber rührt sich wieder „die, welche tot gewesen. Und di 
Lebenszeichen waren kräfliger als bisher, obgleich sie vorden 
in eine Auflösung gesunken war, die gräßlicher schien, al 
alle früheren . . . Die Farben des Lebens schössen mit unglaub 
lidier Energie ins Antlitz, die Glieder wurden wieder beweg 
lieh; und wenn die Augenlider nicht noch immer fest gesdilossei 
geblieben wären, wenn der Leib nidit nodi immer still ii 
seinen Grabtüdiern und Bändern dagelegen hätte, so hätte id 
glauben müssen, daß Rowena sich endgültig aus den Fesseli 
des Todes befreit habe. Doch wenn bis dahin dieser Gedanki 
noch entschieden zurückgewiesen werden mußte, so schwandei 
alle Zweifel, als nun das leichentuchumhüllte Wesen vom Bett 
aufstand und schwankend, unsicheren Schrittes, mit geschlossener 
Augen und mit dem Gebaren eines Traumwesens, doch körperlid 
sichtbar und fühlbar, sich in die Mitte des Zimmers vorbewegte.' 
Der gelähmte Wachende sieht die Erscheinung an unc 
zweifelt, daß er die lebende Lady de Tremaine vor sich hat 
„Aber war sie denn in ihrer Krankheit ge- 
wachsen?" (Wie Berenice!) „Welch unaussprechliche) 
Wahnsinn faßte mich bei dem Gedanken, ein Sprung und id 
lag zu ihren Füßen! Sie wich meiner Berührung aus und dif 
gräßlichen Leichentücher, die den Kopf umsdilossen hatten, 
lösten sidi und fielen nieder — und in die wehende Atmo- 
sphäre des Gemadis strömten gewaltige Wogen aufgelöster 
Haars: es war schwärzer als die Raben- 
schwingender Mitternacht! Und nun öffneten sidi 
langsam die Augen der Gestalt, die didit vor mir stand, 
jHier, hier endlich', sdirie ich laut, ,kann ich midi niemals 
— niemals irren: das sind die großen und die sdiwarzen und 



die wilden Augen - meiner verlorenen Geliebten - die 

A T,^^ _ der LADY LIGEIA!'" 
Augen der Lady — der ^^^ , „ „ 

So verkündet Poe selber, und ohne es zu ahnen, daß alle 
seine späteren Neigungen, von der Frances Allan angefangen 
bis zu Virginia und über sie hinaus, nie etwas anderes gewesen 
sind als das Wiedererwachen seiner ersten Leidenschaft, seiner 
Liebe zu der im Unbewußten nie gestorbenen Mutter, die in 
jeder neuen Leidenschaft immer wieder geweckt wurde. Aber 
er erklärt hier audi eine der uranfänglichsten Bedingungen 
für jede seiner Leidenschaften: die Frau, durdi die er der 
Mutter seiner Kindheit untreu werden wollte, mußte wie sie 
von ihm getrennt sein, am liebsten durch Krankheit oder Tod. 
Denn erst nachdem Rowena ihrem Gatten entzogen ist, be- 
ilüdet ihn der Anblick ihres Leichnams, weil er auf ihn im 
Gedanken das Bild Ligeias übertragen kann. Und indem er 
den Schmerz um die erste verlorene Liebe wiederbelebt, genießt 
er diesen Schmerz, weil er in ihm in seiner Phantasie jene erste 
Liebe wiederfindet. 

Der Gatte Ligeias befindet sich seit seiner ersten "Witwen- 
sdiaft unter dem Einfluß des Opiums, ebenso wie der Verlobte 
der Berenice. Erinnern wir uns daran, daß audi Edgar Poe 
sidi in Baltimore neben Virginia dem Opium ausgeliefert 
hatte, damals, als er die ersten großen Geschichten schrieb; 
und dieses Opium (wie alle Rauschgifte) ermöglichte es dem 
Verdrängten, dem Infantilen, das im Unbewußten verborgen 
ist, die-Zensur des Gewissens aufzuheben und dadurch sichtbar 
aufzutauchen — Elizabeth-Ligeia konnte aus dem Grab auf- 
erstehen! 



DER UNTERGANG DES HAUSES USHER 



''iii 



Als Poe den Untergang des Hauses Usher^^ 
schrieb, war seine sdiwesterlidie Frau Virginia, die er wenige 
Jahre vorher geheiratet hatte, wahrscheinlich schon deutlich 
vom Tod gezeichnet. 

Der Held dieser Geschichte, Roderick Usher, ist dieses Mal 
nicht mit dem Erzähler identisch — die männliche Gestalt der 
Erzählung ist hier in zwei Persönlichkeiten gespalten, und, 
wie immer, selbstverständlich Poe selbst. 

Ein Reisender, der allein und zu Pferd durch eine eigen- 
tümlicii öde und traurige Gegend „geritten war, befand sich 
schließlich, als die Schatten des Abends herniedersanken", vor 
dem melancholischen Stammschloß der Usher. Dieses Schloß 
ist so gebaut und so gelegen, daß die Seele des Reisenden 
„gleich beim ersten Anblick dieser Mauern von einem Gefühl 
unerträglicher Trauer" befallen wird. Er betrachtete das Bild 
vor sich, „das einsame Gebäude in seiner einförmigen Um- 
gebung, die kahlen Mauern, die toten, wie leere Augenhöhlen 
starrenden Fenster, die paar Büschel dürrer Binsen, die weiß- 
schimmernden Stümpfe abgestorbener Bäume" und er emp- 
findet es, wie er sagt, 

„mit einer Niedergeschlagenheit, die mit keinem anderen Gefühl 
besser verglichen werden kann als mit dem trostlosen Erwachen 
eines Opiumessers aus seinem Rausche, dem bitteren Zurücksinken in 
graue AUtagswirklichkeit . . ., was mochte es sein, daß der Anblick 
des Hauses Usher mich so erschreckend überwältigte? ... Ich mußte 

2i) The Fall of the House of Usher {Burton' s Gentleman' s 
Magazine, September 1839, 1840, 1845). 



Der Untergang des Hauses Usher 



47 



BiA mit der wenig befriedigenden Erklärung begnügen, daß es tat- 
s-idiliA in der Natur ganz einfache Dmge gibt, dxe durA die Um- 
«ände in denen sie uns erscheinen, geradezu druckend auf uns 

L wirken können, daß es aber nidit in unsere Macht gegeben ist, eine 

[Definition dieser Gewalt zu finden." 

So ahnt der Reisefreund Roderick Ushers, was schon der 
Gatte Ligeias geahnt hat, jene aus unserem Unbewußten hervor- 
dringenden mysteriösen „Übereinstimmungen", die zwischen 
den Dingen und den Lebewesen bestehen und die später Baude- 
laire auf seine "Weise besingen sollte. Der Reisende, der seiner 
Beklemmung zu entkommen versucht, wendet hierauf sein Pferd 
dem steilen Rand eines schwarzen, sumpfigen Teiches zu, der, 
von keinem Hauch bewegt, neben dem Schlosse lag", — er 
betrachtet „die auf den Kopf gestellten und verzerrten Bilder 
der "rauen Binsen, der gespenstischen Baumstümpfe und der 
wie leere Augenhöhlen starrenden Fenster". 

So beginnt diese Geschichte, in der alles von gleicher grauer 
Farbe ist, die Lebewesen, ihr Aussehen, ihre Seele, ihre Be- 
hausung und der Ort, an dem das Schloß liegt. "Wir haben 
hier eine Erzählung vor uns, in der ein anderes Element als 
in Berenice oder in Morella vorherrscht, ein Element, 
das bereits in L i g e i a an den Tag getreten ist: „die beseelte 
Atmosphäre." "Wir haben es hier schon mit einer jener Er- 
zählungen der Mutter-Landschaft zu tun, von der 
wir später sprechen werden und analysieren sie nur deshalb 
in diesem Abschnitt, weil die Gestalt der Madeline, die sie auch 
beseelt, diesen Platz rechtfertigt. 

Der Besitzer des Schlosses ist Roderick Usher, letzter Nach- 
komme eines alten und morbiden Geschlechts. Er hat in seinem 
Brief den Reisenden, einen alten Jugendfreund, mit dem er 
seit mehreren Jahren nicdit beisammen gewesen ist, herbei- 
gerufen. Er hat ihn aus der Ferne zu Hilfe geholt, und der Brief, 
dessen Schrift das Zeichen einer großen nervösen Erregung an 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



sidi trug, sprach „von einer heftigen körperlichen Erkrankung, 
von niederdrückender, geistiger Zerrüttung". 

Die Familie Rodericks zeichnete sich „seit urvordenklichen 
Zeiten durdi die eigentümlidie Reizbarkeit des Temperaments 
aus". Mit diesen Nachkommen von Künstlern, schwerverständ- 
lichen Musikern, 

„hatte der Stammbaum der Familie Usher, die jederzeit hodi- 
angesehen war, zu keiner Zeit einen ausdauernden Nebenzweig 
hervorgebradit, mit anderen Worten, die Abstammung der ganzen 
Familie war in direkter Linie abzuleiten . . . Wahrscheinlidi, so sagte 
ich mir, ist es eben dieser Mangel einer Seitenlinie, ist es das von- 
Vater zu Sohn immer sich gleldibleibende Erbe von Besitztum und 
Familienname, das sdiHeßlidi beide so miteinander identifiziert hatte, 
daß der ursprüngliche Name des Besitztums in die wunderlidie und 
doppeldeutige Bezeichnung „das Haus Usher" übergegangen war, 
— eine Benennung, die bei den Bauern, die sie anwendeten, beides, 
sowohl die Familie, wie das Familienhaus, zu bezeichnen schien". 

Durch diese Mitteilungen Poes erfahren wir, daß die männ- 
lidien Mitglieder des Hauses vom Vater zum Sohn das Redit 
hatten, sich als die richtigen Söhne des nach ihrem Bilde 
modellierten seltsamen und düsteren Hauses zu betrachten. So 
wie das Vaterland, schließt audi das Patrimonium (patrimony) 
in sich, „was dem Vater gehört" — und der intimste Besitz 
des Vaters ist die Mutter, für die das Vaterland nur eine 
erweiterte, sublimierte Übertragung ist, mit den weiten 
Strecken der mütterlichen und nährenden Erde, die sich in ihm 
befinden. Das Patrimonium der Usher ist zweifellos eine 
analoge Übertragung. 

Hören wir daraufhin unseren Reisenden an: 

„Ich sagte vorhin, daß der einzige Erfolg meines etwas kindisdien 
Beginnens — meines Hinabblickens in den dunklen Teidi — der 
gewesen war, den ersten sonderbaren Eindrudc, den das Landschafts- 
bild auf mich gemadit hatte, noch zu vertiefen . . . Und einzig dies 
mag die Ursache einer seltsamen Vorstellung, die in meiner Seele 



Der Untergang des Hauses Usher 



49 



j .o»n .ein als ich meine Augen von dem Spiegelbild im 

S;tifdrhT„::f:i auf d. Wohnha. selb.... Id^glaub. 
„ts'Älich. das Haus und seine ganze Umgebung seien von emer nur 
^ *gen ümliAen Atmosphäre umflutet - emer Atmosphäre, dxe 
^dcr Himmelsluft keinerlei Zugehörigkeit hatte sondern die empor- 
gcdunstct war aus den vermorschten Bäumen den grauen Mauern 
und dem stummen Teidi - ein giftiger, geheimnisvoller, trüber, 
träger, kaum wahrnehmbarer bleifarbener Dunst." 

Es ist ungefähr die Atmosphäre, die einen Leichnam um- 
flutet, welche Poe hier sichtbar macht und später nodi deut- 
licher fühlbar machen wird. 

Idi prüfte eingehender das wirkliche Aussehen des Gebäudes . . . 
Die'zeitläufte hatten ihm seine ursprüngliche Farbe genommen. Ein 
winzig kleiner Pilz hatte alle Mauern wie mit einem Netzwerk um- 
zo-cn, dessen feinmasdiiges Gefledit von den Daditraufen herabhing. 
Dwii'von irgendweldiem außergewöhnlichen Verfall war das Ge- 
bäude noch weit entfernt. Kein Teil des Mauerwerks war ein- 
gesunken, und die nodi vollkommen erhaltene Gesamtheit stand in 
s-ltsamem Widerspruch zu der bröckelnden Sdiadhaftigkeit der ein- 
zelnen Steine. Dies Haus stand gleichsam da wie altes Holzgetäfel, 
das in irgendeinem unbetretenen Gewölbe viele Jahre lang ver- 
moderte, ohne daß je ein Lufthauch von draußen es berührte, und 
das darum in all seinem inneren Verfall stattlich und lüdjenlos 
dasteht. Außer diesen Zeichen eines allgemeinen Verfalls bot das 
Haus jedoch nur wenige Merkmale von Baufälligkeit. Vielleicht 
hätte allerdings ein scharfprüfender Blick einen kaum wahrnehm- 
baren Riß entdecken können, der an der Frontseite des Hauses vom 
Dadi im ,Zidczack die Mauer hinunterlief, bis er sich in den trüben 
Wassern des Teiches verlor." 

So wird uns das Schloß in seinen verschiedenen Einzel- 
heiten vorgestellt, sein totenblasses Antlitz, der Überwurf eines 
„seltsam gestickten Kleides", der innere Zerfall, der zur augen- 
sdieinlidien Unberührtheit im Gegensatz steht, wie das bei 
einem Leichnam sein kann, der in irgendeinem vergessenen 
Keller, fern vom Hauch der äußeren Luft, aufbewahrt ist. Und 
der Riß, der quer durch das Gebäude hindurchgeht, erinnert 

Bonaparte: Edgar Poe. II. 4 



5° 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



in seiner symbolhaften Art an den „gespaltenen Körper des 
Weibes" („carcasse fendue de la femelle"), von dem bei Zola 
in „La Terre" (ich zitiere nach dem Gedächtnis) die Rede ist, 

Aber verlassen wir für einen Augenblick das mütterlidie 
Haus, um zu sehen, welchen Sohn es hervorgebracht hat. Der 
Reisende ist in das Innere des Schlosses eingetreten und nadi 
langen Irrfahrten durch Gänge und über düstere Stiegen steht 
er dem alten Jugendkameraden Roderick Usher gegenüber. 

Der hohe und düstere Saal, in dem er sich befindet, ist mit 
einem prunkvollen, unbequemen, altmodischen und schadhaften 
Mobiliar ausgestattet. „Eine Menge Bücher und Musikinstru- 
mente lagen umher, doch auch das vermodite nicht, die tote 
Starrheit des öden Raumes zu beleben." Und dann gibt es hier 
Fenster, die lang und schmal sind und sich so hoch über dem 
eichenen Fußboden befinden, daß man sie unmöglich erreichen 
kann, aus ihnen fällt in schwachen Strahlen das dunkelrote 
Licht, in dem Roderick Usher erscheint. j 

„Bei meinem Eintritt erhob sich Usher vom Kanapee, auf dem 
er lang ausgestreckt gelegen hatte ... Ich betrachtete ihn mit einem 
Gefühl von Mitleid und Trauer. Sidierlich, kein Mensdi hatte sich 
je in so kurzer Zeit so sdiredtlich verändert wie Roderick Usher! . . . 
Seine Gesichtsbildung war immer merkwürdig und auffallend ge- 
wesen — eine leichenhafle Blässe, große, klare und unvergleichlich 
leuchtende Augen, Lippen, die etwas schmal und sehr bleidi waren — , 
aber von ungemein schönem Schwünge, eine Nase von edelzartem, 
jüdischem Schnitt, dodi mit ungewöhnlich breiten Nüstern, ein schön- 
gebildetes Kinn, dessen wenig kräftige Form einen Mangel an sitt- 
licher Energie verriet, und Haare, die feiner und zarter waren als 
Spinnenfäden. Alle diese Züge, verbunden mit einer massigen Kraft 
und Breite der Stirn über den Sdiläfen, bildeten ein Antlitz, das 
man nicht leicht vergessen konnte." 

Betrachten wir die Abbildungen gegenüber dem Titel, auf 
S. i68 oder 296 des ersten Bandes, dann sehen wir, daß das 
Porträt Edgar Poes seltsam mit dieser Beschreibung überein- 
stimmt, eine Tatsadie, die uns darin bestärkt, Usher mit seinem 



Der Untergang des Hauses Usher 5^ 

Sdiöpfer zu identifizieren. Die großen, weiten und leuditenden 

* A\. „n!?ewöhnliche Entwicklung der Stirn sind dabei 

Aueen, die ungc*»" ,, ,. 

besonders diarakteristisdi. Einzelne Zuge werden allerdings ins 
PhTmastisdie verzerrt, so zum Beispiel ist von den Haaren die 

d "die feiner und zarter sind als Spinnweben, und die 
ri h ' ohne es zu bemerken, unaufhörlich hatte wachsen 
I " und die „wie ein seltsamer Altweibersommer sein 
Gesidit umfluteten ..." 

Roderick Usher befindet sich in hödister Aufregung. Sein 
Freund ist darüber nicht erstaunt, da er das Temperament der 
Usher kennt und den Inhalt des Briefes, der den Ausbrudi 
einer Krankheit ahnen ließ. „Seine Stimme, die eben nodi 
zitternd und unsicher war . . ., wurde zu den sonderbar modu- 
lierten Kehllauten, die man bei dem sinnlos Betrunkenen oder 
dem unheilbaren Opiumesser in den Zeiten ihrer heftigsten Er- 
regung beobachten kann." Poe kannte sich darin aus. 

,So sprach er also von dem Zweck meines Besudies . . ." 
Roderick Usher erklärt dem Freund seine Krankheit; er leidet 
an einer krankhaften Übersdiärfung der Sinne: „nur die ge- 
sdimadtloseste Nahrung war ihm erträglich, als Kleidung konnte 
er nur ganz bestimmte Stoffe tragen; jeglicher Blumenduft 
war ihm zuwider; selbst das schwächste Licht quälte seine 
Augen, und es gab nur einige besondere Tonklänge — und 
diese nur von Saiteninstrumenten — , die ihn nicht mit Ent- 
setzen erfüllten." 

Der Freund erkennt, daß Roderick der Sklave einer ganz 
abnormalen Angst sei. „Ich werde zugrunde gehen", sagt 
Usher, „ich muß zugrunde gehen an dieser beklagenswerten 
Narrheit . . . Ich habe wirklich keinen Schauder vor der Gefahr, 
nur vor ihrer unvermeidlichen Wirkung — dem Schrecken. 
In diesem entnervten, in diesem bedauernswerten Zustand 
fühle idi, daß früher oder später der Augenblick kommen 
wird, da idb beides, Vernunft und Leben, hingeben muß — ver- 



52 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



et 



lieren im Kampf mit dem gräßlichen Phantom, - 
ANGST!" 

In solchen Ausdrücken teilt uns Roderidc Usher mit, daß er 
an einer furchtbaren Angsthysterie leidet, von der auch 
sein Schöpfer, dessen Seele Phantome heimsuchten, nicht ver- 
schont gewesen war. Und um zu dem Haus zurückzukommen, 
dessen Sohn er ist, Roderick verrät uns audi noch, daß er „hin- 
sichtlich des Hauses, das er bewohnte und aus dem er sidi seit 
mehreren Jahren nicht hinausgewagt habe" — er verbarg sich 
darin wie ein Sohn am Busen der Mutter — „in gewissen aber- 
gläubischen Vorstellungen befangen sei", in Vorstellungen, „die 
sich auf einen Einfluß bezogen, den einige Besonderheiten in der 
Form und selbst in dem Baumaterial seines Stammschlosses auf 
seinen Geist erlangt hatten, ein Einfluß also, den das P h y s i- 
s c h e der grauen Mauern, der Türme und des trüben Teichs, in 
dem sie alle sich spiegelten, schließlich auf das M o r a 1 i s c h e 
seiner Existenz ausgeübt hatte". So fürchtet Usher die 
Heredität, mit der sein mütterliches Schloß ihn gezeichnet 
hat, und die Tendenz dieses Totensdilosses, seinen Besitzer sich 
selbst ähnlidi zu machen. 

Dann beginnt Usher, „nidit ohne zu zögern", von der 
einzigen und „zärtlidi geliebten Schwester" zu sprechen und 
von deren „grausamen und schon lange Jahre dauernden Krank- 
heit". Der Zustand seiner Schwester ist nicht ohne Einfluß 
auf seine Melancholie gewesen. „Ihr Hinscheiden", sagt er, 
„wird mich, den Gebrechlichen und Hoffnungslosen, als Letzten 
des alten Gesdiledites der Usher zurücklassen." 

In diesem Augenblick schreitet diese Schwester, die Lady 
Madeline, „langsam durch den entfernten Teil des Gemachs", 
und sie verschwindet, ohne die Anwesenheit des Freundes ihres 
Bruders beachtet zu haben. 

„Die Krankheit der Lady Madeline", berichtet Poe, „hatte 
sdion lange der Geschicklichkeit der Ärzte gespottet", wie das 






Der Untergang des Hauses Usher 



J3 



übrigens bei allen Heldinnen des Diditers der Fall war. So 

" "ch V Stand die medizinische Wissenschaft damals auch 

derTeginnenden Schwindsucht der Virginia gegenüber, die 

, .° _ Akcf^ind von drei Jahrzehnten die Krankheit der 
nach einem Aosianu „. , .. ,. . , . 

Elizabeth Arnold reproduzierte. „Eine bestandige Apathie, ein 
langsames Hinwelken und häufige, wenn auch vorübergehende 
Anfälle, vermutlidi kataleptischer Natur, das war die unge- 
wöhnliche Diagnose." An Madeline beschreibt uns Poe 
wahrscheinlich die Apathie und das langsame Hinwelken seiner 
Virginia, jenes Hinwelken, das die Augen des Gatten be- 
obachten konnten, und er fügt als Vorboten der Eigentümlich- 
keit die sein Unbewußtes jeder Frau, die er liebte, lieh, jene 
kataleptischen Krisen eines Scheintods hinzu, zu denen 
Madeline ebenso wie die „epileptische" Berenice neigte. Poe 
sieht beim Klinischen nicht so genau hin. 

Aber Lady Madeline, die bis dahin „tapfer die Last ihrer 
Krankheit getragen hatte und noch nicht bettlägerig geworden 
war", legt sich am gleichen Abend nieder, um nicht mehr 
wieder aufzustehen. „In den nächsten Tagen wurde ihr Name 
weder von Usher noch von mir erwähnt; während dieser Zeit 
war ich ernstlich und angestrengt bemüht, meinen Freund 
seinem Trübsinn zu entreißen. Wir malten und lasen mit- 
einander; oder ich lauschte wie im Traum seinen seltsamen 
Improvisationen auf der Gitarre." Man sieht, Roderick 
schläfert ganz wie Edgar seine Angst durch die Zauberbilder 
der Kunst ein. Aber seine Improvisationen sind „seltsam", sie 
gleichen seiner Malerei, jenem Bild, „welches das Innere eines 
ungeheuer langen, rechtwinkeligen Gewölbes oder Kellers mit 
niederen, glatten, weißen Mauern zeigte, die sich ohne Schmuck 
und endlos hinzogen", und das sich „sehr, sehr tief unter der 
Oberfläche der Erde" befand, dort, wo man keine Fackel, keine 
künstliche Lichtquelle mehr wahrnehmen kann und wo „den- 
noch eine Flut intensiver Strahlen von einem Ende zum andern 



54 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



floß und das Ganze in eine gespenstische und unverständlidit 
Helle tauchte". Wir werden später noch ein anderes unter^ 
irdisches Gewölbe sehen und dann von beiden gemeinsair 
sprechen. 

Roderick Usher improvisierte auch eines Tages bei dei 
Gitarre das Gedicht vom „Geisterschlo ß", aus dem mar 
erfährt, daß Usher-Poe „fühlte, seine erhabene Vernunü 
wanke auf ihrem Throne". Es ist interessant zu beobachten 
daß in unserer Erzählung, in der die Mutter unbewußt durd 
ein Schloß symbolisiert wird, sich der Sohn selbst seinerseits 
und diesmal bewußt, durdi einen Palast symbolisiert hat. Unc 
es ist kein Zufall, daß 

„Gedanken, die durdi diese Ballade angeregt wurden, uns auf eit 
Gesprädi führten, in dem Usher eine seltsame Ansdiauung kundgab 
die ich weniger darum erwähne, weil sie etwa besonders neu wäre 
— denn andere Mensdien haben sdion das gleidie gesagt — , sondert 
wegen der Hartnädiigkeit, mit der Usher sie vertrat. Diese Meinung 
bestand hauptsächlidi darin, daß er die Pflanzen Empfindungsweser 
sein ließ, ihnen Beseeltheit zusdirieb. Aber in seinem verwirrten Geisi 
hatte diese Vorstellung einen nodi kühneren Charakter angenommen 
sie setzte sich in gewissen Grenzen auch ins Reidi des Anorganischer 
fort. Es fehlen mir die "Worte, um die ganze Ausdehnung dieser Idee 
den ganzen Ernst, die ganze Hingabe an seinen Glauben aus' 
zudrüdcen. Dieser Glaube knüpfte sich — wie idi schon angedeutet 
habe — an die grauen Quadern des Heims seiner Väter. Die Vor- 
bedingungen für solches Empfindungsvermögen waren hier, wie ei 
sich einbildete, erfüllt in der Art der Anordnung der Steine, in dem 
sie zusammenhaltenden Bindemittel und ebenso auch in dem Pilz- 
geflecht, das sie überwucherte — ferner in den abgestorbener 
Bäumen, die das Haus umgaben, und vor allem in dem nie gestörten 
unveränderten Bestehen des Ganzen und in seiner Verdopplung ir 
den stillen Wassern des Teichs. Der Beweis — der Beweis für diesf 
Beseeltheit sei, so sagte er, zu erblidcen ... in der hier ganz all- 
mählichen, jedoch unablässig fortschreitenden Verdiditung der Atmo- 
sphäre — in dem eigentümlichen Dunstkreis, der Wasser und Welle 
umgab." 



Der Untergang des Hauses Usher 



55 



Auf soldie Weise drückte Usher-Poe die Wahrheit aus: das 

vcrfluAte SdJoß mit seinem Teich und seiner Atmosphäre ist 

nur die Übertragung eines Wesens, das emmalwkhd, gelebt 

einer in der unbewußten Ermnerung ihres Sohnes lebendig 

gebliebenen Toten. , „.. , , • u t^ . 

Nun werden die mystischen Bucher - unter denen sidi Fert- 
Vert" befindet! — aufgezählt, die der Visionäre versdilingt, 
und wir erfahren, daß Usher „sein Hauptentzücken bei dem 
Studium eines sehr seltenen und seltsamen Buches in gotisdiem 
Quartformat fand, des Handbuchs einer vergessenen Kirche, der 
Vigiliae mortuorum secundum Chorum Ecclesiae Maguntinae". 

Eines Abends teilt Usher seinem Freund mit, daß Lady 
Madeline gestorben sei, und er kündigt ihm zugleich seine Ab- 
sicht an, „den Leichnam vor seiner endgültigen Beerdigung 
in einer der zahlreichen Grüfte innerhalb der Grundmauern 
des Gebäudes aufzubewahren", um ihn so einer eventuellen 
Neugierde der Ärzte zu entziehen, die durch die seltsame 
Natur der Krankheit beunruhigt sein könnten und imstande 
wären, die Tote aus dem in „abgelegener und einsamer Lage 
befindlichen Begräbnisplatz der Familie" herauszunehmen. 
Seltsames Argument, aber die Miene des Hausarztes scheint ihm 
Bereditigung zu geben. Die beiden Männer legen nun selbst 
den Körper auf die Bahre und tragen ihn beide an den Ort, 
an dem er ruhen soll. „Die Gruft, in der wir ihn beisetzten, 
war so lange nicht geöffnet worden, daß unsere Fackeln in 
der drückenden Atmosphäre fast erstickten und uns kaum 
gestatteten, ein wenig Umschau zu halten. Sie war eng, 
dumpfig und ohne jegliche Öffnung, die Licht hätte einlassen 
können; sie lag in beträchtlicher Tiefe, genau unter dem Teil 
des Hauses, in dem sich mein eigenes Schlafgemach befand. 
Augenscheinlicii hatte sie in früheren Zeiten der Feudalherr- 

22) Eine lustige, ganz unmystische Geschidite in Reimen, von 
Gresset, aus dem 18. Jahrhundert! 



5« 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



sdiaft als Burgverlies übelste Verwendung gefunden und spätei 
als Lagerraum für Pulver oder sonst einen leiditentzündlichen 
Stoff gedient, denn ein Teil des Fußbodens sowie das ganz« 
Innere eines langen Bodenganges, durch den wir das Gewölbe 
erreichten, war sorgfältig mit Kupfer verkleidet. Die Tür aus 
massivem Eisen hatte ähnliche Schutzvorrichtungen. Ihr un- 
geheures Gewicht brachte einen ungewöhnlich scharfen, krei- 
schenden Laut hervor, als sie sich schwerfällig in den Angeln 
drehte." 

Hier, „an diesem Ort des Grauens", legen die beiden 
Männer ihre düstere Last auf ein Gestell; sie schieben den 
Deckel der Bahre ein wenig zur Seite und blicken das Antlitz 
des Leichnams an. ■ j 

„Eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen Bruder und Sdiwestei 
fesselte jetzt zum erstenmal meine Aufmerksamkeit; und Usher, dei 
vielleicht meine Gedanken erriet, murmelte einige "Worte, denen ich 
entnahm, daß die Verstorbene und er Zwillinge gewesen waren, und 
daß Sympathien ganz ungewöhnlidier Natur stets zwischen ihnen 
bestanden hatten. Unsere Blidje ruhten jedoch nicht lange auf der 
Toten — denn wir konnten sie nicht ohne Ergriffenheit und 
Schredcen betrachten. Das Leiden, durch das die Lady so in der Blüte 
der Jahre ins Grab gebracht worden war, hatte — wie es bei 
Erkrankungen ausgesprodien kataleptischer Art gewöhnlich der Fall 
ist — auf der Brust und dem Antlitz so etwas wie eine sdiwadie 
Röte zurüdcgelassen, und den Lippen ein argwöhnisch lauerndes 
Lächeln gegeben, das bei Toten so schreddich ist." 

So reproduziert Lady Madeline auf ihre Art — die an die 
Art der Rowena oder der Ligeia erinnert — den Alp des 
Lebens im Tode. Die beiden Männer schließen den Sarg und 
steigen wieder in die Gemächer hinauf. 

Daß Madeline vor allem Virginia ist, bestätigen die Aus- 
drüdke, in denen von ihr gesprochen wird. Sie ist die Zwillings- 
sdiwester Ushers, ganz so wie die „Sissy" es in der Phantasie 
Poes war. „Sympathien von einer fast unerklärlichen Natur" 



Der Untergang des Hauses Usher 



S7 



^, A^n Dichter mit seiner Kind-Frau. Das Gefühl 

vereinten audi den L'icn j ^ . u A a 

TT klärlichen" stammte sicher aus der Tatsache, daiS 

'" r S' sy" verdrängte ehemalige Liebe übertragen wurde, und 

" A ■■ ete inzestuöse Verlangen nach der Schwester und 

nußte dazu beitragen, den mysteriösen „Sym- 



das 

der Mutter mu 

Poes für Virginia ihren „unerklärlichen" Charakter 



pathien" 
zu geben. 

Und dann haben wir die Gruft! Sie ahmt in „schwarz" den 
weißen unterirdischen Gang Ushers nach. Man begräbt dort 
Lady Madeline. Dieses Kellergewölbe im Mutter-Schloß er- 
innert an die mütterlidbe Kloake, aus der Madeline ebenso wie 
Usher hervorgegangen sind. Die Analytiker nennen einen 
solchen Einfall die Phantasie der Rückkehr in den Mutter- 
leib, und er bestätigt, daß Poe und seine Virginia in der Phan- 
tasie Geschwister waren. Das „"Weiß" des Usherschen Kellers 
muß neben die weißeLandschaft am Ende der Aben- 
teuer des Arthur Gordon Pym gestellt werden, 
es enthält, wie wir später noch sehen werden, die gleiche 
Muttersymbolik wie diese; das Schwarz des mit widerhallenden 
Metallen austapezierten wirklichen Kellers ist ein Analsymbol 
und erinnert an die Eingeweide, aus denen die kleinen Kinder 
in ihren infantilen Sexualtheorien ihrer Meinung nach hervor- 
gegangen sind. Mit einer Grausamkeit, die nur der als seltsam 
empfinden wird, der mit dem Unbewußten wenig vertraut ist, 
schidst der Bruder seine Schwester dorthin zurück. 

Aber Madeline ist nicht nur die Schwester, sie ist zu gleicher 
Zeit auch eine Doublette der Mutter, die sdion durch das Schloß 
repräsentiert worden war. Der Wiederholungszwang, 
der unser ganzes Leben leitet, bringt eben auch Poe dazu, in 
jeder Frau, die er liebte, immer wieder mehr oder weniger 
stark die Mutter seiner Kindheit und deren düsteres Schicksal 
zu verkörpern. 

Poe-Usher muß nun dafür bestraft werden, daß er, wenn 



5» 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



mi 



audi nur im Reich der unbewußten Treue, der Mutter seiner 
Kindheit untreu geworden war, und dafür, daß er eine andere I 
Frau als sie hatte lieben können. 

„Und jetzt, nadidem einige Tage bittersten Kummers vorüber- 
gegangen waren, trat in den Symptomen der geistigen Erkrankung 
meines Freundes eine merkliche Änderung ein. Sein ganzes "Wesen j 
wurde ein anderes. Seine gewöhnlidien Besdiäftigungen wurden ver- ' 
nadilässigt oder vergessen. Er sdiweifte von Zimmer zu Zimmer, mit 
eiligem, unsidierem und ziellosem Schritt. Die Blässe seines Gesichtes 
war womöglich nodi gespenstischer geworden, . . . und ein Zittern 
und Schwanken, wie von namenlosem Entsetzen, durchbebte gewöhn- 
lidi seine "Worte ... Ich sah, wie er stundenlang ins Leere starrte — ,* 
mit dem Ausdruck tiefster Aufmerksamkeit, als lausdie er irgend- 
emem eingebildeten Geräusch." 

In einer Sturmnadit — der siebenten oder achten Nadit, 
seit Madeline sidi in der Gruft: befindet — wird der Freund 
Ushers in seinem düsteren Zimmer, das über der Grufl liegt, 
die Beute einer ständig wachsenden Angst; er kann nicht ein- 
schlafen. 

„Alle meine Anstrengungen (diese Angst abzuschütteln) waren 
fruditlos. Ein nicht abzusdiüttelndes Grauen durchbebte meinen 
Körper; und schließlich hockte auf meinem Herzen ein Alp . . . Idi 
setzte mich im Bette auf, ich spähte angestrengt in das undurchdring- 
liche Dunkel des Zimmers, und lausdite . . . auf gewisse dumpfe, 
unbestimmbare Laute, die, wenn der Sturm schwieg, in langen 
Zwisdienräumen von irgendwoher zu mir drangen." 



1 



Er erhebt sich, kleidet sich schnell an, geht im Zimmer auf 
und ab und versucht auf diese "Weise aus dem fürchterlichen 
Zustand herauszukommen, in den er geraten ist. In diesem 
Augenblick tritt Usher mit der Lampe in der Hand ein, 

„sein Gesicht war wie immer leidienhaft blaß — aber sdiredtlidier 
war der Ausdruck seiner Augen; wie eine irrsinnige Heiterkeit 
flammte es aus ihm — , sein ganzes Gebaren zeigte eine mühsam 
gebändigte hysterische Aufregung. Sein Ausdrude entsetzte midi: — 
doch alles schien erträglidier als die fürditerliche Einsamkeit . . ." 



Der Untergang des Hauses Usher 59 

Und mit den Worten: „Du hast das also nicht gesehen?" 

■• . TT<=her sich auf eines der Fenster und öffnet es weit, so 
stürzt us"'-i _ 

, ß der Sturm ins Zimmer dringen kann. 

Nun zeigt sidi, inmitten der Schreien und der Sdiönheit 
des Sturms, während sdinelle und tief herabhängende Wolken 
bebahe in Höhe der Türme vorüberziehen, das Mutter-Sdiloß 
in'^einem ganzen, phantastischen Totenleben. Es sdieint die 
herbeieilenden Wolken aus allen Richtungen des Horizontes 
heranzuIoAen . . . „und die unteren Flädien der jagenden 
Wolkenmassen und alle uns umgebenden Dinge draußen im 
Freien glühten in unnatürlichem Licht eines schwadileuchtenden 
und deutlidi sichtbaren, gasartigen Dunstes, der das Haus 
umgab und mit einem fast leuditenden und deutlich sichtbaren 
Linnen einhüllte".''' Wir haben hier sogar den Einfall vom 
Leidientudi {enshrouded). Das Schloß der Usher ist, ebenso wie 
früher einmal die Mutter Poes, in ein Leidbentuch eingehüllt 
und von jenem „gasartigen Dunst" umgeben, der auch bei 
einem Leidinam häufig nicht auf sich warten läßt. 

Der Freund schließt das Fenster und ruft Usher zu, er müsse 
das nidit sehen. Es seien „elektrische Ausstrahlungen . . . viel- 
leidit audi verdanken sie ihr gespenstisches Dasein der sdiwülen 
Ausdünstung des Teiches", sagt er, und er zittert vor Schrecken 
selbst. Er nimmt ein Budi in die Hand, den Mad Trist des 
Launcelot Canning, und beginnt Usher laut vorzulesen, um ihn 
von seiner Angst abzulenken. „Idi war", sagt der Freund, 
„bei der allbekannten Stelle angelangt, wo Ethelred, der Held 
des Buches, nachdem er vergeblich friedlidien Einlaß in die 
Hütte des Klausners zu bekommen versucht hatte, sidi an- 
schidtt, den Eintritt durch Gewalt zu erzwingen. Hier lautet 
der Text, wie man sidi erinnern wird, so: 

23) the unnatural light of a faintly luminous and distinctly 

visible gaseous exhalation whidi hung about and enshrouded the 



mansion. 



ii:!ii 



60 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



,Und Ethelred, der von Natur ein mannhaftes Herz hatte und 
der nun, nachdem er den kräftigen Wein getrunken, sidi unermeß- 
lich stark fühlte, begnügte sich nicht länger, mit dem Klausner 
Zwiesprach zu halten, der wirklich voll Trotz und Bosheit war, 
sondern, da er auf seinen Schultern schon den Regen fühlte und 
den herannahenden Sturm fürchtete, schwang er seinen Streitkolben 
hoch hinaus und schaffte in den Planken der Tür schnell Raum 
für seine behandschuhte Hand; und nun faßte er derb zu und 
zerkrachte und zerbrach und riß alles zusammen, daß der Lärm 
des dürren, dumpf krachenden Holzes durch den ganzen Wald 
schallte und widerhallte.'" 

Der Vorleser hält mit dem Lesen inne, denn es scheint ihm; 
„als kämen aus einem ganz entlegenen Teile des Hauses Ge- 
räusdie her, die ein vollkommenes, sehr fernes Echo hätten sein 
können von jenem Krachen und Bersten, das Sir Launcelot 
besdirieben hatte . . ." Dann setzt er seine Vorlesung wieder 
fort: 

„Aber als der werte Held Ethelred jetzt in die Türe trat, geriet 
er bald in "Wut und Bestürzung darüber, daß er keine Spur des bos- 
haften Klausners bemerken konnte, sondern statt seiner einen un- 
geheuren schuppenrasselnden Drachen mit feuriger Zunge, der als 
Hüter vor einem goldenen Palast mit silbernem Fußboden ruhte. 
Und an der Mauer hing ein Schild aus schimmerndem Stahl, in den 
die Inschrift eingegraben war: 

,'Wer hier herein will dringen, den Drachen muß er bezwingen, ' 
Ein Held wird er sein, den Sdiild sich erringen.' 

Und Ethelred schwang seinen Streitkolben und schmetterte ihn 
auf den Schädel des Drachen, der zusammenbradi und seinen Übeln 
Odem aufgab und dies mit einem so gräßlichen und schrillen und 
durchdringenden Schrei, daß Ethelred sich gern die Ohren zuge- 
halten hätte vor dem sdireddichen Laut, desgleichen hievor niemalen 
erhört gewesen war." 

Der Vorleser macht hier neuerdings eine Pause, denn man 
kann nicht daran zweifeln, daß man in diesem Augenblick 
„einen dumpfen und offenbar entfernten, aber schrillen, lang- 
gezogenen kreischenden Laut vernommen hatte — das voll- 



J |! 



Der Untergang des Hauses Usher 6i 



kommene Gegenstüdk zu dem unnatürlichen Aufschrei des 
Drachens . . ." Der Freund hütet sich, „ewa durch eine Be- 
merkung die Nervosität seines Gefährten nodi zu steigern". 
Inzwisdien hat Usher „seinen Stuhl nach und nadi so herum- 
gedreht, daß er nun mit dem Gesidht zur Tür sdiaute: . . . der 
Kopf war ihm auf die Brust gesunken, seine Lippen zitterten, 
er zeigte mir seine weit und starr geöffneten Augen". Und der 
Freund setzt fort: 

„Und nun, da der Held der schreddidien "Wut des Dradiens 
entronnen war und sidi des stählernen Sdiildes erinnerte, dessen 
Zauber nun gebrodien, räumte er den Kadaver beiseite und sdiritt 
über das silberne Pflaster kühn hin zu dem Sdiild an der Wand. 
Der aber -wartete nidit, bis er herangekommen war, sondern stürzte 
zu seinen Füßen auf den Silberboden nieder, mit gewaltig sdimet- 
terndem, furditbar dröhnendem Getöse." 

Kaum sind die letzten Silben ausgesprochen, da vernimmt 
man — „als sei in der Tat ein eherner Schild schwer auf einen 
silbernen Boden gestürzt" — „deutlich, aber gedämpfb, einen 
metallisch dröhnenden Widerhall". Der Freund stürzt sich auf 
Usher, der wie ein "Wahnsinniger leise auf seinem Stuhl 
schaukelt, und den Blick „stier geradeaus gerichtet" hat. Und 
wie der die Hand seines Freundes auf seiner Schulter fühlt, 
„zuckt ein krankes Lächeln um seinen Mund, und ich sah, 
daß er leise, sehr leise vor sich hin sprach". 

„Du hörst nicht?" sagt er. „Idi höre es wohl und habe es 
lange gehört, seit vielen Minuten, vielen Stunden, vielen Tagen 
habe ich es gehört — aber ich wagte nicht — oh, bedaure mich, 
den elenden Schurken, der ich bin! — idi wagte nicht, — 
ich wagte nicht zu reden! "Wir haben sie 
lebendig ins Grab g e 1 e g t!" Und Usher identifiziert 
nun das Einrammen der Tür des Eremiten mit dem Zerbersten 
des Holzes vom Sarg der Madeline und den Todesschrei des 
Dradiens mit dem Knarren der eisernen Angeln ihres Gefäng- 
nisses und das Dröhnen des Schildes mit ihrem furchtbaren 




< 



6i Die Gesdiiditen: Der Zyklus Mutter \ 

Kampf in dem Gefängnisgang aus Kupfer. „Oh! Wohin soll 
ich fliehen?" ruft Usher aus. „Wird sie nicht gleich hier sein? 
Kommt sie nicht, um mir meine Eile vorzuwerfen? Höre ich 
niAt schon ihren Sdiritt auf der Treppe? Kann ich nicht sdion 
das schwere und sdireckliche Schlagen ihres Herzens ver- 
nehmen? Wahnsinniger!... Wahnsinniger! Ich sage 
dir, daß sie jetzt draußen vor der Türe 
steht!" 

Nun öffnet sich, vom Wind aufgerissen, die schwere Tür 
und in ihr ersdieint „die hohe, ins Leidientudi gehüllte Gestalt 
der Lady Madeline Usher. Es war Blut auf ihrer weißen Ge- 
wandung" (man denkt an das Blut, das bei einer der von uns 
vermuteten Hämoptoen Elizabeths geflossen) „und die Spuren 
eines erbitterten Kampfes waren überall an ihrem abgezehrten 
Körper zu erkennen. Einen Augenblick blieb sie zitternd und 
taumelnd auf der Sdiwelle stehen — dann fiel sie mit einem 
leisen schmerzlichen Aufschrei ins Zimmer auf den Körper des 
Bruders — und in ihrem heftigen und nun endgültigen Todes- 
kampf riß sie ihn tot zu Boden — ein Opfer der Schrecken, 
die er vorausempfunden hatte." 

Mittlerweile flieht der von Schreck erfaßte Freund aus 
diesem Zimmer und Schloß. Draußen auf der Landstraße, im 
Sturm, dreht er sich um, und er sieht durch den Riß, der durdi 
das Haus Usher von oben bis unten hindurdifährt, wie der 
Vollmond rot von Blut untergeht. Der Riß wird breiter, ein 
neuer Sturmstoß saust heran und die mächtigen Mauern brechen 
plötzlich auseinander. „Es folgte ein langes, tosendes Krachen, 
wie das Getöse von tausend Wasserfällen — und der tiefe und 
schwarze Teich zu meinen Füßen sdiloß sidi finster und 
schweigend über den Trümmern des Hauses Usher." 

So reproduziert das Schloß, das ebenso eine Doublette der 
Lady Madeline ist wie ein Symbol für die Mutter Poe-Ushers, 
ihr Schicksal, wenn es in plötzlicher Auflösung zusammen- 



Der Untergang des Hauses Usher 63 

stürzt. Der Freund und Erzähler, eine Doublette Ushers, ent- 
rmnt dem Tod oder besser der Toten, die sida Ushers bemäch- 
tigt; es mußte wohl jemand übrigbleiben, um die Geschichte 
zu erzählen. 

Aber der tiefere Sinn dieser düsteren Geschichte ist in dem 
Sdiidcsal Ushers verborgen. Poe wird dafür bestraft, daß 
er seiner Mutter untreu geworden ist, indem er Madeline- 
Virginia liebt. Usher-Poe wird dafür bestraft, daß er es 
nicht gewagt hat, die Mutter seiner Kindheit wieder zu sudien 
und wieder zu erobern, als Männer sie, wie die Annabel Lee, 
forttrugen, und dafür, daß er damals durch sein infantiles 
Den-Tod-nidit-verstehen-Können geschwiegen und sich gefügt 
hatte. Usher-Poe wird für seinen Sadismus bestraft, der 
durch das Verhalten Rodericks seiner Schwester gegenüber be- 
zeugt ist. Und schließlich wird Usher-Poe dafür bestraft, 
daß er infantile Inzestwünsche, die sidh auf seine Mutter be- 
zogen, gehegt hatte: alle Zitate, die dem Mad Trist entlehnt 
sind, beweisen das. Das Legendenthema vom Drachen, den man 
tötet, um sich mit Hilfe eines Schatzes oder auch ohne einen 
solchen einer Frau zu bemächtigen, ist so alt wie die Welt 
selbst. Es ist das ödipusthema par excellence; der Drache, 
Symbol für den Vater, wird getötet, die Mutter wird 
dadurdi frei und die Beute des siegenden Sohnes. Es ist das 
Thema der Legende vom Perseus und der Andromeda, von 
Siegfried' und Brünhilde. "Wohl bleibt die Frau im Mad 
Trist -wegen der großen sexuellen Verdrängung Poes ver- 
borgen, aber wenn Ethelred in die Behausung des Eremiten 
— der ebenfalls eine Vater-Imago ist — eindringt (eine 

L Handlung, die auch ein Symbol der sexuellen Aggression^* 
gegen die Mutter sein kann), wenn er den Drachen mit der 
; 



24) Siehe Freud: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. 
Gesammelte Schriften, Bd. VIII. 



64 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Feuerzunge tötet, wenn er sich des Zauberschildes bemächtigt, 
so geschieht das bloß zu dem Zweck, um später eine — ihm 
verbotene — Frau zu erobern, wofür man aber bestraft 
wird. 

So vollführt Lady Madeline, wenn sie als Bevollmächtigte 
des Unheilschlosses aus dem Grab aufsteht, um den Bruder 
zu holen, ihre Tat als Rädierin. Aber zu gleicher Zeit ist 
die Phantasie von der Rückkehr der Mutter, die kommt, um 
ihn mit sich in den Tod zu ziehen, eine Phantasie, die das 
ganze unbewußte Leben Poes bis zu dem Tag in Baltimore 
bedrängte, an dem sie "Wirklichkeit werden sollte, nicht bloß 
eine Strafphantasie, sondern auch eine Wunschphantasie. 
Alle neurotischen Symptome und Phantasien bestehen wie diese 
aus zwei einander entgegengesetzten Komponenten. Denn wenn 
Madeline, die den entsetzten Bruder in den Tod hinabzieht, 
ihn in diesem Leben bestraft, so beglückt sie ihn zu gleicher 
Zeit mit jenem anderen „Leben Im Tode", das von nun an das 
seine sein wird und in welchem er wie der Liebhaber der 
Annabel Lee singen kann, indem er dessen Worte para- 
phrasiert: 

„Und so jede Nacht lieg zur Seite idi sadit 
Meinem Lieb, meinem Leben in bräutlidier Pracht: 

Im Grabe, da küsse ich sie — 

Im Grabe, da küsse ich sie", 

im Grabe, im Teiche, tief unten im schweigsamen 
Teiche, in dem auf ewige Zeiten das Haus 
Usher schlummert, der Bruder mit der 
Schwester, die Mutter mit dem Sohn. 



ELEONORA^ä 

Im Januar 1842 hatte Virginia eines Abends beim Singen 
ihren ersten Hämoptoeanfall — der aber keineswegs der Be- 
ginn ihrer Krankheit war. Wahrscheinlich unter dem Eindrudc 
dieses Ereignisses schrieb Poe die Eleonora, sicher aber 
unter dem Einfluß, den der immer schneller zum Schlechten sich 
wendende Gesundheitszustand seiner Frau auf ihn hatte. 

Wenn der Untergang des Hauses Usher eine 
Erzählung ist, welche die Bestrafung für die Untreue gegen 
die Mutter darstellt, dann ist Eleonora die Erzählung, in 
der die gleidie Untreue verziehen wird, weil sie aus einer im 
Tieferen ruhenden Treue hervorgegangen ist. 

Sdion das Motto zu Morella bestand aus einem Wort 
Piatons, das sidi auf die Einheit bezieht: Er selbst, 
durch sich selbst, mit sich selbst, ein ewig 
Gleichartiges. Das Motto zu Eleonora drückt auf 
einer andern Ebene einen Gedanken analoger Gleichartigkeit 
aus: „Stib conservatione formae specificae salva anima." 

Auch der Held der Eleonora entstammt „einem Ge- 
sdiledit, das dafür bekannt ist, eine flammende Leidensdiafl- 
lidikeit ,und eine zügellose Phantasie zu besitzen". Die 
Mensdien haben von ihm behauptet, teilt er uns mit, daß er 
ein Wahnsinniger sei, aber 

„alle, die bei Tage träumen, wissen von vielen Dingen, die 
denen entgehen, die nur den Traum der Nadit kennen. Visionen 
lassen sie den Glanz der Ewigkeiten sdiauen, und ihr Wadisein 
nehmen sie mit dem ersdiütternden Bewußtsein mit, an der Sdiwelle 

2j) Eleonora (The Gift, 1842; Broadway Journal, I, 21). 
Eonaparte: Edgar Poe. II. 5 




66 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

der Erkenntnis des großen Rätsels gestanden zu haben. Augenblicke 
offenbaren ihnen mit Blitzesgrelle viel von der Weisheit des Guten, 
mehr noch von der bloßen Kenntnis des Bösen." 

So steht der Held vor uns, und von neuem ist er Poe selbst, 
mit seinen dunklen, verworrenen, aber beharrlichen Ahnungen 
des „großen Geheimnisses", das in seinem Unbewußten ver- 
borgen ist. 

„Sie, die ich in meiner Jugend liebte . . ., war die einzige Tochter 
der einzigen Sdiwester meiner frühverstorbenen Mutter. Eleonora 
war der Name meiner Cousine. Wir haben immer zusammen ge- 
wohnt — im ,Tal des vielfarbigen Grases' unter der tropischen' 
Sonne. Kein fremder Fuß betrat jemals dieses Tal, denn es lag weit, 
weit droben inmitten gigantischer Berge, die es ragend umstanden 
und seinen lieblichen Gründen Schatten spendeten. Kein Pfad führte 
dorthin, und um in unser seliges Heim zu gelangen, hätte man das 
Gezweig von viel tausend Waldbäumen gewaltsam durchbrechen und 
die Herrlichkeit von vielen Millionen duftender Blumen zertreten 
müssen. So lebten wir also ganz einsam und kannten nidits von der 
Welt außerhalb des Tales — ich und meine Cousine und ihre 
Mutter." 

Man kann sich keine sdiönere Symbolisierung für den 
sentimentalen Schlupfwinkel ausdenken, in dem das Trio, 
welches aus Edgar, Virginia und Maria Clemm bestand, lebte, 
als die, welche Poe hier fand. Wenn nun Frau Clemm in der 
Erzählung aus einer Schwester des Vaters zu einer Schwester 
der Mutter gemacht wird, so geschieht das durchaus mit Recht, 
denn Muddy und auch Sissy gehörten, genau genommen und 
vom Standpunkt der psychischen Realität Poes aus gesehen, zur 
Nachkommensdhafl der „frühverstorbenen Mutter". 

Poe setzt dann die Beschreibung des verzauberten Tales 
fort. Der „Fluß des Sdiweigens", der durdi das Tal fließt,- 
war „glänzender als alles, ausgenommen Eleonoras Augen"; 
„die wundervolle, weite Grasfläche war über und über mit 
gelben Butterblumen, weißen Gänseblümdien, purpurroten Veil- 



Eleonora 6/ 

dien und rubinroten Asphodelen besprenkelt" (diese unwirk- 
lichen Blumen kündigten vielleicht den Tod an, einen Tod, dem 
Hämoptoen vorangingen), die Rinde der „phantastisdien 
Bäume", die hier und dort sich auf dem Rasen „wie Traum- 
Gebilde" erheben, ist „ebenholzschwarz und silbern geflecit" (die 
Farben des Todes) und „zarter als alles, ausgenommen Eleo- 
noras Wangen". So scheint die beseelte Landschaft eine Art 
Fortsetzung, eine Verkörperung, eine Doublette der ätherischen 
Jungfrau zu sein, mit der sich der Held der Geschichte dann 
verlobt. 

Fünfzehn Jahre hindurch durchstreifte ich Hand in Hand mit 
Eleonora das Tal, ehe die Liebe in unsere Herzen einzog. Es war ein 
Abend in Eleonoras fünfzehntem und meinem zwanzigsten Lebens- 
jahre, da salSen wir, einander eng umschlungen haltend, unter den 
Schlangenbäumen und blickten hinab in den Fluß des Schweigens 
und auf unser Bild, das sich in seinen Wassern spiegelte." 

Virginia war dreizehn Jahre alt, als ihr Vetter sie heiratete, 
er sechsundzwanzig. In der Geschichte sind die Alter einander 
angenähert, die Jungfrau ist aber noch immer nicht über fünf- 
zehn Jahre alt. 

Und das „Tal des vielfarbigen Grases", das wie das Schloß 
der Usher eine Doublette der Heldin ist, nimmt nun die Farben 
der Liebe an. 

„Alle Dinge veränderten sidi. Die Bäume, die nie vordem ein 
Blühen gekannt hatten, entfalteten seltsame, sternförmige, strahlende 
Blüten. Das Grün des Rasenteppichs vertiefte sich, und als — eines 
nach dem andern — die weißen Gänseblümchen dahinschwanden, 
brachen an ihren Orten rubinrote Asphodelen auf — zu zehn auf 
einmal." 

So vermehrten sich seit der Verlobung, trotz des blühenden 
Lebens, das sich der Landschaft bemächtigt hatte, die Blumen 
mit dem Namen des Todes und in der Farbe des Blutes. 

„Und das Leben regte sich auf unseren Pfaden, denn der hohe, 
schlanke Flamingo, den wir bis dahin noch nie gesehen hatten, ent- 



68 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



faltete vor uns sein scharladifarbenes Gefieder, und mit ihm kamen 
und glühten alle heitern Vögel. Gold- und Süberfisdie belebten 
den Fluß", 

der zu singen begann, obwohl er sich dadurdi gegen seinen 
Namen „Fluß des Sdiweigens" versündigte. Und eine große 
leuchtende Wolke, die auf dem Gipfel des Berges lagerte, über- 
dachte golden und purpurn das Tal. 

So sieht die Landsdiaft aus, die uns Poe als den Gipfel 
der Verzauberung beschreibt. Wenn man diese Beschreibung 
liest, kann man sidi jedoch nicht des Gefühls erwehren, man 
ersticke in dieser Gegend. Man möchte in keiner der Poesdien • 
Landschaften leben. Bei den düsteren Gegenden versteht sidi 
das von selbst: wer könnte im Stammschloß der Usher wohnen? 
Aber auch die fröhlidien Landschaften Poes erregen den 
gleichen Widerwillen; sie sind zu gewollt sanft, zu künstlidi, 
nirgends atmet dort wirklich die lebendige Natur. 

Die Natur ist für uns alle nichts anderes als ein Weiterleben 
unseres primitiven Narzißmus, der im Beginn des Lebens die 
nährende und schützende Mutter annektiert hatte. Da Poes 
Mutter frühzeitig eine Leiche war, allerdings die Leiche einer 
schönen und jungen Frau, kann es uns überraschen, daß selbst 
die blühendsten Landschaften bei ihm stets etwas von einem 
geschminkten Leichnam an sich haben? 

Eleonora wird natürlich ebenfalls krank. Während sie jedoch 
zu Beginn der Geschichte ihre Züge bei "Virginia entlehnen 
konnte, wird sie späterhin Elizabeth immer ähnlicher. Man lese 
die Beschreibung der Eleonora: 

„Sie war groß und zart bis zur Gebrechlichkeit" (Virginia hin- 
gegen war bis zu ihrem Lebensende ein wenig beleibt), „die über- 
mäßige Zartheit ihres Körpers und auch die Farbe ihrer Wangen 
verriet auf das traurigste, an welch sdiwacäiem Faden ihr Leben 
hing. Die Lilien des Tals waren nicht schöner. Sie hatte eine 
majestätische Stirne, die Nase, die Lippen, das Kinn der griechischen 
Venus, natürlich gewellte, helle, kastanienbraune {auburn) Haare, 



Eleonora 69 

nd die großen, leuditenden Augen ihres Geschlechts. Ihre Schönheit 
crlich iener der Frauen, die nicht nur lieben, sondern audi voll 
Staunen in die "Welt blicken. Die Grazie der Bewegungen hatte 
etwas Ätherisdies an sich. Der Schritt dieser Fee ließ keine Spur 
auf den Asphodelen zurück, und wenn ich hingerissen sah, wie die 
melandiolische und fröhlidie Laune in ihr wechselten, mußte ich an- 
nehmen, daß zwei verschiedene Seelen in ihr wohnten. So entschieden 
wediselte ihre Stimmung, daß ich in einem Augenblick meinte, sie 
sei von irgendeinem Geist des Lädielns besessen, und im nächsten, 
von einem Dämon der Tränen." =" 

Wir haben nicht vergessen, daß Elizabeth Arnold Sciiau- 
spielerin war, daß sie vom Lachen ins Weinen gleiten, ihre 
Laune und sogar, wie Berenice, ihre Haarfarbe wechseln 
konnte,''^ und außerdem, daß sie mit der Anmut einer Sylphide 
tanzte. 

Aber Eleonora hatte „die Hand des Todes auf ihrer Brust 
gefühlt, sie wußte, daß sie in so vollkommener Schönheit er- 
sdiaffen worden war, nur um — gleich der Eintagsfliege — 
früh zu sterben". Sie fürchtete sich jedoch nur vor dem einzigen 
Gedanken, in dem für sie alle „Schrecken des Grabes" enthalten 
waren: daß ihr Gatte nacJi ihrem Tode das „Tal des viel- 
farbigen Grases" verlassen und „die Liebe, die jetzt ganz ihr 
gehörte, irgendeinem Mädchen der Alltagswelt da draußen 
schenken" könnte. Sie gesteht ihm eines Abends in der Däm- 
merung an den Ufern des Flusses des Schweigens ihre Angst 
ein. Er berichtet uns von dieser Szene: „Und damals und dort 
warf ich mich ohne Besinnen Eleonora zu Füßen und tat ihr 
und dem Himmel den Schwur, daß ich mich niemals mit einer 

16) V. E., Bd. 4, S. 313/14. Diese Stelle der ersten Fassung des 
Gifl fehlt sowohl im Broadway Journal als auch in der Ausgabe, die 
Griswold besorgt hat. Sie ist daher weder in der französischen 
Übersetzung von Baudelaire, der Griswold oder dem Broadway 
Journal folgt, noch in der von uns zitierten deutschen Ausgabe des 
Propyläenverlags enthalten. 

27) Siehe S. 1 5 ff. 



7° Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Tochter der "Welt in Ehe verbinden — daß ich niemals ihrem 
geliebten Andenken, dem Andenken der innigen Zuneigung, 
mit der sie mich segnete, untreu werden wollte. Und idi rief 
den allmächtigen Herrn des Weltalls zum Zeugen an für 
meines Schwurs aufriditigen Ernst. Und der Fludi, den idi von 
ihm und von ihr, der Heiligen im Paradiese, für den Fall 
meines Treubruchs auf mich herabrief, schloß eine so entsetz- 
liche Strafe in sich, daß idi hier nicht davon sprechen kann." 
Den gleichen Schwur hatte der kleine Edgar, ohne es zu 
wissen, am Krankenlager seiner geliebten und sterbenden- 
Mutter abgelegt und er mußte ihn sein ganzes Leben hindurch 
halten, selbst dann, als er ihn doch zu brechen versuchte. Nie 
hat er eine Sinnenehe mit irgendeiner „Tochter der Welt" ge- 
schlossen, auch dann nidit, als er seiner kleinen „Sdiwester" 
Virginia seinen Namen gab. 

Eleonora stirbt nadi dem Vorbild Elizabeths in der Jugend 
an Sdiwlndsucht, — und verspricht ihrem treuen Gemahl, nach 
ihrem Tode über ihn zu wachen und ihm „häufig Zeichen ihrer 
Gegenwart" zukommen zu lassen. 

Nun ziehen die Jahre langsam dahin. Der Witwer wohnt 
weiter in dem Tal des vielfarbigen Grases. „Aber wiederum 
hat eine Veränderung alle Dinge befallen." Das Tal, das 
dodi nur eine Verkörperung, eine Doublette seiner Frau 
ist, hat wie sie selbst die verwelkten Farben des Todes an- 
genommen. „Die sternförmigen Blüten krochen zurück in die 
Stämme der Bäume . . ., das tiefe Grün des Rasenteppichs ver- 
blaßte, die rubinroten Asphodelen welkten hin, eine nach der 
andern, und an ihren Orten brachen dunkle, blauäugige Veil- 
chen auf . . . und das Leben entschwand von unseren alten 
Pfaden." Die Vögel fliegen fort, die Gold- und Silberfische 
schwimmen davon und der Fluß fließt wieder „in seinem ein- 
stigen, feierlicii düstern Schweigen dahin ..." 

„Jedoch was Eleonora versprochen hatte, erfüllte sich." Sie 



Eleonora yi 

l offenbart sich ihrem Gatten immer wieder, in einem Luftzug, 
1 einem Duft, einem Seufzer, einem Murmeln. Trotzdem ist aber 
•die Leere seines Herzens nicht ausgefüllt; ein ungestillter 
k Durst nach Liebe ist in ihm. Und der Gatte der Eleonora ver- 
\ läßt schließlich das Tal, um die Welt aufzusuchen. 

In einer fremden Stadt bleibt er trotz tausend Versuchungen 
[anfangs seinem Schwur treu. Plötzlich aber hören die Zeichen 
gänzlich auf, durch die Eleonora, die ihm bis hieher gefolgt ist, 
ihre Gegenwart hat fühlen lassen. Denn 

„an dem Hof des Königs, dem idi diente, kam aus irgendeinem 
fernen, fernen, unbekannten Lande ein Mädchen, von dessen Schön- 
heit mein ganzes ruchloses Herz entflammt und hingerissen war . . . 
Ich sah in die blauen Tiefen ihrer ausdrucksvollen Augen und 
dachte nur an ihren Blidc und an sie. Oh, wie anbetenswert war 
- Lady Ermengard, und diese Erkenntnis ließ keine andere neben ihr 
aufkommen! Und wie herrlich waren die Wellen ihres hellen, 
kastanienbraunen (auburn) Haargeflechts. Übermannt von Freude 
drüdite ich sie an meine Brust. Und ich war von der feenhafl:en 
Anmut ihres Schrittes hingerissen — eine wilde Leidensdiafl: stedcte 
in der Liebe, die ich für sie hegte, und idi bemerkte, daß audi sie 
vom Lachen ins Weinen gleiten konnte, wie meine seit so langer 
Zeit verlorene Eleonora . . .^* 

Idi vermählte midi mit ihr; — und fürditete nicht den Fludi, den 
ich auf mich herabgeschworen hatte, und seine Schrecken suchten mich 
nicht heim." Im Gegenteil, „ein einziges Mal kam durch das 
Schweigen der Nadit das süße Seufzen wieder zu mir, und es formte 
sich zu einer wohlbekannten, inbrünstigen Stimme: ,SdiIafe in 
Frieden! denn der Geist der Liebe lebt und herrscht. "Wenn du 
glühenden Herzens Ermengard umarmst, bist du — aus Gründen, 
die dereinst im Himmel offenbar werden sollen — deines Gelübdes 
an Eleonora entbunden.'" 

Man sieht, daß Eleonora in Ermengard wieder lebendig ge- 
worden ist. Diese Geschichte ist ganz wie der Roman She von 
Rider Haggard die Geschichte einer „Übertragung", und dies 
trotzdem Ermengard zuerst in der Fassung des Gift als eine 

li) V.E., Bd. 4, S. 315. 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



l'li« 



Blondine (fair-haired) beschrieben wird, wobei sie wie Rowena 
die Haarfarbe der Untreue trägt, und wie diese blaue Augen 
hat. In der andern, von Poe später gestrichenen Stelle (die 
wir aber zitiert haben) ist die Farbe der Haare auhurn wie die 
der Eleonora selbst. Das Sdiwarz der Ligeia und das Blond 
der Rowena werden einander angeglichen. Eleonora und 
Ermengard sind einander einen Schritt nähergekommen, um 
sdiließlich beide auhurn zu werden, hellkastanienbraun. Beide 
Frauen sind schlank, sie haben die gleichen Haare, das gleiche 
Lächeln, das mit Weinen wediselt, und sogar die gleidie einzige 
Seele. 

Baudelaire, der nicht Psychoanalytiker war, konnte natür- 
lich nicht wissen, daß die Frau, der Poe ursprünglich treu 
bleiben wollte, seine Mutter gewesen ist, die er im Alter von 
drei Jahren verloren hatte; er schrieb daher in einer ab- 
schließenden Notiz zu seiner Obersetzung der Eleonora, 
diese Geschichte spiegle vermutlich die Bedenken wieder, die 
Poe hatte, als er seine Frau Virginia durch Frau "Whitman 
ersetzen wollte. „Ich will dem Lichtschein", sagt er, „der 
manchmal die Begeisterung der Biographen hervorruft, nicht 
zuviel Bedeutung zumessen. Ich glaube aber, daß die Beob- 
achtung von Nutzen ist, Poe habe die einzige Tochter der 
Schwester seiner Mutter^» geheiratet, und nach dem Tode seiner 
von ihm sehr geliebten Frau einige Zeit hindurch daran 
gedacht, sich wieder zu verheiraten. Gar mancher Schriftsteller 
hat viele Liebschaften hindurch stets nur das Bild einer einzigen 
Frau verfolgt. Die Annahme einer in verschiedenen Körpern 
hausenden immer gleichen Seele kann man für das Plädoyer 
eines Gewissens halten, das fürchtet, einer geliebten Er- 
innerung untreu zu werden. Diese Hypothese wird außerdem 
durch die Tatsache gestützt, daß die Absicht, eine neue Ehe 



29) Ein interessanter und bezeichnender Irrtum Baudelaires. 




Eleonora 73 

zu schließen, die knapp vor ihrer Erfüllung stand, jäh auf- 
eeseben wurde. Selbst unter der Voraussetzung, daß die 
P 1 e o n o r a (ich weiß nicht, wann diese Arbeit entstanden ist) 
vor dieser neuen Heiratsabsicht abgefaßt wurde, behält 
meine Beobachtung einen beträchtlicJien moralischen Wert. 
In diesem Fall kann angenommen werden, der Dichter habe 
zuerst geglaubt, durch seine Lieblingstheorie zu seinem Betragen 
autorisiert zu sein, dann aber hat er eingesehen, diese Theorie 
«renüge nicht, seine Skrupel zu beruhigen." 

Tatsächlich wurde die E 1 e o n o r a lange vor dem Heirats- 
plan mit Frau Whitman ausgearbeitet, ja selbst vor der ersten 
großen Untreue des Dichters, vor seiner Neigung zu Frau 
Osgood. Baudelaire hat aber doch recht: seine Beobachtung 
hat trotzdem beträchtlichen moralischen Wert; — wobei er 
allerdings Poe zuviel Überlegung bei dem Für und "Wider seiner 
Gewissenbisse zuschreibt. Denn Eleonora behandelt das 
Thema der Untreue ganz im allgemeinen. Eleonora weist 
nämlich sowohl die Züge Virginias als auch die Elizabeths auf; 
Ermengard stellt daher die Untreue gegen diese beiden 
Frauen dar. Sie ist Virginia, wenn Eleonora Elizabeth ist; ist 
aber Eleonora Virginia, dann vergegenwärtigt Ermengard die 
„Dame aus Saratoga" und alle jene uns unbekannten Ver- 
suchungen, die in ihm hausten und ihm später in der Gestalt 
der Frances Osgood oder der Helen Whitman entgegentraten. 
Wie alle Träume der Menschen, enthält auch die Geschichte 
Eleonöras eine Chronik der Vergangenheit und zugleich eine 
Art Prophetie der Zukunfl:, weil sie den Charakter und die 
Begierde offenbart, die das künftige Leben des Träumers be- 
dingen. Und wie alle Träume wird auch dieser durdi einen 
aktuellen Anlaß ausgelöst, wahrscheinlich durch die Hämoptoe 
der Virginia oder zumindest durch das fühlbare Nachlassen 
ihrer Gesundheit, das ihren Gatten daran erinnert, der Tag sei 
vielleicht nahe, wo der Platz Virginias so verlassen sein werde, 



74 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



wie früher einmal der Platz einer geliebten Mutter neben einem 
Kinde frei geworden ist. Dann wird die Leere des Herzens wie 
bei dem Waisenkinde in Ridimond, wie bei dem Witwer im 
„Tal des vielfarbigen Grases" von der Sehnsucht befallen, 
wieder „voll" zu werden, die Liebe von neuem heiß herbei- 
gesehnt, der Konflikt zwischen der Treue für eine teure Er- 
innerung und der Liebe zu einem neuen Wesen, in dem von 
neuem, jedoch in einem andern Körper, die ewiggleiche Seele 
herrscht, wieder aufbredien. Aber im Leben glückt es nicht so 
leicht wie in der Gesdiichte der E 1 e o n o r a, dieser Wunsch- 
und Versöhnungsphantasie par excellence, den Konflikt zu be- 
friedigen. 



DAS OVALE POETRÄT 

Das ovale Porträt'" wurde ebenfalls im Jahre 1 842 
veröfFentlidit und wahrsdieinlidi unter dem Eindruck der 
immer verheerender um sidi greifenden Krankheit Virginias 

geschrieben. 

Der Held dieser Geschidite ist abermals ein Opiumsüciitiger. 
Aber Poe hat hier, wie schon in der Berenice, in der 
letzten Fassung (Broadway Journal) des Ovalen Por- 
träts jede Anspielung auf das Opium gestrichen. ^^ Verbirgt 
sidi hinter einem solchen Vorgehen, hinter dieser stets wech- 
selnden Haltung für oder gegen die Droge die Ambivalenz des 
Dichters gegenüber dem Opium? Auffallend ist, daß der Held 
der Gesdiidite, welcher auf einer Reise von Räubern angefallen 
wird, sich in ein verlassenes Schloß in den Apenninen flüchtet 
und dort die Tür einrennt — ganz so wie Ethelred beim 
Eremiten in Mad Trist. Hier wird er die Beute des Fiebers 
und der Schlaflosigkeit und versdilingt ein großes Stüdi 
Opium. 

Und nun taudien die Phantasmagorien auf, die Poe so 
genau kannte. Das Zimmer mit den zahlreichen Winkeln, 
in dem ' der Held in einem abseitsgelegenen Turm des 
Schlosses schläft:, besitzt Wände, die „mit Teppidien be- 

30) The Oval Portrait {Graham' s Magazine, April 1842; Broad- 
way Journal, I, 17). In der ersten Fassung (Graham's Magazine) 
hieß diese Erzählung Life in Death (Das Leben im Tode). 

31) Sowohl Baudelaire als auch Griswold sind der letzten 
Fassung gefolgt. Es ist daher anzunehmen, daß Baudelaire nach 
Griswolds Ausgabe übersetzt und somit die erste Fassung nicht 
gekannt hat. Der Dichter der Paradis Artificiels hätte sonst die 
Stellen, an denen vom Opium die Rede ist, sidier nidit ausgelassen. 



7^ Die Gesdoidnen: Der Zyklus Mutter 



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hangen und mit zahlreichen und mannigfaltigen kriegerischen 
Trophäen sowie mit einer großen Reihe lebensvoller Gemälde 
in reichornamentierten Rahmen überladen" sind. Der Held, 
bei dem das Opium zu wirken beginnt, betrachtet diese Ge- 
mälde mit tiefem Interesse und beginnt gierig in einem 
kleinen Band zu lesen, den er auf dem Kissen vorgefunden 
hat und der „eine Beschreibung und Würdigung" der Bilder 
enthält. 

Plötzlidi stellt er den Kandelaber auf einen andern Platz 
neben dem Bett. Das Licht fällt nun in eine Ecke, in der „das 
Porträt eines jungen, zum Weibe reifenden Mädchens" zu sehen 
ist. Es zeigt „nur Kopf und Schultern. Die Arme, der Busen 
und das strahlende Haar verschmolzen unmerklich mit den 
unbestimmten, dodi tiefen Schatten, die den Hintergrund des 
Ganzen bildeten." Der Rahmen ist oval, ganz wie der des 
Medaillons der Elizabeth Arnold. Der faszinierte und zu 
gleicher Zeit erschreckte Held betrachtet das Porträt. „Endlidi, 
als idi das wahre Geheimnis seiner seltsamen Wirkung ge- 
funden zu haben meinte, sank ich in das Kissen zurüde. Der 
Zauber dieses eigenartigen Bildes sdiien mir in einer ab- 
soluten Lebensechtheit des Ausdrucks zu liegen." Das war Leben 
in der Malerei, in einer toten Frau; das war wieder einmal 
jenes Leben im Tod, an dem alle Heldinnen Poes teil- 
haben. Daher hieß auch das ovale Porträt, in dem das 
ovale Medaillon Elizabeth Arnolds wieder siditbar wurde, 
nicht ohne Grund zuerst Das Leben im Tod {Life in 
Death). 

Der Held stellt dann den Kandelaber wieder an seinen Platz 
zurüdk und liest in dem Buch nach, was über das Bild steht. 
Und er findet dort folgende unfaßbare und seltsame Worte: 

„Sie war ein Mäddien von seltenster Sdiönheit und ebenso heiter 
und lebensdurstig wie liebreizend. Und übel war die Stunde, da 
sie den Maler sah und liebte — den sie heiratete. Er: leidensdiaft- 



Das ovale Porträt 



77 



lieh, gelehrt, 
zugetan; sie: 



ernst und finster, seiner Kunst wie einer Geliebten 
ein Mäddien . . . liebte . . . alle Dinge, liebkoste alle 
Dinge und haßte nur die Kunst, ihre Rivalin . . . Sdirecklidi war 
es für sie, als der Maler den Wunsch aussprach, sogar sie, sein 
junges Weib, porträtieren zu wollen. Aber sie war demütig und 
gehorsam und saß geduldig viele Wochen lange im hohen dunkeln 
Turmzimmer, in das nur von oben her ein bleiches Lidit herein- 
krodi. Er, der Maler, trank Seligkeit aus seinem Werk . . . und 
er wollte nicht sehen, daß der gespenstische Lichtsdiein in dem 
alten einsamen Turm Gesundheit und Lebenswillen seiner jungen Frau 
aufzehrte. Sie siechte hin, doch sie lächelte noch immer . . . Aber 
sdiließlich, als die Arbeit ihrer Vollendung näherrückte, wurde 
niemand mehr im Turmzimmer vorgelassen; denn der Maler war 
fast toll vor brünstigem Arbeitseifer und wandte nur selten die 
Augen ab von der Leinwand und sah selbst seinem Weib nur selten 
ins Antlitz. Und er w o 1 1 1 e nicht sehen, daß die glühenden Farben, 
die er auf die Leinwand strich, den Wangen der Geliebten, die 
neben ihm saß, entzogen wurden. Und als viele Wochen ver- 
gangen waren und nur noch wenig zu tun übrig blieb, nur nodi ein 
Pinselstrich am Mund, ein Glanzlicht am Auge, da flackerte das 
Lebensverlangen des jungen Weibes noch einmal auf, wie die Flamme 
in der erlöschenden Lampe noch einmal aufflackert. Und dann war 
der Pinselstridi gemacht und das Glanzlicht angebracht, und einen 
Augenblick stand der Maler entzückt vor dem Werk, das er ge- 
schaffen hatte. Im nächsten Augenblick aber begann er zu zittern 
und erbleichte und rang nach Atem, und ohne den Blick von seinem 
Werk abzuwenden, schrie er laut auf: .Wahrlich, das ist das 
lebendige Leben selber!' Und er wandte sich um, seine Geliebte 
anzusehen; — sie war tot." 



Es ist niclit scJiwer, in dem genialen, wahnsinnigen und auf 
seme Art sadistischen Künstler von neuem Poe zu erkennen. 
Die Gesciiidite des Malers mit seinem Modell ist niciits anderes 
als eine nadi symbolischem Sciiema durchgeführte Trans- 
ponierung der Geschichte des Künstlers Poe und seiner Kunst. 
Das Ovale Porträt nimmt mit Hilfe eines Medaillons 
im Werk Poes den gleichen Platz ein wie die Freske der 
Meistersinger im Werk Wagners. 




it':'.i 



78 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Denn was gesteht uns das Ovale Porträt? Um diese 
makabren Meisterwerke schaffen zu können, in denen die 
Berenicen, Madelinen, Ligeias lächeln und erblassen, mußten die 
Farben des Lebens den "Wangen einer Sterbenden „e n t- 
zogen" werden: damit Edgar zu dem Künstler wurde, als 
den wir ihn kennen, mußte eine Frau sterben. In dieser Ge- 
schichte vermengt sich das Triumphgesdirei des Künstlers mit 
einem Klagelaut, welcher von den Gewissensbissen eines 
Menschen kommt, der sidi am Tod einer Frau schuldig fühlt 
— so unheimlidi froh werden konnte er durch ihren Unter- 
gang, so großen Nutzen aus ihm ziehen, so sehr hatte er in- 
folgedessen ihren Tod gewünscht. 

"Während Poe das Ovale Porträt schrieb, starb tat- 
sächlich eine Frau neben ihm, eine Frau, die den Erzählungen- 
Gemälden als Modell diente. Dieses Modell brauchte er, und 
dies ist eine der wesentlichen Ursachen, warum die kleine, der 
Schwindsudit geweihte Virginia zur Gefährtin gewählt wurde. 
Das gegenwärtige Modell zeigte sidb ihm genau in den Posen, 
die er für seine Arbeit nötig hatte. Aber so wie bei einem 
Maler, der eine lebende Frau für eine "Venus oder die Jungfrau 
Maria stehen läßt, das Idealmodell in einer Imago zu finden ist, 
welche in der Vergangenheit seines eigenen Lebens ruht, 
ebenso reproduzierte auch Poe, wenn er in seinen Geschichten 
die Stellungen seiner sterbenden Virginia malte, die bedeutende 
Gestalt der durch sie hindurchschauenden Mutter-Imago. Er 
hat Virginia als Modell gewählt, weil sie durcii ihren jugend- 
lichen und hinsterbenden Körper Elizabeth ähnlich war, ganz 
so wie ein Maler zu einer Venus nur eine Frau mit schönen 
Formen wählen würde. Und da eine Frau sterben mußte, als 
er klein war, damit er „Edgar Poe" wurde, mußte er später 
eine langsam Dahinsterbende als Modell für seine Bilder 



w; 



ählen. 



DAS STELLDICHEIN 

Unter allen unheimlichen Gestalten Poes, deren Züge wir 
bisher studiert haben, realisiert Usher allein — aber nadi 
welchem Modus der Wiedervergeltung und des Schreckens! — 
die Phantasie der Vereinigung mit der Geliebten im Tode. 
Dieses Thema war jedoch eines der Fundamentalthemen im 
nekrophilen Unbewußten Poes. Es klingt daher in der A n- 
n a b e 1 Lee auf und audi in den Stanzen Für A n n i e, 
es ist das Thema der länglichen Kiste, wo es aber 
zu deutlich auftaucht, als daß wir es analysieren müßten. Es 
ist auch das Thema des Stelldicheins. 

Das Stelldichei n,^^ zuerst hieß es Der Geister- 
seher, gehört wie die B e r e n i c e, die M o r e 1 1 a zu den 
Geschichten des Folio Clubs, infolgedessen zu den 
ersten Prosaerzählungen des Dichters. Es wurde gewiß in der 
armseligen Behausung bei Frau Clemm geschrieben, wo Poe bei 
Ruhe und Brc)t von seiner kleinen Cousine Virginia zur Arbeit 
angeregt worden war. 

Das Stelldichein ist ganz in einem romantischen 
und schwülstigen Stil geschrieben. „Unglücklicher, geheimnis- 
voller Mann!" ruft Poe schon in der ersten Zeile aus, „der du, 
in deiner eigenen Phantasie verstrickt, hinstürztest in den 
Flammen deiner eigenen Jugend! Im Geiste sehe idi didi 
wieder einmal, noch einmal steigst du vor mir auf. Nidit, 

32) The Assignation. Zuerst unter dem Titel The Vlsionary (Der 
Geisterseher) im Southern Literary Messenger, Juli 1835, er- 
schienen, dann 1840, schließlidi im Broadway Journal, i, 23, unter 
dem jetzigen Titel. Die Zitate wurden übersetzt nadi dem Text des 
Broadway Journal, V. E., Bd. 2. 



fe^ 



8o Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

o nicht so, wie du jetzt bist — im kalten Tal ein stummer 
Schatten — , sondern so, wie du sein könntest: ein 
Leben köstlicher Träumereien verschwendend in jener Stadt 
der blassen Traumgedichte, in deinem Venedig . . ." So hält 
sidi der sehr reiche Held dieser Geschidite, der sich später als 
Engländer vorstellen wird, ohne weiteres a la Byron in dem 
gleichen Rahmen auf, in dem Childe Harold seine Guic- 
cioli traf. 

Dann entschließt sich der Erzähler, uns von dem Drama zu 
beriditen, das er miterleben durfte: 

„Die Nadit war ungewöhnlidi finster . , . Idi kehrte auf deni 
Großen Kanal von der Piazzetta heim. Als aber meine Gondel 
gerade bei der Mündung des San-Marco-Kanals angekommen war, 
gellte aus einem dunklen Sdilund eine weiblidie Stimme in einem 
einzigen wilden, langgezogenen Schrei . . ." 

Der ersdirockene Gondoliere verliert sein einziges Ruder, die 
Gondel treibt langsam der Seufzerbrücke zu, 

„als tausend FaAeln an den Penstern und am Treppenhaus 
des Dogenpalastes aufflammten und mit einem Male die tiefe Nadit 
in einen bleidien unnatürlichen Tag verwandelten. Ein Kind war 
aus den Armen seiner Mutter von einem der oberen Fenster des 
hohen Bauwerks in den tiefen, dunklen Kanal gestürzt. Die stillen 
Wasser hatten sidi lautlos über ihrem Opfer gesdilossen." 

Schwimmer versudien das Kind zu retten; da steht eine 
strahlende Erscheinung auf den Treppen des Palastes. 

„Es war die Mardiesa Aphrodite, die Angebetete von ganz 
Venedig — die Strahlendste der Strahlenden — von allen Sdiön- 
heiten die lieblichste." 

Aber gleidizeitig audi die junge Frau des alten und intri- 
ganten Mentoni und Mutter jenes Kindes, das ihr erstes und 
einziges war. 

„Sie stand allein. Ihr schmaler, nadtter, silberglänzender Fuß 
schimmerte auf dem schwarzen Marmor. Ihr Haar, das sie zur 



Das Stelldichein 8i 

Tsl At erst halb gelöst, umsdimiegte inmitten einer Flut von 
D'amanten ihr klassisch schönes Haupt in Locken, gleich denen des 
Hyazinth. Ein schneeweißes sciileierfeines Gewand sdiien fast 
j. einzige Umhüllung des zarten Körpers; doch die Mittsommer- 
nd Mittnachtluft war heiß, dumpf und schwül und keine Bewegung 
A t statuenartig reglosen Gestalt verschob die Falten des nebel- 
leichten Gewandes, das sie umhing, wie der sdiwere Marmor die 
Niobe umhängt. Doch — seltsam, ihre großen glänzenden Augen 
blidcten nicht hinunter auf das Grab, das ihre strahlendste Hoff- 
nung barg — , sondern glühten in eine ganz andere Richtung! Das 
Gefängnis der alten Republik ist, wie ich glaube, der stattlichste 
Bau in "anz Venedig. Aber wie konnte jene Dame es so starr 
betrachten, wenn ihr zu Füßen ihr eigenes Kind im Todeskampfe 
lag? Und i*"^ dunkle Nische — die gerade in das Fenster jenes 
Zimmers hinübergähnt — , was konnte in ihrem Schatten, in ihrer 
Architektur . . . sein, das die Mardiesa di Mentoni nicht tausend- 
mal vorher schon bewundert hätte?" 

Der Marchese, der einige Stufen höher als seine Frau im 
Galakostiim auf der Treppe steht, glidi einem Satir, wie Poe 
sagt, klimpert auf der Gitarre, während er mit höchlichst 
ennuyierter^^ Miene die Befehle zur Rettung seines Kindes gibt. 

Aber alle Anstrengungen sind vergebens; die Schwimmer 
kommen ersciiöpft zurück. 

„Doch aus dem Dunkel jener Nische, von der idi schon sagte, 
daß sie sich am Gefängnis der alten Republik befand, . . . trat 
jetzt eine in einen Mantel gehüllte Gestalt ins Licht; einen Augen- 
blidi stand sie droben an der Schwelle des schwindelnden Abgrunds, 
dann stürzte sie sich kopfüber in den Kanal. Als der Retter gleidi 
darauf mit dem nodi lebenden, noch atmenden Kind in den Armen 
auf den Marmorfliesen neben der Marchesa stand, löste sich sein 
nasser, schwerer Mantel und fiel zu seinen Füßen nieder und ent- 
hüllte den erstaunten Zuschauern die anmutige Gestalt eines jungen 
Mannes, dessen Name damals in ganz Europa widerhallte." 

Wieder erinnert unser junger Held an Byron, dessen Name 
europäischen Klang hatte, der durch seine Heldentaten als 

33) Französisch im englischen Text {ennuye). 

Bonaparte: Edgar Poe. II. 6 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Schwimmer berühmt war. Und beim Taudien legte er nicht 
einmal seine Cape ä l'espagnole ab! 

„Kein "Wort sprach der Retter." Der hartherzige Marchese 
läßt sofort das Kind wegtragen. Die Mardiesa beginnt zu 
zittern. Tränen steigen in ihre Augen, „in jene Augen, die so 
milde und fast flüssig waren", sie errötet vom Kopf bis zu 
den Füßen. Ihre Hand zittert krampfhaft, diese Hand, „die, 
als Mentoni in den Palast zurückkehrte, . . . auf die Hand des 
Fremden sank". Mit seltsam leiser Stimme sagt sie ihm Lebe- 
wohl und flüstert sie ihm die rätselhaften Worte zu: „Du hast 
gesiegt — eine Stunde nach Sonnenaufgang — werden wir 
uns treffen — so laß es sein!" Man könnte nun denken, es 
handle sich um ein Rendezvous von Liebenden. 

Der Fremde steigt in die Gondel des Erzählers und fährt 
mit ihm bis vor sein Haus. Bei dieser Gelegenheit wird uns 
der Fremde beschrieben: 

„An Körpergröße stand er eher unter als über dem Mittelmaß, 
obgleich es Augenblüe der Leidensdiaft gab, in denen seine Gestalt 
hoch aufwuchs und meine Feststellung Lügen strafte. Die schlanke 
Ebenmäßigkeit seines Körpers deutete mehr auf jenes schnellbereite 
Handeln, wie er es an der Seufzerbrücke bewiesen, als auf seine 
herkulische Kraft, von der man wul?te, daß er sie bei gefährlicheren 
Gelegenheiten gezeigt hatte. Er hatte den schönen Mund und das 
Kinn eines Gottes — seltsam feurige, tiefe, feudite Augen, deren 
Glanz von reinstem Haselnußbraun bis zum strahlenden Sdiwarz 
schwankte — , und eine Fülle schwarzen Lodcenhaars, aus der eine 
ungewöhnlich breite Stirn wie lauter Licht und Elfenbein hervor- 
strahlte. Seine Gesichtszüge waren so klassisch ebenmäßig, wie idi 
sie nur allein im Marmoranditz des Kaisers Commodus gefunden 
habe." 

Auch dieser genaue Bericht dementiert nicht die Byronsche 
Haltung des Fremden; zu dem Mund, dem Kinn Byrons und 
seinen klassischen Zügen kommen die „seltsamen" Augen und 
die „ungewöhnlidi breite Stirn" hinzu, die Edgar Poe hatte. 



Das Stelldichein 



83 



Beide waren Sportler, glänzende Schwimmer und hatten ge- 
lockte Haare. Der Fremde vereinigt so in sich die Züge des 
Ichs" und des „Ich-Ideals" Edgar Poes, der in der Zeit der 
Geschichten des Folio Clubs nodi unter dem 
atmosphärischen Einfluß des Halbgottes Byron stand. Es ist 
bei dieser Gelegenheit vielleidit der Hinweis von Interesse, 
daß der Maler Thomas Sully, der Onkel eines jungen Kame- 
raden Edgars, als dieser fünfzehn Jahre alt war, eine Zeit 
später Poe, der sdion im Beginn seines Ruhmes stand, in der 
Haltung eines der Bilder Byrons gemalt hat,''* was das Modell 
gewiß freuen mußte. 

Aber während Lord Byron erst dann mit der Dame seiner 
Träume in die andere Welt geflüchtet wäre, nachdem er sie 
f besessen hatte, „liebt" der Fremde Poes auf andere Weise. 
Zuerst einmal gibt er sich mit dem Erzähler, der nur als 
gelegentlicher Freund gekennzeichnet ist, ein Rendezvous in 
[seinem eigenen Palast, für den nächsten Tag und zu zeitlidier 
' Morgenstunde. Dieser Freund sucht ihn „kurz nadi Sonnen- 
aufgang" auf, es sdiwindelt ihn vor der unvergleidilidien 
Pracht der Gemächer, in die er eintritt. Es scheint ihm un- 
denkbar, „daß die Schätze irgendeines Menschen in Europa 
hingereidit haben könnten, um diese fürstliche Pracht zu ent- 
falten, die ringsumher glühte und flammte". Er kommt in 
Räume, die von Lampen erhellt sind, und in denen es Räudier- 
pfannen' gibt und sdiarlachrote Fenstersdieiben, in Räume, 
die mit Teppichen überladen, mit Silber- und Goldtapeten 
verkleidet sind, und in denen sich die auserwähltesten Kunst- 
werke aller Zeiten befinden, Zimmer, durch welche geheimnis- 
volle Düfl:e und Melodien ziehen. Der Fremde — dessen Ant- 
litz verrät, daß er nicht geschlafen hat — empfängt den 



34) Israfel, S. 98. Hervey Allen behauptet sogar, er wisse, wo 
sich diese Miniatur befinde, ohne jedodi den Ort angeben zu können. 

6» 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Besucher, indem er sidi, wahrlich mit viel Takt, über das 
Erstaunen belustigt, das dieser vor solcher Pracht nicht unter- 
drücken kann. Er teilt ihm auch mit, daß mit Ausnahme einer 
einzigen Person und seines Dieners noch kein anderes mensch- 
liches Wesen als der Freund die Schwelle dieses kaiserlichen 
Gemaches überschritten habe. Die beiden Männer spredien nun 
begeistert über die Kunst und das Leben; im Lauf des Ge- 
sprädbs verliert sich der Fremde plötzlich in Träumereien. 
Während einer solchen Gesprächspause entdeckt der Besudier 
auf dem Diwan ein Exemplar des Orfeo von Politien. Er 
öffnet das Buch und findet eine mit Bleistift angestrichene 
Stelle, „es war eine Stelle voll herzbewegender Gewalt — 
eine Stelle so voll tiefer Wollust, daß kein Mann sie lesen 
konnte ohne einen Schauer unerhörter Erregung, kein Weib 
ohne einen Seufzer. Die ganze Seite war mit frisdien Tränen 
getränkt . . ." und darunter steht in einer Schrift, die der 
Besucher beinahe nicht als die seines Freundes erkennt, fol- 
gendes Gedicht: 

„Du warst für midi all dieses, Lieb, 
Was Seele füllte und Sein,* 
Warst Inselgrün im Meere, Lieb, 
Springbrunn' und Altarstein 
Voll Frucht und Blumenwunder, Lieb, 
Und all das Blühen war mein! 

O Traum, dem Sterben kam! 

O Sternenhoffen, dessen Lidit 

Sturmwolke mir benahm! 

Ein Rufen aus der Zukunft spridit: 

, Voran! Voran!' — Doch Gram 

Um das, was war, nimmt Zuversidbit, 

Madit müd und flügellahm. 

Denn weh! des Lebens warmer Glanz 
Erstrahlt für midi nidit mehr! 
Die Woge raunt im Brandungstanz 



Das Stelldichein 



Zum Strand: nie mehr — nie mehr 
Wird wundgeschoßne Schwinge ganz, 
Dürr bleibt der Baum und leer, 
Dem jäh ein Blitz zerschlug den Kranz. 

Und Tag ist Traum, der zu dir wacht. 
Und Nacht ist Traum und leitet 
Hin, wo dein dunkles Auge ladit 
Und wo dein Fuß hinschreitet, 
Der in ätherischen Tänzen sacht — 
Auf italienisdien Flüssen gleitet? 

O schwarzer Tag — o Wogenbrand, 

Der dich von mir gerissen. 

Von Liebe fort zu greisem Stand 

Auf ein unheilig Kissen, 

Von Weiden fort am Nebelstrand, 

Die um dich weinen müssen!"'^ 

Diese in reinstem Englisch niedergeschriebenen Verse be- 
stärken den Erzähler in seiner Meinung, die sich bisher nur 
auf Gerüchte stützen konnte, nämlich daß der Fremde ein 
Engländer sei: „nicht nur der Geburt, sondern auch der Er- 
ziehung nadi." 

Der Fremde enthüllt nun vor dem geblendeten Blick seines 
Besudiers ein lebensgroßes Porträt der Marchesa Aphrodite, 
ein ätherisches, lächelndes und zu gleicher Zeit melandiolisches 
Antlitz, und er zeigt mit dem Finger auf eine Vase von eigen- 
artiger Form. „Dort droben", fällt dem Besucher ein klassisches 
Zitat eiri, er wendet sich dem Fremden zu und sieht ihn an, 
„dort droben steht er wie ein römisch Standbild — und wird 
dort stehen, bis Tod ihn marmorn macht." 

„, Kommen Sie', sagte der Fremde endlich und trat an einen 
kostbaren emaillierten Tisch aus massivem Silber, auf dem ein paar 

35) In den Gedichtausgaben: To one in Paradise. Die „eternal 
streams" (ewiges Strömen) der vierten Strophe der Gedicitausgabe 
sind, entsprechend der Fassung, die in die Erzählung eingeschoben ist, 
durch „Italian streams" (italienische Flüsse) ersetzt. 



86 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Trinkbecher von seltsamer Farbe neben zwei etruskischen Vasen 
standen, die dieselbe eigenartige Form hatten wie jene im Vorder- 
grund des Porträts — und, wie idi annahm, mit Johannisberger 
gefüllt waren. ,Kommen Sie', sagte er herb, .lassen Sie uns trinken. 
Es ist früh — doch lassen Sie uns trinken! — es ist tatsächlich früh', 
fuhr er versonnen fort, als ein Engel mit schwerem goldenen Hammer 
dröhnend die erste Stunde nach Sonnenaufgang kündete. ,Es ist tat- 
sächlich früh — doch was tut's? Trinken wir! Bringen wir der großen 
feierlichen Sonne, die diese bunten Lampen- und Räucherbecken so 
gerne überstrahlen möchte, ein Opfer dar!' Und als er mit mir an- 
gestoßen hatte, goß er rasch mehrere Becher Wein hinunter." 

Dann setzt er das Gespräch über die Kunst fort, und. 
schließlich sagt er: „Gleich den Arabesken an diesen Räucher- 
becken windet sich meine Seele im Feuer und die Trunkenheit 
der ganzen Szenerie macht mich reif für die wilderen Visionen 
jenes Landes der wahren Träume, in das ich jetzt enteile." 
Nach einigen Minuten innerer Sammlung, während deren er 
auf irgendeinen Ton zu lauschen scheint, den nur er hören 
kann, ruft er mit dem Blick zum Himmel, wie wenn er ein 
letztes "Wort zitieren würde, aus: 

„Erwarte mich, ich werde zu dir finden 
Auch in des Schattentales finstern Gründen." 

„Im nächsten Augenblick warf er sich, anscheinend vom 
Weine überwältigt, der Länge nach auf eine Ottomane." 

Zu gleicher Zeit hört man einen Schritt auf der Treppe, 
es klopft an der Tür. Ein Page der Mentoni stürzt herein 
und stammelt: „Meine Herrin, — meine Herrin — vergiftet! 
O sciiöne — o schöne Aphrodite!" 

Der Besucher läuft zur Ottomane und versucht den 
Fremden zu wecken. Der Fremde ist tot. Und nun entdeckt der 
Besucher auf dem Tisch einen Becher, der zersprungen und 
schwarz angelaufen ist. „. . . und die Erkenntnis der ganzen 
entsetzlichen "Wahrheit flammte plötzlich durch meine Seele." 



Das Stelldichein 87 

Wir haben also eine romantisdie Geschichte von Liebe und 
rift vor uns, deren Absdiluß womöglich noch sinnloser ist als 
die Lösung im Hernani von Victor Hugo. 

Hier sterben die Liebenden nicht einmal gemeinsam, sie 
finden Befriedigung an einer Art telepathischer Vereinigung 
durch das Gift. Aber während das treue Festhalten an einem 
gegebenen Versprechen den Doppelselbstmord von Doiia Sol 
und ihrem Gatten irgendwie sozusagen rechtfertigen, scheinen 
die Marchesa Aphrodite und ihr Geliebter aus freien Stücken 
den gleichzeitigen, aber auf Entfernung durchgeführten Tod als 
die vollkommenste Vereinigung ihrer Seelen gewählt zu 
haben. So sdiwer es ihnen auch gewesen sein mag, sich zu 
treffen, so eifersüchtig sidi auch der Marchese betragen, — 
Aphrodite hat ihn schon einmal, wie der Fremde eingesteht, 
in seinem Palast besucht. Und auch für ihre letzte, höchste 
Begegnung hätte sie es verstanden, dem Gatten zu entgehen. 
Poe hielt es gewiß für besonders schön, daß die beiden 
Liebenden „trotz aller Entfernung vereint" sterben. 

Wir haben bereits verstanden, daß der Fremde Poe selbst ist, 
daß er sein Ich auf den Byronton jener Zeit abgestimmt dar- 
gestellt hat. Wer ist aber die Marchesa? Welche Modelle haben 
dieser Statue ihre Züge geliehen? Ein erster Einfall sagt uns, sie 
sei die Helen des fünfzehnjährigen Poe. Aphrodite wird nämlich 
mit den gleidien Pinselstrichen gemalt wie Helen: wie Frau 
Stanard hat auch sie ein k 1 a s s i s ch e s Haupt (classic 
face bei Helen, classic head bei Aphrodite), hyazinthene 
Haare, und sie ist statuenhaft wie diese (beide sind 
statue-like). Sie ist derart schön, daß sie dadurch leblos zu sein 
sdieint und daher auf ihre Weise an den Tod erinnert.^'' 



36) In diesem Text ist audi von einer Nische (aus der der 
Retter hervorkommt) die Rede; aus einer Nische (window niche) 
leuchtet auch die Schönheit der Helen für den Dichter in den 
Stanzen an Helen: sie steht dort wie eine Statue. 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Aber Aphrodite hat nidit nur die Züge der Helen an sidi. 
In ihr sind noch andere Frauen, welche Poe liebte, verdiditet 
ganz so wie dies in den zusammengesetzten Gestalten unserer 
Träume der Fall ist. Es ist möglich, diese Züge auf ihre ver- 
schiedenen Ursprünge zurückzuführen. 

Das Gedicht, das in die Erzählung eingeschoben wurde, 
scheint dem Elmiren-Zyklus anzugehören. Nidit umsonst wird 
in der fünften Strophe des Gedichtes — das audi losgelöst 
von der Erzählung in den Gedichtausgaben abgedruckt ist — 
von einer Braut gesprochen, die dem geraubt wurde, der sie 
liebte, und von ihm fortgerissen wurde, „von Liebe fort 
zu greisem Stand auf ein unheilig Kissen". 
So hat Herr Shelton, der reiche und gesetzte Mann, Elmira 
von Poe fortgerissen, zwar nicht zu den „italienischen 
Flüssen", so dodi zu einem „unheiligen Kisse n", 
und Edgar konnte sich für den Baum halten, „dem jäh ein 
Blitz zerschlug den Kranz" und für den ge- 
troffenen Adler, der sich nie mehr erheben können wird! 

Der Marchese di Mentoni repräsentiert aber nicht nur 
Herrn Shelton; sein Alter und sein trockenes Wesen konnten 
ganz gut auch im Richter Stanard ihr Vorbild haben. Dieser 
war über vierzig Jahre alt, zwölf oder dreizehn Jahre älter 
als seine Frau," als Edgar Helen begegnete; und ein Jüngling 
von vierzehn oder fünfzehn Jahren, der in eine junge Frau 
verliebt war, konnte wohl einen Gatten für „alt" halten, 
der die Vierzig überschritten, besonders dann, wenn der junge 
Verliebte Dichter ist und der Gatte als Justizbeamter einen 
wenig romantischen Beruf ausübte. Vielleicht auch war der 
Richter Stanard tatsächlidi ein trockener Mensch, dessen 

37) Herve7 Allen {Israfel, S. 109) zitiert die Insdiriften auf ihrem 
Grabstein: danadi soll der Riditer 1781 geboren worden sein; seine 
Frau hingegen, die 1824 starb, war bei ihrem Tode einunddreißig 
Jahre alt. 



Das Stelldichein 



positiver Verstand mit dem poetisdieii Wesen seiner sdiwär- 
merisch veranlagten jungen Frau kontrastierte, die wahrsdiein- 
lidi bereits in der Zeit, in der Poe ihr seine ersten Verse vorlas, 
dem Irrsinn, der bald ausbrechen sollte, verfallen war . . . 

Was nun Allan betrifft, so war er zwar nur vier Jahre 
älter als seine Frau,^^ aber auch sein strenges und hartes Antlitz 
sdieint selbstverständlich hinter den Zügen des Marchese di 
Mentoni auf. Der Marchese trennt die Liebenden ebenso wie 
der Kaufmann Edgar von seiner „Ma" getrennt hatte; er ist 
das Hindernis zum Glück, so wie der „Vater" immer das 
Hindernis für den verliebten Sohn ist. Und der fabelhafte 
Reiditum des „Fremden", der unerhörte Luxus des Palastes 

■ sind zweifellos von der Sehnsucht beschworene Spiegelungen 
des Vermögens John Allans, das Edgar für sidi erhofft und 
verloren hatte, und das er nun in einer Reiditums- und 
Wunschphantasie seinem Byronschen Ich-Ideal zuschreibt. Aus 

I der gleichen Quelle sollte Poe audi andere Prachtphantasien 
herrlicher Wohnungen schöpfen {Philosophy of Furniture) und, 
wie wir später sehen werden, seine berühmte Geschichte von 
Dukaten und Edelsteinen, den Goldkäfer. 

Und das Kind? Warum rettet der Liebende, bevor er sich 
im Tod mit der Geliebten vereinigt, ihr Kind aus dem Wasser? 
Das ist doch ein offensichtlicher Unsinn: es wird uns eine 
Mutter vorgeführt, die aus Verzweiflung darüber, daß sie ihr 
Kind aus ihren Armen in den Kanal hat fallen lassen, wie eine 
wahre Niobe versteinert dasteht. Das Kind wird gerettet, sie 
hat keinen andern Wunsch, als es zu liebkosen, und bloß die 
harte Brutalität ihres Gatten hindert sie daran. Und nun ent- 
sdiließt sich diese Mutter, die bei dem Verlust und bei der 
Rettung des Kindes so heftig zitterte, ohne Übergang dazu, 
das Kind endgültig dem harten Vater zu überlassen, und 

38) Nadi hrafel; John Allan, geboren 1780; Frances Valentine, 
geboren 1784. 




'?..„ 



9° Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

— indem sie dadurch den Mut des Retters belohnt — mit 
diesem Retter am nächsten Tag zu sterben. 

Das wäre ganz albern, könnte man nicht durch die analyti- 
sche Wissensdiaft Licht in dieses Dunkel bringen. Wir erfahren 
durch die Analyse, daß man sich bei der Durchforschung der 
Träume der Menschen nicht beim manifesten Inhalt dieser 
Träume aufhalten darf, sondern daß man versuchen muß, 
ihren latenten Sinn zu erfassen. Glücklicherweise ist der latente 
Sinn der Rettung eines Kindes aus dem Wasser bekannt;^'' 
wir können daher auch ohne die Assoziationen des Autors 
der Gesdiichte weiterkommen. Ein Kind aus dem Wasser 
retten, bedeutet in den individuellen Träumen der Mensdien 
ebenso wie in den Mythen der gesamten Menschheit: es zur 
Welt bringen. Wenn also der Held des S t e 1 1 d i c h e i n s aus 
dem Kanal ein von Wasser triefendes Kind hervorholt und 
der Mardiesa übergibt, dann gibt er ihr, in Wirklidikeit, 
im realen biologischen Sinn ein Kind. 

Wahrscheinlich mußte sidi Poe, wegen der Hemmungen, die 
in ihm wirksam waren, im Bereich des Bewußten vorstellen, 
der Besudi, den die Marchesa in dem fürstlichen Gemach ab- 
gestattet hatte, sei über Platonisches nicht hinausgekommen. 
Er hielt ein solches Benehmen gewiß für edler als jedes andere. 
Die Stelle im Orfeo hingegen, weldie der Fremde mit Tränen 
benetzt und dadurch gleichsam unterstrichen hatte, wird als 
unrein qualifiziert. Der latente Sinn der Gesdiichte besagt also 
für das Unbewußte, daß zwischen ihnen eine fleisdiliche Ver- 
einigung tatsächlich stattgefunden habe, und daß das aus dem 
Wasser gehobene Kind das Kind der beiden Geliebten ist. Diese 
Geschichte ist daher die Phantasie von einer vollkommenen 
Vereinigung zwischen dem Fremden-Byron-Edgar und der 

39) Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden. 
Deutidie, Wien 1908. 






i 




Das Stelldichein 91 

Mardiesa-Elmira-Helen-Frances, d. h. sie ist im Grunde ge- 
oinmen eine Phantasie vom ödipusinzest zwischen Mutter 

und Sohn. 

Persönlidie Erlebnisse in der Jugend Poes hatten schon 
frühzeitig der Form vorgearbeitet, weldie diese Gesdiichte an- 
nehmen sollte. Edgar war, wie wir wissen, ein ausgezeichneter 
Schwimmer. Mit vierzehn oder fünfzehn Jahren, zur Zeit der 
Helen, war er selbst den Spuren Byrons gefolgt, und hatte eine 
Heldenleistung als Schwimmer vollbracht, auf die er sein 
ganzes Leben lang stolz sein sollte. In einem Brief an White 
im Mai 1835 berichtete er selbst darüber: „Der Schriftsteller 
scheint meine Leistung als Schwimmer mit der des Lord Byron 
zu vergleichen, obwohl zwischen beiden keine Vergleidis- 
möglidikeit besteht. Jeder Schwimmer meiner Zeit, der an 
schnelle Strömung gewöhnt war, hätte den Hellespont 
durchschwimmen können, ohne deshalb Aufsehen zu erregen. 
Idi sdiwamm an einem heißen Junitag von Ludlam's "Wharf 
bis Warwick (sechs Meilen) gegen eine der stärksten Strö- 
mungen, die je in diesem Flusse aufgetreten sind. Es wäre 
verhältnismäßig leicht gewesen, zwanzig Meilen bei ruhigem 
Wasser zu schwimmen. Ich hielte es für nichts Außergewöhn- 
lidies, wenn idi versuchen würde, den Pas de Calais zwisdien 
Dover und Calais zu durchschwimmen."*" 

Als Poe diese Heldentat durdiführte, folgte ihm sein 
Lehrer William Burke in einem Boot, und auf dem Ufer 
begleiteten ihn seine Kameraden, unter ihnen Robert H. Cabell 
und Robert C. Stanard, der Sohn seiner vielgeliebten Helen, 
welcher dann zu seinen Eltern verschwitzt und mit Schmutz 
bedeckt heimkehrte.*^ Robert Stanard war fünf Jahre jünger 
als sein Beschützer Edgar Poe, und er bewunderte ihn. 

40) Israfel, S. 105. Hervey Allen zitiert diese Zeilen nadi dem 
Southern Literary Messenger und nadi Ingram. 

41) Israfel, S. 105 f., nadi den Erinnerungen John C. Stanards. 



9i Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Auch der Sohn des Gesellsdiafters John Allans, Ellis, der 
später Oberst wurde, stand unter dem Einfluß des prächtigen 
Edgar: „Kein Junge hat auf mich jemals einen größeren Ein- 
fluß ausgeübt", schrieb er. Eines Tages wurde er von Poe, der 
ihm das Schwimmen beibringen sollte, ins Wasser geworfen. 
Er wäre aber ertrunken, hätte sich nicht auch Poe ins Wasser 
gestürzt und ihn gerettet.*^ So kamen zwei junge Leute, 
bei denen Poe die pseudoväterlidie Rolle eines Beschützers 
gespielt (den einen hatte er buchstäblich gerettet, der andere 
war der Sohn der vielgeliebten Frau), mit in die Geschichte 
hinein, weil sie aus der Zeit stammen, in der Poe Schwimmer 
war; und das gibt der Phantasie der Rettung des Sohnes der 
Geliebten, mit der das Stelldichein einsetzt, sogar vom 
Biographischen her eine Bekräftigung. Zu diesen Erinnerungen, 
die sich auf ihre Art auswirken, kommt nodi der in tiefster 
Schicht verankerte ödipuswunsch hinzu, den Vater zu ersetzen, 
von der Mutter ein Kind zu bekommen . . . und die Geschichte 
war geschaffen. 

Der handgreifliche Unsinn der Erzählung, der also haupt- 
sächlich darin besteht, daß eine von Leidenschaft ergriffene 
Mutter ihr gerettetes Kind verläßt, um mit dem Geliebten zu 
sterben, bringt übrigens, ganz so wie dies bei der Sinnlosigkeit 
der Träume der Fall ist, ein reales Urteil zum Ausdruck, das 
sich im latenten Sinn der Geschichte befindet. Auch der 
Unsinn, mit dem Mantel ins Wasser zu springen, der den 
Retter ja im Schwimmen nur hindern („ohnmächtig machen") 
würde, muß den gleichen Sinn haben. Es ist so, als ob Poe ein- 
gestehen würde: „Es ist doch sinnlos zu glauben, ich hätte von 
meiner Mutter ein Kind haben können. Wir konnten uns nur 
im Tode vereinen." Und hier blickt die vierte Gestalt durch, 
welche zu dem Bild der Marchesa Aphrodite beigetragen hat. 



42) V. E., Bd. I, S. 24. 



i 



Das Stelldichein 93 

trotzdem diese Gestalt nur das statuenhafte Aussehen Helens 
wiederzugeben schien. Auch die Marchesa, welche den Namen 
der aus dem Wasser emporgestiegenen großen mütterlichen 
Gottheit trägt, kann sich der Tatsache nicht entziehen, daß 
Elizabeth Arnold ihr als Modell gedient hat, jene Elizabeth 
Arnold, die ebenso „ätherisch" wie sie gar viele Male vor dem 
kleinen entzückten Knaben mit den Schleiern einer Schau- 
spielerin geschmückt und im nebelleichten Gewand der 
Tänzerin erschienen sein mußte. Nicht ohne tiefere Ursache 
sdireibt daher die erste Fassung der Geschichte der Aphrodite 
ebenso wie der Heldin des Ovalen Porträts „eine Nase 
zu, die ähnlidi ist den zarten Schöpfungen des Geistes, die man 
bloß in den Medaillons der Hebräer findet".*^ Die Mutter 
und das einzige Bild, das er von ihr besaß, waren für Poe 
das Urbild aller Medaillons, und die Tatsadie, daß er aus der 
Fassung von 1 840 diese Stelle ausgemerzt hat, ist der schlüssige 
Beweis dafür, daß sie eine Fixierung an die Mutter verriet. 

Aus dem Gedidit des Fremden, das dieser über eine Seite 
im Orfeo geschrieben hat, spricht der Schmerz, er habe Elmira 
verloren; aber es ist ebenso durch die Trauer um „irgend 
jemand im Paradies" inspiriert, an den es sich in der 
reinen Gedichtfassung wendet. Die „zusammengesetzte" Eury- 
dice, in der sich die Züge der Frances mit denen der Helen 
mischten, war ursprünglich und immer wieder die Geliebte und 
verschwundene Mutter des "Waisenkindes. Mit Recht ersetzte 
daher der Dichter in der Gedichtausgabe die „i t a 1 i e n i- 
schen Flüsse" durch „ewige Ströme" und ver- 
legte er das Vaterland der Beweinten von dieser Erde weg ins 
Paradies. 

Nun hat ihn seine Mutter in Norfolk im Dezember 18 10 
zum erstenmal ahnen lassen, was man unter „Geburt" ver- 



43) V. E., Bd. 2, S. 346. 




94 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

steht, als sie die kleine Rosalie zur "Welt brachte. Der Vater 
David Poe war damals bereits verschwunden. War ein anderer 
Mann — wie man gemeint hat — an seine Stelle getreten? Wir 
hätten sicher davon erfahren, wenn sich ein Liebhaber als Gatte 
in dem von David Poe verlassenen Haus niedergelassen hätte, 
und die Tugendhaftigkeit der armen schwindsüchtigen Schau- 
spielerin wäre nicht mehr nur bezweifelt worden. Es war damals 
sidier kein solcher Mann vorhanden; und als Rosalie zur Welt 
kam, als Edgar mit dem kleinen Kind der Mutter nach Char- 
leston in Carolina folgte, war er das einzige männliche Wesen 
ihrer Umgebung, seine ödipuswünsche hatten den höchst- 
möglichen Grad an Realisierung erreicht. Und der Rivalitäts- 
streit mit seiner kleinen Schwester, die ihm einen Teil der 
mütterlichen Zärtlichkeit entzog, konnte durch die unbewußte 
Phantasie gemildert werden, nach der diese kleine Schwester 
ihnen beiden, dem Paar, geschenkt worden war, bei denen er 
die Rolle des verschollenen Vaters spielte. Das alles kann 
natürlidi keineswegs klar von dem Gehirn eines Zwei- bis 
Dreijährigen erfaßt werden; aber die Elemente dazu waren 
durch die damalige Situation gegeben und konnten später in 
der Psyche des überlebenden Kindes verarbeitet werden. 

In unserer Geschichte jedoch lebt der Fremde — Edgar — 
nicht weiter. Sie realisiert also nicht nur das ödipusverlangen 
nadi einem Kind von der Mutter durch die Symbolik der 
Rettung des Kindes Aphroditens aus dem Wasser, sie realisiert 
auch den Wunsdi nach Vereinigung mit der Mutter im Tod. 
Im übrigen folgt diese Vereinigung — die im gleichzeitigen 
Tod symbolisiert ist — sofort nadi der Geburt; das Un- 
bewußte kümmert sich eben nidit um zeitliche Zusammenhänge, 
die Kategorie Zeit ist eine Schöpfung des Bewußten. Daß 
der Tod das Symbol für eine sexuelle Vereinigung sein und 
dadurch befriedigen und beglücken kann, wird durch die 
Selbstmorde vieler unglücklich Liebender bewiesen, welche den 



I 



Das Stelldichein 95 

gemeinsamen Tod audi dann der Flucht vorziehen, wenn die 
Wege für sie frei sind. 

In unserem Falle jedodi ist der Tod nodi etwas anderes: 
gr ist die Strafe dafür, daß der ödipusinzest verwirklidit 
I wurde. Die Gestalt des alten Gatten beherrscht von den Stufen 
[herab die Statue der Marchesa Aphrodite, seines Besitzes, und 
[er befiehlt den Geliebten, in den Tod zu gehen. Ganz ebenso 
'vergiften sidi Hernani und Dona Sol beim Klange des Horns, 
i das Don Ruy Gomez, der Vater-Imago, wie man sagen könnte, 
[gehörte, die Dona Sol „aufzog". Aber während bei Victor 
Hugo in einer direkteren, weniger verdrängten Situation der 
unheimliche Greis als Rächer beim Tod des jungen Paares (hier 
spielt Dona Sol für Hernani sowohl die Rolle der Mutter als 
audi die der Schwester) anwesend ist, handelt der Marchese di 
Mentoni bei Poe aus der Entfernung und sozusagen nur durch 
seine Existenz, welche die beiden Liebenden hindert, mit- 
einander zu leben. Und beim Tod der beiden Liebenden ist nur 
die Sonne dabei. 

Aber die Sonne ist ein in der ganzen "Welt gütiges Vater- 
symbol; die Liebenden Poes sterben also, wenn auch auf ihre 
Art voneinander entfernt, ebenfalls unter dem Blick des 
rächenden Vaters, dem ebensowenig etwas entgehen kann wie 
dem Blick Gottes! Vergebens versudien die prunkvollen 
Lampen und Räucherbecken, Symbole für ihren Besitzer, den 
„Fremden", den Sohn, den feierlichen Glanz der Sonne zu 
übertreffen! Die Sonne siegt, ihr werden wie dem Ruy Gomez 
die beiden jungen Leben geopfert. 

So reproduziert Poe, wie Victor Hugo, ohne es zu wissen, 
das uralte Drama, das sich bei den zivilisierten Völkern nur 
in den Tiefen des Unbewußten abspielt, während es sich in 
prähistorischen Zeiten in den Tiefen mancher Wälder abge- 
spielt hat: die Hinrichtung des Sohns durch den Rächer- Vater, 
weil dieser Sohn ihm eine seiner Frauen, die Mutter oder 




96 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Schwester, weggenommen. Eine Spur vom Charakter des Ver- , 
brediens, auf das Tod steht, steckt nodi in der Todesart, die I 
gewählt wurde: die Liebenden vergiften sich. Denn die 
Spasmen, die das Gift hervorruft, ersetzen im Unbewußten 
häufig die Spasmen der Liebe. Zu gleicher Stunde erbeben die 
Marchesa und ihr Geliebter wie vollkommene Liebende in 
dem gleichen, letzten Krampf, der aber für sie mehr als nur ein 
„kleiner Tod" ist. 

Daß sie diese höchste und gleichzeitige Vereinigung „auf 
Entfernung" erleben müssen, verdanken sie vermutlich der 
starken Sexualverdrängung Edgar Poes, der im Unbewußten 
entsetzt war über die allzugroße Kühnheit seiner Inzest- 
phantasie. 



I 



METZENGERSTEIN 

Mit der Analyse dieser Geschichte sdiließen wir den Zyklus 
der tot-lebenden Mutter. Obwohl die Mutter mit dem 
Attribut „Leben im Tod" nodhi durdi andere Geschichten 
Poes hindurdigeht, wollen wir hier nur die studieren, deren 
zentrales Thema sie bildet. 

Bei der ersten Fassung von M e t z en g er s t e in,** die 
zu den Geschichten des Folio Clubs gehört, 
stand nadi dem Titel: „In imitation of the German", „Dem 
Deutsdien nachgeahmt". Metzengerstein beweist aber 
wieder einmal, daß es dem Genie — audi wenn es, wie hier, 
ausdrücklich das Gegenteil erklärt — unmöglich ist, eine andere 
Geschidite nachzuahmen. Sobald die Komplexe eines Lebe- 
wesens imstande sind, sidi in einem Kunstwerk zu verkörpern 
(und das ist die Bedingung für einen wahren Künstler!), dann 
durdidringen auch schon die persönlichen Komplexe des Künst- 
lers mit ihrem Leben und ihren Farben alles, was er nieder- 
sdireibt. Gewiß: Poe wudis als Sdiriilsteller in der romanti- 
sdien, vom Nebel verhüllten Atmosphäre Deutschlands, durch 
den man die von weißen Damen heimgesuchten Schlösser 
hindurclisciieinen sieht, auf; er hat die Erzählungen der 
Engländerin Ann Radclifle u. a. gelesen; und die Tuberkulose 
galt damals als poetische Krankheit und war bei den Dichtern 
in Mode. Aber alles das hätte keinen Edgar Poe hervor- 
gebracht, wenn nicht an einem Dezemberabend 1811 die ge- 
brechlidie Schauspielerin Elizabeth neben ihrem kleinen Kind 
auf einem elenden Lager in Richmond gestorben wäre. 

44) Metzengerstein {Southern Literary Messender, Januar 1836, 
1840; Griswold). 

Bonaparte: Edgar Poe. II. 7 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Idi weiß nicht, ob M e t z e n g e r s t e i n in der deutsdien 
Literatur ein Vorbild hat, aber die Fassung, die von Poe 
niedergeschrieben wurde, kann nur von ihm stammen. 



Das Schloß Metzengerstein liegt neben dem Sdiloß Berli- 
fitzing in Ungarn, in einer nicht näher angegebenen Zeit, in 
welcher man an Seelenwanderung glaubte. In diesen Sdilössern 
wohnen seit Jahrhunderten zwei miteinander verfeindete 
Familien, denen eine Prophezeiung verkündet hat: „Ein 
stolzer Name soll in Schrecken unter-- 
gehen, wenn, wie der Reiter über sein Roß, 
die Sterblichkeit von Metzengerstein trium- 
phieren wird über die Unsterblichkeit 
von Berlifitz ing." 

Die Berlifitzing, die als Sippe weniger alt und reidb sind als 
die Metzengerstein, zittern vor dieser Vorhersage. Übrigens ist 
„Wilhelm Graf Berlifitzing . . ., obgleich von hoher Abkunfl, 
zur Zeit dieser Erzählung ein kraftloser und kindischer Greis. 
Er hatte weiter nichts Bemerkenswertes an sich als eine über- 
triebene und hartnäckige Abneigung gegen die Familie seines 
Nebenbuhlers und eine so leidensdhaftliche Liebe für Pferde 
und Jagd, daß weder seine körperliche Schwäche, noch sein 
hohes Alter oder sein Schwachsinn ihn davon abhalten konnten, 
täglich an den Gefahren des Jagdvergnügens teilzunehmen." 
Dann wird das Bild seines Rivalen gezeidinet, des Friedrich 
Baron Metzengerstein, der „noch nicht einmal mündig (war), 
Der Vater, der Minister gewesen, starb in jungen Jahren. 
Seine Mutter, Baronin Marie, war ihm bald ins Grab gefolgt", 
ganz wie die Mutter Poes dem Vater gefolgt war. 

Eine Stelle, die wahrscheinlich von Poe selbst in der letzten 
Fassung, die Griswold nach seinem Tod veröffentlidbt hat, 
gestriciien wurde, verdient es, hier zitiert zu werden. Ganz 



Metzenger stein 



wie die Stellen, die von Poe 1845 in der späteren Fassung 
der Berenice, Eleonora, des Ovalen Porträts 
(im Broadway Journal) unterdrückt wurden — Stellen, die 
wir zitiert haben — , ist audi die hier unterdrückte Stelle mit 
jenen vergessenen Traumfragmenten zu vergleichen, die nadb- 

' träglich wieder auftaudien. Jeder Analytiker weiß: diese 
Traumfragmente sind durchgehends wichtig; die Traumzensur 
hat sie nadi dem Erwachen für den Augenblick oder für 
immer aus der Erinnerung an den manifesten Trauminhalt 
verbannt, gerade weil sie für seinen latenten Sinn besonders 
bezeichnend sind, und diesen latenten Sinn ganz besonders 
leicht verraten könnten. "Was enthalten nun alle diese von Poe 
gestrichenen Stellen, die wir wieder in den Text eingesetzt 
haben? In Berenice sprechen sie von der toten Frau, die 
lebend in ihrem Sarg liegt, und vom Opium; in Eleonora 
ist die Beschreibung der Frau gestriclien; im Ovalen 

I Porträt haben wir die umständliche Schilderung des 
Opiums; und auch in Metzengerstein gibt, wie wir 
sehen werden, die gestrichene Stelle wichtigen Aufschluß über 
den Sinn der Traumgeschiclite, den Poe anscheinend zu ver- 

i sdileiern versudit hat. Als er diesen Strich durchführte, verstand 
er selbst gewiß nidit seine eigene Absicht; audi der Träumer 
„vergißt" ein Fragment seines Traumes. Poe glaubte zweifellos, 
nur aus Rücksicht auf ästhetische Bündigkeit zu handeln, 
trotzdem bleibt es Tatsache, daß die wiederhergestellten Stellen 
den latenten Sinn der Geschichte ganz seltsam beleuditen. 
Der unterdrückte Absatz in Metzengerstein lautet: 
„Die schöne Baronin Marie! wie konnte sie sterben? — und an 
Sdiwindsucht! Aber das ist ein Weg, auf dem mich der Himmel 
folgen lassen möge. Ich möchte, daß alle Menschen, die ich liebe, an 
dieser freundlichen Krankheit sterben. Wie schön ist es, in der 
Morgenröte seines jungen Blutes die Erde zu verlassen — das Herz 
voll Leidensdiaft — die Phantasie ganz Flamme — mitten in den 
Nadiwehen der glücklichsten Tage — beim Verlösdien des Jahres, 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



und so für ewige Zeiten in der Pradit der Herbstblätter eingehüllt 
zu sein! So starb Baronin Marie. Der junge Baron Friedrich stand 
ohne einen einzigen lebenden Verwandten allein neben dem Sarg 
seiner verstorbenen Mutter. Er legte seinen Kopf auf ihre stille Stirn." 

Das hat vielleicht auch ein anderer kleiner Junge einmal 
getan oder tun wollen. Friedrich Metzengerstein aber reagiert 
mit grausamer Gefühllosigkeit auf die seit jener Szene ewig 
währende Trauer des kleinen Edgar, denn er, Friedrich, ist 
nidit mehr drei Jahre alt! 

„Kein Sdiauer sdiüttelte seinen zarten Körper — kein Seufzer 
kam aus seiner Brust von Stein. Dieser herzlose Mensdi, der seit 
seiner Kindheit eigensinnig und heftig war, hatte das Alter, von 
dem idi jetzt spredie (achtzehn Jahre), nadi einem Leben von Ver- 
schwendungssucht, Unordnung, Frechheit und Gefühllosigkeit erreidit. 
Und schon seit langem war in ihm eine Schranke gegen alle frommen 
ii|'! Gedanken und edlen Erinnerungen aufgerichtet." '° 

So sieht Friedrich aus, und irgend etwas im Unbewußten 
Poes muß wohl trotz der ewigen Trauer, in der er lebte, ver- 
sudit haben, ihm ähnlich zu sein, jenes Etwas, das Edgar nadi 
seiner „Versciiwendungssuciit" und seinen „Ausschweifungen" 
auf der Universität von Virginia dazu getrieben hat, sicii in 
dem gleichen Alter wie Friedricii frech, ungestüm und hart- 
näckig gegen die väterliche Autorität aufzulehnen, und auch 
gegen die Fixierung an die Mutter, so daß er schließlidi für 
immer aus dem Haus des John und der Frances Allan floh. 

Aber trotz aller äußeren Befreiungsversuche werden in 
unserem Innern die Ketten Fixierung und Abhängigkeit niemals 
ganz zerbrochen, jene Ketten, die uns an die Leidenschaften, 
an den Haß, an die Autoritäten unserer Jugendzeit fesseln. 
Das Betragen Friedrich-Edgars, der gleidi nach dem Tod seines 
Vaters in den Besitz der großen Domänen getreten war, stellte 
innerhalb dreier Tage „die Taten . . . des Herodes in den 

45) V. E.. Bd. 2, S. 371. 



f. 



Metzenger stein 



SAatten und (übertraf) sogar bei weitem die Erwartungen 
seiner begeisterten Bewunderer . . ." Poe sagt uns aber nidit, 
ob die Mutter Friedrichs, die dem Vater bald ins Grab folgte, 
ihm so sdmell dorthin gefolgt war, daß sie zu dieser Zeit 
bereits tot ist — was immerhin auffallen muß. Der Tod des 
Vaters entfesselt in Friedrich die wildesten Instinkte: 

„sdiandbare Schwelgereien, gemeine Treulosigkeit, unerhörte 
Sdieußlidikeiten gaben seinen zitternden Vasallen bald zu verstehen, 
daß -weder kriediende Unterwürfigkeit ihrerseits, noch Gewissensbisse 
seinerseits jemals irgendwelche Sicherheit gewähren würden vor den 
erbarmungslosen Fängen dieses kleinen Caligula". 

So muß es audi im Unbewußten Poes ausgesehen haben, 
wenn audi nidit in seinem Handeln: seine mit Sadismus 
imprägnierten Geschichten bezeugen es. Und um seine Helden- 
taten zu krönen: 

„In der Nacht des vierten Tages gerieten die Stallungen des 
Sdilosses Berlifitzing in Brand und die einmütige Ansicht der 
Nadibarsciiaft war, daß das Verbrechen der Brandstiftung auf die 
grauenvolle Liste der Untaten und Greuel des Barons zu setzen sei." 

So greift Metzengerstein direkt und durcii Brand Berli- 
fitzing an. 

Wer ist nun Berlifitzing, der „kraftlose und kindische 
Greis", der „nichts Bemerkenswertes an sicli" hatte, „als eine 
übertriebene und hartnäckige Abneigung gegen die Familie 
seines Nebenbuhlers und eine so leidenschaftlidie Liebe für 
Pferde und Jagd, daß weder seine körperliche Sdiwäche, noch 
sein hohes Alter oder sein Sciiwacisinn ihn davon abhalten 
konnten, täglich an den Gefahren des Jagdvergnügens teil- 
zunehmen"? Berlifitzing kann im Unbewußten Poes nur . . . 
john Allan gewesen sein. Auch Allan war „kraftlos", da er an 
Wassersucht litt (der erste Anfall trat 1820 auf, als er erst 
vierzig Jahre alt und mit Edgar in England war); auch er 
madite sich in den Augen des jungen Meuterers besonders 



nii'i 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



durdi eine „übertriebene und hartnädcige Abneigung" gegen 
seine Familie bemerkbar; auch er war trotz der „körperlichen 
Schwädie", des „hohen Alters" und des „Schwachsinns", die 
der junge Edgar dem Fünfzigjährigen gern gewünscht hätte, 
willig an Geist geblieben und gehaßt worden, und hatte bis 
ans Lebensende eine Leidenschaft für wirklidie Pferde und 
für die symbolischen „Pferde" und die „Jagd", die im Un- 
bewußten Frauen und den Ritt bedeuten. Hatte nicht 
der Witwer nach Frances Allan, der sich als Fünfzigjähriger 
mit einer jungen Frau wieder verheiratete, Zwillinge mit einer 
Frau Wills, die sein Testament erwähnt« — und außerdem 
uneheliche Kinder aus der Zeit der Frances — und ließ er nicht, 
als er mit vierundfünfzig Jahren starb, trotz seiner Schwäche 
eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern, die zum dritten Male 
schwanger war, zurück? Der alte Wassersüchtige ritt daher 
noch einige Monate vor seinem Tod, und dies trotz der 
„Gefahren des Jagdvergnügens". 

Daher zündete das Feuer die Ställe seines Schlosses an. Das 
Feuer ist im Unbewußten das klassische Symbol für die urethrale 
Erotik (im Volksmund sagt man ja audi den Kindern, die mit 
dem Feuer spielen, sie werden ins Bett pissen), vielleicht deshalb, 
weil das Wasser, so wie der Urin, das Feuer, seinen Gegensatz 
löscht (Assoziation durch Kontrast), nocii wahrscheinlicher aber 
deshalb, weil das gleiche Organ, durch welches das Harn- 
wasser abgelassen wird, auch das Feuer des Vergnügens be- 
reitet (Assoziation durch Aneinandergrenzen). Das Bettnässen 
in der Kindheit ist übrigens eine regelmäßige Begleiterscheinung 
oder ein Substitut der infantilen Masturbation, das „Feuer" rufl 
das „Wasser" herbei. Und eine der Sexualtheorien des Kindes, 
welches das Sperma noch nicht kennt, besteht häufig darin, 
daß es sich vorstellt, der Mann uriniere auf der oder in die 



1 



46) Israfel, S. 868. 



i 



Metzenger stein 103 

Frau um sie zu befruditen. Es ist daher keineswegs seltsam, 
daß das Unbewußte Poes die Züditigung des alten Allan- 
Berlifitzing nach dem Modus der infantilen Urethralerotik 
darstellt. 

Die Ställe des Schlosses gehen also in Flammen auf. Während 
dieser Zeit sitzt „der junge Edelmann anschieinend in tiefen 
Gedanken in einem großen, einsamen und hodigelegenen Ge- 
mach des Stammsdilosses Metzengerstein", dessen Wände mit 
Teppichen bedeckt sind. „Dort tummelten die dunklen, hohen 
Gestalten der Ritter von Metzengerstein ihre kraftvollen 
Kriegsrosse auf den Leichen der besiegten Feinde und machten 
mit ihren entschlossenen Mienen selbst stählerne Nerven er- 
sdiauern. Und hier wieder fluteten die wollüstigen und 
sdiwanengleichen Gestalten der Damen aus längst vergangenen 
Zeiten in irren, unwirklichen Tänzen zu den Tönen einer un- 
wirklichen Melodie." So ziehen auf diesen Teppichen reitende 
und kämpfende Ritter vorüber und ätherische, sanfte Frauen. 

Während der Baron auf den anwadisenden Tumult in 
den Ställen der Berlifitzing lauschte, oder vielleicht über irgend- 
eine noch dreistere Tat nachsann, hafteten seine Blicke unwill- 
kürlich auf der Gestalt eines riesenhaften Pferdes von ganz 
seltsamer Farbe, das auf der Wandverkleidung als das Roß 
eines sarazenischen Vorfahren der gegnerischen Familie dar- 
gestellt war. Das Pferd selbst stand regungslos im Vordergrund 
des Bildes, sein gefällter Reiter aber verendete im Hintergrund 
unter dem Dolchstich eines Metzengersteins. 

Friedrich kann den faszinierten Blick nicht von diesem 
Wandteppich wegwenden, „trotzdem eine unerklärliciie, er- 
stickende Angst sich wie ein Leichentuch auf seine Sinne 
legte . . . Als aber der Aufruhr draußen plötzlich nodi wilder 
tobte, richtete er mit gewaltiger Anstrengung seine Aufmerk- 
samkeit auf den roten Lichtschein, der aus den flammenden 
Ställen auf die Fenster des Gemaches fiel. Doch einen Augen- 




104 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



j 



blick nur tat er das — ganz unwillkürlich schweiften seine 
Augen wieder zur "Wand. Mit Staunen und sdiauderndem Ent- 
setzen nahm er wahr, daß der Kopf des riesigen Hengstes 
inzwischen seine Stellung geändert hatte. Vorher waren Hals 
und Kopf des Tieres wie mitfühlend zu dem am Boden 
liegenden Herrn herabgebeugt, jetzt hatten sie sidi in voller 
Länge gegen den Baron ausgestreut. Die Augen, die vorher 
unsichtbar blieben, hatten einen eindringlidien Mensdienblidi 
und glühten in merkwürdig rotem Feuer, und die aufgewölbten 
Lippen des offenbar wütenden Tieres legten ekelhafte Toten- 
zähne bloß." 

So kommt Leben in den Tod des Wandteppichs wie in den 
Leichnam der Rowena, in den Körper der Berenice, Madeline 
oder in die tote Leinwand des Ovalen Porträts; und 
das Pferd des Teppichs entblößt von neuem die Zähne, die 
Totenzähne der Rowena, der Berenice, und sagt damit aus, 
wen es darstellt. Es war nicht schwer zu erraten: auch dieses 
Pferd, von dessen Rücien der reitende Vorfahre Berlifitzing 
durch den zu Fuß einherschreitenden Vorfahren der Metzenger- 
stein herabgeworfen wird, ist eine Mutter-Imago, diesmal nach 
dem primitiven Schema des Totemtiers, einem Schema, das im 
Unbewußten brauchbar erhalten geblieben ist. Das monströse 
Pferd Berlifitzings ist eine Verdichtung aller von John Allan 
bestiegenen „Mütter" mit der realen Mutter Edgar Poes, der 
Mutter mit den Totenzähnen, Elizabeth Arnold. Denn wenn 
das Antlitz des Vaters für Poe immer wieder die energi- 
schen Züge des zweiten Vaters John Allan aufwies, neben 
denen die Züge des ersten, des wirklichen Vaters, die Züge 
David Poes verblassen, so behielt das Antlitz der Mutter 
unwandelbar die Totenzüge der ersten Mutter bei, über 
welche die Züge aller andern geliebten Mütter seines Lebens, 
von Frances Allan angefangen bis zu Virginia und den Frauen, 
die nach ihr kamen, nur darübergelegt wurden. 



Metzenger stein 



105 



Diesmal aber ist die Mutter nidit durdi eine der weißen, 
I ätherischen Damen dargestellt, die über den Teppidi dahin- 
I diweben, sie kommt auch nidit mit den Zügen der lungen- 
kranken Baronin Marie aus dem Grab, deren Schilderung von 
Poe aus unbewußter Sdiam unterlassen wurde, da diese 
[Schilderung wegen des dann folgenden „Inzestes" zu sehr an 
[seine eigene Mutter erinnern würde. Marie verwandelt sidi im 
rMetzengerstein in ein f ürditerlidies, mißgestaltetes 
l Pferd, weil die Tatsache, daß hier die Mutter beritten 
fwird, und die „Gefahren dieses Jagdvergnügens" das Zentrum 
'der Erzählung bilden. Jene „Übung" hat der kleine Edgar 
' durch seinen Vater — oder durch einen Liebhaber seiner 
I j^iiutter — vielleicht durchführen gesehen, als er noch nicht drei 
[Jahre alt war; denn Erwachsene übersehen zu Unrecht den 
fBlids kleiner Kinder. Auf dem Wandteppich ritt der Vater 
I Berlifitzing auf der Mutter. Der Sohn Metzengerstein schleudert 
' ihn herunter und tötet ihn, um sich des Pferdes 
'Mutter zu bemächtigen, wie die Fortsetzung zeigen 
I wird. Das ist das typische ödipusdrama, wie es sich auch, und 
schon frühzeitig, in der frühreifen Seele des kleinen Edgar 
abgespielt hat. 

In dem Augenblick, in dem Friedrich entsetzt das Zimmer 
mit den beseelten "Wandteppichen verlassen will, sieht er mit 
wadbsendem Schrecken beim Schein des Brandes, daß sein 
Sdiatten auf die Wand fällt und „daß dieser Schatten genau 
die Gestalt des erbarmungslosen und triumphierenden Mörders 
des Sarazenen-Berlifitzing dedite". Und wie er ins Freie 
kommt, trifft er auf 

„drei Stallbursdien. Mit großer Mühe und Lebensgefahr ver- 
suditen sie, die wilden Sprünge eines riesigen, feuerfarbenen Rosses 
zu bändigen. 

.Wessen Pferd? Wie kommt ihr zu ihm?' fragte der Jüngling mit 
' heiserer Angst, denn er hatte sofort bemerkt, daß der geheimnisvolle 



loö Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



1 



Hengst auf dem "Wandteppich das vollkommene Seitenstüdi zu dem 
rasenden Tier hier war. 

,Das ist Ihr Eigen, Herr', erwiderte einer der Burschen. .Wenig- 
stens hat sich kein anderer Eigentümer gemeldet. Wir fingen es ein, 
als es dampfend und sdiäumend vor Wut aus den brennenden 
Ställen des Schlosses Berlifitzing floh.'" 

Die Leute des Berlifitzing leugnen jedoch, daß das Pferd 
ihrem Herrn gehört habe, obwohl es ganz zweifellos dessen in 
die Stirn eingebrannte Anfangsbuchstaben zeigt. Der Baron 
Friedrich nimmt das Pferd in Besitz. 

In diesem Augenblick kommt ein junger Diener herbei und 
sagt, ein Teil des Wandteppiches sei verschwunden; und einer 
der Vasallen teilt dem Baron mit, daß sein Feind Berlifitzing 
„bei seinem unvorsichtigen Bemühen, seine Lieblingspferde zu 
retten, . . . selber elend in den Flammen" umgekommen sei. 

„Von dieser Stunde an war das Betragen des jungen Baron von 
Metzengerstein ein gänzlidi anderes ... Er wurde nie mehr außerhalb 
der Grenzen seiner eigenen Besitzungen gesehen und war auf der 
weiten, geselligen Welt ohne jeden Gefährten — es sei denn, daß 
das unnatürliche, wilde, feuerfarbene Pferd, das er jetzt täglich ritt, 
irgendein geheimnisvolles Recht auf diese Bezeichnung gehabt hätte." 

Das Unbewußte Edgar Poes bildete sich gewiß ein, daß 
seine ödipusleidenschafl: für die Mutter so mäditig ausgesehen 
und ihn so ausschließlich beschäftigt haben würde, wenn er 
diese Leidenschaft hätte realisieren können. 

„Ja, des Barons verrüdste Zuneigung zu seinem jüngst ein- 
gestellten Hengst, eine Zuneigung, die aus jedem neuen Beweis von 
des Tieres Wildheit und teuflisAem Gebaren neue Kräfte zu sdiöpfen 
schien — wurde in den Augen aller vernünftig denkenden Leute zu 
einer Äußerung widernatürlicher Unnatur" (Inzest!). „Ob glühende 
Mittagszeit — ob tote Naditstunde — ob krank oder gesund — ob 
Sturm oder Sonne — immer schien der junge Metzengerstein fest- 
geschmiedet in den Sattel jenes ungeheuren Rosses, dessen unzähm- 
bare Wildheit so gut zu seinem eigenen Wesen stimmte." 



Metzengerstein 107 

Der kleine Edgar hat gewiß gewünscht, seine Mutter ver- 
füge in Übereinstimmung mit seiner eigenen Leidensdiaft über 
derartige „Kühnheiten" der Verführung. 

Niemand bezweifelt, „daß die seltsame Zuneigung, die der 
junge Edelmann für sein feuriges Pferd an den Tag legte, auf- 
riditig und innig sei". Nur ein kleiner Page wagt es zu be- 
haupten, „daß sein Herr nie ohne einen unerklärlichen, aller- 
dings kaum wahrnehmbaren Sdiauder in den Sattel steige", 
wahrsdieinlidi den gleichen Schauder, der Edgar Poe immer 
gehindert hat, diesen symbolischen Sattel zu besteigen. 

Und „in einer stürmischen Nacht erwadite Metzengerstein 
aus schwerem Schlaf, stürzte wie ein Wahnsinniger aus seinem 
Zimmer, bestieg in Hast sein Pferd und sprengte davon in 
den dunklen Forst". Einige Stunden später begannen „die 
mäditigen und prächtigen Mauern der Burg Metzengerstein 
unter der Gewalt eines wogenden, qualmenden Feuermeers bis 
in ihre Grundfesten" zu kradien und zu wanken. „Die er- 
staunte Nachbarsdiafl (stand) stumm, um nicht zu sagen ge- 
fühllos dabei." Aber plötzlich sprengte 

„die lange Allee uralter Eichen, die vom Forst zur Hauptpforte 
des Sdilosses führte, ... ein Roß daher, dessen tosende Wildheit den 
Dämon des Unwetters noch überraste. Auf seinem Rücken trug es 
einen R.eiter in zerfetzten Kleidern, der fraglos die Herrschaft über 
sein Tier verloren hatte. Die Todesangst auf seinem Antlitz und 
das krankhafte Zucken seines Körpers sprachen von stattgehabten un- 
menschlidien Kämpfen . . . und mit einem einzigen Satz über Tor und 
Graben hinweg galoppierte der Hengst die wankende Treppe des 
Sdilosses' hinauf und versdiwand mit seinem Reiter inmitten des 
Wirbelsturms der sausenden Flammen." Nun legt sich die Furie des 
Sturms, „eine stille weiße Flamme umhüllte den Bau wie ein Leidien- 
tudi . . ., während eine Wolke von Rauch sich über den Trümmern 
aufbaute in der klar erkennbaren Gestalt eines ungeheuren — 
Pferde s". 

So büßt Friedrich Metzengerstein sein doppeltes ödipus- 
verbredben: Ermordung des Vaters, Inzest mit der Mutter. 




Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



i 



Das Gesetz von der Wiedervergeltung kommt zu seinem Recht- 
er stirbt mit seinem Pferd in den Flammen seines brennenden 
Palastes so wie der alte Berlifitzing mit seinen Tieren in seinem 
eingeäscherten Sdilosse untergeht. Gleidizeitig aber findet die ' 
Wunschphantasie der Vereinigung mit der Mutter im Tode 
ihre Erfüllung: denn Metzengerstein verschwindet ebenso in 
den Flammen mit seinem Pferd wie Usher mit Madeline in 
den Trümmern des Schlosses, wie der Witwer mit seiner in 
Salz aufbewahrten Frau im Meer (Die längliche 
Kiste), und wie der Held des Stelldicheins mit Frau 
Aphrodite in den Strahlen der aufgehenden Sonne. 

Über dem zerstörten Palast, der wie das zusammengestürzte 
Schloß Ushers zum Grab des mit der Mutter vereinten Sohnes 
wird, schwebt dann als ein phantastisdies Totendenkmal die 
übernatürlich große Silhouette des Pferdes, der unseligen 
Mutter-Imago, ganz so wie in einer andern Geschichte die ins 
Unmäßige vergrößerte Silhouette der schwarzen Katze 
sich von der Mauer des verbrannten Hauses abhebt. 

Man kann sich nun fragen: welchen bewußten Sinn unter- 
legte Poe dieser Geschichte, was stellte für ihn das Pferd dar? 
Pestis eram vivus, verkündet das Motto der Geschidite, 
moriens tua mors ero, „lebend war ich deine Pest, sterbend 
werde idi dein Tod sein". Das Pferd soll daher für Poe den 
gehaßten Feind (Vater) darstellen, der den (Sohn) mit sidi 
hinabzieht, der ihn getötet hat. Aber wenn auch das Gespenst 
des Vaters die Wiedervergeltung durdi den Tod, die ödipus- 
rache im Metzengerstein hervorzurufen versucht, so 
war dodi die Mutter — obwohl Poe dies verborgen blieb — 
durch das zügellose Verlangen, das sie einflößte, durdi die 
fürchterliche Wollust, die sie weckte, das Werkzeug des An- 
stifters. Das Pferd hat übrigens keinen Namen — ebensowenig 
wie die zweite Morella, wie die Familie der Ligeia einen 
Namen hat — ; dafür aber trägt es auf der Stirn die 



Metzenger stein 



109 



r 



Anfangsbudistaben des mutmaßlichen Besitzers, des „Vaters" 
Berlifitzing, es war also dessen Besitz, die Mutter. 

Vielleicht hat zur Genesis dieser Geschichte die Tatsache 
beigetragen, daß Poe, als er noch klein war, oft vom 
Brand des Theaters in Richmond,*^ in dem seine Mutter auf- 
getreten war, hatte reden hören, und daß er bei seinem 
Adoptivvater reiten durfte. Kinder lieben sowohl das wirk- 
liche als auch das Schaukelpferd; es verschafft ihnen den 
Genuß der Bewegung, es verschafft ihnen aber auch einen ver- 
borgeneren, verbotenen Genuß, den der Sexualerregung, der 
sich in Angst verwandelt, wenn die Masturbation des Kindes 
von den Erziehern mit Verbot und Drohung belegt wird. 

Wir verdanken Edward Valentine, einem Vetter der 
Frances Allan, jenes überaus bezeiciinende Zeugnis, an das man 
sich noch erinnern wird:"*^ als die Allans eines Sommers von 
den Virginia Hot Springs zurückkamen, hielten sie sich bei ihm 
in Staunton auf. Während dieses Aufenthaltes nahm er den 
kleinen Edgar, der damals ungefähr sechs Jahre alt war, im 
Wagen auf Landpartien mit, oder er setzte ihn hinter sich aufs 
Pferd. Eines Abends, als sie von der Post zurückkehrten, 
kamen sie an einer Hütte vorbei, die von mehreren Gräbern 
umgeben war. Dabei verriet das Kind einen derartigen 
Sdirecken, daß Herr Valentine es vor sich auf den Sattel 
setzen mußte. Aber der kleine entsetzte Junge schrie: „Sie 
werden uns nachlaufen und mich herunterholen!" Später ge- 
stand Edgar, daß das Kindermädciien, eine Negerin, ihn oft in 
das Negerviertel mitgenommen hatte, wo die schwarzen 
Sklaven mehr als eine Geschidite von Friedhof und Geistern 



47) Siehe Bd. I, S. 22 f. Zu diesem Thema schreibt Harrison: 
„Eine überaus hartnäckige Oberlieferung behauptete sogar, die Poes 
seien lebend im Theater verbrannt worden." (V. E., Bd. I, S. 12, 
Anm. I.) 

48) Siehe Bd. I, S. 26 f. 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



erzählten. Aber alle diese Geschichten wären außerstande 
wesen, auf das Kind Eindruck zu machen, wenn nicht aus de| 
Tiefe der Vergangenheit der mütterliche Geist ihn mit Toten! 
zahnen angelächelt hätte. Und auch der Ritt zu Pferd riA 
Edward Valentine würde dem Kind trotz Friedhof und 
Gräbern keine Angst eingejagt haben, wenn nicht die infantilJ 
Libido des Sedisjährigen (Beginn der L a t e n z p e r i o d e| 
unter dem Druck der Allanschen Erziehung bereits begonneij 
hätte, sidi in Angst zu verwandeln — in jene Angst, weldii 
die Erzählungen Edgar Poes nährt, und die den auf den 
Pferd mitgerissenen Körper des einem „Inzest" erlegeneri 
Metzengerstein sdiüttelt. • 



II 



DER ZYKLUS 
DER MUTTERLANDSGHAFT 



I 



Das "Wort Landsdiaft wird hier in einem sehr weiten Sinne 
^eenommen: Landschaft ist auf den folgenden Seiten alles, was 
in der Natur vor den Augen des Mensdien erscheint, Erde, 
Wasser oder Himmel. Idi verwende diesen Ausdrudk, weil 
kein anderer die "Weite der Muttersymbolik bei Poe besser 
wiedergeben würde, und weil der Begriff Natur zu sehr von 
Atem beseelt ist, als daß er die spezifische Eigensdiaft der 
Poeschen Landschaften ausdrücken könnte. 

DIE GARTEN-LANDSCHAFTEN 
UND DIE INSEL DER FEE 

In der Insel der Fee*^ spricht Poe von dem Glück, 
das er bei der Betrachtung einer der Landschaften empfindet, 
die er fast mißbräuchlich „Bilder aus der Natur" nennt: 

„Wahrlich, wer Gottes Herrlidikeit auf Erden recht gewahren 
will, der muß diese Herrlichkeit in Einsamkeit betraditen. Mir 
wenigstens ersdieint die Anwesenheit nicht nur menschlidier, sondern 
überhaupt lebender Wesen jeder Art, außer den grünen Dingen, 
die aus dem Boden wadisen und keine Stimme haben, als Beflediung 
der Landsdiaft, als etwas, was der seelischen Harmonie des Bildes 
zuwiderläuft." 

So läßt Poe die Natur niciit in ihrer Gesamtheit gelten. 
Ihn stören der singende Vogel, das summende Insekt, vor 
allem aber der Schritt des "Wanderers. Die Landschaften Poes 
sind schweigsam wie der Tod, wenn man von denen absieht. 



49) The Island of the Fay {Graham' s Magazine, Juni 1841, 
Broadway Journal, II, 13). 

Bonaparte: Edgar Poe. II. 8 




I" 
i; ' 



114 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

durch die der Orkan rast;"" und daß sie nur Ersatz, Symbol 
für irgendein mystisdies, seltsames, von ihm selbst nur dunkel 
erahntes Wesen sind, sagt er uns einige Zeilen später: 

„In Wahrheit! idi liebe die Vorstellung, daß die dunklen Täler 
und grauen Felsen und die sdiweigsam lädielnden Wasser und die 
Wälder, die in unruhigem Schlummer seufzen, — und die stolzen 
wadisamen Berge, die auf alles herunterblidcen — daß all dies nur 
ungeheure Gliedmaßen eines gewaltigen, lebenden und empfindenden 
Ganzen sind . . . und da wir deutlidi sehen, daß die Materie grund- I 
sätzlich von Leben erfüllt ist, — in der Tat, soweit unser Urteil " 
reidit, ein leitender Grundsatz in den Maßnahmen der Gottheit — , 
so ist es kaum logisdi, dieses Leben auf die Regionen des Kleinen, 
wo wir es täglidi nachweisen können, zu besdiränken und nidit 
auf die des Erhabenen auszudehnen . . . Kurz, wir sind infolge 
unserer Selbstüberhebung in einem gewaltigen Irrtum, wenn wir an- 
nehmen, der Mensdi sei in seiner zeitlidien und zukünftigen Bestim- 
mung von größerer Widitigkeit für das Universum als der gewaltige 
T a 1 k ö r p e r,''^ den er beadiert und veraditet und dem er eine 
Seele abspridit, aus keinem tieferen Grund, als weil er sie nidit in 
Tätigkeit sieht." 

In der Fußnote fügt Poe hinzu: „Wo Pomponius Mela in 
seiner Abhandlung De Situ Orbis von Flut und Ebbe spridit, 
sagt er: ,Entweder ist die "Welt ein g r o ß e s T i e r, oder . . .' 
usw." Durch diese "Worte gesteht uns Poe gerade das ein, was 
er leugnet: seine antropomorphe Auffassung der Natur, und 
daß für ihn „der Mensdh in seiner zeitlidien oder zukünftigen 
Bestimmung von größerer "Widitigkeit für das Universum (sei) 

jo) In E 1 e o n o r a zeigen die Vögel, die in dem glutvollen 
Tal des vielfarbigen Grases ersdieinen, den Geliebten ihr Gefieder, 
aber sie singen nidit. Nur das unbeseelte Wasser beginnt zu flüstern. 
Im Herrschaftsbesitz Arnheims (das zuerst die 
Garten-Landschaft hieß) zieht eine übernatürliche Melodie 
als einziger Laut dur<äi die Landsdiaft, diese Musik folgt dem Badi 
und begleitet das öffnen der Goldtore, weldie zum Haus führen. 
Und in Landors Landhaus singen nur die Vögel, die in 
den Käfigen sind. 

ji) That „vast clod of the Valley": diese gewaltige Talsdiolle. 



I 



Insel der Fee iij 

als der gewaltige Talkörpe r", den er sidi nadi dem Eben- 
bilde des Mensdien vorstellt. 

Im Zentrum der Schöpfung steht für das Menschenkind 
zuerst und allein das mensdilidie Geschöpf. Der Säugling 
kennt das Universum nidit, er kennt von ihm nur die ihn 
nährende Brust, die ihm übrigens anfangs mehr als ein Besitz 
zu sein scheint: sie ist eine Art Anhängsel seines eigenen 
Körpers. Die Mutter wird nach und nach zu der ersten Vor- 
stellung, die er sich von der äußeren Welt machen kann; er 
bemerkt bald, daß sie bei ihm sein kann und auch nicht, daß sie 
ihm die Brust geben und verweigern kann. Sie wird für ihn die 
erste Verkörperung der ihn umgebenden Natur, und alle 
Gegenstände, die er nach und nacii erfaßt, gruppieren sich um 
das ursprüngliche Mutterbild. Hierauf wird dem älter ge- 
wordenen Menschen in einer Art Regression die Natur, welche 
nährt oder straft, zum Symbol für die Mutter, die ursprünglich 
das Vorbild war und nun übermäßig groß, ewigdauernd, ins 
Unendliche projiziert ist. Daher ist die Art, wie Menschen zur 
Natur stehen, ein mehr oder minder deutlicher Reflex ihres 
persönlichen Mutter-Komplexes. Dieses Gesetz kann am deut- 
lichsten durch die Beobachtung bewiesen werden, auf welche ganz 
besondere Weise Edgar Poe das liebte, was er Natur nannte. 

"Wir haben schon anläßlich der Eleonora gesagt: Kein 
Mensdi könnte in diesen Landschaften leben, die Poe mit be- 
sonderer Liebe malte und dann als Paradies vorführte. Es 
fehlt in ihnen an Luft: sie gleichen trotz der Buntheit ihrer 
Farben einer geschminkten Leiche, und trotz der Düfte, mit 
denen sie überladen sind, und dem nach Vanille riechenden 
Rasen einem mit Blumen geschmückten Zimmer — in dem ein 
Toter ruht. Die gleiche stidüge, verpestete, verdächtig duftende 
Luft lagert über allen seinen Wäldern, Teidien, Wiesen. 

Wenn man die Beschreibung so wenig natürlicher Land- 
sdiaften wie die des Tals des vielfarbigen Grases, des H e r r- 

8* 



"6 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Schaftsbesitzes Arnheims== oder selbst die von 
Landors Landhaus" (in dem sidi die ganz außer- 
gewöhnlich junge und gesunde Gestalt Annies aufhält) liest 
dann darf man nidit vergessen, daß die Mutter des Dichters 
eine Schauspielerin gewesen ist, die ihr Sohn oft geschminkt 
gesehen hat, und zwar besonders stark geschminkt, weil 
sie krank war und die Verheerungen der Krankheit dem 
Publikum verborgen bleiben mußten. Der auf die Natur über- 
tragene Geschmack Edgar Poes an allem Künstlichen kommt 
zum Teil vielleicht aus dieser Quelle; dieser Geschmack wird, 
ins Ästhetische übersetzt, durch das Ellison des Herr- 
schaftsbesitzes Arnheim „rationalisiert".^* Die geo- 
logischen Umwälzungen, welche die ursprüngliche Harmonie 
der Landschaften der Erde gestört haben, sind nach Poes 
Meinung Vorhersagungen des Todes; daher ist der Mensch be- 
reditigt, diese Disharmonien zu korrigieren und der Erde für 
das Menschenauge ihr ursprüngliches Aussehen unsterblicher 
Schönheit wiederzugeben. Da die Sterbende, der Leichnam, 
geschminkt war, ist auch der Mensch, ihr Sohn, der Sohn der 
Erde berechtigt, sie zu schminken. 

Daß in allen von Poe beschriebenen Gärten, in all diesen 
Gärten mit dem kurzgeschorenen, dichten, samtweichen Rasen 
— eine Erinnerung an die Gärten Englands, die er als Kind 
gesehen — unter den Rasenhügeln (wie auf der Insel der 
Fee) eine Tote ruht und immer dieselbe, beweisen hunderte, 
in die Geschichten verstreute Geständnisse des Dichters. Und 
auch die Inschrift über Arnheims Herrschaftsbesitz macht es 
feierlich bekannt: 



52) The Domain of Arnheim {Columbian Magazine, März 1847). 

53) Landor's Cottage (erster Abdruci unbekannt; wurde dem 
Metropolitan vor Juli 1838 eingesdiidct). 

J4) Ebenso haben Baudelaire und Oscar Wilde das Künstlidie 
gefeiert. 



I 




Insel der Fee 117 

„Der Garten lag wie eine schöne Frau, 

Die tiefentzüdit gesdiloss'nen Auges ruht 

Und schlummernd träumt ins off'ne Himmelsblau," 

wie die „Schlafenden" und die Toten. In der Insel der 
Fee, die auf ihre Art audi eine Gartenlandschaft ist, erscheint 
diese Symbolik noch deutlicher. 

Das Westende (dieser Insel) war wie ein strahlender Harem 
von Gartenschönheiten", aber ihr Osten „war in schwärzeste 
Sdiatten gehüllt", mit Bäumen „von düsterer Farbe und 
trauernd in Gestalt und Haltung; — wie sie sidi da in trübe, 
feierliche und gespenstische Formen hüllten, erweckten sie eine 
Vorstellung von tödlichem Leid und frühzeitigem Tod. Das 
Gras hatte den dunklen Farbenton der Zypresse, und seine 
Halme ließen die Köpfe hängen, und hier und dort sah man 
im Grase viele kleine häßliche Hügel, schmal und niedrig und 
niAt sehr lang, die wie Gräber aussahen und dodi keine 
waren, obgleich Raute und wilde Rosen sie ganz und gar 
überwucherten. Der Schatten der Bäume sank schwer aufs 
Wasser nieder, als wolle er sich darin begraben, die Tiefen 
des Elements mit Dunkelheit sättigen. Ich bildete mir ein" 
— setzt Poe fort, und er entwickelt nun jenen seltsamen Ein- 
fall, welcher den des Ovalen Porträts ankündigt, jenen 
Einfall, nach dem die Farben auf der Leinwand den Wangen 
des Modells entzogen wurden, — „ich bildete mir ein, 
wie die Sonne tiefer und tiefer sank, löse sich Schatten um 
Schatten trübe vom Stamme, der ihm Leben gegeben hatte und 
werde vom Strome aufgetrunken, während jeden Augenblick 
neue Schatten aus den Bäumen hervortraten, um die Stelle ihrer 
eingesargten Vorgänger einzunehmen." 

So besitzt auch die Insel in ihren Bäumen und Schatten die 
Eigenschaften der Fee, der Sterbenden, deren durchsichtiges 
Symbol sie ist. Hinter dem Symbol taucht tatsächlich bald 
das symbolisierte Wesen auf. Während der Träumer sich fragt, 



ii8 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



ob diese verzauberte Insel nicht etwa „der Zufluchtsort der 
wenigen gütigen Feen (ist), die nodi vom Untergang versdiotitl 
geblieben sind", ob diese „Hügel" nidit ihre Gräber sind 
und ob sie nicht „nach und nach ihr Dasein an Gott zurüdc- 
geben, wie diese Bäume Schatten um Schatten hingeben, ihr 
Wesen verhauchen und auflösen", da erscheint auf der Licht- 
seite der Insel die Fee. 

„Sie stand aufrecht in einem seltsam gebrechlichen Kahn, 
den sie mit dem Schatten eines Ruders lenkte." Und nun sieht ■ 
man, daß das, „was der vergehende Baum dem Wasser ist, das 
seinen Schatten einsaugt und schwärzer wird von jeder solchen 
Beute", auch das Leben der Fee sein muß für den Tod, der sie 
verschlingt. Denn 

„solange sie unter dem Einfluß der zögernden Sonnenstrahlen] 
blieb, schien ihre Haltung Freude auszudrücken, aber Trauer] 
wandelte sie an, als sie der Schatten berührte. Langsam glitt sie j 
dahin und hatte sdiließlich die Runde um die Insel gemadit und j 
erschien wieder auf der Lichtseite. ,Der Zirkel, den die Fee soeben! 
vollendet hat', überlegte ich weiter, ,ist der Kreislauf ihres kurzen 
Lebensjahres. Sie ist durch ihren Winter und durdi ihren Sommer 
geflutet, sie ist dem Tod um ein Jahr näher: denn es ist meinen 
Blicken nidit entgangen, daß, als sie in die Dämmerung kam, ihr , 
Schatten von ihr abfiel und von dunklem Wasser verschlungen ward, j 
dessen Schwärze nodi sdiwärzer wurde.'" 

Und die Fee fährt noch mehrere Male um die Insel herum,] 
„und bei jedem Hervortreten ins Licht lag mehr Trauer auf ] 
ihrer Gestalt, die schwächer und feiner und unbestimmter | 
wurde, und bei jedem Übergang ins Dunkel sank ein tiefer 1 
Schatten von ihr ab, der von immer düstererem Schwarz ver- 
schlungen wurde. Endlich aber, als die Sonne gänzlich ver- ^ 
schwunden war, glitt die Fee, jetzt nur noch wie das Gespenst 
ihres früheren Seins, mit ihrem Boot trostlos in das Bereich der 
ebenholzschwarzen Flut, und ob sie daraus wieder zum Vor- 
schein kam, kann ich nicht sagen, denn Finsternis deckte alle. 



Insel der Fee 



119 



Dinge, 
mehr. 



und ich gewahrte ihre zauberhafte Gestalt nicht 



rill*'"* - 
Mit solchen symbolischen Worten erzählt uns Poe wieder 
einmal die immer gleiche traurige Geschiciite von der progres- 
siven Sciiwindsucht seiner geliebten Mutter Elizabeth. Sie war 
es, die jedesmal von neuem Kräfte verlor, wenn sie „durch 
ihren "Winter und ihren Sommer geflutet", sie starb schließlich 
Ende Dezember, wo die Sdiatten auf alle Dinge fielen, die 

I Schatten der ewigen Trauer und der Infantilamnesie. Wir 
können jedoch bestätigen, daß sie aus diesem Schatten wieder 
ins Licht getreten sein muß, wenn auch Poe in seinem Bewußt- 
sein nichts davon ahnte: die Gedichte und Erzählungen des 
Dichters sind das Zeugnis dafür. Mit dem tiefen, unauslösch- 
baren Erinnerungsvermögen, das im Unbewußten ruht, im Un- 
bewußten, aus dem das Verdrängte nun in Verschiebungen und 
in Symbolen auftaucht, erinnerte er sich an sie. Und mit diesen 
Sdiatten, die sich vom Körper der sterbenden Mutter lösten, 
mußten von nun an alle Landschaften Poes gemalt werden. 
In den Augen ihres Sohnes gab die Mutter der ganzen Natur 
die Totenfarbe ihrer "Wangen, jene Farbe, ohne die von nun 
an weder Erde, noch Himmel, noci "Wasser sein konnten. 



] 



DIE SEEGESCHIGHTEN 

DIE DENKWÜRDIGEN ERLEBNISSE 
DES ARTHUR GORDON PYMss 

Das Meer ist für alle Menschen eines der größten, bestän- 
digsten Muttersymbole. Mit ihm kann nur die Erde verglichen 
werden, deren Brust uns nährt und zu sich nimmt. Und ' 
es ist gewiß kein gewöhnlidier Zufall, daß die Worte „Meer" 
und „Mutter" (mare, mater; mer, mere) in vielen Sprachen I 
die gleiche Konsonanz haben. Man könnte vermuten, daß die I 
Menschheit (noch bevor die Geologie es sie lehrte) gewußt * 
hat, alles Leben stamme aus dem Meer. Nach der Genesis 
sdiuf Gott zuerst die Fische und dann die Vögel, und die Mehr- 
zahl der Theogonien ist gleicher Meinung. Zweifellos haben 
die beobachtete Tatsache, daß weder das vegetative noch das 
animalische Leben ohne Wasser gedeihen kann, ferner das 
Schauspiel der Geburt, bei dem der Fötus der Säugetiere aus 
dem Wasser herauskommt, dem Menschen jene Symbolik ein- 
gegeben, ohne daß man zur Hypothese irgendeines phylogeneti- 
schen Gedächtnisses greifen mußte; die Wissenschaft hat nach- 
träglich aufgezeigt, wie wohl begründet diese Ansicht in der 

Realität ist. 

* 

Poe hat drei große Seegeschichten geschrieben: D a s M a n u- 
skript in der Flasche, Hinab in den Mael- 



jj) Narrative of Arthur Gordon Pym (zum Teil im Southern 
Liter ary Messenger, Januar, Februar 1837 ersdiienen; Budiausgabe 
1838). 



Arthur Gordon Pym 



I 



s t r ö m^' und Die denkwürdigen Erlebnisse des 
ArthurGordonPym. 

Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur 
Gordon Pym sind die umfangreidiste diditerisdie Arbeit 
Poes. Der Gedanke, einen „Roman" zu schreiben und nidit 
irnmer nur kurze Geschichten, wurde ihm 1836 von Paulding"" 
eingegeben. In einem Brief, in dem Paulding Poe mitteilt, daß 
er dessen ersten und von den Harpers zurückgewiesenen 
Gesdiidbtenband, die Geschichten des Folio 
Clubs audi bei einem andern Verleger nicht habe unter- 
bringen können, meint er: „Ich glaube, es würde sich der Mühe 
lohnen — wenn Ihre andern Verpflichtungen es zulassen — , 
eine Erzählung in zwei Bänden zu versuchen; denn das ist die 
Zauberformel!" Zu Beginn des folgenden Jahres erschienen 
die ersten Kapitel des Arthur Gordon Pym im 
Messenger. 

So verdankt der Pym sein Entstehen dem "Wunsch nach 
Erfolg, dem Poe am Beginn seiner Laufbahn ausgewichen war, 
und dem Zwang, Geld verdienen zu müssen; Edgar hatte sidi 
1836 in Ridimond mit Frau Clemm und Virginia nieder- 
gelassen, und es ging ihm sehr schlecht. Das war audi der 
Grund, warum in unserer Geschichte so viele Abschweifungen 
vom Thema enthalten sind, Abschweifungen, die manchmal 
verbatim aus Büchern über das Verstauen von Ladungen, über 
die Geschichte der Polarexpeditionen, die Sitten der Pinguine 

56) Manuscript found in a Bottle (Baltimore Saturday Visiter, 
11. Oktober 1833; Southern Literary Messenger, Dezember 1835; 
The Gift, 1836, 1840; Broadway Journal, II, 14). A Descent into 
the Maelström {Graham's Magazine, Mai 1841, 1845). Beide Er- 
zählungen gehören, nadi der V. E., zu den Geschichten des 
Folio Clubs. Woodberry (II, S. 40if.) bestreitet, wahrsdieinlidi 
mit Redit, daß der Maelström in diese Reihe gehört; die Zu- 
sdireibung kann sich nämlidi nur auf das nachträglidi auftauchende 
Zeugnis Latrobes berufen. 

J7) Paulding an Poe, 17. März 1836 (V. E., Bd. 17, S. 32). 




Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



oder über die Verwertung der beche de mer entlehnt wurden 
— er mußte nämlidi den Text strecken. "Wenn wir aber von 
diesen Abschweifungen absehen, dann haben wir in der Ge- 
sdiidite vom Arthur GordonPymein wertvolles Werk 
vor uns, welches das Tagebuch des Julius Rodman 
das Poe mit Recht nicht zeichnete, weit hinter sich läßt. Die 
Überquerung der Rocky Mountains durch den langweiligen 
JuliusRodman flößte Poe keine dichterische Begeisterung 
ein. Die Berge hatten in seiner Kindheit gewiß nur eine geringe 
Rolle gespielt, während die Wellen der See, die Ruhe auf dem 
Meer, die Inseln, die Meeresstrudel, die Stürme über dem 
Ozean ihm die bezeichnendsten Seiten des Arthur 
Gordon Pym diktieren konnten. 

Vom künstlerischen Standpunkt aus kommt diese Geschidite 
weder durdi ihre Form noch durch ihren Aufbau der L i g e i a 
oder der Schwarzen Katze nahe. Der Künstler Poe 
war eben hauptsächlich dazu geschaffen, auf dem Papier 
jene erschreckenden Träume festzuhalten, welche von andern 
Menschen nur zur Nachtzeit geträumt werden (beim Erwadien 
entfliehen diese Träume), und die den Eindruck der in einen 
kurzen Zeitraum zusammengefaßten Totalität hervorrufen 
können: daraus entspringt die Ästhetik Poes, die ein Werk 
fordert, das einen starken, kurz dauernden, einzigartigen Eb- 
druck hervorrufen will und die, wie bei jedem Künstler, nidits 
anderes als der rationalisierte Ausdruck seines eigenen Tempe- 
raments war. Der weite Rahmen des Arthur Gordon 
Pym entsprach nicht dem künstlerischen Temperament Poes; 
der Dichter konnte aber doch, herrlich und tiefer schürfend als 
er glaubte, auf mancher Seite des Pym von sich selbst erzählen, 
weil ihm die Erinnerungen an eine vom Meer gewiegte Jugend, 
reale Erinnerungen, zu denen die Symbolik kam, die für ihn 
mehr als für irgendeinen andern hinter dem Begriff „Meer" 
steckte, dies gestatteten. 



Arthur Gordon Pym 



123 



Tj/ir analysieren daher diese Erzählung nidit um ihrer 

kkünstlerisdien Qualität willen, sondern wegen der großen Be- 
deutung, die sie für die Enthüllung der Psyche Poes darstellt. 



Bevor wir mit der Analyse beginnen, wollen wir einen Ein- 
wand widerlegen, den uns mehr als einer unserer Leser madien 
wird. Sdion die mütterlidien „Garten-Landsdiaften" wie das 
[Mutter-Pferd des Metzengerstein sind auf mandien 
Ungläubigen gestoßen. Jetzt aber sollen gar das Meer, die 
Sdiiffe, eine Insel, der Südpol, und außerdem einige Tiere als 
Muttersymbole an uns vorüberziehen! Die Leser werden viel- 
lleidit das Buch wegwerfen und uns des Wahnsinns oder einer 
fixen Idee verdäditigen. Darum muß sdion hier allen denen, 
welche die wahre Psychologie nidit kennen, geantwortet 
werden. Sie sagen: „Aber das Meer ist dodi das Meer! Das 
Kind Edgar Poe hat ganz gut das Meer an sidi lieben können, 
die Bootfahrten, den Wind auf hoher See!" Sie wollen damit 
sagen, die Realität „Meer" hätte es nicht nötig, Muttersymbol 
,u sein, um geliebt zu werden. 

Die Verknotung von Meer-Symbol und Meer-Realität ist 
faktisch nur schwer aufzuknüpfen. Es ist gewiß Tatsache, 
daß das Kind die Bewegung um ihrer selbst willen liebt, 
das Laufen zum Beispiel, das Springen, das sanfte oder 
heftige Sdiaukeln der Boote; aber auch diese Bewegungen sind 
von Erotik nicht unabhängig, und ohne Analytiker zu sein 
empfiehlt man den jungen Leuten, Sport zu betreiben, damit 
sie so lange als möglidi keusch bleiben, ganz so, als ob man 
wüßte, daß das gleiche Nervenfluidum, weldies das Sexual- 
verlangen hervorbringt, auch in die Muskeltätigkeit einfließen 
kann. In dieser Arbeit ist aber nicht bloß von soldiem unbe- 
stimmten Gebraudb der sexuellen Energie die Rede. Wir wollen 
zum Beispiel den Bootfahrten eine Sexualsymbolik unterlegen, 



124 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



die sidi auf ein determiniertes Objekt bezieht: auf die Mutter- j 
und das ist es, was man uns gewiß am stärksten bestreiten wird. 
Ein Analytiker hat im Spaß gesagt: „Das Flugzeug ist ein ' 
Sexualsymbol, aber es dient audi dazu, von "Wien nadi München 
zu fliegen." So ist das mit allen Symbolen: wenn wir also sagen, 
das Meer ist im Unbewußten die Repräsentanz für die Mutter 
so bleibt es natürlich im Bewußten das Meer mit seiner ihm 
zukommenden individuellen Physiognomie, mit seinen Stürmen, 
seiner Stille, seinem Wellenschlag, seinem mit Wolken be- 
deckten Himmel, welche die Menschen bedrohen oder 
schaukeln, mit seiner Oberfläche, die der Schiffahrt dient. 
Was wir behaupten wollen, ist dies: die Meer-Realität allein 
würde nicht genügen, um die Mensdien so zu bezaubern, wie 
sie es wirklich tut. Das Lied vom Meer klingt für sie in zwei 
Lagen, die höhere, oberflächlidiere ist aber keineswegs die 
bezauberndere. Gerade der aus Tieferem hervorquellende ; 
Gesang hat zu allen Zeiten, wie das Lied der Sirenen, die 
Mensdien ans Meer gelockt. So ist es auch beim Traum der 
Menschen: das Publikum glaubt gewöhnlidh, die Tatsadie, 
daß ein Mensch zum Beispiel einen Vogel im Lauf des 
Tages gesehen hat, genüge, um das andere Faktum, nämlidi, 
daß man in der folgenden Nacht von einem Vogel träumt, 
zu erklären. Wenn es so spricht, vergißt es die unzähligen 
andern Objekte, mit denen der Träumer im Lauf des gleidien 
Tages zusammengekommen ist, und von denen er in dieser 
Nacht nicht träumen wird; nur der Vogel allein hat eine in 
uns schlummernde, verborgene Kraft wecken können. Um 
einen Traum zu schaffen, bedarf es der Mitarbeit eines Ob- 
jekts, eines Ereignisses (die ein äußerer Anstoß zur Auslösung 
unserer Gefühle sind) und der Mitarbeit eines tief in uns 
verankerten, alten Wunsches, den nur wir allein liefern 
können, und der das von außen kommende Element mit jener 
persönlichen Affektladung besetzt, die erst geeignet ist, einen 



r 



Arthur Gordon Pym 125 



Traum hervorzurufen. Das heißt: das Meer als solches würde 
von den Mensdien kaum so geliebt werden wie es geliebt wird 
_- wobei wir ganz von der Nützlidikeit des Tauschhandels ab- 
sehen, den es möglich macht — , wenn es nicht durch eine tiefe, 
aus dem Unbewußten stammende Affektladung überbesetzt wäre. 

Beobaditen wir die Tiere: ein Hund zum Beispiel, der auf 
dem Strand mit seinem Herrn spazierengeht. Während der 
Mensch bezaubernde Träume beim Rauschen und Funkeln der 
Wogen träumt, den Blick in ferne Horizonte verliert und 
dort dem Lauf der Segel folgen wird, hat der Hund nur 
für seinesgleichen Interesse oder für die Spuren, die sie 
im Sand hinterlassen haben (wenn nicht etwa der Jagd- 
trieb durch den Anblick einer Krabbe geweckt ist), oder 
er läuft auf den Ruf seines Herrn herbei, oder er findet gar 
etwas zum Fressen. Aber nichts interessiert ihn so sehr wie 
die flüssigen oder festen Exkremente eines andern Hundes. 
Beobachten wir ihn, während er sie beschnuppert; sein Interesse 
am Universum ist für ihn in diese Handlung verdichtet. Es 
gelingt der Stimme seines Herrn nicht immer, ihn von ihr 
wegzulocken. So viel man urteilen kann, entgeht ihm aber 
die ganze Schönheit der Natur. Man kann sich kaum einen 
Hund oder irgendein Tier vorstellen, das mit Staunen den 
Glanz einer herrlichen Landschaft bewundert. 

Das kommt daher, wird man sagen, weil das Gehirn des 
Tiers, ebensowenig wie es eine artikulierte Sprache hervor- 
bringt,- ästhetischen Eindrücken zugänglich ist. Das glaube ich 
gern; aber durch die Konstatierung der Tatsache, daß dieser 
fähig ist und der andere nicht, ist doch nicht der Mechanismus 
dieser Eindrücke — den ich übrigens keineswegs ganz aufzeigen 
will — erklärt. Hinter der angeblich uneigennützigen Liebe 
des Menschen für die Natur, die Kunst, muß ein ganz be- 
sonders tiefer und unheimlicher, im Unbewußten des Menschen 
ruhender Grund — mit all den großartigen und verhüllten 




liö Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Göttern, die aus der Kindheit eines jeden Mensdien stammen 
und dieses Unbewußte bewohnen — vorhanden sein. Und dies 
uns beherrschende affektiv besetzte Element — das uns diese 
oder jene Dinge, und ohne daß wir den wahren Grund unserer 
Haltung erfassen können, lieben oder hassen läßt — ist der 
Beitrag unseres Unbewußten zu unserer Einstellung gegenüber 
dem Realen. Wir lieben den Berg nicht deshalb, weil er grün, 
noch das Meer, weil es blau ist, auch dann nicht, wenn wir 
der Verlockung gerade das als Grund unterlegen — wir lieben 
sie, weil irgend etwas in uns, in unserer unbewußten Er- 
innerung, Gelegenheit gefunden hat, sich in dem blauen Meer 
oder im grünen Gebirge zu inkarnieren. Und dieses Etwas in 
uns, aus unseren unbewußten Erinnerungen, kommt immer 
und überall von unseren Kindheitsneigungen her, es wurzelt 
in jenen Neigungen, die von Anfang an an das menschliche 
Gesdiöpf gebunden waren, in erster Linie an das Geschöpf- 
Obdadi und an das Geschöpf-Nahrung, als das die Mutter oder 
Amme audi dann ersdieint, wenn wir statt der Brust das Saug- 
fläsdidien bekommen haben. Der gefürditete Vater, unser 
Nebenbuhler im Ringen um die Mutter, betritt ebenso wie die 
kleinen Rivalen, die wir an Bruder und Schwester haben, erst 
später den Schauplatz. Von diesen Lebewesen ist das Kind 
umgeben, wenn in seiner staunenden Phantasie, für die das 
Weltall eine zauberhafte Welt ist, Tiere, Pflanzen und alle 
andern Objekte der Natur sichtbar werden: das Kind muß diese 
für Wesen der gleichenGattung halten, wie die es sind, 
die es kennt, audi die Objekte der Natur sind ihm Mensdi- 
wesen. Das kleine Kind hat also vom Weltall eine ganz 
anthropomorphe Vorstellung; es schlägt den Tisch, an dem es 
sich angeschlagen hat, für dessen feindliche Absichten, und um 
ihn zu strafen. Der primitive Mensch hat noch diese Vision 
bewahrt, und Xerxes ließ das Meer peitschen, weil es sich der 
Überfahrt seiner Schiffe widersetzte. 



Arthur Gordon Pym 



127 



Welche Höhe auch immer die Kultur eines zivilisierten 
Mensdien zu erreichen vermag, diese animistisdie anthropo- 
morphe Vision vom Weltall bleibt in seinem Unbewußten 
erhalten. Aus ihr bezieht er seine affektive Haltung gegen 
die Dinge, wenn es ihm auch in seiner rationalen, intel- 
lektuellen Einstellung zur Welt gelingen mag, sich von 
ihr zu befreien. Alle Objekte der Natur, vom Sandkorn bis 
zum Stern, werden nur in bezug auf diese unbewußte, tiefere 
Haltung, weldie dem Objekt Leben verleiht, geliebt oder 
gehaßt. Das schließt aber, und für das gleiche Hirn, 
keineswegs eine kühle, gleichgültige, rationale, wissenschaftliche 
Haltung gegenüber den gleicJien Dingen aus; wir haben dann 
zum Beispiel die Haltung eines Ingenieurs vor uns, der eine 
Brücke baut. Der Ingenieur selbst hat jedoch sein Handwerk 
ursprünglich nur wegen der tieferen Affekte, die es für ihn ein- 
schließt, gewählt. Und so kalt er auch seine Arbeit bei Tag 
verriciiten kann, er vermag es doch niciit zu verhindern, daß er 
in der Nadit einen Traum k la Xerxes träumt, wenn der Fluß, 
den er überbrücken will, sicii durch Hochwasser plötzlicii 
seinem Willen widersetzt. 

Wir gleichen darin dem vorhin zitierten Hund mehr als wir 
glauben: auch wir können uns affektiv nur für das inter- 
essieren, was unsere eigene Gattung und die großen Bedürfnisse 
dieser Gattung angeht. Der Hund liebt außer seiner Spezies 
auch noch den Herrn, der ihm Obdacii gibt und ihn nährt, aber 
das ist aucäi alles, was ihn außerhalb seiner Art zu interessieren 
vermag. 

Wir haben den Hund verlassen, wie er im Beschnuppern 
der Exkremente von seinesgleichen vertieft, und seinen Herrn, 
der in der Betrachtung des Meerhorizonts versunken ist; der 
Mensch unterscheidet sich hier vom Tier, daß das Meer für 
ihn mehr als „bewegtes Wasser", daß es mit menschlichem 
Interesse übersetzt ist. Die ungeheure Apperzeptionsfähigkeit 



128 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



des menschlidien Gehirns hat es ihm möglidi gemadit, in alle 
Objekte der Natur etwas vom Mensdien selbst hineinzudenken 
nidit bloß durch die Handlung, sondern audi im Symbol. 
Wenn daher der Herr des Hundes seinen Blick am Horizont 
verliert, so unterscheidet er sich nidit allzusehr von dem Tier 
das die Erde mit der Nase berührt, da ja alle zwei, das Tier 
mit seiner Nasenspitze und der Mensch mit seinem Blick nidits 
anderes suchen als sich selbst. 

Die Symbolik, die der Mensch hervorrufen kann — und 
die durch Religion und Träume der Primitiven wie der Zivili- 
sierten bezeugt wird — , ist unendlidier Mannigfaltigkeit zu- 
gänglidi. Alle Gegenstände der Natur können an ihr teil- 
nehmen; trotzdem aber drückt diese vielfältige Symbolik im 
Grund nur wenig Objekte aus: sie stellt die ersten Mensdien 
dar, die wir geliebt haben, die Mutter, den Vater, unsere 
Brüder und Schwestern, ihre und vor allem unseren Körper, 
unsere Ggnitalorgane, die ihrigen. Die Mehrzahl der Symbole 
hat sexuellen Charakter, das Wort „sexuell" ist dabei im 
weitesten Sinne genommen und verschmilzt fast mit dem Be- 
griff „nervös", es ist der tiefe, ursprünglidie Ausdruck für alle 
unsere Liebe, von der Geburt bis zum Tod. 

Und das gilt auch dann, wenn die Moralerziehung, wie bei 
einem Edgar Poe, mit Erfolg die manifeste Sexualität und 
zu gleicher Zeit das infantile Inzestverlangen so sehr ins Un- 
bewußte verdrängt hat, daß sie in den Augen aller jener, 
weldie die Psychophysiologie nicht kennen, unkenntlidi 
werden; sie leugnen sie dann so wie Baudelaire, der gesdirieben 
hat: „Im Werk Edgar Poes gibt es keine Liebe." 



Poe kannte die Meer-Realität aus der Nähe. Er hatte bereits 
mehr als eine Seereise zwischen den Städten an der Ostküste von 
Amerika mitgemacht, als noch seine wirkliche Mutter lebte; er 



1 



Arthur Gordon Pym 129 

war mit der armen Sdiauspielerin gewiß größtenteils auf dem 
Meer von Boston über New York (wo sein Vater „verloren" 
gegangen ist) nadi Ridimond und Norfolk, und dann bis nadi 
Charleston in Süd-Carolina gekommen. Nadidem die Allans 
ihn in ihr Haus aufgenommen hatten, wuchs er in der Hafen- 
atmosphäre von Ridimond auf, bei den SdiifFen, die für das 
Haus ihres Herrn mit den verschiedensten Lebensmitteln 
handelten; sein Geist nährte sich mit den Erzählungen der 
Matrosen und Kapitäne, die am Tisch der Allans aßen. Und 
die Überfahrt über den Atlantik im Sommer 18 15 war für die 
Phantasie des sechsjährigen Jungen ein Ereignis von größter 
Bedeutung. 

Als Edgar 1820 nach Richmond zurückkam (er war damals 
elf Jahre alt), traf er Ebenezer Burling wieder, den älteren 
Freund, den er in der Memorial Church von Richmond 
kennengelernt, und der dem damals noch nidit Sechsjährigen 
das Sdiwimmen beigebracht hatte. Die beiden, die von nun an 
unzertrennlidie Freunde, gleichsam Brüder waren, fuhren ge- 
meinsam mit dem Segelboot auf der James umher, vielleicht 
bis zur Mündung; beide flohen sdiließlich im März 1827 
gemeinsam aus dem Elternhaus — der betrunkene Ebenezer 
kam, nachdem er seinen Rausch ausgeschlafen hatte, wieder 
zu seiner Mutter zurück — , Edgar hingegen bradi für immer 
mit John Allan. 

Aus diesen realen Erinnerungen formte sich das erste Kapitel 
der Geschichte vom Arthur Gordon Pym; es gleidit 
einem Präludium zu der tollen und phantastischen Symphonie, 
welche später vom Meer gespielt werden wird. Autobiographi- 
sches herrsdit nodi vor, ganz so, als ob Poe uns hätte mitteilen 
wollen, weldie reale und frühe Vertrautheit mit dem Meer 
der Meer-Muttersymbolik, welche die ganze übrige Geschidite 
beschattet, ihren so starken Akzent und so weiten Umfang 
hatte geben können. 

Bonaparte: Edgar Poe. II. 9 



^3° Die Cesdoichten: Der Zyklus Mutter 



„Mein Name", beginnt der Erzähler, „ist Arthur Gordon Vym 
Mein Vater war ein ehrsamer Seewarenhändler in Nantucket, meiner 
Geburtsstadt." 

Nantucket war der bedeutendste Walfisdifängerhafen dieser 
Küste und schon dadurch besonders geeignet, die Geburtsstadt 
Pyms zu sein. Außerdem liegt Nantucket im Norden der 
Ostküste, an der Edgar (allerdings noch nördlicher, in Boston) 
geboren wurde. Der Ort, von dem aus Pym zur Eroberung des 
Meers ausfahren sollte, war daher zwiefach determiniert, 
erstens durch eine äußere geographische Realität und zweitens 
durch eine innere psychische, durch zwei Realitäten also, die 
bei seiner "Wahl zusammenwirkten. 

„Mein Großvater mütterlidierseits", setzt Poe-Pym fort, „war 
ein beliebter Reditsanwalt. Er hatte in allem GlüA; seine Speku- 
lationen in der Edgarton New Bank, wie sie sidi damals nannte, 
waren von großem Erfolg begleitet. So war es ihm möglidi gewesen! 
eine tüditige Summe Geldes zurüdczulegen. Er liebte mich, wie idi 
annehmen mödite, herzlidier als irgendeinen andern Menschen auf 
der "Welt, und ich wurde allgemein als sein Erbe angesehen." 

So stellt uns Poe-Pym in der Gestalt dieses Großvaters 
mütterlicherseits in Wirklichkeit Allan vor, der an der gleichen 
Bank, der Bank von Edgarton, spekuliert hatte. Sein eigent- 
licher "Vater wird in dieser Phantasie wie im Leben in den 
Hintergrund verwiesen, der Ton liegt auf der Erwartung, 
er werde das Vermögen des Vaters Allan erben, eine Er- 
wartung, die in beiden Fällen enttäuscht wurde. 

Dann werden weitere, zweifellos biographische Einzelheiten 
berichtet: 

„Als ich fast sechs Jahre zählte, schidcte er mich zu einem alten 
Herrn Ridcetts in die Schule, einem einarmigen und exzentrischen 
Manne, den jeder in Neu-Bedford kennen dürfte." 

Neu-Bedford ist natürlidi Richmond, wo der gleiche Herr 
Ridetts mit dem gleidien einzigen Arm und demselben Namen 



1 



Arthur Gordon Pym 



131 



eine Schule leitete, die wahrsdieinlidi vom kleinen Edgar be- 
sucht wurde.^' 

„Ich blieb in dieser Sdiule bis zu meinem sechzehnten Jahr, um 
dann die Akademie des Herrn Ronald aufzusuchen, die auf der 
Höhe über der Stadt lag." 

Hier verdichten sich Schulerinnerungen Poes, denn 
er konnte nicht bis zu seinem sedizehnten Jahr bei dem alten 
Herrn Ricketts geblieben sein, wenn er auch in irgendeiner 
Schule „auf der Höhe", wie man damals ein Viertel von 
Richmond nannte, gewesen sein will. 

„Hier befreundete ich mich mit dem Sohn des Herrn Barnard, 
eines Kapitäns, der gewöhnlidi im Dienste der Firma Lloyd und 
[ Vredenburgh segelte." 

Der damals verstorbene Vater Ebenezer Burlings war 
Buchdrucker gewesen, für diese Geschichte mußte er aber in 
einen Kapitän verwandelt werden. 

„Sein Sohn hieß Augustus und war nahezu zwei Jahre älter 
rals idi." 

Ganz so wie Henry Poe, der Bruder Edgars. Ich weiß nicht, 
ob auch der Altersunterschied zwischen Edgar und Ebenezer 
Burling, der offensichtlich eine Ersatzperson für den älteren 
Bruder Edgars darstellte, der gleiche war. 

„Er hatte eine Walfängerfahrt an Bord des ,John Donaldson' 
mit seinem Vater gemacht und redete von nichts anderem als von 
I seinen Erlebnissen im Stillen Ozean." 

So unterhielt auch Henry Poe im Hause der Frau Clemm 
seinen Bruder durch die Berichte über seine Reisen und See- 
[mannsabenteuer, durch jene Berichte, die Poe später, trotzdem 
selbst nidits Ähnliches erlebt hatte, von sich selbst erzählte. 

I j8) Nach J. H. Whitty Memoir to The Complete Poems (zitiert 
Fvon Hervey Allen, Israfel, S. j/). Die biographischen Zusammen- 
Lhänge nach Hervey Allen. 



132 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Mit Ebenezer Burling hatte er gemeinsam früher den Ro- 
binson Crusoe gelesen, und beide begeisterten sich an i 
der Erzählung des Helden De Foes. 

„Idi begleitete ihn oft nach Hause und blieb den Rest des Tages 
manchmal die Nacht hindurch bei ihm." ' 

(Allan mißbilligte sehr, daß sein Mündel außer Hau«, 
schlafe.) 

„Wir sdiHefen in einem Bett, und er pflegte midi bis zum 
Morgengrauen wadi zu erhalten, indem er mir Gesdiiditen von den 
Eingeborenen der Insel Tinian und von anderen Orten erzählte, die 
er besucht hatte." 

(Die Erzählungen Henrys; Lektüre mit Ebenezer.) 

„Mit der Zeit konnte ich es nicht vermeiden, von seinen Er- 
zählungen gepadtt zu werden, und allmählich wudis mein Wunsdi, 
zur See zu gehen, ins Ungeheure. Idi besaß ein Segelboot, Ariel,' 
das ungefähr fünfundsiebzig Dollar wert war. Es hatte ein Halb- 
dedc, eine Art Kambüse, und war wie eine Sdialuppe getakelt; 
seinen Tonnengehalt weiß idi nicht mehr anzugeben, aber es konnte 
ohne Schwierigkeiten zehn Personen fassen. In diesem Boot wagten 
wir einige der tollsten Streidie, die je unternommen worden sind . . ." 

Mit diesen Worten stellt uns Poe das kleine Boot des 
Ebenezer Burling vor, in dem er mit seinem Bruder über 
die Fluten der James dahinfuhr. ^ 

„Ich will eines dieser Abenteuer berichten, bevor idi zu einer 
längeren und bedeutsameren Erzählung übergehe. Eines Abends hatte 
Herr Barnard Gesellschaft, und sowohl Augustus als ich waren 
gegen Ende des Festes nicht wenig angeheitert." 

Hier klingen die ersten Noten vom Thema Alkohol auf, 
das in unserer Geschichte einen ebenso großen Raum wie 
im Leben Edgars, in dem seiner Brüder Henry oder Ebenezer 
einnehmen sollte. Man erzählt, Burling habe sdion früh die 
Gewohnheit zu trinken angenommen. Als Poe 1827 aus dem 
Haus John Allans floh, begab er sich in die Ridiardson's 



Arthur Gordon Pym 



133 



Tavern, in der Burling Stammgast war, und dort traf Ihn 
Ebenezer, bevor er ihn ein Stück begleitete. Augustus und sein 
Freund sind also ein wenig angeheitert. 

,Wie gewöhnlich teilte ich, anstatt nach Hause zu gehen, meines 
Freundes Lager. Er schlief, wie mir schien, sehr sanft ein ..... 
ohne vorher ein Wort über seinen Lieblingsgegenstand fallen zu 
lassen." 

Aber nadi einer halben Stunde kommt Augustus auf und 
erklärt, er wolle auf das Meer hinausfahren. Pym meint, „die 
W^eine und Liköre hätten ihn um seinen Verstand gebracht". 
Augustus scheint jedoch ganz ruhig zu sein, und er bestimmt 
seinen Freund, mit ihm aufs Meer hinauszusteuern. 

Sie fahren nun bei einer sehr kräftigen Brise fort. Sie hissen 
die Segel, Augustus faßt das Ruder, sein Freund läßt sich neben 
dem Mast auf dem Fialbverdeck nieder. Sie steuern direkt aufs 
offene Meer hinaus; Pym fragt Augustus mehrere Male, wohin 
sie fahren. Da bemerkt er plötzlich, daß Augustus „betrunken, 
viehisdi betrunken" ist; 

„er konnte weder stehen, nodi sprechen, noch sehen ... Er 
kollerte wie ein Klotz in das auf dem Grund des Bootes ange- 
sammelte Wasser . . . , es war klar, . . . daß sein Benehmen im Boot 
die Folge eines gesteigerten Rausches war, eines Rauschzustandes, 
der gleich dem Wahnsinn seinem Opfer nicht selten die Haltung 
eines völlig Gesunden und Vernünftigen verleiht ... Er lag jetzt 
gänzlich bewußtlos, und es war nicht anzunehmen, daß er in den 
nächsten Stunden die Herrschaft über seine Sinne wiedergewinnen 
werde." 

Pym weiß aber niclit, wie das Boot zu steuern ist, 

„ein wütender Wind und die rückflutende Ebbe (jagten) uns 
ins Verderben. Hinter uns drohte das Wetter . . . und es war gewiß, 
daß wir bei unserem jetzigen Kurse das Land vor der ersten Morgen- 
helle aus den Augen verloren haben würden . . . Das Boot flog 
mit furditbarer Schnelle durdi das Wasser hin .... ohne daß ein 
Segel gerefft war." 



I 



134 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Glücklicherweise hält sich das Boot im Sturm, Poe refft das 
Großsegel, das den Mast über Bord reißt; sie sind vor dem 
augenblicklichen Untergang gerettet. Dann wendet er sich an 
Augustus, der „noch bewußtlos auf dem Boden des Sdiiffes" 
liegt, und um „ihn teilweise aufzurichten und im Sitzen zu 
erhalten", windet er ein Tau um ihn und befestigt es an einem 
Ring auf dem Halbdeck. 

Der große Mast und das Segel sind nun über Bord; aber 
nidit nur sie entfernen sich von dem Boot und der Handlung 
auch jene Elemente der Erzählung, die aus dem Biographischen 
herzukommen scheinen, verschwinden, weil in diesem Augen- 
blick 

„plötzlidi ein lautes und langes Schreien oder Heulen, das aus 
den Kehlen von tausend Teufeln zu kommen sdiien, die ganze 
Atmosphäre rings um das Boot und über ihm zu erfüllen begann". 

Pym fällt in Ohnmacht, und wie er wieder zu sich kommt, 
befindet er sich in der Kajüte eines großen "Walfischfängers 
(des Pinguin), der in der Nacht das Boot überrannt hat. Der 
„böse" Kapitän will zuerst nicht halten lassen, der „gute" 
Obersteuermann zwingt ihn aber dazu; man befreit Pym, „der 
auf eigentümliche Art an dem glatten und leuchtenden Schiffs- 
boden (der Pinguin war vollständig mit Kupfer belegt)" hängt, 
wo einer der Schiffsnägel den Kragen seiner grünleinenen 
Jacke und seinen Nacisen durchbohrt, „sich zwischen zwei 
Sehnen durchgedrängt (hatte) und . . . hinter dem linken Ohr 
wieder hervorgekommen (war)". Auch Augustus wird wieder 
herausgefischt, während er mit einem Tau an der losgerissenen 
Kajüte des Bootes festgebunden auf dem "Wasser herum- 
schwimmt. Man kümmert sich um die beiden, verbindet ihre 
"Wunden, und sie kommen zu rechter 2eit nach Haus, um beim 
Frühstück zu erscheinen. "Weder Herr Barnard (natürlidie 
Blindheit der Eltern!) noch sonst jemand hat etwas be- 
merkt. 



I 



Arthur Gordon Pym 135 

Das ist das Vorspiel zu den nun folgenden Abenteuern des 
Arthur Gordon Pym. Das Thema ist gegeben, es 
folgen großartige Variationen. 

Man sollte denken", setzt Pym fort, „daß ein Ereignis, wie 
das oben geschilderte, meine keimende Leidenschaft für das Meer 
vollkommen zerstört haben müßte. Ganz im Gegenteil . . ." 

Pym war jetzt aus dem Meer entstanden, aus den 
kupfernen Hüften des Schiffes, an denen er so auffallend hing, 
hervorgegangen. Für das Unbewußte ist das keine hohle 
Metapher, wie wir sehen werden. Augustus beginnt wieder seine 
Seegeschichten zu erzählen. Pym berauscht sich an ihnen mit 
seinem „begeisterungsfähigen Gemüt und seiner düsteren und 
doch dabei feurigen Einbildungskraft". 

„Es ist merkwürdig genug", gesteht er uns, „daß er midi am 
lebhaftesten für das Leben der Seeleute einzunehmen vermodite, 
wenn er ihre entsetzlichsten Augenblidce, ihre Leiden, ihre Ver- 
zweiflung schilderte. Für die freundliche Seite des Gemäldes hatte 
idi nicht viel übrig. Ich träumte von Schiffbruch und Hungersnot, 
von Tod oder Gefangenschaft unter barbarischen Horden, von 
einem Dasein voll von Trauer und Tränen, verbracht auf grauen, 
öden Felsen in einem unbekannten, unerreichten Weltmeer. Solche 
Visionen und Wünsche (denn Wünsche waren es) sind, wie man mir 
seitdem versichert hat, dem ganzen weit verbreiteten Geschlecht 
melancholisdier junger Leute gemeinsam." 

Und das waren tatsächlich die verdrängten "Wünsdie des 
sadistisdi-masochistischen Nekrophilen Edgar Poe, Wünsche, 
die sidi nicht in Handlung umsetzen durften und daher seine 
Liebesbeziehungen und "Werke hervorbrachten. 

„Etwa achtzehn Monate nach dem Untergang des Ariel wa^ 
die Firma Lloyd und Vredenburgh . . . damit beschäftigt, die Brigg 
Grampus für eine Walfängerfahrt auszubessern und herzurichten. 
Ich weiß kaum, warum sie andern und bessern Schiffen der Firma 
vorgezogen wurde; war sie doch ein alter Kasten und nach allen 
Verbesserungen eben zur Not seetüchtig . . .; aber so gesdiah es. 
Herr Barnard sollte sie befehligen, Augustus ihn begleiten." 




I3Ä 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Augustus drängt nun Pym mitzufahren, und bei dieser 
außergewöhnlichen Gelegenheit seine Reisesehnsudit zu be- 
friedigen. 

„Aber die Sache Heß sich nidit so glatt erledigen. Mein Vater 
widerstrebte zwar nidit mit Entschiedenheit, aber meine Mutter 
bekam bei der bloßen Erwähnung dieses Planes Krämpfe", 

wie Frances Allan, wenn ihr Stiefsohn aus dem Heim auf 
die Meer-Realität geflohen war, während der wirkliche und so 
früh versdiwundene Vater Poes, David, nicht viel gegen 
die Besitznahme des Urbilds der Mutter, des Meer-Symbols 
durch seinen Sohn einzuwenden hatte, sich also diesem Plan 
keineswegs mit Entschiedenheit widersetzte: er versdiwand 
und überließ sie ihm dadurch. 

Allan allerdings nahm in seiner Eifersucht als Gatte und 
Herr sowohl die Liebe seines Mündels für Frances, für die 
Mutter, als auch die "Wünsche Edgars nach Unabhängigkeit, 
die 1827 durch die Flucht übers Meer realisiert wurden, ganz 
anders auf als David Poe. „Und was das Sdilimmste war, 
mein Großvater schwor, mich zu enterben, spräche ich ihm 
noch ein einziges Mal von dem Gegenstand." Trotzdem aber 
bereiteten die beiden Brüder und Komplizen, im geheimen 
natürlich, die Abfahrt des Pym vor. 

„In Neu-Bedford lebt ein Verwandter von mir, ein Herr Ross, 
in dessen Haus ich zuweilen einige Wochen zu verbringen pflegte. 
Die Brigg sollte Mitte Juni segeln (es war im Jahre 1827)" — im 
gleichen Jahr, in dem, im März, Poe aus dem Hause Allans floh — , 
„und wir kamen überein, daß ein oder zwei Tage, bevor sie in 
See stach, mein Vater einige Zeilen von Herrn Ross erhalten sollte, 
durch die idi eingeladen würde, wieder ein paar Wochen bei seinen 
Söhnen Robert und Emmet zuzubringen. Augustus übernahm es, dieses 
Brieflein zu erdichten und richtig abliefern zu lassen. Nachdem ich 
dann sdieinbar nach Neu-Bedford abgereist sei, sollte idi mich bei 
meinem Genossen melden, der mir dann ein Versteck an Bord des 
Grampus besorgen wollte. Dieses Versteck, versidijrte er mir, würde 



1 



Arthur Gordon Pym 137 

für eine Reihe von Tagen, an der ich midi nidit zeigen dürfte, ein 
„eichend bequemer Aufenthalt sein. Sobald das Sdiiff so weit 
elangt wäre, daß man an eine Umkehr um meinetwillen nicht 
denken könnte, sollte ich an allen Bequemlidikeiten der Kabine 
teilnehmen dürfen; und was seinen Vater beträfe, so würde der 
nur lachen über den gelungenen Spaß." 

So würde der gute Vater lachen, der Vater, der dem 
Sohn den Besitz von Mutter, Schiff oder Flut überläßt, im 
Gegensatz zum andern, dem bösen, der hier von neuem auf- 
taucht. 

Nachdem alle Vorbereitungen getroffen sind, begibt sicii 
Augustus zum Landungsplatz, 

„idi folgte, in einen dicken Seemannsmantel gehüllt. Als wir um 
die zweite Ecke bogen, . . . wer stand da plötzlich vor mir und sah 
mir gerade in die Augen? Mein Großvater, der alte Herr Peterson. 
Hol' mich der Kuckuck, Gordon', sagte er nach einer langen Pause, 
wie, wie? Wessen schmutzigen Mantel hast du denn an?'" 

Man glaubt, Allan schimpfen zu hören. Aber Edgar-Gordon 

tut so, als ob ein Irrtum vorliegen müsse und antwortet ihm 

sdiarf: 

„Mein Herr, Sie scheinen sich zu irren; erstens heiße iA nicht 
Goddin, und dann, wie kannst du Oller Lump minen Äwerrock 
schmutzig hellen?" „Ich konnte um alles in der Welt kaum eine tolle 
Lache zurüdchalten, als der alte Herr bei dieser strammen Abferti- 
gung ein paar Schritte zurückfuhr, erst bleich, dann puterrot wurde, 
seine Brille hob und senkte, um zuletzt mit erhobenem Regenschirm 
Sturm auf mich zu laufen. Doch hielt er mit einem Male an, als 
ob ihm plötzlich etwas eingefallen sei; dann machte er kehrt und 
hinkte die Straße hinunter, indem er vor Wut bebte und zwischen 
den Zähnen murmelte: ,Geht nicht — neue Brille — dacht', es wäre 
Gordon — gottverdammtes unnützes Matrosengesindel!'" 

So erscheint John Allan in Person hinter der etwas gro- 
tesken Gestalt des Großvaters Henderson. Kein Zug hätte 
lebensechter sein können als der, daß der Vater aus Geiz 
auf die Verfolgung Pyms verziciitet. Der Vater ist nun ent- 



138 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



fernt, der "Weg ist frei zu der Fahrt auf dem Meer (oder mit 
der Mutter), die nun einsetzt. 

Aber auf welch sonderbare Art! Bald werden uns und Pym 
in Symbolen die Düsternisse der bedrückendsten Alpträume 
umgeben. Die beiden brüderlichen Komplizen steigen, ohne 
bemerkt zu werden, da fast niemand anwesend ist, an Bord- 
sie halten sich nicht in den Kajüten auf, auch nicht in der 
Augustus', in der „allerhand gute Sachen zum Essen und 
Trinken" vorhanden sind, besonders zum Trinken, da dies 
für einen in den Alkohol verliebten jungen Mann unumgäng- 
lich nötig ist. Augustus führt seinen Freund schnell zu dem 
Versteck, das er ihm vorbereitet hat. Er hebt eine unter dem 
Teppich der Kajüte verborgene Falltür auf, die in den 
hinteren Kielraum führt. Mit einer Laterne versehen, steigt 
er mit Pym dort hinunter. 

Nachdem die Treppe geschlossen ist, leuchtet „die Kerze . . . 
so schwadi, daß idi nur mit der größten Mühe den "Weg durch 
die wirre Masse von Gerumpel, in der ich mich befand, ein- 
halten konnte. Jedodi nach und nach wurden meine Augen mit 
dem Dunkel vertraut . . ." Augustus führt schließlich seinen ! 
Kameraden, „nachdem wir unzähligen engen Durchgängen ge- 
folgt waren", zwischen Kisten, Käfigen, Fässern und Ballen hin- 
durch, zu einem 

„mit Eisen besdilagenen Koffer von der Art, wie man sie wohl 
benutzt, um Porzellan zu verwahren. Er war bald vier Fuß hodi 
und über sedas Fuß lang, jedodi äußerst sdimal . . . Mein Begleiter 
zeigte mir jetzt, daß eine Seite des Koffers sidi nadi Wunsdi ent- 
fernen lasse. Er schob sie weg und enthüllte das Innere, dessen 
Anblids mir nidit wenig Spaß machte. Den Boden bededste eine | 
Matratze, die aus einer der Kojen in der Kajüte stammte. Was 
nur irgend an nützlichen Gegenständen in einen so engen Raum zu 
pferdien ging, war darin enthalten, und zugleidi vermochte idi 
noch darin zu sitzen oder ausgestredct zu liegen. Unter anderen 
Dingen fanden sich einige Bücher, drei Bettdedcen, ein großetj 




Arthur Gordon Pym 139 



Kfug voll Wasser, eine Tonne Schiffszwieback, drei oder vier 
riesige Bologneser Würste, ein gewaltiger Schinken, eine kalte 
Hammelkeule und ein halbes Dutzend Flaschen mit stärkenden 
Getränken." 

Pym läßt sich glücklidi wie ein Kind in dem „neuen Palast" 
nieder. Augustus zeigt ihm, wie man die ofFene Seite des 
Koffers verschließen kann und lenkt seine Aufmerksamkeit auf 
ein schwarzes Tau, das an der Decke oben angebracht, mit dem 
Versteck verbunden ist und das sich, „wie er sagte, von meinem 
Versteck durch alle Windungen im Gerumpel bis zu dem Nagel 
hinzog, der unterhalb jener Falltür in die Decke des Kielraums 
eingeschlagen war." Nachdem Augustus ihm einen ent- 
sprechenden Vorrat von Kerzen und an Streidihölzern zurück- 
«^elassen und ihm versprochen hat, ihn so oft er nur könne zu 
besuchen, verläßt er Pym. Es ist der 17. Juni. 

Pym bleibt in seinem Versteck drei Tage und drei Nächte 
lang, ohne es zu verlassen; bloß zweimal steht er auf, um die 
Glieder zu strecken. Die Brigg liegt nodi im Hafen. Während 
dieser ganzen Zeit bekommt er von dem zu sehr beschäftigten 
Augustus keine Nachricht. Endlich hört Pym die Stimme des 
Augustus, der ihn von der Falltüre herab fragt, ob er nichts 
brauche, und ihm die Uhr bringt, die er an die Falltür hängt. 
Ungefähr eine Stunde später sticht die Brigg in See, Pym macht 
sich auf die Sudie nach seiner Uhr, kriecht den Strick entlang 
über tausend Umwege und Kisten und Körbe, findet sie, steckt 
sie ein, zündet dann die Kerze an und liest in seinem Koffer, in 
dem er wie in einem bequemen Sarg sitzt, ein Buch über 
Die Expedition von Lewis und Clarke nach 
der Mündung des Columbiaflusses. Sobald er 
fühlt, daß seine Augen müd werden, löscht er die Kerze aus 
und fällt in einen tiefen Schlaf. 

Bei seinem Erwachen beginnt das grausame und düstere 
Abenteuer. Im Gegensatz zu Ebenezer Burling hat sich Augustus 



14° 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



I 



zu gleicher Zeit wie er eingeschifft, aber der Freund läßt 
ihn unten im Kielraum im Stich. Poe erwacht, fühlt sich 
sehr unwohl, in den Gliedern hat er den Krampf, der 
Kopf schmerzt ihn, er leidet an Atemnot und stirbt beinah 
vor Hunger. Die Uhr Augustus' ist stehengeblieben, dafür 
aber gibt ihm das kalte Hammelfleisch die Zeit an: es ist 
ganz verfault, so daß Pym eine sinnlos lange Zeit geschlafen 
haben muß. _ 

Pym zieht die Uhr auf. Nun vergehen wieder vierund-* 
zwanzig Stunden: Augustus erscheint nidit. Pym, der sich mit 
Bologneser Wurst genährt hat, aber dem das "Wasser in der 
Pinte beinahe ausgegangen ist, geht jetzt vor Durst fast zu- 
grunde. Er hat natürlich kein Interesse mehr an den Büchern, 
und trotzdem er unmäßig schläfrig ist, wagt er es nicht ein- 
zuschlafen, er zittert bei dem Gedanken, dem Schlaf „nach- 
zugeben, falls ein verderblicher Einfluß, ähnlich dem des 
Kohlengases, in der stickigen Luft des Kielraums sich be- 
merkbar machen sollte". Ist Augustus gestorben? Ist er über 
Bord gefallen? Das Schiff fährt indessen bei einer starken Brise 
weiter. 

Pym fällt trotz aller Furcht in Schlaf. Durch diesen Schlaf 
ziehen nun die entsetzlichsten Träume. Er hat das Gefühl, 
unter ungeheuer großen Kopfkissen zu ersticken, von Riesen- 
schlangen erwürgt zu werden; Wüsten, die ihn zur Ver- 
zweiflung bringen und von wahrhaft Poeschem Aussehen sind, 
breiten sich vor ihm aus, 

„endlos hohe Baumstämme, grau und ohne Laub, erhoben sidi 
in unendlidier Folge . . . , ihre Wurzeln verbargen sidi in weiten 
Morästen, deren trübselige Gewässer in tiefster Schwärze bewe- 
gungslos und vollkommen entsetzenerregend vor mir lagen. Und 
die seltsamen Bäume sdiienen mit menschlichem Leben begabt, und 
indem sie ihre dürren Astgerippe wie Arme bewegten, flehten sie 
im Ton gräßlidister Angst und Verzweiflung die schweigenden 
Wasser um Erbarmen an . . ." 



Arthur Gordon Pym 141 



ir^ — 

^B Oder er steht allein und nackt im glühenden Sand der 

^H Sahara, zu seinen Füßen hockt ein wilder Löwe. 

^^m „Auf einmal öffnen sich seine wilden Augen, und sie fielen 

^F sogleidi auf midi. Mit einem krampfhaften Rudc riditet er sich 
^H auf und entblöISte seine scheußlichen Zähne {Ms horrible teeth)." 

^H Der Löwe brüllt, Pym erwacht. 

^H „Die Tatzen eines riesenhaften, eines wirklichen Ungeheuers 

^H drüdcten schwer auf meine Brust, sein heißer Atem pfauchte in mein 

^H Ohr, seine weißen grauenhaften Reißzähne schimmerten vor meinen 

^H Augen in der Finsternis." 

^M So taudit wieder einmal das Thema von den Zähnen, von 

^1 der Gefahr auf, wir sehen wieder — unsere Annahme wird 

später bestätigt werden — die Zähne der Mutter. Nicht ohne 

■ Grund sieht sidi Pym allein und nackt, wie ein Kind, 
das eben zur "Welt gekommen oder das noch nicht geboren ist: 
vor ihm öffnen sich plötzlich die Augen des Löwen, wie die der 
Ligeia. Tiger, der Neufundländer Pyms, der das Ungeheuer 

■ des Erwachens und des Traumes ist, scheint — so seltsam dies 
audi aussehen mag — zugleich das Symbol für die Hilfe und 
die Gefahr, die von der Mutter kommt, zu sein. 

IPym wirft sich weinend an den Hals seines treuen Hundes, 
ohne sich erklären zu können, wie dieser ihn am Grund des 
Kielraums habe finden können. Sein Zustand hat sich außerdem 
noch verschlimmert, Fieber und Durst verzehren ihn, tastend 

Isudit er nadi dem Krug: er ist leer! Tiger hat den letzten 
Rest von Wasser ausgetrunken und die verfaulte Hammel- 
keule aufgefressen. Geschwädit, zitternd, schwankend und ohne 
das Phosphor oder die Kerzen wiederfinden zu können, be- 
ginnt Pym entlang der Sdinur seine Reise durch die Finsternis 
zu der helfenden Falltür. Ein Koffer, den „die schlingernde 
Bewegung des Schiffes . . . über meinen "Weg geworfen hatte", 
versperrt den Durchgang; Pym wird wegen dieses Hinder- 
nisses von Verzweiflung gepackt. "Wird er es zu übersteigen 




14^ Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

versuchen oder zur Seite schieben? Glücklicherweise gibt 
Brett am Boden des Koffers nach und Pym setzt seinen Wesl 
in „den trostlosen und ekelhaften Irrgängen des Kielraums" 
■weiter fort. Nach tausend Anstrengungen kommt er zur Fall- 
tür — und kann sie nicht heben! 

„Idi empfand tiefstes Grauen, tiefste Entmutigung. Umsonst 
versuchte idi für dieses Begraben meiner Person einen Grund zu 
ersinnen. Ich war nicht länger imstande, folgerichtig zu denken 
warf midi zu Boden, ergab mich widerstandslos düstersten Vor- 
stellungen, in denen entsetzlidie Todesarten: Durst, Hunger, -Er- 
sticken, vorzeitiges Begräbnis als die hauptsächlichsten Schredjnisse 
auf mich eindrängten." 

Pym erweitert mit seinem Messer die Spalten der Falltür 
und entdeckt, daß sie von oben durdi eine starke Kette ge- 
schlossen ist. Verzweifelt geht er zu seinem Koffer zurück und 
bemerkt eine um den Körper des Neufundländers Tiger, der 
„mit aufgehobenen Pfoten auf dem Rücken" liegt, geschlungene 
Schnur, durch die auf der linken Sdiulter des Hundes ein 
Streifen zusammengefaltenen Papiers, vermutlich ein Brief 
Augustus', befestigt ist. 

Pym sucht jetzt seine Zündhölzer und Kerzen, um den 
Brief Augustus' zu lesen ... Er kann sie nicht finden, aber 
ein schwaches Lidit in der Richtung des Postens zieht seine 
Aufmerksamkeit an. Es erscheint, verschwindet, je nach seinen 
Bewegungen. Endlich findet er einige Bruchstücke seiner Streidi- ■ 
hölzer, „die in einem leeren, auf die Seite gerollten Fasse 
lagen". Er ist darüber erstaunt, daß sie so weit von ihm ent- 
fernt liegen, da erfaßt seine Hand „zwei oder drei Stückchen 
Kerzenwachs, die der Hund benagt zu haben schien". So 1 
hat er keine Kerzen mehr, er besitzt nichts mehr als zwei oder 
drei leuchtende Stückdien Phosphor, mit denen er mühevoll 
bis zu seinem Koffer zurückkommt, wo Tiger die ganze Zeit 
hindurch geblieben ist. 

Nun setzt eine Tragödie ein: es ist ihm gleidisam unmöglidi, 



Arthur Gordon Pym 



143 



Augustus' Brief zu lesen. "Wir kennen solche Situationen aus 
gewissen Alpträumen, in denen irgendeine Ohnmadit (Impo- 
tenz) fühlbar wird, in denen man zum Beispiel laufen möchte 
und dodi gelähmt auf der Stelle bleibt, sprechen möchte, aber 
der Ton will nicht aus der Kehle: wenn man diese Träume 
analysiert, dann sind es ofl; Impotenzträume im genitalen Sinn. 
Es setzt den, der das Leben Poes kennt, nidit weiter in Er- 
staunen, daß uns seine Geschichten häufig gerade von solchen 
Eindrücken berichten. 

„Umsonst sann mein Hirn auf tausend unsinnige Arten, 
Licht zu schaffen, Mittel, wie sie ein Mensch im Opiumtraum 
erdenken würde", audi das ist ein Traum, in dem man 
„impotent" ist. Pym legt nun das Stück Papier mit den kleinen 
Stückchen Phosphor auf ein Buch und reibt den Phosphor mit 
der Hand: ein helles Licht strahlt auf, „doch stand keine Silbe 
darauf — ich blickte auf ein trostloses weißes Blatt". Pym ist 
nun derart erschöpfl, daß er viele Stunden dazu braucht, um 
auf den so naheliegenden Einfall zu kommen, er habe nur 
eine Seite des Papieres gelesen! Aber in seiner Enttäuschung 
hat er das Blatt zerrissen und die Fetzen irgendwohin ver- 
streut . . . 

Tiger kommt ihm noch einmal zu Hilfe, indem er alle 
Teile des Blattes wieder herbeibringt, nachdem er an einem 
geschnuppert hat. Nun taucht aber ein neues Problem auf; 
welche Seite des Papiers hat Pym schon gelesen? Das muß er 
im vorhinein wissen, da die geringen Reste von Phosphor nicht 
mehr für einen dritten Versuch ausreichen. Glücklicherweise 
erlauben es die Spuren von Phosphor, die auf der schon ge- 
riebenen Seite zurückgeblieben sind, Pym, einige Anhalts- 
punkte zu finden, und beim Leuchten des übriggebliebenen 
Phosphors liest er auf der andern Seite des Blattes folgende 
Worte: „. .. Blut — wenn dir dein Leben lieb 
ist, bleib versteckt liege n." 



144 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Pym, der sich in seiner Not entsdilossen hat, um jeden 
Preis die Aufmerksamkeit der Leute an Bord auf sich zu 
lenken, gerät in tiefste Verzweiflung. 

„Weitere vierundzwanzig Stunden ohne Wasser zu leben, würde 
mir unmöglidi sein. Während der ersten Zeit meiner Gefangen- 
schaft hatte ich von den geistigen Getränken, mit denen mid, 
Augustus versah, eifrigen Gebrauch gemadit. Jetzt aber verschHm- 
merten sie nur das Fieber, ohne den Durst im geringsten zu löschen. 
Mir blieb nur noch eine Viertelpinte übrig, und das war eine Art 
starken Pfirsichsdmapses, gegen den mein Magen sich auflehnte." 

Außerdem kann Pym die sdieußlidie Lufl; des Kielraums nur 
mehr mit größter Schwierigkeit einatmen, und Tiger 

„keuchte und schnaufte, indes seine Augen wild in der Finsternis 
erglühten". 

„Ohne Zweifel hatte der Mangel an Wasser und die geschlossene 
Luft im Kielraum ihn toll gemacht, und idi wußte nidit, was mit 
ihm anfangen." 

Tiger liegt drohend bei der TüröfFnung; wenn Pym fliehen | 
will, muß er über seinen Körper steigen. Er entsdiließt sidi 
dazu. Das Tier aber scheint die Absicht zu wittern, 

„erhob sich (wie ich aus der veränderten Stellung seiner Augen 
erkannte) auf den Vorderpranken und zeigte seine starken Zähne, 
die weißlich durchs Dunkel blinkten. Idi nahm den Rest der 
Sdiwarte und die Flasche mit dem Schnaps, verbarg sie an meinem 
Leib, ebenso das lange Tranchiermesser, das Augustus mir gelassen 
hatte, hüllte mich dann so fest als möglich in meinen Mantel und 
machte eine Bewegung gegen die Öffnung des Koffers." ■ 

Nun stürzt sich der Hund auf Pym, der hinfällt. Glüdt- 
licherweise können die Zähne des Tiers nicht durch die Falten 
des Mantels dringen. Hierauf wirft Pym die Bettdecken auf 
den Hund, springt durch die Türe des Koffers, sdiließt sie 
über dem Hund — der wie in einem Sarg eingekerkert ist. 

„Doch mußte ich während dieses Kampfes das Stück Schwarte 
loslassen und sah jetzt meinen ganzen Vorrat auf das Fläschdienj 




Arthur Gordon Pym 145 



Sdinaps beschränkt. Als ich dies bedachte, wandelte midi eine Art 
Verkehrtheit an, wie sie etwa ein verdorbenes Kind unter ähn- 
lidien Umständen beeinflussen mag; ich hob die Flasche an die 
T jppen, leerte sie bis auf den letzten Tropfen und schleuderte sie 
dann wütend auf den Boden hin." 

So hat sidi Poe-Pym, im Gegensatz zum Metzengerstein, 
der Gefahr, die von der Tier-Mutter mit den fürchterlichen 
Zähnen ausging, entledigt — wobei er sich allerdings auch zur 
Impotenz verurteilt. Solange Tiger wütend ist, bleibt er in 
seinem Sarg eingeschlossen und ist er unerreichbar. Diese Stelle 
wirft nun zweifellos ein seltsames Licht auf das psychische 
Entstehen der Dipsomanie Edgar Poes. Pym trinkt seine Pinte 
wie in einem Anfall von Dipsomanie aus, einem Anfall, 
der von Poe mit Recht als ein Anfall von Verkehrtheit 
(Perversität) bezeichnet wird. Wenn Pym nun einer solchen 
Attacke ausgesetzt ist, verliert er sowohl Tiger als auch die 
„Haut seines Schinkens" (die Sdiwarte); er trinkt dann, um 
sidi zu trösten. Ist das nicht eine Art Reproduktion des Ent- 
wöhnungstraumas? "Weil Poe die Mutter und die „Haut ihrer 
Brust"^" verloren hatte und nicht darauf verzichten konnte, 
sie irgendwie wiederzufinden, versucht er, sie im Alkohol, als 
einem Ersatz für die verlorene Milch, zu suchen. Er sudit sie 
im Rausch, weil dieser eine infantile, also sozusagen unschuldige 
Form der Besitzergreifung der Mutter nach dem ursprünglichen 
oralen Modus darstellt. 

Wir haben im biographischen Teil dieser Studie bereits 
gesehen, daß der Alkohol Poe (wie häufig audi anderen 



j9) Mit Recht hat Freud die Aufmerksamkeit auf den seltsamen 
Widerwillen gelenkt, den viele Kinder gegen die Milchhaut haben, 
ganz als ob sidi die Lust, die sie aus der M i 1 c h h a u t (die früher 
die Haut der Brust war) gewonnen haben, nadi der Entwöhnung 
in Angst verwandelt hätte. Die Sdiwarte ist danach eine Art Ersatz 
der Mildihaut im „kannibalischen" Stadium. 

Bonaparte: Edgar Poe. II. 10 



146 



Die Gesdoidoten: Der Zyklus Mutter 



Menschen) eine Fludit vor der Frau ermöglichte, aber zu 
gleidier Zeit auch eine Flucht zum Mann, zu den Sauf J 
kumpanen. Auf den Lärm der gebrochenen Flasdie hin ant-l 
wertet daher die Stimme des Augustus', seines Bruders. 

„Kaum war der Widerhall dieses Kradis verklungen, da hörte 
idi, wie eine eifrige aber gedämpfte Stimme meinen Namen au3 
sprach, sie kam aus der Riditung der Matrosenlogis. Es war söl 
unerwartet, die Gemütsbewegung, die der Laut hervorrief, war sol 
heftig, daß idi außerstande war, zu antworten. Die Fähigkeit, zA 
spredien, ließ midi gänzlidi im Sddi ...", wie in dem Impoten? 
alptraum. 

Da Augustus keinen Laut hört, entfernt er sich wieder. Der 
stumme, gelähmte Pym wird ohnmächtig; sein Messer fällt 
dabei „klirrend auf den Fußboden" und sagt Augustus, daß er 
noch lebt. 

Augustus kommt daher wieder zurück, er bahnt sich einen 
Weg durch den vollen Kielraum und bringt ihm nun Wasser, 
das der Durstige, Entwöhnte gierig hinuntertrinkt, 
außerdem einige kalte Kartoffeln, Licht und Nachrichten. Der 
Vater Augustus', der Kapitän Barnard, ist seines Kommandos 
entsetzt und verwundet worden; man hat ihn in einem Boot 
auf dem Meere ausgesetzt und die meuternden Leute der Be- 
satzung stehen nun unter dem Kommando des Maats. Er selbst 
ist dem Tod nur durch die Gunst eines gewissen Dirk Peters, 
eines Mestizen und Seilermeisters mit einem furditbaren Ge- 
sicht, aber einem guten Herzen, entgangen. Zweiundzwanzig 
Mann der Besatzung sind von dem Oberkoch des Schiffes mit 
der Hacke erschlagen und dann über Bord geworfen worden; 
Dirk Peters rettete Augustus von dem gleichen Schicksal, indem 
er ihn als „Schreiber" anforderte. Er gibt Augustus, der in 
einem Raum an Backbord Gefangener ist, Nahrung. In diesem 
Raum hat Augustus neben seinem Lager ein Loch in die Ver- 
bindungswand gebohrt, um sich so einen "Weg durch den ganzen 



Arthur Gordon Pym 



147 



"■ielraum des Schiffes bis zu dem rückwärtigen Teil zu bahnen; 
durdi dieses Loch hat er seinem Freund den Tiger geschickt, 
und dann kommt er selbst, um ihn zu befreien. 

Pym erfährt nun von Augustus, daß sidi die Meuterer nach 
ihrem Sieg bereits in zwei Parteien geteilt haben: die eine ist 
(Jie des Maats, welcher sich des ersten ihnen entgegenkom- 
menden Sdiiffes bemächtigen will, um daraus einen Piraten 
zu machen, die andere die des Kochs (zu der audi Peters 
gehörte) und die es vorzieht, die beabsichtigte Route nadi 
dem südlichen Stillen Ozean fortzusetzen, dort "Walfisdie zu 
jagen oder nach den Umständen etwas anderes zu unter- 
nehmen. 

Augustus führt sofort seinen Freund durch das Labyrinth des 
Kielraums bis zum Backbord, wo er ihn versteckt und von wo 
aus er ihm durch die heimliche Öffnung einen Teil der Vorräte 
zukommen lassen kann, die Peters ihm gibt. 

Wir müssen uns nun das von Poe-Pym gezeichnete Bild 
Peters', der in dieser Gesdiichte eine so große Rolle spielen 
wird, genauer ansehen: Peters ist der Sohn eines Pelzhändlers 
und einer Indianerin aus dem Stamme der Upsarokas, 



„er hatte das grimmigste Aussehen, das idi jemals an einem 
Mensdien wahrnahm. Er war von kleiner Figur, nicht mehr als 
vier Fuß adit 2oll hodi, aber von herkulischem Körperbau. Be- 
sonders die Hände waren so furditbar dick und breit, daß sie 
kaum Menschenhänden glichen. Seine Arme und Beine waren auf 
wunderliche Art gebogen, so daß sie scheinbar gar keine Beweg- 
lichkeit besaßen. Auch sein Kopf war unförmig und von riesiger 
Größe, mit einer Vertiefung am Schädel, wie man sie bei den 
meisten Negern findet, und vollkommen kahl. Um diesen Mangel, 
der keine Folge des Alters war (,. .. whidj did not 
proceed from old age . . .'), zu verbergen, pflegte er eine Perücke 
aus irgendwelchem haarigen Zeug — gelegentlich vom Fell eines 
spanischen Himdes oder amerikanischen Graubären — zu tragen. 
Zur erwähnten Zeit trug er ein Stück Bärenfell auf dem Kopfe, 




Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



und es erhöhte nicht wenig die Wildheit seines Gesidites, das denl 
Typus der Upsarokas hatte. Der Mund zog sich fast von einemf 
Ohr zum andern, die Lippen waren dünn und schienen, gleiAl 
einigen andern Teilen seines Körpers, unbeweglich, so daß Jg-I 
herrschende Ausdruck seiner Züge stets derselbe blieb. Seine Zähnel 
waren lang und standen weit vor, so daß sie niemals von deoJ 
Lippen verdeckt wurden. Auf den ersten Blick schien dieser MensAi 
sich in Lachkrämpfen zu winden, auf den zweiten aber mußte manl 
sich sagen, daß seine Lustigkeit nur die eines Teufels sein konnte."! 

Mit diesen Worten wird uns der gute Peters vorgestellt. 
Um jeden der seltsamen Züge seiner Physiognomie analysieren J 
zu können, müßten wir nun die Assoziationen Edgar Poes 
zu ihnen kennen. Wir wagen es daher nicht, einen solchen 
Versuch zu unternehmen, begnügen uns mit der Beobachtung, 
die mächtige und einigermaßen groteske Silhouette des Peters 
erinnere an gewisse Ungeheuer in den Kinderträumen, und 
mit der anderen Beobachtung, daß das Poesche Mutterthema 
von den Zähnen, die im Antlitz des Mestizen wieder auf- 
tauchen, der Tatsache vorangeht, Peters werde die „Wieder- 
geburt" Pyms ermöglichen, da er wie eine Mutter, die furchtbar 
sein kann, aber doch gütig ist, Pym rettet und nährt, wie er 
schon Augustus gerettet und genährt hat. 

Augustus teilt Peters aucii sofort mit, daß Pym an Bord sei. 
Die Partei des Peters ist gänzlich zusammengeschmolzen, weil 
fast alle ihre Mitglieder versagt haben, ihr Oberhaupt zuerst: 
der Oberkoch hat sich mit der Piratenpartei verbündet. Und 
da Hartman Rogers, der Mann, auf den Peters am sichersten 
gezählt hat, auf Veranlassung des Maats durch ein Glas Grog 
vergiftet worden ist, bleiben Peters und Augustus allein zurück. 
Daher vernimmt er mit Freude, daß Pym an Bord sei. 

Die Drei entwerfen nun ihren Schlachtplan. Da der Maat 
sicher auch Augustus und Peters das Leben nehmen will, 
beschließen sie, bei der ersten Gelegenheit den Versudi 
zu unternehmen, das Schiff gänzlich an sich zu reißen. „Im. 



Arthur Gordon Pym 



149 



Falle des Gelingens würden wir die Brigg in den nädisten 
Hafen steuern und dort abliefern." Peters würde Begnadigung 

finden. 

Ein Sturm bridit aus. 
■vjf^ir waren darin einig, daß keine Gelegenheit für die Aus- 
übung unseres Vorhabens günstiger sein könne als die gegenwärtige, 
da ein Angriff in diesem Augenblicke unmöglich erwartet würde. 
Die Hauptschwierigkeit lag in der Ungleichheit der Streitkräfte, 
■^ir waren unser nur drei, die Kajüte zählte neun Mann. Alle 
Waffen befanden sich in ihrem Besitz, außer ein paar kleinen 
Pistolen, die Peters an seinem Leib verstedtt hatte, und dem großen 
Seemannsmesser, das er stets im Hosengürtel trug. Aus gewissen 
Anzeidaen — zum Beispiel, daß Äxte und Handspeichen nicht mehr 
an ihrem gewöhnlichen Ort lagen — schlössen wir auf einen Ver- 
dacht des Maats, wenigstens auf Peters, und daß jener keine 
Gelegenheit vorübergehen lassen würde, sich des Halbbluts zu ent- 
ledigen." Es war außerdem eine Waciie an Deck, eine ungewöhn- 
liche Vorsichtsmaßnahme, „denn auf Schiffen ... ist dergleichen nicJit 
üblich, sobald das Schiff beigelegt hat". 

Peters, Augustus und Pym bespreciien ihren Angriffsplan. 
Die Vorschläge Peters' und Augustus' werden zurückgewiesen, 
die Pyms angenommen — schon wegen der Ungleichheit der 
Kräfte, und schließlich, weil Pym Poe ist. 

„Es war eine glückliche Eingebung", sagt Pym, „daß mir der 
Gedanke aufstieg, ob man nicht auf die abergläubische Furcht und 
das schlechte Gewissen des Maats einwirken könnte. Man wird 
sich erinnern, daß einer von den Leuten, Rogers, am Morgen starb, 
nachdem er offenbar vergifteten Grog getrunken hatte. Peters wenig- 
stens hielt an dieser Anschauung fest, für die er unerschütterliche 
Gründe besaß . . . Rogers war um elf Uhr vormittags unter heftigen 
Krämpfen verschieden, und sein Körper bot wenige Minuten nach 
dem Eintritt des Todes eines der grausigsten und widerwärtigsten 
Schauspiele, deren ich mich überhaupt entsinnen kann. Der Magen 
war förmlich aufgeschwollen, wie der eines Ertrunkenen, der lange 
im Wasser gelegen hat. Das gleiche war mit den Händen der Fall, 
■während das Gesicht eingeschrumpft, runzelig und von kalkweißer 
Farbe war, die nur durdi zwei oder drei hochrote Flecke belebt 



15° Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



1 



wurde, die an jene gemahnten, welche die Gesichtsrose erzeugt- 
einer dieser Flecke zog sich über das ganze Gesicht und bededcte 
ein Auge wie mit einem Band von rotem Samt. In diesem greulichen 
Zustande war der Leichnam mittags aus der Kajüte heraufgebradit 
worden, um über Bord geworfen zu werden, als der Maat, der 
ihn jetzt zum ersten Male sah, entweder von Gewissensbissen heim- 
gesudit oder von der Furchtbarkeit des Anblicks erschreckt, Befehl 
erteilte, den Toten in eine Hängematte zu nähen und die gewöhn- 
lichen Zeremonien eines Begräbnisses zur See abzuhalten." 

Diese Absicht konnte jedoch wegen des ausgebrociien.en 
Sturmes nicht durchgeführt werden, und -i^fj^^ 

„der Leichnam blieb sich selbst überlassen und wurde in die 
Speigatten an Backbord gesdiwemmt, wo er noch zur Stunde, von 
der ich spreche, mit den rasenden Stößen der Brigg hin und her 
kollerte. Nachdem wir über unseren Plan einig geworden, gingen 
wir so rasch als möglich an die Ausführung." 

Peters steigt an Deck, packt Allen, die WacJie, wirft ihn 
schnell ins Meer und ruft seine Freunde herauf. Diese sudien 
nach "Waffen, finden aber nur die Griffe der Pumpe, deren sie 
sich bemächtigen. Bevor sie die Leidie Rogers über Bord werfen, 
ziehen sie ihr das Hemd aus, und während Augustus als "Wadie 
an Deck steht und die Haltung Aliens nachahmt, klettert Peters 
mit Pym in die Kajüte hinunter, staffiert ihn mit Hilfe des 
Hemdes des Toten und einiger Fetzen, die er ihm unter die 
Weste stopft, als „Leiciinam" Rogers aus und schminkt ihn mit 
einer blutiggemachten Kreide. 

„Der Streifen über dem Auge wurde nicht vergessen und machte 
einen höchst schauerlichen Eindruck." 

Dieses Gespenst mutet uns wie ein Vorläufer der Maske 
des roten Todes an. Der Tote kommt zurück, um an 
dem Mörder seinen Tod zu rächen, und es ist seltsam genug, 
daß er mit den gleichen Stigmen gezeichnet ist, mit denen in 
den Augen des Kindes die schwindsüchtige, (mit Rosalie) 
schwangere Mutter gezeichnet war: der dicke Bauch und die 




Arthur Gordon Pym 



IJI 



blassen 'Wangen mit den roten Flecken. Und wir werden durdh 
die „Krämpfe" des sterbenden Rogers an die „Krämpfe" bei 
der Entbindung erinnert; es hat den Anschein, daß Edgar Poe 
das Sterben seiner Mutter auf jedes Sterben übertragen 
mußte."" 

Der verkleidete Pym schleicht sidi nun mit seinen beiden 
Gefährten bis zum Einstieg in die Kajüte. Sie sehen die bis 
an die Zähne bewaffneten adit Männer um zwei Krüge ver- 
sammelt; das Gesprädi dreht sidi dabei hauptsächlidi um 
Peters. Der Maat sagt, „er könne nicht recht verstehen, wes- 
halb (Peters) stets mit dem Kapitänsbengel im Vorderkastell 
stecke, und nach seiner Meinung sollten die beiden über Bord, 
je eher, desto besser". Man ruft sie in die Kajüte, überhäuft 
sie mit Freundlichkeiten und Peters benützt nun die Gelegen- 
heit, um das Gespräch auf Gespenster zu lenken. 

„Der Maat war offenbar statk erregt, und als einer den sdireck- 
üdien Anblidc erwähnte, den Rogers Leiche bot, da sdiien er einer 
Ohnmadit nahe zu sein." 

Peters sdilägt ihnen nun vor, man möge die Leiche über 
Bord werfen, aber niemand rührt sich, so erschrodsen sind sie. 
Nun stürzt auf ein Zeidien Peters Pym-Rogers plötzlich in 
die Kajüte. 

Die Wirkung dieser Erscheinung ist eine furchtbare. Die 
nächtliche Stunde, der Sturm, die Gewissensbisse der Mörder, 
das flackernde, undeutliche Licht, alles trägt dazu bei, die 
sdiauerliche Täuschung zu verstärken. „Der Maat sprang von 
seiner Matratze auf und fiel dann, ohne eine Silbe zu stam- 
meln, auf den Boden der Kajüte . . . Von den sieben Übrig- 
bleibenden . . ." werden vier von dem herkulischen Peters, einer 
von Augustus getötet; Pym sdilägt Parker, ohne ihn aber zu 

60) Nadi Hervey Allen {Israfel, S. 96) soll sidi Poe in Ridimond 
als Gespenst verkleidet haben, um seine Freunde zu sdiredien. 




iji Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



I 



III! 



töten, nieder, der fleht dann um Gnade, wird am Leben ge- 
lassen und schließt sich den Siegern an. Tiger, der wieder aus 
seinem Sarg befreit wird, erwürgt Jones in dem Augenblidj, 
in dem dieser den von ihm bereits am Arm schwerverletzten 
Augustus umbringen will. „So waren wir in viel kürzerer Zeit 
als meine Schilderung in Anspruch nahm, die Herren der Brigg 
geworden." 

Aber „es modite jetzt ein Uhr morgens sein und nodi 
immer blies der Sturm mit aller Macht". Die Brigg wird von 
einer Sturzsee überschwemmt, die Reeling an Backbord fort- 
gerissen, das Ächzen und Zittern des Hauptmastes zeigt an, 
daß auch er bald nachgeben wird; sie sind nur mehr drei 
Männer an Bord, um das Wasser auszupumpen, Augustus kann 
wegen seines verwundeten Armes nicht viel helfen. Am 
Morgen sägen sie den Mast ab, sie werfen die Leichen ins 
"Wasser, ein Stoß verlegt jedoch den Ballast der Brigg derart, 
daß man nicht mehr ans Pumpen denken kann. Das Meer 
reißt die Schaluppe, die Umfassung vom Steuerbord und das 
Gangspill weg. In der folgenden Nacht steigt das "Wasser bis 
zum Plattformdeck und schwemmt das Steuer mit sich fort. 
Eine Riesenwelle fegt über Deck, überflutet das Schiff, das nun 
mit dem Deck in Seehöhe auf den "Wellen treibt, aber nidit 
untergehen kann, weil seine Ladung nur aus leeren Fässern 
besteht. Die vier Männer haben sich an die Reste des Gangspills 
angebunden, sie liegen so flach als möglich auf Deck, „mehr oder 
weniger betäubt durch die ungeheure "Wasserlast, die sich auf 
uns gewälzt hatte und erst von uns abflutete, als wir nahezu 
erschöpft waren". In solchem Zustand befinden sich die Schiff- 
brüchigen bei Anbruch des Tags. 



Und nun müssen wir den Bericht über diese Geschichte 
unterbrechen, um den Versuch zu unternehmen, ein wenig ihrem 



Arthur Gordon Pym 153 

tieferen Sinn näherzukommen. Die Analyse des Werks eines 
Toten kann allerdings nidit auf die gleidie Genauigkeit An- 
spruch erheben wie eine Analyse, welche sich auf die Gedanken- 
assoziationen eines Lebenden stützen kann, die zum Beispiel bei 
einer analytischen Behandlung an dem Analysierenden vorüber- 
ziehen. Man fühlt, daß das lebende Material fehlt, und daher 
müssen mandie Dinge immer im Dunkel bleiben. 

Aber die Analysen lebender Menschen haben es uns möglidi 
gemacht, einige der Gesetze des Unbewußten zu erfassen und ge- 
wisse psychologisdie Hieroglyphen zu entziffern, durch die wir 
dann vom Lebenden auf den Toten sdiließen können. Der Tote 
war doch zu seiner Zeit ein Lebender und den gleichen psycho- 
logischen und physiologischen Gesetzen unterworfen wie wir, 
seine Nachfolger; die Symbole der heute lebenden Menschen — 
die Symbolik des Meers zum Beispiel — waren auch die seinen. 
Außerdem wirft das, was wir aus seiner Lebensgeschichte 
wissen, Licht auf sein Werk, und gerade über Poe sind wir 
in dieser Hinsicht ganz besonders gut unterrichtet. Daher 
halten wir uns für berechtigt, den Versuch, den wir uns vor- 
genommen haben, durchzuführen: das Werk Poes nach den 
gegebenen Einsichten zu interpretieren. 

Eine erste Beobachtung: die Handlung des Pym geht vom 
Anfang bis zum Schluß der Geschichte — wie übrigens bei 
allen Seegeschichten — ausschließlich unter Männern vor sich. 
Und trotzdem ist sie — wie wir sehen werden — der Bericht 
über die leidenschaftliche, fessellose, immer wieder enttäuschte 
und immer wieder unternommene Suche nach der verlorenen 
Mutter — eine Suche, die das ganze Leben Poes ausfüllt. Die 
stets verborgene und immer gegenwärtige Mutter manifestiert 
sich nämlich hier in den großen Symbolen, deren Sinn von der 
ganzen Menschheit gefühlt wird — ohne daß diese Menschheit 
sie versteht. Das ist auch die Ursache der Wirkung dieser Ge- 
schichte; würde sich nicht das affektive, unbewußte Element 



154 



Die Geschichten; Der Zyklus Mutter 



in ihr ausleben, dann wäre sie nichts als ein Gewebe aus 
kaltem Schrecken und Sinnlosigkeiten. 

Wir beginnen mit der Frage: was bedeutet im Unbewußten 
Poes die Gefangennahme Pyms im Kielraum des Grampus, 
dieses schlechten Schiffs, dieses „alten Kastens, . . . eben zur 
Not seetüciitig"? Müssen wir nicht schon in der Angabe dieser 
Tatsadien einen Hinweis (in symbolischer und herabsetzender 
Form) auf das Faktum sehen, daß die Mutter bereits krank 
war, als sie Edgar trug? Tatsädilich ist Pym von den "Weichen 
des Schiffes so umschlossen wie das Kind im Muttersciioß, und 
die lange, quälende Geschichte von seiner Abschließung ist den 
Analytikern wohlbekannt: sie ist eine Mutterleibs- 
phantasie, die sehr häufig von Angstgefühlen begleitet 
wird, und niclits anderes als die Umwandlung eines Wunsches 
in sein Gegenteil. Denn „die Phantasie der Rückkehr in den 
Mutterleib", sagt Freu d," ist „der Koitusersatz des Impo- 
tenten (durdb die Kastrationsdrohung Gehemmten)". Der 
impotente Poe mußte ganz besonders zu einer solchen Phan- 
tasie hinneigen, die sich in seiner Angst vor vorzeitiger Beerdi- 
gung ausdrückt, und mit einem vorzeitigen Begräbnis vergleicht 
auch Pym seine Lage."^ 

Die Hunger- besonders aber die Durstqualen, denen Pym 
ausgeliefert ist, und denen er im Lauf der Geschidite noch 
mehrmals ausgeliefert sein wird, sind wohl als eine unbewußte 
Erinnerung an die Tatsache zu werten, daß die Kinder der 
Elizabeth Arnold, der armen, lungenkranken Sdiauspielerin, 
als sie noch ganz klein waren, Hunger und auch Durst, 
besonders aber Durst leiden mußten, da sie zu wenig Mutter- 
milch hatte. Dies ist wahrscheinlich auch die Ursache, warum in 
der Erzählung Pyms jene Szenen, in denen es dem Helden an 



6i) Hemmung, Symptom und Angst, S. 85 (Intern. Psydioana- 
lytischer Verlag, Wien 1526), Ges. Sdiriften, Bd. XI, S. 80. 
62) Siehe S. 142. 



Arthur Gordon Pym 



155 



I 



Lebensmitteln, vor allem aber an Getränk fehlt, ganz besonders 
nackend und aufs tiefste rührend geraten sind. 

All das ist in einzigartige Episoden verdichtet: Pym hockt 
]xa Kielraum, wie der Fötus im Uterus, er leidet schon die 
Qualen der Entwöhnung, genießt die groben Freuden des 
Alkohols, des späteren Muttermilchersatzes. Das Unbewußte 
vernachlässigt wie immer audi hier die zeitlichen Beziehungen, 
die nebeneinander gesdiilderten Tatsachen entsprechen zeitlich 
aufeinanderfolgenden Ereignissen, unter der Bedingung, daß 
sie durch ein festes Band miteinander verbunden sind: hier 
durch die Mutter, welche das Kind beherbergte und nährte. 
Im Unbewußten kann nämlich die Person der Mutter ohne 
Schwierigkeit in mehreren Exemplaren abgezogen werden, sie 
kann mit ihren furchtbaren Zähnen bewaffnet in der Gestalt 
des Neufundländers Tiger in ihrem eigenen Uterus erscheinen, 
der wieder im Kielraum symbolisiert ist, während sie zu 
gleicher Zeit als Meer das Kind in der "Wiege schaukelt. 

Nun muß Pym wieder geboren werden, aus dem Schoß 
herauskommen, in dem er eingeschlossen ist. Das ist aber nidit 
leidit! Die Falltür, durch die er hinuntergestiegen ist, ist ver- 
nagelt, er scheint zu ewiger Finsternis und zum Tod verdammt 
zu sein, zum Tod, der eine zweite Phantasie der Rückkehr in 
den Mutterleib darstellt, besonders dann, wenn die Mutter 
bereits tot ist. Inzwisdien kommt aber Augustus, der ältere 
Bruder, um ihn zu holen, er teilt mit ihm die Vorräte, welche 
er von Peters bekommen hat. Pym wird so unter dem Zeidien 
der Männer in dem Augenblick wiedergeboren, in dem er 
den letzten Schluck aus seiner Pinte getrunken und Tiger, das 
Mutter-Tier, in seinen Sarg gesperrt hat. 

Und nun erscheint ein anderes Thema wieder: das der „Auf- 
lehnung gegen den Vater". Als Pym auszog, das Meer zu er- 
obern, Heß er bereits den Großvater an Land zurück, trotz 
seines drohenden Schirmes. Dann wird der Kapitän des 



15« 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Grampus, Herr Barnard, der verwundet, geknebelt, deposse- 
diert und von seinem Schiff verjagt ist, auf dem Meer aus- 
gesetzt — als ob er wegen des Verbrechens bestraft werden 
sollte, das der Kapitän des Pinguin begangen hatte, als er die 
SchifFbrüchigen des Ariel, Augustus und Pym, auf dem Meer 
sterben lassen wollte. 

Obwohl weder Pym noch Augustus an dem Aufruhr der Be- 
satzung teilnehmen, haben wir es hier mit einer ödipus- 
revolte par excellence zu tun. Übrigens sind alle Revolutionen 
soldie ödipusrevolten: der entthronte König ist in den Augen 
der revoltierenden Untertanen stets der seines Besitzes entsetzte 
Vater, der Vater unserer persönlichen Kindheit, dem wir die 
Mutter haben streitig machen wollen, der Vater der Kindheit 
der Menschheit, in welcher Kindheit die Verschwörerbrüder 
der Urhorde eines schönen Tages den alten, grausamen, autori- 
tativen Vater töteten, um sich seiner Frauen und unter ihnen 
der Mutter zu bemächtigen (Freud, Totem und Tabu). Das 
Schiff, Mutter-Symbol, wird dabei die Beute der Versdiwörer. 

Aber kaum ist das Schiff in die Hände der Brüder gefallen, 
da bricht auch schon die Zwietracht unter ihnen aus. Die 
Verschwörer teilen sich in zwei Parteien, in die des Maats und 
in die des Oberkochs. Doch der Maat wird bald zu einer 
zweiten Auflage des bösen Vaters; denn der Vater hat ein 
zähes Leben; bei jedem Vaterersatz, den das Leben uns zu- 
trägt, wird er wieder lebendig. Wenn nun Barnard, wie der 
bald aus dem Leben seines Sohns eliminierte David Poe, nur 
ein Schwächling, ein unfähiger Mensch ist, der zum Beispiel 
die Ladung nachlässig und ganz unsinnig verstaut hat, dann 
stellt der Maat, von dem Pym nicht einmal den Namen er- 
wähnt, vielmehr eine Kopie des harten Allan dar, dessen Züge 
ins Bösartige verzerrt werden. Er trinkt, wie Allan, ist 
tyrannisch, schlecht, vergiftet Rogers und plant den Tod 
Augustus' und Peters'. Daher ist die Auflehnung gegen ihn 




Arthur Gordon Pytn 157 

berechtigt. Der Oberkoch, der Henker von zweiundzwanzig 
Menschen, gehört natürlich zu ihm. Sie sind ja nur einer, und 
sie sterben gemeinsam mit allen ihren Komplizen, außer mit 
Parker. 

Die Art, wie sich die zweite Auflehnung gegen den Vater 
abspielt, verdient es jedoch, genauer studiert zu werden. "Wer 
tötet wirklich? Der „Vater", der Maat fällt tot zu Boden, als 
erster und ohne daß jemand ihn berührt hat; er wird von 
Gewissensbissen getötet, weil er an einem seiner Söhne ein 
Verbredien begangen hat, er wird von dem Bewußtsein seiner 
bösen Absichten umgebracht. Er stirbt durch Wiedervergeltung, 
durch ein Tab u, das aus sich heraus wirkt und das denen 
gleicht, an welches die Wilden glauben. Nachdem er sich nun 
selbst weggeschafft hat, tötet Peters die größte Zahl der Men- 
schen: vier. Einer wird durch den Hund erledigt, Augustus 
tötet einen andern; Pym schlägt Parker zwar nieder, aber er 
tötet ihn nicht. 

Augustus, der „den Degen gezogen" oder sich des Gewehrs 
bedient hat, wird durch das gleidie Mittel sterben. Auch an ihm 
beweist sich das primitive Gesetz der Wiedervergeltung; seine 
Wunde heilt nicht mehr. Der Hund verschwindet, bloß Pym 
und Peters leben bis zum Ende, und zwar Pym, der nicht ge- 
tötet, und Peters, der mehr als jeder andere in dieser zweiten 
Revolte umgebracht und auch schon an der ersten teilgenommen 
hat. Warum entgeht nun gerade Peters seinem Schicksal, warum 
genügt die Sühne, die jetzt folgt — für das Unbewußte ist 
nämlich das Folgende die Sühne — , ihn ebenso loszu- 
kaufen wie Pym, der zwar blutige Absichten hatte, seine 
Hände aber schließlich doch nidit mit Blut befleckte? 

Das kommt daher, weil Peters, dieser überaus groteske 
Mestize, dessen Gestalt und Gesicht an die Ungeheuer erinnert, 
welche von den Kindern gezeichnet werden, eine besondere Ge- 
stalt unter den revoltierenden Brüdern darstellt, einen ganz be- 



ij8 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



\ 



sonderen Bruder in der Horde der Vatermörder. In seiner 
grotesken, aber starken, herkulischen (das ist das "Wort 
des Textes) Statur inkarniert sich, wenn auch degradiert, die 
Gestalt des „Heros" im mythischen Sinn.'^^ Innerhalb des Trios 
Peters-Pym-Augustus, die alle drei das Schiff wiedererobern, 
stellt er den Menschen dar, der sowohl den Ruhm als audi 
das Verbredien auf sich nimmt (er allein hat vier Mensdien 
erschlagen, davon einem den Sdiädel mit einem Schemel ein- 
gesdilagen, einen andern hat er mit der Hand erdrosselt). 
Später wird er — wie wir sehen werden — noch einmal zum 
Vollstredier eines Mordes, der einem nodi grauenhafteren 
Zweck dient . . . Nie hätte der impotente Poe-Pym das alles 
wagen können! 

Peters tötet übrigens, um zu retten, also sozusagen aus 
edlen Motiven; Augustus und Pym haben es seinen 
kurzen, aber mächtigen Händen zu danken, daß sie dem vom 
Maat beabsichtigten Mord entgangen sind, er erneuert demnadi 
im kleinen die Taten der mythisdien Helden; er befreit die 
„Söhne" von der fürchterlichen und als ungerecht empfundenen 
Tyrannei der Väter. Er übernimmt dadurch die Verantwortung 
für das vergossene Blut und wird es noch büßen, bevor er, 
wie alle andern „Helden", erlöst ist. Herkules hat die Hydra 
getötet und die zwölf Taten siegreich bestanden; auch er stirbt 
auf dem Scheiterhaufen, bevor er in den Himmel gelangt. 

Das Schiff ist der Sdieiterhaufen Peters'. Dasselbe Sdiiff, 
das Mutter-Symbol, für das er getötet hat, wird zum "Werk- 
zeug seiner Qual und Sühne; ganz so hat Herkules das unheil- 
volle Nessushemd aus den Händen der Dejaneira empfangen. 
Die Sühne taucht nämlidi häufig gerade aus dem begehrten, 
erorbeften und mit Schuld beladenen Objekt auf; es ist nicht 



63) Ran k, Der Mythus von der Geburt des Helden. Deutidee, 
"Wien 1508. 



Arthur Gordon Pym ijj 

ohne tieferen Sinn, daß die Mutter Poes ihrem Sohn sooft zur 
AJ/arnung mit ihren fürchterlichen Zähnen erscheint, und daß 
alle Schiffe Pyms, Mutter-Symbole, Schiffbruch erleiden. Wie 
der an sein schreckliches Roß gefesselte Metzengerstein, wie der 
wilde Jäger des Märchens, der auf ewige Zeiten dazu verdammt 
ist, auf dem Sattel seines symbolischen Pferdes in den Wolken 
der Jagd, die er zu sehr liebt, zu folgen, wird nun auch Peters, 
allerdings mit den drei anderen Brüdern, auf das grausamste 
an das Verdeck des eroberten Schiffwracks gekettet. 

Diese Episode wedkt in uns die Erinnerung an die vielen 
Schiffbrüche, die in der Literatur jener Zeit auftauchten. "Wir 
denken dabei an jene Schiffe in höchster Not, die unter dem 
Gewitterhimmel dahinfahren, an den Schiffbruch des Don Juan 
von Byron und anderen — und an das Medusenfloß von 
Gericaulr. Aber wenn auch das Thema vom Schiff in Not in 
jenen romantischen Zeiten, in denen man die vom Joch des 
Klassizismus befreiten Triebe besang, in Mode war, so ist es 
doch ein ewiges; es entstand an dem Tag, an dem der Mensch 
in das erste Boot stieg. Und es ist anzunehmen, daß bereits an 
diesem Tag die ewige Symbolik der Seefahrt, die fürchterliche 
Eroberung des Mutter-Meers durch den Menschen, die Seele 
des ersten Seefahrers unmäßig erregte und vor Entsetzen er- 
starren ließ. 

Aus dieser Symbolik sind jene seltsamen Mythen hervor- 
gegangen, in denen der Seefahrer auf ewige Zeiten zur Weiter- 
fahrt verdammt ist, weil er zu gern auf seinem Schiffe gefahren 
(so wie der verfluchte Jäger zu gern auf seinem Renner ge- 
ritten); das Werkzeug der Wollust wird zu dem der Angst 
und Strafe. Die Mythen scheinen intuitiv die klinische Tat- 
sache zu kennen, daß die von der Moral getäuschte Wollust sich 
häufig in neurotische Angst verwandelt, sie haben also die 
Genesis der Angst besser als alle Kliniker vor Freud ver- 
standen. 



i6o Die Geschichten: Der Zyklus Matter 

Unter allen damals beliebt gewesenen Seegesdiiditen ver- 
dient eine besonders erwähnt zu werden: „Der alte See- 
mann" {The Ancient Mariner) von Coleridge."* Der alte See- 
mann hält einen Vorübergehenden, den Gast eines Hochzeits- 
mahls, an und erzählt ihm seine sdireckliche Gesdiidite, die den 
andern in höchstes Erstaunen versetzt. Ein Sturm hat das 
Schiff, auf dem er Matrose gewesen, gegen den Australischen 
Ozean abgetrieben. Dort stellen sich ihm phantastische Eis- 
hindernisse entgegen, das SchifF wird in einer von allem Leben 
verlassenen Landsdiaft vom Eis eingeschlossen. Ein Albatros 
läßt sidi jedoch auf dem Mastwerk nieder, die Bemannung 
des Sdiiffes gibt ihm zu fressen; da öffnet sidi die Eiswand, 
als ob der Albatros ein guter Geist gewesen, und das Schiff 
kann nach Norden weiterfahren. Aber der alte Seemann tötet 
— in einem Anfall von Verkehrtheit (Perversität) 
würde Poe sagen — den Albatros mit seiner Armbrust. 

Die andern Matrosen, die Horde der Brüder, deren „Held" 
der alte Seemann ist, da er die Sdiuld an dem Mord allein auf 
sich genommen, die andern Matrosen also begehren jetzt gegen 
ihn auf. Meeresstille ist eingetreten: „Elender!" sdireien sie 
nun, „du hast den Vogel getötet, der den Wind herbeigebracht 
hat!" Vorher jedodi, in einem Augenblick sdilechter Laune, 
hatte die gleiche Besatzung ausgerufen: „Es war gut, diese 
Vögel zu töten . . ., da sie nur Nebel herbeibringen." 

Der Albatros ist also, wie man hier erfährt, für das "Wetter, 
für den Gang des Schiffes ebenso verantwortlich, wie etwa eine 
Regierung in Zeiten der Hungersnot am Zustand der Ernte 
die Sdiuld trägt. Der Albatros — ein Totemobjekt für alle 
abergläubischen Matrosen — scheint hier als Totemtier dem 
Kapitän des Schiffes gleichgestellt zu werden, seine Ermordung 
entspricht dem Mord, dessen sich Peters an der Person des 

64) Siehe S. 15 und die Fußnote auf dieser Seite. 




Arthur Gordon Pym 



i6i 



I 



Maats sdiuldig gemacht hat (der Maat stirbt jedoch von selbst, 
^as das Verbrechen des Peters mildert). Wir haben also auch 
hier einen ödipusmord vor uns, einen Mord am Vater, den 
der „Held" begeht und durch den er die Brüderhorde entlastet. 
ImAltenSeemann nimmt die Brüderhorde die Sache ihm 
in dem Maß immer übler, in dem die Hungersnot andauert und 
der Wassermangel ■wächst; und als Zeichen dafür, daß er für 
seinen Mord allein verantwortlich sei, hängen sie ihm den 
Leichnam des Albatros um den Hals. 

Da erscheint das Totenschiff, auf dem der Tod und das 
Leben im Tod um das Schicksal der Bemannung würfeln. Das 
Leben im Tod gewinnt den alten Seemann, der Tod die übrigen 
Männer. Jeder einzelne von ihnen fällt nun leblos auf Deck 
nieder, nachdem er den Mörder durch seinen Blick verwünscht 
hat. Die Augen der Leichen bleiben offen und verfluchen 
weiter bei Sonnenschein und Mondlicht den Mörder des 
Albatros. Der alte Seemann hört plötzlich die Geister der Luft 
tuscheln; sie sprechen von seiner Buße, die der Polargeist 
fordert, von einer Buße, die sich des Mutter-Schiffs, auf dem 
er allein weiterlebt, das er dank seinem Verbrechen allein 
besitzt, als Werkzeug bedient. Mit Hilfe der Geister treibt er 
auf dem Ozean so lange dahin, bis er wieder an sein heimat- 
liches Gestade kommt — zu einem andern Mutter-Symbol; das 
Sdiiff sinkt, der Eremit — ebenfalls eine Vatergestalt — 
nimmt dem Mörder die Beichte ab und „reinigt ihn vom Blut 
des Albatros". Aber das ödipusverbrechen ist doch nicht ganz 
gesühnt, da der alte Seemann immer wieder Buße tun muß, ja 
zum Geständniszwang verdammt ist: er m u ß unter 
dem Einfluß eines unwiderstehlichen Zwangs von Zeit zu Zeit 
irgend jemandem seine Geschichte und die seines Verbrechens 
erzählen. 

Das typische ödipusverbrechen wird also hier in einer See- 
geschichte erzählt. Ein Schimmer der grandiosen Landschaften, 

Bonaparte: Edgar Poe. II. il 



l62 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



in denen sich das Drama bei Coleridge abspielt, beleuchtet 
aber auch den Horizont, auf den der unbedeutendere „Held" 
Peters mit Poe-Pym lossteuert. 



Die Buße, welcher sich Peters, der Held des Verbrechens 
und seine Komplizen unterwerfen müssen, hat begonnen. "Wir 
erinnern uns, daß wir Peters, Pym und den verwundeten 
Augustus an den Resten des Gangspills gefesselt auf dem unauf- 
hörlich vom Meer überfluteten Deck verlassen haben. Parker 
befindet sich in der gleichen fürchterlichen Lage, Parker, der 
einzig Überlebende der V a t e r-Partei des Maats, den die drei 
Verschwörer nur deshalb vom Tod mit den andern in der 
Kajüte verschont zu haben scheinen, damit das Schicksal ein 
noch grausameres Spiel mit ihm spielen könne. 

„In dieser sdiaudervoUen Lage blieben wir bis zum Anbrudi 
des Tages, der uns die Schredtnisse um uns her aufs deutlichste 
zeigte. Die Brigg war nur mehr ein Stüds Holz, ein Spiel der über- 
mütigen Wellen; der Sturm schien eher noch zu wadisen . . . Durdi 
die Gnade Gottes wurden wir jedoch vor diesem unmittelbar 
drohenden Schrecken bewahrt, und gegen Mittag stärkte uns der 
Schein der lieben Sonne. Bald darauf empfanden wir ein merklidies 
Nachlassen des Sturmes, und jetzt endlich, das erstemal seit dem 
vorausgegangenen Abend, tat Augustus den Mund auf; er fragte 
Peters, der ihm zunächst lag, ob er glaube, daß Rettung nodi 
möglich sei. Zuerst erfolgte keine Antwort, wir alle dachten schon, 
der Mestize sei ertrunken; plötzlich aber begann er zu unserer 
großen Freude zu sprechen, obwohl mit sehr mattem Tone; er 
habe furchtbare Schmerzen, die Fessel schneide ihn gerade in den 
Magen ein, und wenn er sie nicht lockern könne, müßte er sterben, 
es sei ihm unmöglich, seine Qualen noch länger zu ertragen." 

Es war aber unmöglich, ihm in der gegenwärtigen Situation 
zu helfen! 

Der Wind läßt allmählich nach, Pym fällt in eine Art 
Bewußtlosigkeit und beginnt zu träumen, wobei die B e w e- 



r 



Arthur Gordon Pym 163 




2 u n g das hauptsädilidie Thema der Träume darstellt. Er 
sieht Reitertruppen vorüberziehen, „SdiifFe, große Vögel, Luft- 
ballons, Reiter, Wagen, die wahnsinnig schnell fuhren", kurz 
all diese Träume erinnern an die Bewegung des Meeres, von 
der er mitgerissen wird. 

Er erwacht; der Tag ist wieder angebrochen, das Meer hat 
sich beruhigt, und nun schneidet er mit dem Federmesser, das 
er glüdsHcherweise in der Tasche hat, die eigenen Stricke durcii, 
und auch die, welche seinen Gefährten martern. 

„Endlich dämmerte der Morgen des 14. Juli . . . , wir waren 
jetzt mehr als drei Tage und drei Nächte ohne Nahrung, ohne 
einen Trunk, und es wurde höchste Zeit, zu versuchen, ob man 
etwas von unten heraufschaflten könne." 

So taucht wieder das Entwöhnungsthema auf, die sterbende 
Mutter wird im Unbewußten gewiß mit dem "Wrack des 
Schliffes vergliciien. Peters wird von neuem der Held eines 
Abenteuers. Nadi einigen vergeblichen Versuchen, aus der 
Kajüte mit einem aus Holzstücken und Nägeln hergestellten 
Sciiarrnetz etwas Eßbares oder Nützliches herauszufischen, 
macht Peters den Vorscäilag, „daß wir an seinem Leib ein Tau 
festmachen und ihn in die Kajüte tauchen lassen möchten". 
Und nun läßt uns Poe wieder einen jener Impotenz-Alp- 
träume erleben, die er in die Kunst hat hinüberretten 
können. Vier Versuche Peters mißlingen; der erste deshalb, 
weil die Kambüse, zu der man nur durch einen schmalen 
Gang unter Wasser gelangen kann, schwer zu erreichen ist; 
beim zweitenmal verfängt sich die Rettungsleine an der 
Ballustrade am Fuße der Leiter und Peters wäre beinahe 
ertrunken; auch ein dritter Versuch gelingt nicht; beim 
vierten kommt Peters bis zur Tür der Kambüse, aber sie ist 
versperrt, so wie schon früher einmal sich die Mutterbrust 
dem Durst und Hunger des kleinen Edgar hat versdiließen 
müssen. 



1^4 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



„Bald darauf ereignete sich ein Zwischenfall, der mir tiefere 
Erregung, größere Fülle des äußersten Entzückens wie des ärgsten 
Entsetzens enthalten zu haben dünkt als irgendeine der tausend 
Zufälligkeiten, die mich nachher . . . heimsuchten . . . Niemals werde 
ich die Seligkeit vergessen, die jedes Teilchen meines Körpers zu 
durchzittern schien, als ich eine große Brigg in einer Entfernung 
von wenigen Seemeilen auf uns zusegeln sah ... Das Sdiiff war 
eine große Zwitterbrigg von niederländischer Bauart, schwarz 
bemalt, mit trotzig vergoldeter Bugzier. Sie mußte viel böses 
Wetter überstanden haben, und der Sturm, der sich für uns so 
verhängnisvoll zeigte, mochte audi sie arg zerzaust haben, denn 
ihr Fockmast fehlte und am Steuerbord war sie arg beschädigt." 

Trotz der schwachen Brise hat das Schiff beinahe keine 
Segel gehißt, „natürlidi kam sie nur langsam vorwärts und 
unsere Ungeduld steigerte sidi bis zum Fieber. Trotz unserer 
Erregung entging uns nidit das ungeschickte Manövrieren des 
fremden Sdiiffes". Es verliert plötzlidb den Kurs, nähert sich 
den Schiffbrüchigen, entfernt sich wieder, so daß sie unauf- 
hörlich zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin und her 
gejagt werden. 

„Wir bemerkten niemand auf ihrem Verdeck, bis die Brigg 
etwa eine Viertelmeile entfernt war. Da erblickten wir drei See- 
leute, nach ihrer Tracht Holländer. Zwei lagen auf ein paar Segeln 
am Vorderkastell, der dritte schien, nahe dem Bugspriet über das 
Steuerbord gelehnt, uns mit lebhafter Neugier zu betrachten. Es 
war ein großer, dicker Mensch; seine Haut war von sehr dunkler 
Färbung. Er sdiien uns zur Geduld zu ermahnen, indem er uns 
auf lustige, aber wunderliche Weise zunidite und dabei fortwährend 
ladite, so daß man seine blendend weißen Zähne sehen konnte. 
Als sein Sdiiff näher kam, fiel ihm die rote Flanellmütze, die er 
aufgehabt, vom Kopfe herab ins Wasser, ohne daß er sidi darum 
zu kümmern schien; er fuhr fort zu lächeln und uns zuzunicken." 

Die Brigg nähert sidi . . . und „mit einem Male wehte über 
das "Wasser von jenem fremden Sdiiffe, das jetzt didit an 
unserem Kurse war, ein Geruch, ein Gestank, für den die Welt 



Arthur Gordon Pym 



i6j 



keinen Namen hat". Die Brigg fällt plötzlich wieder vom 
Kurs ab, 

„und als sie :m Abstand von etwa zwanzig Fuß unter unserem 
Stern vorbeizog, konnten wir ihr Verdeck voll überblicken. Fünf- 
undzwanzig oder dreißig menschliche Körper, darunter einige Frauen, 
lagen zwischen Heds und Gallion verstreut im Zustand grauen- 
haftester Verwesung. Wir erkannten, daß auf dem unseligen Schiffe 
keine Seele am Leben war. Dennoch konnten wir uns nicht enthalten, 
die Toten um Hilfe anzurufen!" 

Ein Schrei antwortet jedoch, und wie das Schiff neuerdings 
den Kurs wechselt, entdecken sie den aufrechtstehenden Mann, 
der ihnen diesmal den Rücken zukehrt. 

„Die Arme hingen über die Reeling herab, ... die Knie fingen 
sich in einem starken . . . Tau. Auf dem Rücken der Gestalt, von 
dem ein Teil des Hemdes heruntergerissen war, saß eine riesige 
Seemöve, die sich an dem scheußlichen Fleisch gütlich tat; ihr 
Schnabel, ihre Fänge waren tief hineingegraben, ihr weißes Ge- 
fieder war über und über mit Blut bespritzt. Als die Brigg sidi 
weiterbewegte, so daß wir sichtbar wurden, zog der Vogel mit 
offenbarer Mühe seinen blutroten Kopf aus dem Fleische, betrachtete 
uns alle mit einem stumpfsinnigen Ausdruck, erhob sich dann schwer- 
fällig vom Leichnam, der ihm zum Fraß gedient hatte, flog gerade 
über unser Verdeck hin und blieb da eine "Weile schweben, mit 
einem Stück blutgetränkter, leberartiger Substanz im Sdinabel. Der 
schaudervolle Bissen plumpste endlich mit plötzlichem Aufklatschen 
unmittelbar vor Parkers Füße. Gott verzeih' es mir, aber jetzt 
zuckte zum ersten Male ein Gedanke durch mein Hirn, ein Ge- 
danke, den ich nicht nennen will, und ich fühlte, wie ich einen 
Schritt auf den blutigen Fetzen zu tat. Ich blickte auf, Augustus' 
Augen begegneten den meinen mit einer grausigen Bedeutung, die 
mir zugleich meine Vernunft wiedergab. Ich sprang eilends vor und 
schleuderte mit einem tiefen Schauder den sdieußlichen Gegenstand 
ins Meer." 

Nun zeigt der wackelnde Leichnam des aufrechtstehenden 
Mannes, den die Möve verlassen hat, sein furchtbares Gesiciit, 
„die Augen fehlten, ebenso alles FleiscJi um den Mund, so 



i66 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



n 



daß man die entblößten Zähne sah". Langsam entfernt sidi die 
Brigg von den verzweifelten SchifFbrüdiigen. Welche Geißel 
fragt der Erzähler bei dieser Stelle seines Berichtes, hat die 
Bemannung jenes Schiffes geschlagen? Das gelbe Fieber? Oder 
ein Gift, das zufällig in irgendeinem Vorrat an Bord enthalten 
war? Oder hatten sie „von irgendeinem unbekannten giftigen 
Fisch oder Seevogel gegessen(?); jedodi es ist vollkommen un- 
nütz, Mutmaßungen zu hegen, wo alles auf immer in das 
Dunkel eines erschreckenden und unergründlichen Geheimnisses 
gehüllt zu sein scheint". 

Dies ist die Episode von der Totenbrigg im Arthur 
Gordon Pym. "Was sie jenseits romantischer Schauerlidi- 
keit — ein oberflädilicher Leser könnte meinen, die literarische 
Mode allein habe den Diditer zu seiner Geschichte inspiriert — 
so nadidrücklich wirksam sein läßt, das kommt von Poe, von 
dem Entsetzen, das seine Person in sie hineindenkt und das aus 
der Tiefe seiner Seele stammt. Edgar Poe nahm für den 
Arthur Gordon Pym die Sprache, die Bilder der 
Seegesciiiditen, die damals in Mode waren, um durcii sie die 
unbewußten persönlichen Erinnerungen an den Schmerz seiner 
Kindheit auszudrücJcen, einer Kindheit, die wegen der Krank- 
heit und des Sterbens der Mutter erst deren Milch und schließ- 
licii auch ihre Gegenwart entbehren mußte. Er hätte, wie 
Moliere, sagen können: „Es ist mir gestattet, mein Gut zu 
nehmen, wo ich es wiederfinde" ;°^ und weil etwas, das in ihm 
persönlich steckte, durch das Meer-Symbol der damals mo- 
dernen Seegeschichten ausgedrückt werden konnte, schrieb er 
und lesen wir heute nocäi den Arthur Gordon Pym. 



6j) „// m'est permis de reprendre mon hien ou je le trouve." 
Grimarest, La Vie de M. de Moliere, Paris i/oj, S. 13 f. (zitiert im 
Vorwort zu den „Fourberies de Scapin" in der Moliere- Ausgabe der 
Collection des Grands Ecrivains de la France, Hadiette, Paris 1883, 
Bd. VIII, S. 397). 



Arthur Gordon Pym 167 

Und ist nidit die Frage nadi der mysteriösen Krankheit, 
nach dem geheimnisvollen „Gift", weldie die Brigg mit ihrer 
ganzen Besatzung aus einem Lebenssdbiff in ein TotensdiifF 
verwandelt hatte, gleidisam ein Echo der ängstlichen Frage, 
welche sich der kleine Edgar vor seiner sterbenden Mutter 
stellte? Daß dieses SchifF, von dem ein solch atemberaubender 
Geruch herüberweht, ein Symbol für die tote, verwesende 
Mutter sein muß, wird vielleidit auch durch die Beobachtung 
bekräftigt, daß sich unter den Leichen einige Frauen befinden, 
die besonders erwähnt werden. In dem Zusammenhang der 
Geschichte weist jedoch nichts darauf hin, daß Frauen an 
Bord gewesen sein müssen; im Gegenteil, man ist erstaunt, 
daß sie hier aufgezählt werden; — das Unbewußte scheint eben 
diese Erwähnung anbefohlen zu haben. Und wo Hegen die 
Leidien, die Männer und die Frauen? Zwisclien dem Hinter- 
deck und der Küche {between the counter and the galley). Auch 
die Küche wird hier gewiß nicht ohne Absicht erwähnt worden 
sein; das Hunger- und Durstthema, die orale Not, ist tat- 
sächlidi aufs innigste mit dem Mutterkomplex verbunden. Diese 
Not muß Poe besonders stark empfunden haben; seine 
sterbende Mutter, die selbst nicht genug Milcii hatte, konnte in 
ihrem Elend die Kinder nicht genügend nähren. 

Diese Mutter, die ihren Kindern zu wenig Nahrung zu- 
kommen läßt, wird hier übrigens doppelt vorgeführt, zuerst 
durdi die verschlossene Kambüse des zertrümmerten Schiffs, 
die keine Lebensmittel mehr herausgibt, dann durcJi die Brigg 
der getäuschten Hoffnung und des Todes. Auf diesem grauen- 
haften SchifF gibt es keine andere Nahrung als die Leidien der 
Mannschaft, von denen sich die Möve ernährt; sie hat ein Stück 
von ihnen im Schnabel und läßt es auf das "Wrack der Sdiiff- 
brücJiigen herunterfallen. 




i68 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Hier müssen wir eine Klammer öffnen, um jenen Lesern 
welche die Entwicklung der Libido nicht kennen, mit einigen 
Hinweisen zu dienen."^* Die Libido, dieses geheimnisvolle 
Strömen, das in uns stets auf nervigen Genuß ausgeht, stützt 
sich bereits in den ersten Wochen des Lebens auf die andern 
großen Bedürfnisse des Organismus: zuerst auf den widitigsten 
unter allen, auf das Bedürfnis nach Nahrung. Die erste Phase 
in der Entwicklung der Libido ist daher die der oralen Erotik. 
Das kleine Kind liebt die Milch und die Mutterbrust nicht nur 
wegen der Befriedigung des Nahrungstriebs, sondern auch 
wegen der Befriedigung, die ihm die Mundschleimhaut ge- 
währen kann, also wegen des Lutschens an sich. Diese beiden 
Lustbefriedigungen, die ursprünglich miteinander vermengt 
sind, trennen sich dann mehr oder weniger in den Genuß des 
Trinkens und den rein erotischen Genuß am Kuß. Aber das 
Kind bekommt bald seine Zähne, damit erwächst auch der 
Trieb zu beißen in ihm. "Während nun die erste Periode der 
oralen Erotik durch die Lustbefriedigung am Lutschen gekenn- 
zeichnet ist, wird die zweite, die Periode nach der Zahnung, 
durch das Beißen gekennzeichnet (ohne daß aber deshalb das 
Lutschen aufgegeben würde). Diese Stufe hat Abraham mit 
Recht die kannibalische Stufe der Libidoentwicklung 
genannt. Mehr als eine Mutter, die lange gestillt hat, hat sie 
erleiden müssen, und bloß die Schwäche hindert den Säugling, 
seine kannibalischen "Wünsche (in die Mutterbrust zu beißen, 
sie zu fressen) zu realisieren. 

Man könnte, nach dem biogenetischen Gesetz Haeckels, 
sagen, das Kind reproduziere in zeitlicher "Verkürzung die Ge- 
schichte der Menschheit und gehe, wie unsere Vorfahren, durdi 
das kannibalische Stadium hindurch. Das Verlangen nadi dem 



66) Siehe S. 20, 21 die Ausführungen über die Zähne der Berenice 
und die vagina dentata. 




Arthur Gordon Pym 



169 



Fleisch der Mutterbrust verschiebt sidi später weniger oder 
mehr unbewußt auf das Verlangen nach dem mütterlichen 
Fleisch im allgemeinen, dann nach dem Fleisch anderer 
Lebenden, besonders nach dem des Vaters, nadi dem des Lebe- 
wesens, das dem Sohn am nächsten steht und von ihm zu 
gleicher Zeit am meisten gehaßt, aber auch am meisten geliebt 
und bewundert wird. Das Totemmahl der Primitiven, von dem 
in so vielen Religionen noch Spuren erhalten geblieben sind 

dies ist mein Fleisch, dies ist mein Blut — , feiert die 

Erinnerung an das Kannibalenfestmahl der Söhne der primi- 
tiven Horde nach der Ermordung des Vaters. 

Bei der Episode auf der Totenbrigg wurde auf die Stelle, 
die von dem kannibalischen Verlangen des Kindes der Mutter 
nach dem Vater handelt, bereits hingewiesen. Die Möve frißt 
vom Rücken des menschlichen Leichnams, die Möve, mit der 
sich Pym unter dem Zwang des Hungers einen Augenblick lang 
identifizieren wollte, indem er auf das Stück Fleisch losstürzte, 
das der Vogel auf das Schiff hatte herunterfallen lassen. ("Wir 
werden später noch sehen, warum dieser blutende Fetzen 
gerade zu den Füßen Parkers hinfällt.) Pym stößt aber die 
Versuchung zurück und wirft „mit einem tiefen Schauder den 
scheußlichen Gegenstand ins Meer". 

Der verhungerte Pym, der auf solche "Weise seinen kanniba- 
lischen "Wünschen "Widerstand leistet, führt dabei das durch, 
was die Psychoanalytiker eine Regression nennen: er 
zieht sich nämlich von der zweiten oralen Stufe, der kannibali- 
schen, auf die erste, auf die des Lutschens zurück, er regrediert 
also auf jene Stufe, in der das zahnlose Kind die Milch der 
Mutter trinkt, an der Brust saugt. Aber die düstere mütterliche 
Brigg, die sich entfernt hat, kann nicht wieder eingeholt 
werden, trotz der sinnlosen Idee, die einen Augenblick den 
Schiffbrüchigen durchführbar scheint, nämlich das Schiff 
schwimmend zu erreichen: die tote, verwesende Mutter wird 



1/0 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Pfl 



ihrem Kinde weggenommen, sie wird fortgetragen, wodurch 
das Entwöhnungstrauma womöglich noch entscheidender als 
vorher wirksam wird. Die fehlende Milch muß also durdi 
irgendein anderes Getränk ersetzt werden, das den Durst und 
den Hunger besser sättigt und das erotische Verlangen be- 
friedigt. Daher taudit hier mit Recht wieder das Thema vom 
Alkohol und Rausch auf. 

Nachdem Peters, Parker und Pym mehrmals vergeblich ver- 
sucht haben, aus den Eingeweiden des Wracks etwas zum Essen 
hervorzuholen, gelingt es Pym, eine Flasche Porto zu erreichen. 
Sie „taten ein jeder einen bescheidenen Schluck. Die "Wärme 
die Kraft, die Belebung, die wir daraus schöpften, spendeten 
uns unermeßlichen Trost". Aber obwohl die Schiffbrüchigen 
noch mehrere Tauchversuche unternehmen, gibt das SdiifF 
nichts Eßbares her: sie können nur einen kleinen Lederkoffer 
heraufschaffen. Während Pym untertaucht, trinken nun seine 
Brüder verräterischerweise seinen Teil Alkohol aus; so wird 
ihm der letzte Ersatz für die Muttermildi, der ihm geblieben 
ist, geraubt. 

Die unmäßig betrunkenen Brüder Pyms schlafen jetzt 
wie gesättigte Säuglinge ein. Pym befindet sich jetzt „so gut 
wie allein" an Bord und beginnt Betrachtungen über den 
nahenden Tod, der ein Hungertod sein wird oder eine Ver- 
nichtung durch Sturm, anzustellen. 

Vom Hunger gequält, versucht Pym nun, ein kleines Stüdi 
von dem Lederkoffer zu essen, aber es ist ihm unmöglich, 
„auch nur einen Bissen hinabzuwürgen". Inzwischen erwachen 
seine Genossen, „ein jeder in einem unbeschreiblichen Zustand 
von Schwäche und Grausen, einer Folge des Weingenusses. 
Der Rausch war verflogen, sie zitterten wie im heftigsten 
Schüttelfrost, sie schrien jämmerlich nach Wasser . . .", nach 
jenem Wasser, das wie die Milch niemals durch Wein ersetzt 
werden kann. Pym erinnert sich daran, daß er aus einem 



Arthur Gordon Pym 



171 



soldien Zustand sidh einmal durdi Untertaudien hatte retten 
können; er taudit daher Parker, dann Peters und Augustus ins 
■passer. „. • • der Einfall war eine Frucht meiner Lektüre; ich 
hatte einmal in den ärztlichen Büchern über die gute Wirkung 
einer Doudhe auf Patienten gelesen, die unter mania a potu 
litten." Die nun nüditern gewordenen vier Sdiiffbrüchigen 
versuchen neuerlich, nach Vorräten zu tauchen; das SchifF 
weigert sich aber, irgend etwas herauszugeben, es weigert sich, 
die Kinder zu nähren. Sie geben aus Verzweiflung die Ver- 
suche auf. 

„Seit sedis Tagen hatten wir nichts genossen außer jener Flasdie 
Portwein . . . Nie sah idi so ausgemergelte mensdilidie Wesen, 
■wie Peters und Augustus es jetzt waren . . . Obgleidi furchtbar 
heruntergekommen und so schwadi, daß er seinen Kopf kaum von 
der Brust erheben konnte, sdiien Parker doch nicht so völlig ver- 
elendet wie die beiden andern . . . Was midi anbetrifft, . . . (ich) 
hatte nicht viel an Umfang verloren und behielt in überrasdiendem 
Grad meine geistigen Fähigkeiten, während die andern völlig ver- 
blödet in eine zweite Kindheit eingetreten zu sein schienen, indem 
sie dümmlich lächelten, freundlich grinsten und nur die albernsten 
Plattheiten zu äußern imstande waren." 

Diese wieder in den Zustand der Kindheit zurückgefallenen 
Menschen gehen nun tatsädilidi, dieses Mal entschlossen und 
wirklich, durch die zweite orale Stufe des Säuglings hin- 
durch, nachdem sie von der Täuschung, Land zu sehen, und 
von der Hoffnung, ein Segel werde auftauchen, geködert 
worden sind und vergeblich versucht haben, das Leder zu 
kauen, welciies ihre ausgetrocknete Kehle nicht hinunter- 
schlingen wollte. 

Denn sobald das Segel, das man einen Augenblick lang am 
Horizont sieht, und mit ihm alle Hoffnung wieder ver- 
schwunden ist, 

„wendete sich Parker plötzlich zu mir mit einem Ausdruck im 
Gesidit, der mich schaudern machte. Er hatte eine Sicherheit der 



17-2 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Haltung, die ihm zuvor nicht eigen war, und ehe er nodi die 
Lippen geöffnet hatte, sagte mir mein Herz, was er sprechen 
würde. In wenigen Worten machte er den Vorschlag, einer von 
uns müsse sterben, um die andern am Leben zu erhalten." 

Pym wehrt sich entschieden gegen den Plan Parkers und 
will verhindern, daß er den andern davon Mitteilung madit. 
Er ringt mit ihm; Parker will ihn mit dem Messer treffen, Pym 
versucht, Parker über Bord zu werfen. Da kommt Peters dazu 
und erfährt von dem Projekt Parkers, dem er und Augustus 
sich sofort anschließen. Mit großer Mühe erreicht es Pym 
schließlich, daß die Durchführung des Plans eine Stunde ver- 
sdioben werde, so lange wenigstens, bis sich der Nebel, der 
vielleicht ein Schiff versteckt, gehoben hat. Dann soll das Los 
über das Opfer entscäieiden. 

Pym beschreibt uns nun die Angstgefühle, die ihn bei der 
Vorbereitung der Holzspäne befallen, welche der gräßlichen 
Lotterie dienen sollen. Peters zieht als erster: er ist gerettet. 
Dann kommt Augustus an die Reihe: auch er ist gerettet! Es 
bleiben nun Parker und Pym: „mit einem krampfhaften 
Schauder und geschlossenen Augen" hält er ihm die zwei 
übrigen Holzsplitter hin. Das Los ist gefallen: Parker muß 
sterben. Pym fällt ohnmächtig auf Deck hin. 

„Ich kam rechtzeitig zu mir, um noch die Vollendung der 
Tragödie durch den Tod dessen zu schauen, der sie am eifrigsten 
ins Werk gesetzt hatte. Er wehrte sidi nicht im geringsten; Peters 
durdibohrte ihn von rüdiwärts, und er fiel tot zu Boden. Ich darf 
nicht bei dem grausen Mahle verweilen, das nun folgte. Dergleichen 
läßt sich träumen, aber von dem höllischen Entsetzen der Wirk- 
lichkeit vermögen Worte keine Vorstellung zu geben! Es genüge 
die Mitteilung, daß wir zuerst unseren grauenhaften Durst mit 
dem Blut des Opfers gestillt hatten und dann gemeinsam die 
Hände, die Füße und den Kopf abschnitten, die wir mit den Ein- 
geweiden ins Meer warfen; wir lebten von dem übrigen Teil des 
Körpers während der vier unvergeßlichen Tage, die nun folgten, 
während des 17., 18., 15. und 20. Juli." 




Arthur Gordon Pym 



173 



So wird von den vereinigten Brüdern, von Peters, 
Augustus und Pym das Verbrechen gemeinsam konsumiert. Der 
ganze Vorfall erinnert an den Mord und an das Totemmahl, 
die als eine Reproduktion des ursprünglichen Vatermordes 
und des darauf folgenden Brüdermahls von Freud in 
Totem und Tabu nach Darwin und Robertson 
Smith gedeutet wurden. Das Gefühl der Verantwortlichkeit, 
das Sdiuldgefühl werden bei diesen Verbrechen dadurch in ihrer 
Intensität abgeschwächt, daß sie sich auf alle Mitglieder der 
Brüderhorde verteilen, wobei einer den andern stützt und ent- 
lastet. Hier wird nun gerade Parker, der Anstifter zum Ver- 
bredien, zugleich das Opfer, gleichsam auf Grund des Gesetzes 
von der "Wiedervergeltung. Nicht umsonst hat die Möve das 
blutende Stück Fleisch gerade vor seine Füße fallen lassen. 
Parker ist ein Repräsentant der Rebellenpartei des Maats, auf 
ihm ruht noch etwas vom Glanz jenes Rebellen und er wird 
durdi die Tat bestraft, die der andere verbrochen hat. Kronos 
verstümmelte Uranos, seinen Vater, sein Sohn Jupiter ver- 
stümmelte ihn; das Verbrechen der Söhne wird an ihnen, wenn 
sie selbst Väter geworden sind, durch ihre eigenen Söhne gerächt. 

Peters jedoch, der ursprünglich ebenfalls zur Partei des 
Maats gehörte, sich aber dann zum Guten bekehrte, hat in 
dieser ganzen Angelegenheit, trotzdem sie eine kollektive ist, 
einen Zug vom mythischen „Helden" an sich, der die Rache 
durchführen muß. Ihm fällt die Aufgabe zu, Parker durch 
einen Messerstich zu töten. 

Die Tatsache schließlich, daß verschiedene Teile des Opfers 
zurückbehalten, andere hingegen ins Meer geworfen werden, 
scheint ihre Parallelen in der andern zu haben, daß gewisse 
Teile des Opfers bei den antiken Riten den Göttern vor- 
behalten blieben; so wenig mannigfaltig sind die ewigen, tiefen 
Themen, die im Unbewußten des primitiven und des zivili- 
sierten Menschen wohnen. Der zivilisierte Mensdi, Edgar Poe 



1/4 Die Geschiditen: Der Zyklus Mutter 

zum Beispiel, begnügt sidi allerdings damit, das zu träumen 
was sein Urahn ausgeführt hat, und was in unseren Tagen 
unter uns nur der Verbrecher — das Individuum, das sidi 
in die Gesellschaft nicht einfügt — noch ausführt. 



Die Schiffbrüdiigen des Grampus empfinden augenscheinlich 
keinerlei Gewissensbisse wegen ihres kannibalischen Ver- 
brechens; es wird nämlich im Laufe der Erzählung nicht mehr 
von ihm gesprochen. Das Verbredien wird jedoch noch an 
einem von ihnen gerächt werden, und zwar wieder nach dem 
Schema der Wiedervergeltung. 

Für den Augenblidi aber werden unsere Unglücklichen, 
die ihren Durst nach dem Brand des Portweins nur im Blute 
ihres Kameraden löschen konnten, mit ein wenig Regen, den 
sie in einem Tuch auffangen, besdienkt. Das Süßwasser ist in 
dieser Seegesdiichte das Getränk par excellence, das durch 
nichts ersetzt werden kann — eine Beobachtung, die der 
Realität entspricht; im Unbewußten Poes aber, wie in dem 
der meisten Menschen, ist das Süßwasser das Symbol für das 
ursprüngliche Getränk, die Muttermilch, was nodi recit auf- 
fällig am Sdiluß der Geschichte klar werden wird. 

Wir werden daher nicht überrascht sein, wenn Poe sich 
jetzt — ein wenig spät zwar, da Parker schon aufgegessen 
ist — daran erinnert, er habe im Vorderkastell eine Axt ver- 
gessen; er holt sie herbei, entfernt das Verdeck über der 
Kambüse und zieht eine Schildkröte aus der Vorratskammer, 
die an ihrer mütterlichen Flanke einen Wassersack 
trägt. Sie ziehen das Wasser in einen Krug ab, trinken es und 
essen dann diese weibliche, eßbare Galapagosschildkröte, die 
für sie ein glücklicherer Fund ist als der Madeirawein, die 
Krüge mit Oliven und der Sdiinken, die sie gleichzeitig mit ihr 
herausfischen. 



Arthur Gordon Pym 



^7S 



Das Meer wird aber wieder unruhig und die Strafe nach 
dem Mord und Kannibalenmahl kündigt sich in der Gestalt der 
bedrohlich aussehenden Haifische, die um das SchifF herum- 
schwärmen, an. Die Zwischenwände der Kambüse brechen zu- 
sammen, die ganzen Vorräte stürzen in den Kielraum; sie 
finden nur mehr durch das Bad im Äquatormeer, das sie trotz 
der Haifische nehmen, Erfrischung. 

„Augustus wunder Arm fing an abzusterben. Er klagte über 
Schläfrigkeit und gräßlichen Durst, hatte aber keine großen 
Schmerzen . . . Wir . . . gaben ihm die dreifache Ration Wasser." 

„Ein riesiger Hai trieb sich den ganzen Vormittag in der Nähe 
des Hulks umher . . . Augustus ging es viel schlechter." Sie töten 
die Schildkröte, zerschneiden und essen sie. Der sterbende Augustus 
darf das Regenwasser aus dem Tuch, in dem es aufgefangen wird, 
trinken, „dem Kranken schien der Trunk wenigstens Linderung zu 
gewähren. Sein Arm war vom Gelenk bis zur Schulter vollständig 
schwarz, seine Füße waren kalt wie Eis. Jeden Augenblick er- 
warteten wir, er werde den letzten Atemzug tun. Er war ent- 
setzlich abgemagert, so daß er wohl von hundertsiebenundzwanzig 
Pfund, die er in Nantucket wog, auf höchstens vierzig 
oder fünfzig herabgekommen schien. Seine Augen lagen so 
tief eingesunken, daß man sie kaum noch sah, und die Haut seiner 
Wangen hatte sich so gelockert, daß er ohne große Anstrengungen 
nicht kauen und selbst Flüssiges kaum hinabschlucken konnte". 

So stirbt Augustus an seiner Wunde, und außerdem wird 
er, der Parker gegessen hat, nun selbst verzehrt. Die Züge, 
die er bei seinem Sterben aufweist, mußten jedoch Poe bereits 
bekannt sein; hat Edgar nicht einige Jahre vorher, am 
I.August 1831, seinen Bruder Henry bei Frau Clemm an 
Schwindsucht sterben gesehen? Diesem Bruder mußten der 
furchtbar abgemagerte Körper und die tiefeingesunkenen Augen 
über den schlaffen "Wangen gehört haben, jene Augen, mit 
denen der sterbende Augustus seinen Bruder Pym anblickte. 

In dieser Erzählung wachen also alle infantilen Komplexe 
der Menschen wieder auf, unter ihnen auch der der brüder- 



1/5 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

liehen Eifersucht. Pym sieht seinen älteren Bruder und Rivalen 
verschwinden, den Menschen, der ihn zu dieser Fahrt auf dem 
Mutter-Meer aufgestachelt hat; Augustus muß die Verant- 
wortung für das Verbrechen und die Rache tragen, Pym hin- 
gegen und auch der „Held" Peters bleiben auf das wunder- 
barste verschont. 

„Augustus nodi zu retten, gaben wir jede Hoffnung auf . . . Um 
zwölf Uhr verschied er nach heftigen Krämpfen . . . Erst einige 
Zeit nach Einbruch der Nacht faßten wir den Mut, den Toten 
über Bord zu werfen. Der Leichnam war grauenhaft anzusehen 
und schon so stark verwest, daß ein Bein sidi ablöste, als Peters 
ihn in die Höhe hob." 

So ist dem sdiuldigen Bruder nicht einmal die Strafe einer 
symbolischen Kastration nach seinem Tod erspart ge- 
blieben. 

„Als diese Masse Fäulnis über Bord glitt, zeigte uns ihr phos- 
phoreszierendes Leuditen mit ersdirediender Deutlichkeit" 

wie im Schlosse Ushers, wo dieses Leuchten ebenfalls das 
Symbol der Verwesung ist, 

„sieben oder acht große Haie; und als sie die Beute zwischen 
sich in Stücke rissen, hätte man das Zuschnappen ihrer scheuß- 
lichen Zähne meilenweit hören können." 

Das Mutter-Meer nimmt also den schuldigen Sohn wieder 
zu sidi. Die Zähne der Haifische, der Meerbewohner, sdieinen 
tatsächlich die der Brüder beim kannibalischen Festmahl zu 
sein, und in einer nodi tieferen Schichte des Unbewußten die 
schrecklichen Zähne der Mutter, vor denen sich Poe sein ganzes 
Leben lang fürchten sollte. 

Da nun das ödipusverbrechen an der Person Augustus' ge- 
sühnt ist, kann sidh die Szene ändern. Peters und Pym bleiben 
allein zurück. Sie leiden zwar noch immer Hunger und Durst, 
das Schiff kentert, aber das Mutter -Meer wird barmherzig und 
schickt ihnen Nahrung: das ganze Mittelschiff und den Kiel 



Arthur Gordon Pym 177 

bedeckten große Schiffsmuscheln in Menge, die eine köstlidie und 
nahrhafte Speise boten". 

Sie fangen kleine Krabben, die sich inmitten des See- 
tanks aufhalten, die Haifisdie haben sich entfernt, es regnet, 
und das barmherzige Meer bringt seinen Kindern in Not nach 
der Nahrung die endgültige Hilfe: den Sdioner Jane Guy, 
der Pym und Peters an Bord nimmt. 



„Die Jane Guy war ein Toppsegelschoner von hundertundaditzig 
Tonnen; . . . zum Zwedce des Handels und Robbenfangs von Liver- 
pool aus unterwegs nach der Südsee und dem Stillen Ozean . . . 
Kapitän Guy war ein Gentleman von sehr liebenswürdigen Manieren 
und beträchtlicher Erfahrung im Südseehandel, dem er den größten 
Teil seines Lebens gewidmet hatte; doch es fehlte ihm an Energie 
und vor allem an dem Unternehmungsgeist, der hier unbedingt ge- 
fordert wird." 

Also wieder ein unfähiger „Vater", wie der Kapitän 
Barnard. 

„An Bord der Jane Guy erfuhren wir alle Freundlidikeit, 
die unsere Lage erheischte." Dann wird ein Sturm beschrieben, 
und die Reise des Schoners zu den Prinz-Eduards-Inseln, zum 
Crozet-Eiland bis zum Kerguelenland. Es folgt die Be- 
schreibung dieser Gegend, die der Sitten der Albatrosse und 
Pinguine, welche dort hausen. Hierauf fährt das Schiff nadi 
Westen zurück, es erreicht die Inseln von Tristan d'Acunha, 
die ebenfalls beschrieben werden. Dann macht sich der Kapitän 
Guy auf die Suche nach den phantastischen Auroras-Inseln, 
die er nicht findet, schließlidi auf die Suche nach anderen, noch 
südlicher gelegenen Inseln. „Falls er diese Inseln nicht auf- 
finden würde, gedachte er, wenn die Jahreszeit es gestattete, 
gegen den Pol vorzudringen." 

"Wir sind hier bei dem Punkt der Erzählung angelangt, wo 
der Zauber des Pols auf sie zu wirken beginnt. Der alte 

Bonaparte: Edgar Poe. II. 1* 




^7^ Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Seemann hat seinen Albatros auf dem Australisdien Meer 
gesehen; zu diesem Meer zieht es nun auch Edgar Poe hin. Er 
war schon einmal, mit dem Helden vom Manuskript 
in der Flasche, dorthin gefahren, der im Gegensatz zu 
Pym jedoch nicht mehr zurückkehrt. Diesmal wird aber nidit 
nur der sdiicksalsträchtige und vernichtende Orkan am Süd- 
pol beschrieben, sondern eine ganze phantastische Gegend, 
welche durdi die Phantasie des Dichters erschaffen wurde und 
in der die in der Tiefe seiner Seele sdilummernden und sie 
bedrängenden Komplexe in blendenden Symbolen — in Sym- 
bolen, wie sie in heftigen Träumen oder im Alp auftauchen — 
ihren Ausdruck finden. 

Und weil die Eroberung des Pols für Edgar Poe ebenso wie 
für viele andere Menschen von jener tiefen, auf die Mutter 
bezogenen Symbolik umgeben war, weldie die ganze Erde 
umhüllt, mußte auch der Plan der Reynoldschen Expedi- 
tion, die damals ganz Amerika interessierte, in ihm so 
starken Widerhall finden. Wir erinnern uns, daß er für 
dieses Unternehmen Artikel schrieb," und daß die letzte 
Äußerung des Sterbenden im Spital in Baltimore der Sdirei 
nach Reynolds war. 

Im Pym beginnt Poe mit einem historischen Überblick, 
welche Polexpeditionen dem Reynoldschen Unternehmen — 
und dem seinigen — vorausgegangen sind, ein Expose, in dem 
natürlich der Name Reynolds wiederholt auftaucht. Dann setzt 
der Schoner Jane Guy die Fahrt nach dem Pol fort; nadidem 
er eine See mit Eisbergen und Eisfeldern, die aber immer 
wieder die Durdifahrt freigeben, hinter sich hat, kommt er 
zu einem freien Meer, auf dem merkwürdigerweise eine milde 

67) Report of the Committee on Naval Affairs usw. {Southern 
Literary Messenger, August 1836) und Address on the Subject of 
a Surveying and Exploring Expedition to the Pacific Ocean and 
South Seas {S.L.M., Januar 1837): V. E., Bd. 9, S. 84 und 306. 




I 



Arthur Gordon Pym 179 



Temperatur herrscht, obwohl es auf einem Breitengrad liegt, 
den bisher nodi niemand erreidit hat. Tausende Vögel fliegen 
umher, auf einer Eisbank wird ein weißer Riesenbär, der 
blutrote Augen hat, getötet, wieder von dem „Helden" 
Peters, und von der ganzen Bemannung verzehrt. Kaum 
ist dieses Tier — gewiß irgendein Totemtier — ge- 
opfert, da erscheint die Erde wieder, als ob das Tier der 
wilde Wächter gewesen, der vorerst hat weggeschafft werden 
müssen, so wie der die Andromeda beschützende Dradie von 
perseus getötet werden mußte. 

„Kaum hatten wir unsere Beute geborgen, da sdioll es freudig 
vom Mastkorb : ,Land über Steuerbord!' ... Es war eine 
fladie Felseninsel, etwa eine Meile im Umfang und, wenn man von 
einer Art Stachelbirne absieht, ganz ohne Pflanzenwuchs . . . Bald 
hatten wir das Eiland völlig durchforscht; doch fanden wir, mit 
einer Ausnahme, nichts Bemerkenswertes. An der Südspitze hoben 
wir ein Stück Holz auf, das, jetzt in einem lockeren Steinhaufen 
halb vergraben, einstmals das Vorderteil eines Kanoes gebildet 
zu haben schien. Es waren Sdinitzversuche daran zu erkennen 
und Kapitän Guy glaubte die Gestalt einer Schildkröte wahr- 
zunehmen . . ." 

Wir erinnern uns hier an die Schildkröte, welche die Sdiiff- 
brüchigen auf dem zertrümmerten Schiff stillte, und an 
das Grab der Frances Allan, auf dem sich der Bug eines 
Sdiiffes aus Stein erhob . . . Und in der gleichen Riditung nadi 
dem Süden, in der diese Reste eines Landungsplatzes gefunden 
werden, zeigt sich auch das Phänomen, das nun unsere Auf- 
merksamkeit fordert: „Der Himmel war von seltener Klarheit, 
nur dann und wann zeigte sich ein leichter Dunst am Süd- 
horizont, doch niemals verweilte er dort lange." Und wie der 
Kapitän Guy, wegen der Knappheit an Lebensmitteln, und 
weil einige Skorbutfälle an Bord sind (und audi weil er selbst 
ängstlich ist), davon spricht, wieder nach Norden zu wenden, 
bebt Pym „innerlich vor Entrüstung über die unzeitgemäße 




i8o 



Die Gesdjtditen; Der Zyklus Mutter 



Ängstlidikeit" des Befehlshabers; und er überzeugt ihn davon 
daß man nach dem Süden weiterfahren müsse. jj 



„i8. Januar. Diesen Morgen steuerten wir weiter südwärts, bei 
demselben angenehmen Wetter wie bisher . . . Die See war voll- 
kommen glatt, ein lauer Wind blies aus Nordosten . . ." Der Wind 
und die Strömung treiben das Meer nadi dem Süden. Tiere taudien 
auf, Walfisdie, Albatrosse, „wir fisditen sodann einen Busch auf 
der voll roter Beeren hing, die Hagebutten ähnelten, und den 
Körper eines Landtieres von seltsamem Aussehen. Es war dr-ei 
Fuß lang und nur sedis Zoll hodi, hatte vier sehr kurze Beine 
die Pfoten waren mit langen Klauen von leuchtend scharlachroter 
Farbe, die an Korallen erinnerte, bewehrt. Den Leib bededcte ein 
straffer, seideardger Haarpelz von völlig weißer Färbung. Der 
Schwanz war spitzig wie der einer Ratte und etwa anderthalb 
Fuß lang. Der Kopf glich dem einer Katze; nur die Ohren ähnelten 
durch ihren Behang mehr denen eines Hundes. Die Zähne"' 
aber leuchteten in dem gleichen Scharlach wie die Klauen des 
Tieres." 

Wir werden dem seltsamen Tier später noch einmal be- 
gegnen. Hier weisen wir nur (ohne eine genauere Analyse 
durchzuführen) auf die Klauen, die blutroten Zähne, den 
weißen Haarpelz hin, der ein Vorläufer von anderen weißen 
Objekten ist, ferner auf den langen Sdiwanz und den Katzen- 
kopf, der ein wenig als ein Gegenstück in Weiß zur 
Schwarzen Katze angesehen werden kann . . . 

„19. Jänner. Heute sahen wir ... — die See hatte eine ganz 
ungewöhnlich dunkle Färbung — wiederum Land vom Mastkorbe 
aus, und bei näherer Untersuchung war es ein Inselland, das zu 
einer Gruppe sehr großer Inseln zu gehören schien. Die Küste war 
steil, das Innere schien recht bewaldet. (Wir) ankerten ... mit 
zehn Faden im sandigen Grunde, eine volle Meile von der Küste 
. . . Die beiden größten Boote wurden herabgelassen, und eine 
wohlbewafFnete Mannschaft, zu der auch Peters und ich gehörten, 

68) Diese Hervorhebung stammt von Poe. 



Arthur Gordon Pym i8i 

machte sich daran, einen Durchgang durchs Ri£f zu erspähen, das 
die Insel zu umgürten schien. Nach einigem Suchen fanden wir 
eine Lücke und wollten einfahren, als wir vier große Kanoes er- 
blickten, die, mit offenbar gutausgerüsteten Männern angefüllt, im 
Begriffe schienen, vom Lande abzustoßen . . . Kapitän Guy band 
ein weißes Taschentuch an das eine Ruder und hielt es in die 
Höhe; da machten die Fremden sogleich halt und begannen laut 
zu schnattern, zwischendurch auch Schreie auszustoßen, die wie: 
Anamu muf^^ und Lama lama! klangen." 

Denn für die Wilden dieser Insel hat das Weiß — wie 
wir noch deutlicher sehen werden, die Zeichen des Tabu an 
sidi. Es flößt ihnen Angst ein, und zwingt sie zugleich, es zu 
verehren. 

„In den vier Kanoes . . . befanden sich ungefähr hundertund- 
zehn Wilde. Sie hatten die durchschnittliche Größe von Europäern, 
waren aber muskelkräfliger und sehniger gebaut. Ihre Hautfarbe 
war pechschwarz, ihr Haar wollig und dicht. Bekleidet waren sie 
mit Häuten von einem unbekannten Tier, das schwarz, seidig und 
langhaarig sein mußte; nicht ohne Geschick hatten sie sich diese 
Häute angepaßt: die Haare waren nach innen gewendet, außer am 
Halse, den Händen und Fußgelenken. Ihre Waffen waren in der 
Hauptsache schwere Keulen aus schwarzem Holz. Einige hatten 
Speere mit Spitzen aus Feuerstein, einige auch Schleudern. Die 
Kanoes waren unten mit schwarzen, eigroßen Steinen gefüllt." 

Das Schwarz taucht hier sozusagen als Nationalemblem des 
unbekannten Stammes und der unbekannten Insel auf. Der 
Häuptling, der T o o - w i t heißt, steigt bald an Bord der Jane 
Guy; er wird von zwanzig Männern begleitet, denen zwanzig 
andere folgen, bis alle das Schiff besichtigt haben. Sie durdi- 
stöbern alles und prüfen 

„neugierig jeden Gegenstand . . . Offenbar hatten sie nie zuvor 
Menschen der weißen Rasse gesehen, und unsere Gesichtsfarbe 
schien sie anzuwidern. Sie hielten die Jane für ein lebendes Wesen 

69) Englisch: Anamoo-moo! 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



und fürchteten sidi sdieinbar, sie mit den Spitzen ihrer Speere zu 
verletzen, da sie sie sorgsam nach oben kehrten". 

Too-wit tröstet und streichelt sogar das Sdiiff, weil der 
Oberkodi beim Holzspalten das Verdeck mit der Hacke ge- 
troffen hat. Die Wilden haben nicht ganz unrecht: sind denn 
nidit alle Schiffe dieser Geschidite (wie im Unbewußten so 
vieler Menschen) Transportmittel und zugleich Symbole für die 
Mutter, die uns zur Ruhe wiegte? In Erstaunen versetzt 
uns, daß die "Wilden vor manchem Gegenstand, der sich an 
Bord befindet, entsetzt zurückfahren: 

„So zum Beispiel konnte sie kein Mensdi dazu überreden, sidi 
gewissen harmlosen Gegenständen zu nähern: den Segeln des 
Sdioners, einem Ei, einer Pfanne mit Mehl darin", 

hauptsächlich weißen Gegenständen! Too-wit ist außerdem 
entsetzt, sobald er sich im Spiegel sieht — in dem Spiegel, 
gegen den auch Poe eine Phobie gehabt haben soll, und den 
wir im "William "Wilson wieder finden werden. 

Die "Wilden stehlen nichts und zeigen das freundschaftlichste 
Verhalten. Die Polarinsel ist seltsamerweise voll von Gala- 
pagosschildkröten und der „beche de mer".'"' Und obwohl Pym 
gern ohne Verzögerung nach dem Süden weitergefahren wäre, 
wird der Entschluß gefaßt, daß die Jane Guy einige Tage bei 
dieser Insel anlege, damit Nahrung an Bord gebracht werden 
kann. Der Schoner, auf dem sich noch immer Too-wit befindet, 
nähert sich nun dem Strande, er geht 

„etwa eine Meile vom Strand vor Anker, in einer trefflichen, 
völlig vom Land umschlossenen Bucht, an der Südostküste der 
Hauptinsel, bei zehn Faden Tiefe; der Grund war schwarzer Sand. 
An der Spitze der Bucht sollten drei schöne Quellen entspringen, 

70) Poe benützt hier die seit Anfang des 19. Jahrhunderts ge- 
bräudiliche Form beche de mer für das portugiesische bicho do mar. 
Unter den beches de mer versteht man Seetiere aus der Gattung der 
Holothurien, die als Nahrungsmittel verarbeitet werden. Sie heißen 
audi Balaten und Trepang. 




Arthur Gordon Pym 183 



mit gutem Wasser, und wir sahen in der Umgebung eine Menge 
■^äld . . . Too-wit . . . lud uns nach dem Fallen des Ankers ein, 
ihn ans Land zu begleiten und sein Dorf im Innern durch einen 
Besudi zu ehren. Kapitän Guy stimmte zu. Zehn Wilde blieben 
als Geiseln an Bord, und eine Abteilung der Unsern, bestehend 
aus zwölf Mann, machte sidi bereit, dem Häuptling zu folgen." 

Und nun müssen wir einen Abschnitt der Erzählung voll- 
ständig zitieren: 

„Mit jedem Schritt drängte sich uns die Überzeugung auf, daß 
wir uns in einer Gegend befanden, die keiner bisher von zivili- 
sierten Menschen besuchten irgendwie ähnlich war. Nichts Ver- 
trautes erblickten wir; die Bäume glidien keinem Gewächs der 
heißen, der gemäßigten oder der kalten Zone und waren ganz 
verschieden von denen der tiefen Breiten, die wir eben durch- 
kreuzt haben. Selbst die Felsen ersciiienen neuartig in ihrer Masse, 
ihrer Färbung, ihrer Zusammenstellung; die Flüsse selbst, so un- 
glaublich es klingen mag, hatten mit denen anderer Klimate so 
wenig Gemeinsames, daß wir uns scheuten, aus ihnen zu trinken, 
und in der Tat vermochten wir sie kaum als natürliche Erzeug- 
nisse anzusehen. An einem Bächlein, das über unseren Weg floß, 
dem ersten, dem wir begegneten, machten Too-wit und seine Leute 
halt, um zu trinken. Wegen der sonderbaren Farbe des Wassers 
weigerten wir uns, davon zu trinken, weil wir es für unrein 
hielten, und erst nach einiger Zeit begriffen wir, daß alle BäcJie 
dieser Inselgruppe dieses Aussehen hatten. Ich weiß nicht, wie ich 
die Art dieses Wassers näher bestimmen soll, und kann dies nicht 
in wenigen Worten tun. Obwohl es gleicäi gewöhnlichem Wasser 
bei jeder Senkung rascher floß, hatte es doch nie, außer wenn es 
in Kaskaden herabfiel, den Anschein der Durchsichtigkeit. Trotzdem 
war es so klar wie nur irgendein Wasser aus Kalkschichten, der 
Unterschied lag nur in der Erscheinung. Zuerst, besonders bei 
geringem Abfall, erinnerte es, was seine Dichte anbelangt, an 
arabischen Gummi, wenn er in gewöhnlichem Wasser aufgelöst 
wurde; aber das war die geringste seiner wunderbaren Eigen- 
schaften. Es war nicht farblos, auch nicht gleichfarbig, sondern es 
bot im Fließen dem Auge jede Schattierung tiefen Purpurrots, ähnlich 
den wechselnden Tinten einer gewissen Art Seide. Dieser Wechsel 
in der Abstufung wurde auf eine Weise erzeugt, die uns ebenso 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



in Erstaunen versetzte wie Too-wit vorher der Spiegel. Nachdem 
wir ein Becken damit gefüllt und das Wasser sich gesetzt hatte 
fanden wir, daß die ganze Flüssigkeit aus einer Anzahl ver- 
schiedener Adern bestand, deren jede einen anderen Farbenton 
hatte, daß diese Adern sich nicht vermengten, daß ihr Zusammen- 
hang in bezug auf ihre eigenen Teilchen vollkommen, jedodi in 
bezug auf die Nachbaradern unvollständig war. Zog man ein 
Messer quer durch die Adern, so schloß sich das Wasser gleich 
unserm vollständig über der Klinge, und nach dem Wegziehen 
waren alle Spuren des Sdmittes verschwunden. Fuhr man dagegen 
mit der Schneide genau an der Grenze zweier Adern hin, so er- 
zielte man eine völlige Trennung, die keineswegs sofort durch die 
Kohäsion aufgehoben wurde. Das Phänomen dieses Wassers bildete 
das erste Glied in der ungeheuren Kette sdieinbarer Wunder, die 
mich nach und nach immer fester umwinden sollte." 

Es ist nicht schwer, dieses Wasser als Blut zu erkennen. Die 
Adern werden ausdrücklich genannt und von dieser Erde wird 
gesagt, „daß wir uns in einer Gegend befanden, die keiner 
bisher von zivilisierten Menschen besuditen irgendwie ähnlich 
war", und daß man nichts „Vertrautes" erblickt: gerade das 
Gegenteil stimmt, denn diese Erde ist allen Menschen als der 
Körper vertraut, dessen Blut uns nodi v o r der Mildi nährte, 
sie ist der Körper der Mutter, der uns neun Monate lang Ob- 
dach gab. Man wird hier vielleicht einwenden, unsere Deu- 
tungen seien monoton und kehren immer zum gleichen Punkt 
zurück; daran sind aber nicht wir schuld, sondern das Unbe- 
wußte der Menschen, das diese ewigen Themen stets von neuem 
hervorholt, um sie dann in tausend versdiiedenen Variationen 
vorzuführen. Kann es uns daher überrasdien, wenn hinter dem 
Rankenwerk dieser Variationen immer wieder die gleichen 
Themen aufscheinen? 

Natürlich ist auch die Insel, an der Pym, der Sohn und 
Peters, der „Held", mit dem Kapitän Guy, dem guten, aber 
sdiwachen, und Too-wit, dem listigen, starken und schlechten 
Vater — als der er sich später erweisen wird — anlegen. 



Arthur Gordon Pym i8j 

anthropomorph erdacht, nach dem Vorbild des mütterlichen 
Körpers, durdi den nährende und blutgefüllte Flußläufe 
ziehen. 

Das Kennzeichen dieser Insel ist jedoch das Schwarz. Der 
mütterliche Körper scheint hier gleichsam von innen her er- 
faßt zu sein, also so, wie er vom Fötus aus gesehen werden 
würde, wenn dieser die Augen öffnen und bei dürftigem und 
seltsamem Lichtschein sehen könnte, wo er sich befindet. Im 
Gesamtbild der Insel und auch in dem des ganz primitiven 
Dorfes Klock-Klock, in dem die weißen Männer mit ge- 
heuchelter Höflichkeit und einer tiefempfundenen Feindselig- 
keit von den schwarzen Männern empfangen werden, domi- 
niert also das Schwarz. Die Zelte der "Wampoos oder Yam- 
poos (der hervorragenden Persönlichkeiten dieser Insel) „be- 
standen einfach in einem umgehauenen Baum, über den ein 
mächtiges schwarzes Fell gezogen war . . ." Es treiben sich 
hier große Schweine mit schwarzem Fell herum und ganz selt- 
same schwarze Albatrosse; auch die Frauen, obwohl sie „groß, 
schlank und wohlgebaut sind, mit einer Anmut und Freiheit 
in der Haltung, die man in zivilisierten Kreisen schwerlich 
antreffen dürfte", weisen eine seltsame Eigentümlichkeit auf: 
„ihre Lippen (waren) gleich denen der Männer dick und 
wulstig, so daß ihre Zähne sogar beim Lachen nicht sichthar 
wurden." Wir werden später erfahren, daß man auch in ihrem 
geöffneten Munde kein Weiß gesehen hätte, da sogar die 
Zähne der Inselbewohner schwarz sind. Bei dem Mund dieser 
Frauen hat eine Versdiiebung — von unten nach oben — der 
dunklen und zahnlosen Eigenschaften der realen oder, 
besser gesagt, der kloakischen Vagina nach dem Munde hin 
^_ stattgefunden, ganz so wie in anderen Schöpfungen Poes die 
^B umgekehrte Versciiiebung — die von oben nach unten — vom 
^K Mund zur Vagina stattfindet, eine Transponierung, die den 
^B seltsamen und mit Schreck beladenen Einfall von der vagina 

m 



i86 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



dentata erzeugt hat. Im übrigen fürchten sich die schwarzen 
Menschen vor allem vor den Zähnen der Weißen, und wir 
werden bald sehen, welches Los der Besatzung der Jane gerade 
wegen ihrer weißen Zähne zugedacht war. 

Too-wit hat nämlich die weißen Männer in Klock-Klods 
nur deshalb empfangen und ihnen ein reichliches, aber ab- 
stoßendes Festmahl von Eingeweiden vorsetzen lassen, damit 
er um so besser ihr Zutrauen gewinne und ihren Untergang 
vorbereiten könne. Er liefert dem Schiff frische Vorräte, 
heuchelt Interesse für den Plan des Kapitän Guy, die „heche 
de mer" auszubeuten, stellt ihm Männer zur Verfügung, die 
für blaue Glaswaren, für Messer und rote (nicht aber für 
weiße) Leinwand den weißen Matrosen beim Bau der Trocken- 
kammern helfen. Wie jedodi der Schoner — der drei Mann 
auf der Insel zurückläßt — die Fahrt zur Entdeckung des 
Südpols fortsetzen will, besteht Too-wit darauf, daß sie einen 
feierlidien Abschiedsbesuch machen. 

Ohne Mißtrauen begeben sich der Kapitän und beinahe 
alle Männer (bloß sechs bleiben an Bord), zweiunddreißig 
wohlbewaifnete Männer insgesamt, auf den Weg ins Dorf, 
ihnen ziehen voran und folgen ungefähr hundert mit schwarzen 
Fellen bekleidete, aber unbewaffnete sciiwarze Krieger. Man 
fragt Too-wit, warum seine Leute ohne Waffen seien: er ant- 
wortet: „W o alle Brüder, sind Waffen über- 
f 1 ü s s i g." Bald aber sieht man, daß die schwarzen Männer 
keine Waffen braudben, um ihre Absichten durchführen zu 
können. Die Weißen kommen durch eine gewundene, schmale 
und tiefe Schlucht, „die Seiten der Schlucht stiegen überall 
mindestens bis zu siebzig, aclitzig Fuß lotrecht empor, und 
an einigen Stellen erhoben sie sich zu schwindelnder Höhe 
und überschatteten den Pfad so vollständig, daß vom Licht 
des Tags nicht viel herabzudringen vermodite"; Pym, Peters 
und ein gewisser Allen bemerken über ihren Köpfen eine 




I 



Arthur Gordon Pym 187 

iKlüftung im weichen Gestein, während sie „gerade die eigen- 
tümliche Schichtung der steilen, überhängenden "Wand" unter- 

Isudien. „Sie war breit genug, daß ein Mensdi bequem hinein- 
dringen konnte" und zog sich hoch und weit im Zickzack ins 
Gebirge. Dort wächst eine Art Haselnuß: Pym und zwei 
andere Männer holen sich einige Nüsse. „"Während wir uns 
wieder der Straße zuwandten", sagt er, 

„da empfand idi plötzlidi eine Ersdiütterung, mit der ich nichts 
I von allem, was ich jemals erlebte, vergleichen könnte, eine Er- 
schütterung, die in mir die Vorstellung erzeugte . . . , daß die 
l Grundfesten des Erdballs auseinanderstürzen wollten . . ." 

Die "Wilden nützen nämlich die Schichten im weichen Gestein 

zu ihrem Zweck aus und erschüttern mit Hilfe von Stricken 

und Pflöcken, die sie als Hebel verwenden, einen Teil des 

Gebirges, der nun abrutscht, die weißen Menschen verschlingt 

und die Schlucht ausfüllt. 

* 

„Sobald ich über meine Sinne zu gebieten vermochte, fand ich 
mich halb erstickt in vollkommener Finsternis unter einer Menge 
losen Erdreichs." 

Peters ist noch tiefer versiiiüttet; Pym hilft ihm heraus und 

rettet ihn, aber eine fürchterliche Angst erdrosselt die beiden 

« 
dem Untergang Entronnenen. 

„Lebend begraben sein! Von allen Zufällen, die des Menschen 
Leben bedrohen, gibt es nichts Entsetzlicheres: die Schwärze der 
Finsternis, die das Opfer umringt, der fürchterliche Druck, der auf 
den Lungen lastet, die erstickenden Ausdünstungen des feuchten Erd- 
reidis, dazu die grauenhafte Erkenntnis, daß man sich jenseits der 
fernsten Grenzen aller Hoffnung befindet und das Los der Toten 
teilt . . ." 

Wie wir bereits verstanden haben werden, reproduziert die 
"Verschüttung Pyms und Peters zwischen den beiden Schenkeln 
des Gebirges jene Mutterleibsphantasie wieder, die schon einmal 
zu Beginn der Geschichte, damals als Pym im Kielraum des 



i88 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Schiffes eingeschlossen war, aufgetaucht ist. Diesmal aber 
wiederhoh sich die Phantasie sozusagen im größeren Maßstab 
weil sich die Erde mit ihren Gebirgen, Höhlen — und bald 
auch mit ihren Horizonten — in den Dienst der dichterischen 
Phantasie gestellt hat, damit der Dichter von der Sehnsudit 
nach seiner verlorenen Mutter sprechen kann. 

Pym und Peters versuchen tastend, sich im Innern der Erde 
zu orientieren. Pym bemerkt einen ganz schwachen Licht- 
schimmer, sie klettern nun auf das Licht zu und kommen zu- 
einer Stelle, von der ein wenig mehr Licht von draußen ein- 
dringt. Pym erinnert sich jetzt daran, daß sie vorher mit Allen 
beisammen gewesen sind und daß er jetzt nicht mehr bei ihnen 
ist. Die beiden Geretteten steigen noch einmal hinunter, um ihn 
zu suchen; da entdedsen sie, daß der Fuß der verschütteten 
Leiche aus dem Boden herausragt. Sie steigen nun wieder 
mühsam bergauf, die feuchten, rutschigen "Wände des weichen 
Gesteines der Spalte entlang. Sie erreichen „endlich eine natür- 
liche Plattform, von der aus man ein Fleckchen blauen Himmels 
über dem Abschluß einer dicht bewaldeten Talschlucht erblicken 
konnte". Nachdem sie sich ausgeruht haben, gelangen sie an 
„eine schmale Öffnung, durch die man einen Überblick über 
das ringsumliegende Gelände erhielt, und das ganze schauer- 
liche Geheimnis des Erdsturzes war mit einem Male auf- 
gehellt". Sie sehen, daß die Klamm mit Trümmern „einer Erd- 
und Gesteinsmasse von mehr als einer Million Tonnen . . . voll- 
ständig ausgefüllt" ist und entdecken auf dem gegenüber- 
liegenden Kamm der Talsdilucht einige Pflöcke und Seile, die 
Werkzeuge der Sprengung. 

„Das Los unserer armen Gefährten konnte nur vollständiger 
Untergang gewesen sein. "Wir allein waren dem Ansturm dieser 
überwältigenden "Vernichtung entgangen. Wir blieben jetzt die ein- 
zigen Weißen auf der Insel." 

Sie erkennen nun das ganze Elend ihrer Lage. 



1 



Arthur Gordon Pym 



I 
I 



„Die ganze Gegend wimmelte von Sdfiwarzen, die, wie wir 
jetzt erkannten, in Scharen auf ihren Flössen von den Inseln im 
Süden herübergekommen waren, jedenfalls in der Absicht, sich 
an der Erstürmung und Plünderung der Jane zu beteiligen. Das 
Schiff lag noch friedsam in der Budit vor Anker; unsere an Bord 
zurückgebliebenen Kameraden beschlich offenbar keine Ahnung von 
der Gefahr, die ihnen drohte." 

Es war unmöglich, die auf dem Schiff zurückgebliebenen 
Gefährten zu verständigen. 

„Nach einer halben Stunde ungefähr sahen wir sechzig oder 
siebzig Flösse und Flachboote mit Auslegern, voll von "Wilden, 
das südlidae Hörn der Hafenbucht umschiffen . . . Gleich darauf 
kam von der entgegengesetzten Seite eine FlotiUe, die ebenso aus- 
gerüstet und noch zahlreicher war. Auch die vier Kanoes füllten 
sich rasch mit Wilden ... So fand sich — in viel geringerer Zeit, 
als ich zum Erzählen brauche — die Jane wie durch Zaubertüdse 
von einer mehr als tausendköpfigen Menge toller Unholde um- 
ringt, die entschlossen schienen, das Schiff auf jede Gefahr hin zu 
erobern." 

Die "Wilden haben sich zwar nur mit Keulen und Steinen 
bewaffnet, sie sind aber in der Überzahl und die sedis Leute 
an Bord nidit besonders kaltblütig. Die erste Abwehr vom 
Steuerbord her ist ein vollständiger Mißerfolg; 

„kein Kanoe war getroffen, kein einziger "Wilder verwundet". 
Die Kanonen vom Backbord sind wirksamer, ihr „Feuer . . . war 
von entsetzlichster "Wirkung". Aber „die Kanoerotte war schon an 
Bord des Schoners, in der Stärke von über hundertfünfzig Mann 
. . . unsere Leute wurden sofort überrannt, überwältigt, und waren 
im Augenblick vollkommen in Stücke gerissen. Sobald die Kerle 
auf den Flachbooten und Flössen dies wahrnahmen, überwanden 
sie ihre Furcht und kamen in Scharen heran, um zu plündern 
Binnen fünf Minuten war die Jane der jammervollste Schauplatz 
aller "Verwüstung und bestialischer Zerstörung . . .". 

Too-wit kommt mit seinen Schwarzfellkriegern eilig vom 
Gebirge herbei und nimmt seinen Teil der Beute in Anspruch. 




IJO 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Während dieser Zeit nützen die beiden Geretteten die Ab- 
wesenheit der Wilden aus, sie suchen und finden Wasser auf 
dem Hügel, Haselnüsse und eine große schwarze Rohrdommel. 
Sie verstecken ihre Vorräte in der Erdspalte, beziehen wieder 
den Beobachtungsposten und sehen eben, wie die Wilden die 
geplünderte Jane Guy, die sie ans Ufer geschleppt haben, in 
Brand stecken. „Jetzt mußte eine Katastrophe eintreten. Und 
unsere Hoffnung wurde nicht enttäusdit." Die mit Pulver 
beladene Jane Guy explodiert und tötet und verletzt 
tausende Wilde. 

„Die Oberfläche der Bucht war von den im Todeskampfe 
ächzenden und ertrinkenden Schuften förmlich übersät. Sie schienen 
durch die Plötzlichkeit und Vollständigkeit ihrer Niederlage gänz- 
lich betäubt ..." — „Auf einmal aber änderte sich ihr Benehmen 
von Grund aus. Von dumpfer Ergebung gingen sie, so schien es 
uns, in den Zustand wildester Aufregung über, stürzten wie toll 
hin und her, umkreisten einen bestimmten Punkt am Strande 
mit dem seltsamsten Ausdrudie des Entsetzens, der Wut und der 
heißen Neugier auf ihren häßlichen Gesichtern und brüllten un- 
aufhörlich mit aller Kraft ihrer Lungen: ,Tekeli-li! Tekeli-li!'." 

Die Wilden holen Holzpflöcke herbei. 

„Sie brachten das Holz an die Stelle, wo das Gedränge am 
diditesten war; jetzt teilten sich die Massen, und wir konnten die 
Ursache all der furditbaren Aufregung wahrnehmen. Etwas 
"Weißes lag dort auf dem dunklen Sande . . . Endlich sahen wir, 
daß es der Körper jenes fremdartigen Tieres mit den sdiarladi- 
roten Zähnen und Klauen war, das der Schoner . . . aufgefischt 
hatte. Kapitän Guy hatte die Absicht gehegt, den Balg ausstopfen 
zu lassen . . . Die Explosion hatte (das Tier) an den Strand ge- 
worfen, aber wir konnten die Erregung, die es bei den "Wilden 
hervorrief, nicht recht begreifen. Sie umdrängten das Tier in 
geringem Abstände, doch keiner zeigte Lust, ganz nahe heran- 
zutreten. Nadi und nach urapfählten es die aus dem "Walde 
Zurückkehrenden mit einem Zaun, und sobald dieser fertig war, 
stürzte die ganze ungeheure Versammlung unter dem lauten Ge- 
schrei: ,Tekeli-li! Tekeli-lil Tekeli-lü' nach dem Innern der Insel." 



Arthur Gordon Pym loi 



Aus diesem Beridit erfährt man, daß das weiße Tier mit 
den scharlachroten Zähnen und Klauen sich als tabu erweist. 
Man darf es nicht b e r ü h r e n, es ruft zu gleicher Zeit Gefühle 
des Schreckens und der Verehrung hervor. Auf dieser Insel 
ist also alles "Weiße tabu, das Tier jedoch scheint auf sich das 
höchste Tabu zu vereinigen, so als ob es das Tabu seiner Weiße 
allem anderen "Weißen mitgeteilt hätte. 

* 

Damit wir richtig verstehen, was dieses seltsame Tier be- 
deutet, müssen wir analysieren, was wir zuletzt nur erzählt 
haben. 

Als die "Wilden die Felsen der Schlucht auf die Weißen 
herabstürzen ließen, haben sie die Revolte der Aufrührer vom 
Grampus gegen den "Vater reproduziert. Wieder nämlich wird 
ein schwächlicher Vater, der Kapitän Guy, der den Kapitän 
Barnard mit seiner Unfähigkeit nachahmt, weggeschafft; und 
wieder nimmt ein stärkeres und schlechteres Oberhaupt — wie 
der Maat vom Grampus — , Too-wit auf der Insel den Platz 
des ersten Vaters ein. Diese Handlung ist eine Wiederkehr der 
Tatsache, daß David, der schwache Vater der Kindheit Poes, 
durch den starken und „schlediten" John Allan ersetzt wurde. 
Und ganz wie beim Aufstand an Bord ist auch hier wieder die 
(durch das Schiff symbolisierte) Mutter der Preis des Sieges 
über den Vater: die Jane Guy fällt in die Hände der Wilden. 
Aber auch der Sieg des zweiten, schlechten Vaters ist nur von 
kurzer Dauer: so wie der Maat durch eine Art Tabu, das auf 
seine Person allein Eindruck gemacht hat, von der Ersdieinung 
des „Gespenstes" Rogers, weldier Vater- und Mutterzüge (den 
dicken Bauch) an sich trägt, getötet wurde, so sterben auch die 
Wilden des Too-wit und er selbst — er erscheint nicJit mehr 
wieder — durch die Explosion des Schiffes, das sie erobert 
haben, durch die Explosion der Jane Guy, des furchtbaren 
Mutter-Symbols. 



1^2 



Die Geschichten; Der Zyklus Mutter 



Aus den Hüften des zerstörten Schiffes kommt jedoch plötz- 
lidi das weiße Tier mit den scharlachroten Zähnen und Klauen 
hervor, das den Schwarzen einen nicht geringeren Schredcen 
als den, welchen sie bei der Explosion empfunden haben, ein- 
flößt. Man könnte sagen, das Tier stelle bei dieser besonderen 
Gelegenheit die Gottheit dar, die Seele des Mutter-Schiffes; 
das Tabu der Mutter hat sidi wegen der Schändung des 
Sciiiffes durch seine mystische Kraft gerächt, indem es vor den 
Augen der Wilden die Explosion hervorrief. 

Die Poeschen Mutter-Attribute dieses Tieres sind übrigens 
leicht zu deuten: die m i 1 c h i g e Weiße erinnert an die Mutter- 
milch — wir werden später noch deutlicher darauf hingewiesen 
— , die scharlachroten Zähne und Klauen sind blutige War- 
nungen vor der Gefahr, welche die Eroberung der Mutter in 
sich birgt. Von den Kastrationszähnen, von diesen Zähnen der 
Berenice, Rowena, die hier, beim Tier, mit dem Blut der 
Kastration bedeckt zu sein scheinen und gewiß auch mit dem 
der Hämoptoen und Menstruen der Mutter, die das Kind hat 
überraschen und sehen können, haben wir bereits gesprodien.'^ 
Und daß auch die Klauen scharlachrot sind, bedeutet eine 
Gefahr mehr, eine Gefahr, mit der auch der Name des Tieres 
im Zusammenhang zu stehen scheint. Ich wage es im all- 
gemeinen nidit, die versdiiedenen Namen und Rufe der 
Wilden auf der schwarzen Insel mit den Blutbächen zu inter- 
pretieren. Ich müßte zu diesem Zwecke über Gedankenassozia- 
tionen Poes verfügen können, über Assoziationen, welche durdi 
die anderer Menschen keineswegs zu ersetzen sind. Ich muß 
mich daher damit begnügen, lediglich darauf aufmerksam zu 
machen, daß die Anamu-mu, die Lama-Lama und andere Aus- 
rufe der Wilden ebenso wie ihre Namen an das Stammeln 
der Kinder erinnern, daß also aucli die Sprache zu den ersten 



71) Siehe S. 20, 21. 



Arthur Gordon Pym 



193 



infantilen Phasen, welche hier in der Gesdiidite dargestellt 
werden, regrediert ist. Aber das Tekeli-li des weißen Tieres 
gibt uns Mut zu einer außerordentlidien Kühnheit. Ich kenne 
nämlifi' Hefte, die von einem neurotischen Kind in englischer 
Sprache besdirieben wurden und voll von seltsamen Ge- 
schichten sind, in denen einige Tiere in einem phantastischen 
Streit mit mystischen "Waffen, die das Kind Tikelies nennt, 
kämpfen. „Kitzeln" heißt nun im Englischen tickle; und 
die Erwachsenen haben die Gewohnheit, Kinder beim 
Spielen zu kitzeln und sie zu necken. Nun kitzelt man mit 
den Fingern, wobei leicht auch die Nägel gespürt werden; 
diese Nägel verwandeln sich beim Muttertier in Klauen 
oder Zähne, die verwunden oder eine Kastration vollführen 
können. 

Darin ist gewiß eine Erinnerung an die Aggression zu sehen, 
die das heranwachsende Kind mit den Zähnen, mit den Nägeln 
gegen die Mutterbrust unternimmt, eine Aggression, die nach 
dem Gesetz von der Wiedervergeltung nun von der Mutter 
gegen das Kind ausgeht. Und außerdem wird durch die imagi- 
näre Übertragung von oben nach unten, vom Mund zur Vagina 
hin, das Tier zum Symbol für die vagina dentata. 



[Während also die Wilden durch die Macht des Pulvers 
oder vielmehr durch das Tabu für die Schändung des Mutter- 
Schiffes gestraft werden, bleiben die an solchem Verbrechen 
Unschuldigen, Pym und Peters, unbeschädigt in ihrem Versteck 
auf dem Hügel. 



„■Während der nädisten sedis oder sieben Tage blieben wir in 
unserem Bergverstedc und wagten uns nur zuweilen . . . heraus, 
um Wasser und Nüsse zu holen . . ." Aber „nun war der Vogel 
aufgefressen und wir sahen uns gezwungen, nach neuen Lebens- 



Bonaparte: Edgar Poe. II. 



13 



194 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



mittein zu fahnden. Die Nüsse reichten zur Sättigung nicht aus 
Am Strande östlich vom Berg hatten wir ein paar große Schild- 
kröten bemerkt und meinten, sie leiciit fangen zu können, falls 
wir den Augen der Wilden entgehen würden. Wir besdilossen 
daher, den Abstieg zu versutJien". 

Der Hunger zwingt also die Geretteten, ihr Versteck zu 
verlassen. Sie versudien nun, über (den Südhang abzusteigen, 
stark abfallende Felsen halten sie jedoch auf. Sie wenden 
sich ostwärts, aber „nach einstündigem Klettern, während wir 
ständig in Gefahr waren, den Hals zu brechen, befanden wir 
uns in einem riesigen Kessel aus schwarzem Granit, dessen 
Grund ein feiner Staub bedeckte; der einzige Ausgang aber 
war der rauhe Pfad, auf dem wir herabgestiegen waren". Sie 
machen einen letzten Versuch über den Nordkamm, Aod\ sie 
„kamen ... an eine Kluft, die alle an Tiefe übertraf". 

Nach diesen fruchtlosen Versudien sind die beiden Freunde 
damit beschäftigt, den Berggipfel zu erkunden, „um über 
etwaige Hilfsquellen unterrichtet zu sein". Sie finden aber 
nichts anderes als Haselnüsse und vier Flecken von Löffelkraut. 

„Am I J.Februar ... war kein Halm davon übrig, auch die 
Nüsse fingen an selten zu werden und unsere Lage konnte sich kaum 
trauriger gestalten. Dieser Tag" — wird hinzugefügt — „war da- 
durch denkwürdig, daß wir im Süden einige ungeheure Streifen jenes 
weißgrauen Dunstes erblickten, von dem ich schon gesprochen habe." 

Dieser Streifen weißgrauen Dunstes erscheint also besonders 
klar an dem Tag, an dem sie ihre Not und den Hunger am 
stärksten spüren; wir werden uns später noch an ihn erinnern 
müssen. Am i6. suchen die Geretteten vergeblich einen Ausweg 
aus den Wällen ihres Gefängnisses; sie steigen vergeblich die 
Schlucht hinunter und finden nichts als ein verlorengegangenes 
Gewehr. Am 17. entschließen sie sich, die Schlucht aus 
schwarzem Granit im Osten auszukundschaften. 



A 
1 



Arthur Gordon Pym 



^9S 



Sie steigen in die Klamm hinunter: 

„Wir waren hier an einem hödist eigentümHdien Ort . . . Diese 
ICule maß vom östUchen bis zum westHdien Ende etwa fünfhundert 
Ellen, wenn man alle ihre Biegungen mitrechnete; die Länge in 
gerader Linie betrug nadi meiner Sdiätzung kaum mehr als fünfzig 
Ellen. Im obersten Abstieg . . . zeigten die beiden Flanken gar 
keine Ähnlichkeit miteinander . . . , da die eine aus Speckstein, die 
andere aus schwarzem Mergel'^ bestand, der eine Art metallischer 
Körnung aufwies . . . Sobald man jedoch unter jene Grenze hinab- 
stieg, nahm die Entfernung der Flanken sehr schnell ab, sie fingen 
an, aneinander parallel zu laufen, obwohl sie noch . . . von ver- 
schiedenem Charakter blieben. Aber in einer Höhe von fünfzig Fuß 
über der Sohle setzte plötzlich eine verblüffende Regelmäßigkeit 
ein. Die Seiten glichen eine der andern vollständig im Gestein, in 
der Farbe, in der Richtung; es war ein sehr schwarzer und sehr 
glänzender Granit, und der Abstand zwischen beiden Wänden 
betrug an jedem Punkt genau zwanzig Ellen. Ich hatte Taschen- 
buch und Bleistift bei mir; . . . und ich verdanke ihnen die Be- 
wahrung vieler Einzelheiten, die sonst aus meinem Gedächtnis ver- 
drängt worden wären" (Figur i). 





Figur I 



Figur 2 



An einer (der Enden dieser Sdiluciit befindet sidi ein Spalt, 
die beiden stoßen kräftig gegen den Felsen, sie werden von 
einem sciiwadien Licht ermutigt, das vom Ausgang des Spaltes 



72) „Auch der Mergel war schwarz", bemerkt Poe später. „Im 
übrigen bemerkten wir auf der ganzen Insel keine Substanz, die 
von heller Farbe war." 



196 



Die Gesdiidjten: Der Zyklus Mutter 



herleuchtet: sie kommen aber wieder nur in eine Sdiludit; dies 
ist zwar von anderer Form als die erste, aber mindesten 
ebenso gewunden (Figur 2). 

Durdi einen neuen Spalt kommen die Freunde in eine dritte 
Schlucht, die zu einem Spalt führt, der noch tiefer und dunkler 
ist als die andern (Figur 3). 




Figur 3 

„Dieses Mal sind wir in eine Sackgasse geraten, die fünfzehn 
Fuß tief in den Felsen eindrang, um in eine Mergelsdiidit zu 
münden." Aber „wir waren im Begriff, diese Spalte, in die nur 
ein sdiwadies Lidit fiel, zu verlassen, als Peters meine Aufmerk- 
samkeit auf eine Reihe eigentümlidi aussehender Einschnitte 
(indentations) lenkte, die auf jener die Sadcgasse schließenden 
Mergelwand zu sehen waren. Mit einiger Einbildungskraft konnte 
man die nördlichste Runzel als die roh ausgeführte Darstellung 
einer mit ausgestredtem Arm dastehenden Mensdiengestalt an- 
sprechen. Die übrigen Linien hatten einige Ähnlidikeit mit Budi- 
staben eines fremdartigen Alphabets, und Peters war geneigt, die 
törichte Meinung zu vertreten, daß es wirklidi solche Zeidien 
seien. Idi überführte ihn schließlich seines Irrtums, indem idi ihm 
. . . zeigte, . . . (daß sie) natürlichen Ursprunges waren" (Figur 4). 



[^^i)Vl\"^ 



Figur 4 



„Nachdem wir uns überzeugt hatten, daß diese seltsamen Pingen 
uns keinen Ausgang aus unserem Gefängnisse eröffnen würden, 
kehrten wir gedrüdct und mutlos nach der Höhe des 
zurüdt." 



Arthur Gordon Pym 



197 



Am nädisten Tag entdecken Peters und Pym an der Ost- 
seite der dritten Sdiludit noch zwei natürliche Brunnen, deren 
■^andung aus schwarzem Granit (siehe Figur 5) besteht: sie 
halten es aber für unnütz, sich in diese hinabzulassen. 



Figur s 



Das ist das Ergebnis der Forschungsreise der beiden 
„Brüder" durch die schwarzen Schluchten der Insel. Durdi 
eine Note, die der Gesdiichte im Nachwort beigegeben ist, 
erfahren wir später, daß die aneinandergereihten Formen der 
Sdiluditen die äthiopische Wurzel des Zeitworts schattig 
sein bilden. Aber wenn wir die Zeichnungen Poes von 
unserem Blidcfeld aus ansehen, drängt sich noch ein anderer 
Einfall auf. Die Krümmungen der schwarzen Schluchten er- 
innern nämlich an die Verschlingungen der Eingeweide, der 
gleichen Eingeweide, mit denen sich der König der Insel, 
Too-wit, so gierig in Klock-Klock nährt. Demnach wäre die 
Forschungsreise der beiden Brüder durch das schwarze Ein- 
geweide der Insel, die schon Bachläufe mit Blutadern enthielt, 
eine Mutterleibsphantasie nach dem intestinalen, analen Schema. 

Das Kind kennt weder die Vagina noch den Uterus, aber 
es kennt die Verdauungsfunktionen und stellt sich in seinen 
infantilen Sexualtheorien oft vor, die Geburt finde durch den 
Anus statt, der Fötus halte sidi in den Eingeweiden des 
Mutterleibes auf. Einen solchen Aufenthalt erleben Pym und 
Peters in den Eingeweiden der mütterlichen Insel, und die 
Durchforschung der Schluchten erinnert einerseits an die 
Wanderung der Fäkalien durch die Eingeweide, ein Vorgang, 
den sich das Kind notwendigerweise für seine analen Sexual- 
theörien aneignet, anderseits an die Sexualforschung des Kindes 



r^S Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

— das den Unterschied der Geschlechter nodi nicht genau 
kennt — , eine Sexualforsdiung, die sich mit der Anatomie des 
mütterlichen Körpers beschäftigt. 

Die seltsamen, in den schwarzen Bergen eingegrabenen 
Sdiriftzeichen, durch die zum erstenmal im "Werke Poes das 
Problem der Kryptographie behandelt wird — der Krypto- 
graphie, die eine Leidenschaft des Dichters werden sollte 

beweisen, daß wir es tatsädilich mit einer solchen Forschung zu 
tun haben. Das Rätsel, das gelöst werden soll, ist das Rätsel 
des mütterlichen Körpers; und wir werden später — beim 
Goldkäfer — sehen, daß die Neugierde, die sich auf den 
mütterlichen Körper bezieht, die instinktive Wurzel gewesen 
sein mußte für das leidenschaftliche Interesse Poes an der 
Kryptographie. 

Nachdem nun Pym und Peters durch die Mäander der 
Schluchten geirrt sind, kommen sie zu einer Sackgasse, ganz 
so als ob die Mutter-Kloake — die Vagina wird noch nidit 
vom Rektum unterschieden, man ist daher nicht bereditigt, 
die eine oder den anderen anzuführen — nicht geöffnet wäre. 
Der Ausgang scheint wie von Schildwachen durch mysteriöse 
Zeichen bewacht zu sein, die Poe als indentations qualifiziert, 
was an Z ä h n e erinnert. Sollte das eine neuerliche Anspielung 
auf die Phantasie von der Vagina dentata sein, die so oft im 
Poeschen "Werk auftaucht? Und widersetzen sicäi hier diese 
mysteriösen Zeichen dem Austritt des Kindes aus dem Mutter- 
leib, wie sie sich später, im Leben des impotenten Poe, dem 
Eindringen des Mannes in den weiblichen Körper widersetzen 
sollten? 

Aber wenn audi Pym und Peters den Ausgang durcii eine 
SdiicJitung von mit Zeidien versehenem Mergel versperrt 
finden, wenn sie aucäi durch diese Öffnung nidtit geboren 
werden können, so ist doch gerade in der Hieroglyphe, die 
ihnen den Weg versperrt, ein Hinweis auf das Tor enthalten. 



Arthur Gordon Pym 



199 



Es ist dabei ganz ohne Bedeutung, daß sie diese Schrift nidit 
entzifFern können, vom Schidksai getrieben, handeln sie so, als 
ob sie sie wirklich entziffert hätten. Was nun „die linke n 
oder die nördlichsten der in die Wand gekratzten 
Linien in Figur 4 anbetrifft", sagt Poe in seinem Nadiwort, 

„so ist es nidit mehr als wahrsdieinlich, daß Peters redit hatte: 
Diese Hieroglyphe ist künstlidi hervorgebradit und sollte eine 
mensdilidie Gestalt vorstellen. Der Leser hat die Skizze vor Augen 
und wird gewiß die Ähnlichkeit bemerken. Die übrigen Einsdinitte 
bestätigen jene Annahme auf ganz überrasdiende Weise. Die obere 
Zeidienreihe offenbart sidi als die Wurzel des arabisdien Zeitwortes 

^ST. AC? —weiß sein, 

von dem alle Ausdrüdie für Glanz und Weiße abgeleitet sind. 
Sdiwieriger ist die Deutung der unteren Reihe. Die Zeichen sind, 
wenigstens in Pyms Bleistiftkopie, etwas unklar und vielfadi unter- 
brodien; dennoch ist kein Zweifel möglich, daß sie in ihrem 
ursprünglichen Zustande das vollständige ägyptisdie Wort 

n&öYPHC. =Die Region des Südens 

gebildet haben. Diese Deutung gibt der Ansicht Peters' über die 
nördlidiste Figur recht. Der ausgestreckte Arm zeigt nach Süden." 

Und der „Held" Peters, der die Hieroglyphen entdeckt und 
im Gegensatz zu Pym an sie geglaubt hat, ist dann audi (als 
ob er selbst die menschliche Gestalt wäre, die nadi dem Süden 
zeigt) derjenige, welcher die „Geburt" der beiden Brüder aus 
dem Gebirge, aus den Eingeweiden der Insel leitet, und nadi 
den Handlungen der» gewalttätigen Befreiung Poe-Pym im 
Triumph zum letzten Ziel seiner ursprünglichsten Wünsdie 
führt. 



..Am 20. des Monats entsdilossen wir uns endlidi, auf jede 
Gefahr hin den Abstieg zu wagen, da wir mit den Nüssen, die 
uns höllisdie Qualen verursaditen, nidit länger unser Leben fristen 
konnten. Die Wand des südlichsten Abhanges bestand aus weichem 
Spedistein, fiel jedodi mindestens hundertundfünfzig Fuß tief bei- 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



nahe lotredit ab, und überwölbte sogar an manchen Stellen den 
Abgrund. Nach langem Suchen entdeckten wir zuletzt ein schmales 
Band, etwa zwanzig Fuß unterhalb des Randes; es gelang Peters 
sich mit meiner Hilfe an unseren zusammengeknoteten Tasdien- 
tüchern auf diesen Fleck hinabzulassen. Mit größter Mühe gelangte 
auch idi hinunter. Und nun erkannten wir, daß es möglich sei 
den ganzen Weg auf die gleiche Art zurückzulegen, in der wir aus 
der verschütteten Kluft zum Lidite aufgestiegen waren: indem wir 
nämlich mit unseren Messern in den Spedcstein Stufen sdhnitten. 
Für die Gefährlichkeit des Unternehmens gibt es keine Worte, aber 
ein anderer Ausweg war nicht vorhanden." 

So zeigt der „Held" Peters seinem jüngeren Bruder Pym 
den "Weg. 

„Es dauerte eine Weile, bevor ich mich entschließen konnte, ihm 
nadizufolgen. Peters hatte sich vor seinem Abstieg seines Hemdes 
endedigt; dies mußte nun zusammen mit meinem das Seil bilden, 
an dem ich mich herablassen sollte. Ich warf die Muskete hinunter, 
befesdgte mein Seil an den Sträuchern und ließ mich hinab; hoffte 
ich doch, durch die Entschiedenheit meiner Bewegungen die Zag- 
haftigkeit zu bannen, die mich unversehens befallen hatte und mit 
jedem Augenblick zunahm. Es gelang mir auch für die ersten vier, 
fünf Stufen. Dann fühlte idi, daß meine Einbildungskraft sidi 
immer lebhafter mit der unter mir gähnenden Tiefe ... zu be- 
sdiäftigen anfing. Je mehr ich mir Mühe gab, nidit zu denken, 
desto mehr gewannen jene Vorstellungen volles Leben und er- 
schreckende Deudichkeit. Endlici trat die so gefährlidie, in allen 
Lagen dieser Art so verhängnisvolle Krisis ein. ... Ich hörte 
Geläute in meinen Ohren und sagte zu mir: ,Das ist meine Toten- 
glocke', und jetzt verzehrte midi ein unwiderstehliches Verlangen, 
hinabzuschauen . . . Gleich darauf kannte mein Gemüt nur einen 
einzigen Wunsch — die Sehnsucht, das Verlangen, das völlig zügel- 
lose Begehren, zu fallen, zu fallen!" 

Pym fällt in Ohnmaciit, stürzt, . . . wird aber von Peters, 
der zu seiner Hilfe herbeigeeilt ist, aufgefangen. Pym erreicht 
wohlbehalten, von seinem Gefährten gestützt, den Fuß der 
Felsenwand. 



r^ 



Arthur Gordon Pym 



II 



Der Berg gebiert also zwei Brüder, von denen der eine, 
der ältere, heroischere, beim andern, dem sdiwädieren, sozu- 
sagen das Amt des Accoudieurs versieht. 

Die Gegend, in welche die beiden Brüder nun gelangt 
sind, ist trostlos, sdiwarz, kahl und hügelig; nidit weit von 
ihnen entfernt, im Nordosten, breitet sidi das Chaos aus, das 
ihre Kameraden und ihren Vater, den Kapitän Guy, ver- 
schlungen hat. 

„Und wir mußten etwas essen, dies war das allerdringendste 
Gebot. So traten wir den Weg nadi der Küste an, die etwa eine 
halbe Meile entfernt war, um dort Jagd auf Sdiildkröten zu 
madien. Wir waren vielleidit hundert Ellen weit zwisdien den 
Felsen und Schutthügeln behutsam vorgedrungen ... da stürzten 
aus einer kleinen Höhle fünf Wilde über uns her, und ein Keulen- 
sdilag sdimetterte Peters zu Boden." 

Pym geht nun mit seinen Pistolen auf die Angreifer los 
und schießt sie über den Haufen. 

„Zwei fielen, und einer, der Peters gerade mit dem Speer durch- 
bohren wollte, sprang auf, ohne sein Vorhaben auszuführen. Nun 
gab es weiter keine Schwierigkeiten für uns. Mein Gefährte war 
befreit, hielt es aber für klüger, seine Pistole noch nidat abzu- 
feuern; er verließ sidi auf seine große Körperstärke; habe ich dodi 
nie einen Menschen gekannt, der ähnliche Kraft besessen hätte. 
Er entriß einem gefallenen Wilden die Keule (club) und schlug 
damit den drei Übrigbleibenden die Schädel ein. Ein Sdilag genügte 
für jeden von ihnen; sie waren augenblicklidi tot; wir standen als 
Sieger auf dem Kampfplatz." 

So befreit der „Held" Peters wie der Held Herkules die 
Erde von den Bösen, die sie bedrängen, indem er die Keule 
mit seinem allmächtigen Arm schwingt; nach dem Maat und 
seiner Bande jagt er nun audi die Untertanen des Too-wit in 
die andere "Welt. 

Von ferne hört man aber Sdireie: die vom Lärm angelockten 
Wilden laufen herbei. Einer der Wilden, die von Pym ge- 



^01 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

troffen worden sind, erhebt sidi wieder: Pym ist eben, wie 
man schon bei Parkers gesehen hat, ein sdilediter Mörder. Und 
ebenso wie bei Parkers verzeiht man nun auch dem Wilden 
unter der Bedingung, daß er sich unterwirft und die Sieger 
begleitet. Alle drei fliehen nun zur Küste. 

„Bis jetzt hatten die unregelmäßigen Erhebungen des Bodens 
das Meer nur hie und da durchblidien lassen; als es endlidi offen 
vor uns lag, waren wir vielleidit nodi zweihundert Ellen entfernt. 
Als wir auf den freien Strand hinauseilten, sahen wir zu unserer 
großen Besorgnis eine Unzahl Eingeborener sowohl vom Dorfe 
wie von allen sichtbaren Punkten der Insel her mit allen Zeichen 
äußerster Wut und dem Geheul wilder Tiere auf uns losstürmen." 
Glüdslidierweise erblidcen „wir . . . hinter einem weit ins Wasser vor- 
springenden Felsblodc die Vorderteile zweier Kanus . . . Wir rasten 
dorthin und fanden die Fahrzeuge ohne Besatzung und mit keiner 
andern Ladung als drei große Galapagosschildkröten und dem 
gewöhnlidien Vorrat an Riemen, der für sedizig Ruderer beredmet 
war. Wir bemäditigten uns augenbliddich des einen Kanus, drängten 
unseren Gefangenen an Bord und stießen mit aller Kraft vom 
Lande ab." 

Die beiden Männer bemerken nun, daß sie den Unsinn 
begangen haben, den Wilden das andere Kanu zurückzulassen; 
sie laufen zurück, Peters zertrümmert einen Teil des Bugs und 
der Flanke, tötet nodi zwei oder drei schwarze Männer . . . 
„jetzt lag unser Weg frei, und wir ruderten in die See hinaus." 
So verlassen sie die schwarze Insel der sdiwarzen Männer, die, 
wie Poe zum Abschied sagt, „die sdilimmste, heuchlerisdiste, 
rachsüchtigste, blutdürstigste und überhaupt verruchteste 
Menschenrasse auf dem Rund der Erde" sind. Man hört förm- 
Hdi die Epitheta heraus, die Poe für Allan verwendete, den 
er ja bereits einmal, damals nämlich, als Pym mit dem Grampus 
aufs Meer hinausfuhr, in der Gestalt des Großvaters an Land 
zurüdkgelassen hatte. 

Die Wilden steigen auf ihre Flöße, verzichten aber bald 
auf die Verfolgung des sdinellen Kanus, und vor den stau- 



Arthur Gordon Pym 



203 



nenden Forschern Peters und Pym, die nun aufs ofFene Meer 
hinauskommen, öffnen sich endlich die phantastischen Hori- 
zonte des Südpols . . . 



„Jetzt waren wir also mitten auf dem weiten und öden Meere 
der Antarktis, in einer Breite von mehr als vierundaditzig Grad, 
an Bord eines gebredilidien Kanus, nur mit drei Schildkröten als 
einzigem Vorrat!" 

Der lange Polarwinter ist nicht mehr fern. Inseln taudien 
auf, es wäre aber gefährlidi, auf ihnen zu landen; und die 
Fahrt nach dem Norden lenken, das hieße, widersinnigerweise, 
in die Kälte zurückfahren, denn 

„von Norden herkommend, hatte die Jane allmählich die 
strengsten Eisregionen hinter sidi gelassen ... Es schien nur eine 
Hoffnung zu geben, wir beschlossen, mutig nach Süden zu 
steuern . . ." 

Die beiden Männer versuchen nun, den Widerstand ihres 
aus Baumrinde hergestellten Kanus zu vergrößern; der Ge- 
fangene hilf! ihnen dabei. 

„Zwei Ruderstangen mußten als Mast dienen, an jeder Flanke 
stand einer . . . Wir befestigten zwischen ihnen ein Segel, das aus 
unseren Hemden gefertigt war; das kostete uns einige Mühe, da 
unser "Wilder außerstande blieb, uns dabei zu helfen . . . Der 
Anblidi der Leinwand war von eigentümlidier Wirkung auf ihn. 
Es war nicht möglidi, ihn zu überreden, daß er sie berühre oder 
gar sich in ihre Nähe begebe. Wollten wir ihn mit Gewalt dazu 
zwingen, so schauerte er zusammen und kreisdite in tiefster 
Angst: yTekeli-li! Tekeli-li!'" 

Die Leinwand ist weiß, daher tabu für ihn. 
Das Kanu fährt nun nach Süd-Südost. Ein leichter Wind 
weht, die See ist aber glatt, und es bleibt immer Tag. 

„Nirgends erblickte man Eis; in der Tat wurde von mir keines 
mehr gesehen, seit wir die Breite der Bennets- Inseln verlassen 
hatten ... So segelten wir etwa sieben oder adit Tage den gleidien 



204 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Kurs, ohne daß sidi etwas von Bedeutung ereignet hätte.- Vir 
müssen in dieser Woche ungeheuer weit nach Süden vorgedrungen 
sein, da der "Wind unaufhörlidi in unserer Richtung wehte und 
eine starke Strömung uns unablässig mit sidi forttrug." 

Nun taudien die großen Polarphantasmagorien auf. Während 
Pym in seiner ersten Wiedergeburts- Phantasie, bei der 
er aus dem Kielraum des Grampus hervorkam, nur für das 
Elend, den Hunger und Durst auf dem sdirecklidien Floß 
geboren worden war — was wahrscheinlich eine reale Erinne- 
rung ist an das Elend, welches das Kind neben seiner kranken,' 
armen und sterbenden Mutter hat erleiden müssen — , wird 
Pym bei dieser zweiten "Wiedergeburt aus den Ein- 
geweiden der sdiwarzen Mutterinsel für die großartigste, 
infantile, orale "Wunschphantasie geboren. "Wir alle sind 
in unserer Kindheit von jenen Geschichten fasziniert gewesen, 
wo die Kinder zu Häusern aus Zuckerwerk, aus Lebkuchen 
kommen, in denen alle Möbel, alle Gegenstände aus Zucker 
und Schokolade sind; Edgar Poes Vision übertrifft diese Phan- 
tasien. Die schwarze Insel war „kloakisch"; wir werden nun 
sehen, wie der weiße Pol ist. 

„I.März. "Vielerlei merkwürdige Erscheinungen zeigten uns 
nunmehr an, daß wir in ein Reich neuer und wunderbarer Dinge 
einzudringen begannen. Eine berghohe "Wand lichtgrauen Dunstes 
war beständig am Horizonte zu sehen" — eine solche "Wand licht- 
grauen Dunstes war auch schon von Pym und Peters von ihrer 
Schlucht aus gesehen worden, als sie keine Nahrung mehr hatten — , 
„manchmal schoß sie gewaltige Streifen zum Zenith empor, dann 
bewegte sie sich mit Märchenschnelle von Ost nach "West und 
wiederum von "West nach Ost, um endlich wieder einen langen 
und gleichförmigen Kamm aufzubauen; kurz, sie spielte in allen 
wediselnden Gestalten des Nordlichts ... Die See wurde mit jedem 
Augenblid wärmer,- und die starke "Veränderung ihrer Farbe 
konnte uns nicht entgehen." 

Am 2. März verrät ihnen der Gefangene einige Einzel- 
heiten über seine Insel. "Wir erfahren erst jetzt, daß diese Insel 



Arthur Gordon Pym 



20 j 



I Tsalal heißt, zu einer Inselgruppe gehört, die aus sieben oder 
' acht Inseln besteht, und von einem einzigen König mit Namen 
Tsalemon oder Psalemoun beherrsdit wird, der in dem klein- 
sten der Eiländer wohnt, und daß man bloß bei der Residenz 
I des Königs das riesige sdiwarze Tier antreffen kann, mit dessen 
\ Fellen die Krieger bekleidet werden. Der Gefangene teilt ihnen 
i auch noch mit, daß man ihn Nu-Nu ruft. Wir haben bereits 
' gesagt, daß wir alle diese Namen mit infantiler Konsonanz 
[nicht analysieren wollen, da uns die Assoziationen Poes zu 
[diesen Wörtern fehlen. 

„3. März. Die Hitze des Wassers wurde jetzt ganz erstauntidi, 
seine Färbung ging rasdi vom Durdisiditigen zu einer mildiigen 
Weiße und Diditigkeit über." 

So verwandelt sich das M e e r w a s s e r kraft der un- 
bewußten Symbolik, die es ausdrückt, in Muttermilch, 
der ganze Ozean wird zu Milch. 

„In unserer nädisten Nadibarsdiaft war es zumeist glatt . . .; 
aber zu unserer Oberrasdiung zeigte sidi die Oberflädie des 
Meeres in versdiiedenem Abstände von uns zur Rechten und Linken 
häufig wie von einem plötzlidaen Krämpfe weithin erregt. Und 
jedesmal ging dieser Bewegung ein heftiges Gefladcer in den Dunst- 
regionen des Südens voraus." 

Das sind die mystischen Zusammenhänge zwischen Pol 
und Meer. 

„4. März. Heute wollte idi unser Segel vergrößern, da die 
Brise aus Norden in merkbarer Weise abnahm, und ich holte zu 
diesem Zwedce ein weißes Tuch aus meiner Rocktasdie. Nu-Nu 
saß neben mir, und als die Leinwand ihm zufällig ins Gesidit 
flatterte, verfiel er alsbald in furditbare Krämpfe. Danach trat 
Sdiläfrigkeit und Stumpfsinn ein, und er murmelte unaufhörlich 
Jekeli-Ü! Tekeli-W" 

Nu-Nu bekommt hier, wie es scheint, einen hysterischen 
Anfall, der durch die Angst vor dem Weiß verursacht wird. 
Der Analytiker muß bei diesen krampfartigen hysterischen 



io6 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Anfällen daran denken, daß sie Ersetzungen der Angst vor 
der Liebeswollust sind, daß das Weiß im Unbewußten Nu-Nus 
die Erinnerung an die Masturbation des Säuglings wadiruft, 
die oft schon frühzeitig beim Saugen an der Mutterbrust ein- 
setzt und deren noch difFuse Gefühle an das Kitzeln {Tekeli-li) 
erinnern. Von diesen Ursachen geht auch die Angst der Ein- 
wohner von Tsalal vor allem Weißen, Mildifarbenen aus; 
diese Leute scheinen die gleiche frühzeitige Verdrängung des 
Inzest Wunsches und der Sexualität erlitten zu haben wie ihr 
Schöpfer, da sie im Unbewußten die gleiche angstbetonte 
Libidofixierung an die Mutter wie er bewahrten. 

Der „Held" Peters und sein Nachahmer Pym haben in- 
zwischen — höchste Wunschphantasie! — diese Schrecken über- 
wunden! 

„j. März. Der Wind hatte vollständig ausgesetzt, aber wir 
fühlten uns von einer mäditigen Strömung mit unwiderstehlidier 
Gewalt immer nadi Süden getrieben. Und jetzt wäre es vernünftig 
und natürlidi erschienen, wenn uns die "Wendung der Dinge ernst- 
Hdi beunruhigt hätte — aber wir empfanden keinerlei Besorgnis. 
Peters' Gesicht zeigte nidit die geringste Spur davon; zuweilen 
allerdings lag ein Ausdruds darin, den idi nicht zu ergründen ver- 
raodite. Der Polarwinter schien zu nahen; aber er nahte ohne 
seine Schreinisse. Ich war matt an Geist und Körper; mich umfing 
eine traumhafte Verschlafenheit. Das war alles." 

Wir kennen diesen Zustand des Gesättigtseins, diese glück- 
lidie und gedankenleere Hingabe des Säuglings, der an der 
Mutterbrust liegt, an welcher er eben gesaugt hat; zu soldier 
Unschuld will Poe durdi die Regression auf das erste 
orale Stadium der Erotik, auf das des Säuglings gelangen, 
wenn er die vom Geschlecht her drohende Gefahr flieht. 

„6. März. Der graue Dunst war jetzt um viele Grade höher 
über den Horizont heraufgestiegen, und seine Färbung begann 
allmählidi immer heller zu werden. Die Hitze des Wassers war 
so groß, daß wir es nur ungern berührten (even unpleasant to 



1 



r 



Arthur Gordon Pym ^07 



the touch). In der Farbe gemahnte es immer mehr und mehr an 
Mildh." 

Diese Bemerkungen sprechen für sich. Hier schlägt die Er- 
innerung an die warme Milch durch, die an der Mutterbrust 
getrunken wurde. M^enn die schwarze Insel „kloakisdi" war, 
so ist der weiße Pol in der Region der Brustwarze lokalisiert, 
„mammal". 

„Heute ereignete sich didit am Kanoe eine jener krampfartigen 
Bewegungen der Meerflut. Zugleidi zeigte sidi wie gewöhnlich ein 
wildes Aufflackern der Dünste auf ihrem oberen Saum, während 
sie sidi unten zu teilen schienen", 

eine Teilung, die an den Spalt beim Hause Usher erinnert; 

„ein feiner, weil?er Staub, der wie Asche aussah, aber gewiß 
etwas anderes war, sdineite auf das Kanoe und einen großen Teil 
der Wasserflädie hernieder, sobald das Fladtern des Dunstes 
erstorben und die Aufregungen des Meeres vergangen waren." 

So manifestiert die große mütterliche Gottheit, die in dieser 
Gegend herrsdit, ihre Macht, indem sie Milchregen auf ihre 
Söhne herabfließen läßt — das Manna Jehovas in der Wüste 
— , Milchregen, die wie Schneefälle aussehen. Das Weiß der 
Milch scheint sich übrigens in unserer Jugend häufig auf das 
nodi auffallendere Weiß des Schnees zu übertragen, eine 
Übertragung, von der wohl der Zauber herkommt, den die 
Sdineeflodken und Sdineefälle so ofl: für Kinder haben. Und 
vom Schnee stammt, wie wir noch hören werden, audh die 
Eigenart des Milchregens beim australisdien Pol, daß er beim 
Berühren des Wassers sdimilzt. 

„Nu-Nu warf sidi jetzt im Boote platt aufs Angesidit, und 
kein Zureden konnte ihn zum Aufstehen bewegen." 

^ „7. März. Heute fragten wir Nu-Nu, aus weldien Gründen 
seine Landsleute unseren Kameraden so übel mitgespielt hätten. 
Aber ihn hatten Angst und Schredcen schon so sehr überwältigt, 
daß er uns keine verständige Antwort mehr zu geben imstande 
war. Er lag beharrlich auf dem Bootskiel ausgestreckt, und . . . 
bediente sidi nur einer blödsinnigen Zeidiensprache, indem er den 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Zeigefinger an die Oberlippe legte und die Zähne darunter ent- 
blößte. Diese Zähne waren schwarz. Wir hatten vorher bei keinem 
einzigen Eingeborenen von Tsalal das Gebiß gesehen." 

Die Gesten Nu-Nus sind jedoch keineswegs blödsinnige, 
sie sprechen deutlich aus, was er sagen will, nämlidi, daß die 
sdiwarzen Männer die weißen wegen ihrer weißen Zähne 
massakriert haben, daß diese wegen des Tabus ersdilagen 
wurden, der in Tsalal auf allem Weiß liegt: die augensdiein- 
lich von Milch befleckten Zähne lassen auf Beziehungen zur 
Mutter sdiließen. Daher bleibt Nu-Nu beim Milchregen, der 
vom Himmel fällt, entsetzt auf dem Bootskiel ausgestreut 
liegen. 

„8. März. Heute trieb eines jener weißen Tiere an uns 
vorüber, wie es damals so plötzlidi in der Budit von Tsalal den 
Wilden ein so großes Entsetzen eingejagt hatte. Ich wollte es auf- 
fischen; aber mit einem Male kam eine unbeschreibliche Gleich- 
gültigkeit über mich, und idi ließ das Tier weitersdiwimmen. Die 
See wurde immer wärmer und wärmer, es war nicht mehr möglidi, 
die Hand hineinzutauchen. Peters sprach nur wenig; idi wußte 
nicht recht, was idi von seiner Lässigkeit denken sollte; Nu-Nu 
atmete eben noch." 

So werden die beiden Brüder immer mehr in die Schläf- 
rigkeit gesättigter Säuglinge eingelullt, in eine Trägheit, die in 
dem Maße heftiger wird, in dem sie sich der Wärme der 
Mildi, der Wärme des Mutterkörpers nähern. Die kloakische 
Insel war nach dem Urbild, das dem analen Stadium der 
Erotik entlehnt wird, das Königreidi der Materie, des Festen; 
der Pol ist das Königreidi des Flüssigen, da auf der ursprüng- 
lichen Stufe der oralen Erotik die flüssige Milch herrscht. 

„9. März. Beständig fiel nun jener weiße Aschenregen auf uns 
nieder, und zwar in ungeheuren Mengen. Die gewaltige Dunstwand 
im Süden war unheimlich hoch überm Horizont emporgewachsen 
und begann jetzt eine deutlidiere Gestalt anzunehmen. Ich kann sie 
nur mit einem an keiner Seite begrenzten Wasserfalle vergleidien, 
der sich sdiweigend von irgendeiner riesenhaften und weltentfernten 



I 



Arthur Gordon Pym 



209 



Zinne des Himmels in das Meer ergoß. Dieser gigantische Vorhang 
sdiien die ganze "Weite des südlidien Horizonts einzunehmen. Kein 
Laut ging von ihm aus." 

Zwölf Tage vergehen, und am 21. März schreibt Pym: 

„Nun hing ein mürrisdies Dunkel über uns; aber aus den 
milchigen Tiefen des Ozeans hob sidi glimmender Sdiein und stieg 
leuditend an den Flanken des Bootes herauf." 

Wir erinnern uns an das Leuchten der Verwesung, das vom 
Teidi der Usher ausging; dieses Phosphoreszieren sdieint hier 
eine unbewußte Erinnerung an die Tatsache zu sein, daß die 
nährende Mutter bald gestorben war. 

„Der weiße Aschenregen lagerte sich erdrüdcend auf uns und 
begann das Kanoe zu füllen, aber im Wasser zergingen seine 
Flocken. Der Gipfel des Kataraktes versdiwand vollkommen im 
Dämmer der Höhe und Ferne. Doch näherten wir uns ihm offenbar 
mit grauenhafter Schnelligkeit. Zuweilen erblickte man in ihm weite, 
gähnende Risse, die sidi augenblicklich wieder schlössen; und aus 
einer dieser Klüfle, in der sicii ein Chaos flirrender und zer- 
fließender Gestalten bewegte, strömte ein heftiger, aber geräusch- 
loser Wind hervor, dessen mäcJitiger Atem den flammenden Ozean 
aufwühlte." 

Wir erinnern uns bei dieser Stelle an die Luftströmungen, 
weldie die Vorhänge im Sterbezimmer bewegen, und die Rück- 
kehr der Mutter Ligeia in den Körper Rowenas ankün- 
digen. Und die Risse, die den Vorhang aus Dunst teilen, 
werden bald durch ihre Funktion beweisen, daß sie ebenso 
wie der Spalt am Hause Usher wesentlich ein Weibsymbol 
sind. 

„zz. März. Die Finsternis war immer dichter geworden, und 
nur der Widersciiein des Wassers auf dem weißen Riesenvorhang 
belebte flirrend die Meeresnacht." 

Die Phantasie der Rückkehr in den Mutterleib erscheint 
hier mit der Finsternis wieder, aber diesmal als eine „über- 
volle", milchüberströmte Phantasie. 

Bonaparte: Edgar Poe. II. i+ 



Die Ceschidjten: Der Zyklus Mutter 



„Viele ungeheure und gespenstisdi bleidie Vögel flogen jetzt unab- 
lässig aus jenem Schleier hervor, und während sie sidi den Blidcen 
entzogen, schrillte noch ihr ewiges Tekeli-ü in unseren Ohren. Da 
rührte sich Nu-Nu noch einmal auf dem Boden des Kanoes; aber 
als wir ihn anfaßten, sahen wir, daß er den Geist aufgegeben hatte." 

Nu-Nu ist somit vom Tabu der Mutter in dem Augenblidc 
getötet worden, in dem er ihr zu nahe gekommen war, und in 
dem die weißen mütterlidien Vögel ihn durdi ihre Rufe an 
das allzu wollüstige Streicheln und liebevolle Kitzeln erin- 
nert hatten. Nu-Nu scheint hier, so wie seinerzeit Parker oder. 
Augustus, das Sühneopfer zu sein, durch das die anderen 
Brüder immun werden. 

„Und jetzt rasten wir den Umarmungen des Wassersturzes ent- 
gegen, dorthin, wo sich eine Spalte auftat, uns zu empfangen." 

In einer grandiosen Wunsdiphantasie öffnet die Mutter 
den beiden Söhnen ihre milchweißen Flanken. Dabei be- 
gleitet der Held Peters, der stärkere von den beiden, seinen 
Bruder Pym, ganz so, als ob er Pym zu dem Zweci?, den er 
verfolgt, seine Madit zukommen lassen wollte: 

„Aber in diesem Augenblick erhob sich mitten in unserem Wege 
eine verhüllte menschlidie Gestalt, dodi weit gewaltiger in allen 
Maßen als die Kinder der Erde. Und die Haut dieser Ersdieinung" 

73) „But there arose in our pathway a shrouded human figure, 
very far larger in its proportions than any dweller among men. 
And the hue of the skin of the figure was of the perfect whiteness 
oi the snow." 

Baudelaire hat in seiner Übersetzung jigure mit homme (Mann) 
übertragen: „Et la couleur de la peau de l'homme . . ." Alles weist 
jedodi darauf hin, daß im Gegensatz zu seiner Meinung diese 
Gestalt eine mütterlidie ist. Daß gerade an dieser Stelle die Intuition 
des Diditers versagt, ist redit interessant. Vielleidit wollte der Dichter 
der Lune offensee, welchen die dem Tod geweihten Heldinnen Poes 
im übrigen überaus faszinierten, es nicht zulassen, daß die Mutter 
unter dem Zeichen der großen nährenden mütterlidien Gottheiten 
auftaudite, da er vermutlich, um dies zuzulassen, die Frau des 
Generals Aupidc zu sehr haßte. 



I 



Arthur Gordon Pym 



f 

^^M war von weißer Farbe, von der Farbe des leuditendsten, blendend 
^H sten, ewigen Schnees . . ." "" 

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Wie in der L i g e i a geben uns auch hier die letzten Zeilen 
der Erzählung den Sdilüssel zur Geschichte. Denn jetzt taudit 
die Gestalt auf, auf welche alle Abenteuer und Wanderungen 
Pyms zusteuerten: die große mütterliche Gottheit, deren Ge- 
sdilecht zwar nicht angegeben ist, die aber in ihrem Sdileier 
oder Leidientuch (shroud) wieder nur dieselbe weiße Gestalt 
sein kann, weldie dem delirierenden Edgar Poe auf den Wällen 
des Gefängnisses von Moyammensing erschienen war, die 
Mutter also, die ihren Sohn zu sich ruft. Die sciineeige Weiße, 
in der die neue Diana von Ephesus erstrahlt, diese neue Diana, 
bei welcher die vielen Brüste durch die Milchfarbe, den Über- 
fluß an Milch ersetzt werden, — diese Weiße ist also doppelt 
und auf einander widersprechende Weise determiniert. Einer- 
seits ist sie das Weiß des Südpols, welches wie die Milcii und das 
Leben warm ist und dadurch an die gesegnete Zeit, in der das 
Kind an der Mutterbrust gestillt wurde, erinnert; andererseits 
wird dieses Weiß mit dem Schnee, der Kälte und dem Tod 
verglichen, es erinnert daher im Unbewußten an die bleicJie 
Hautfarbe der toten Mutter. Nach den vom Begriff Zeit un- 
abhängigen Mechanismen des Unbewußten wären also in der 
gleichen Gestalt jene beiden Attribute verdiciitet vorhanden. 



73a) Man vergleidie das Milchmeer Pyms mit dem Mildimeer, 
von dem uns in der Khmermythologie berichtet wird. Aus dem 
gebutterten Meer tauchten der Kelch mit amrita auf, einem Getränk, 
das Unsterblichkeit verleiht, und die Göttin der Schönheit, Laksmi, 
die ebenso eine mütterliche Gottheit ist wie jene verschleierte Er- 
scheinung auf dem Weg Pyms. 

Eine Darstellung der Szene, wie das Milchmeer gebuttert wird, 
befindet sich auf einem jo Meter langen Fries von Angkor- Vat. 
(Siehe die Mythologie Asiatique lllustree, Paris, Librairie de France 
1928, S. 196.) Eine Replik dieser Darstellung: im Pariser Musee 
Guimet. 



1 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



welche Poe nadieinander an der Mutter entdedien konnte: die 
Milch und der Tod. 

Aber warum hat Poe den Südpol benützt, um die Mutter 
zu symbolisieren? Die Expedition Reynolds, von der damals 
alles spradi, war vermutlidi nur die auslösende Ursadie: die 
tiefere steckte anderswo. Und dieses „anderswo" ist in der 
Vergangenheit des Diditers zu finden, in jenen Tagen seiner 
frühesten Kindheit, in denen er bei den Tourneen der Schau- 
spielerin mit der kranken und sterbenden Mutter der Ost- 
küste Amerikas entlang vom Norden nach dem Süden fuhr. 

Erinnern wir uns: aus Boston, wo er geboren wurde, begab 
sidi die Mutter nach Ridimond, wo sie starb; sie kam dabei 
nach New York, wo der Vater David Poe verschwand, von 
dort nach Virginia und Süd-Carolina, wo das Kind einige Zeit 
hindurch allein neben seiner Mutter lebte. Ganz ebenso reist 
nun Arthur Gordon Pym, nachdem er Nantucket (im Norden) 
verlassen und seine schwachen Väter Barnard und Guy auf dem 
Wege verloren hat, zum Südpol, wo ihn die in einen milchigen 
Schleier, in ein Leichentuch gehüllte Gestalt empfängt. 

Die GesdiiAte vom Arthur Gordon Pym ist an- 
geblich nicht abgeschlossen. In dem Nadiwort, von dem wir 
bereits gesprochen haben, teilt uns Poe in einer Bemerkung 
mit, daß Peters, der Held, der Starke, noch lebt, Pym aber sei 
bei einer „Katastrophe", von der allerdings keine Einzelheiten 
angegeben werden, umgekommen. Das kann aber nicht 
während der Erforschung des Südpols geschehen sein, weil uns 
die Bemerkung, daß „die wenigen Kapitel, die seine Erzählung 
abschließen sollten, und die er, während das übrige bereits 
im Drucke war, nodi einmal durchzusehen beabsichtigte, durdb 
den Unfall, der ihm das Leben kostete, vernichtet worden 
sind", verrät, er müsse zurückgekehrt sein. 

In Wirklichkeit ist die Geschichte vom ArthurGordon 
Pym vollständig abgeschlossen. Was hätte Poe nach dem Er- 



Arthur Gordon Pym 



213 



^scheinen der Mutter nodi hinzufügen können? Welche Geheim- 
Inisse, die auf die Mutter Bezug haben, hätten sidi nodi ent- 
sdileiern lassen? Die Geschidite sdiließt berechtigterweise mit 
einem Fragezeichen, das sidi auf diese unergründbaren Ge- 
heimnisse bezieht und mit der leuchtenden Erscheinung der 
! Mutter in ihrer symbolischen Weiße. 

Das Nachwort beschäftigt sich dann mit der Entzifferung 
der Hieroglyphen, die in die Sdiluchten der Tsalal-Insel ein- 
gezeichnet sind, und in denen die Richtung und die Weiße des 
Poles angegeben werden. Es schließt mit den rätselhaften 
Worten: 

„Ich grub mein Wort in das Angesicht der 
Berge und schrieb meine Rache in das Herz des 
Felsen s." 

An wem will er sich rächen? An Gott? Wir meinen, am 
Vater; denn der Vater hat, prähistorisch gesehen, die Tabus 
auf der Insel Tsalal eingesetzt; sein Verbot schützt die Weiße 
der Mutter vor den schwarzen Söhnen, vor den sdilechten 
Söhnen. Und dieses Verbot hat Poe sein ganzes Leben hindurch 
vor der Frau zurückschrecken lassen. 

So schließt das Nadiwort zur Gesdiichte „Pyms" damit, 
daß der Vater, wenn auch nur in sibyllinischen Worten, erwähnt 
wird, der Vater, von dem sowohl die Tabuverbote der Wilden 
ausgehen als auch die Moralverbote der zivilisierten Völker. 

Ich habe versucht, auf diesen Seiten die in zwei Tonlagen 
aufklingende Melodie aus der Erzählung vom Arthur 
Gordon Pym hörbar zu madben. Die Abenteuer sprechen 
erstens einmal durch sidi selbst, sie berichten vom Meer, von 
Sdiiffen, Schiffbruch, unbekannten Inseln: sie bieten sozu- 
sagen den manifesten Inhalt der Erzählung, indem sie das 
Kunstwerk dem Traum angleichen. Aber erst die andere 
Melodie, jene, die gleichsam als Unterstimme mitklingt, er- 
zeugt die tiefergreifende Wirkung, sie gibt der Erzählung jenen 



214 Die Geschichten.' Der Zyklus Mutter 

packenden Akzent, den man empfindet, ohne ihn „verstehen" 
zu können, sie ist daher dem latenten Trauminhalt ver- 
gleidbbar, den allein die Analyse verständlidi machen kann. 
Diese zweite Melodie laut werden zu lassen, haben wir hier 
versucht. 



Nadi dieser langen Studie über den P y m wollen wir uns 
bei den beiden andern Seegeschicliten Poes nicht mehr aufhalten. 
Es genügt der Hinweis, daß die Helden vom Manuskript 
in der Flasche und Hinab in den Maelström 
ebenfalls in die furchtbaren, aber faszinierenden Seestrudel 
geraten, damit wir verstehen, daß auch diese beiden See- 
geschichten, allerdings jede auf eine andere Art, eine Phantasie 
der Rückkehr in den Mutterleib darstellen. Der Held des 
Manuskript stirbt in dem Sturm, den die Phantasie Poes 
am Südpol sieht, mit dem Schiff, das von lebenden Toten, unter 
die er geraten, besetzt ist. Der Held des Hinab zum 
Maelström geht siegreich aus der Gefahr hervor, deren 
Opfer sein Bruder wird — auch Poe hat Henry überlebt. Aber 
beide Helden haben, wie man sagen könnte, den Grund des 
mütterlidben Uterus berührt, in dem de facto der Fötus in- 
mitten des Amnioswassers schwimmt, das, phylogenetisch ge- 
nommen, zu den letzten Spuren der Seewasser zu gehören 
scheint, aus denen wir alle hervorgegangen sind. 



EINE GESCHICHTE VON DER ERDE 



DER GOLDKÄFER 

Im Herbst 1827 verließ der damals aditzehnjährige Edgar 
Poe das Fort Independance, das bei der Einfahrt des Hafens 
von Boston gelegen war, um sidb mit der Batterie „H" des 
ersten Artillerieregiments der Vereinigten Staaten von Amerika 
nadi Süd-Carolina einzusdiiffen. Nachdem er, wie Pym, die 
Nebel der nördlichen Ufer von Nantucket hinter sich gelassen 
und mit vollen Segeln nach dem Süden gekommen war, landete 
er einige Wochen später an den flachen Ufern der Insel 
Sullivan, gegenüber von Charleston. Ein ganzes Jahr hindurch 
blieb er nun hinter den Mauern des Fort Moultrie; der Dienst 
im Fort strengte nidit sehr an, der junge Soldat konnte daher 
auf dem Strand und in den Büsdien der warmen, von Blüten- 
duft durdizogenen Insel herumstreichen und träumen. Und 
während er zum Sternenhimmel aufblidste, sdiuf er die astralen 
Strophen des A 1 A a r a a f . Unter dem gleidien Himmel sollte 
sich fünfzehn Jahre später die Geschichte vom Goldkäfer''* 
abspielen. 

Als Poe 1842 in Philadelphia den Goldkäfer schrieb, verlor 
er gerade seine Stellung als Chefredakteur des Graham's. Der 
Hunger klopfte an seine Tür; die Gesundheit Virginias, die im 
Januar ihre erste Hämoptoe hatte, war gefährdeter denn je. 
Poe trank anfallsweise, aber gegen die Gefahr, die seiner Ver- 
nunft in wadisendem Maße drohte, begann er sidi schon durch 
seine Haltung als „unfehlbarer Raisonneur" und als unfehl- 

74) The Gold-Bug. (Von dem Philadelphia Dollar Newspaper 
preisgekrönt, 21. bis 28. Jiini 1843; 1845.) 



2i6 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



barer Entzifferer von Geheimschriften zu wehren, durch eine 
Haltung, in der er siegreich das "Weltall herausfordern wollte. 
Und während es ihm nidit gelang, Geld zu verdienen und das 
Elend zu bekämpfen, das sein Haus bedrohte, träumte er eine 
Reichtumsphantasie, in der das Gold und die Edelsteine nur 
so herbeiströmten, er träumte vom „Goldkäfer". 

Das scheinen die biographischen, aktuellen Elemente aus der 
Jugendzeit Poes und dem Leben des Erwachsenen zu sein, 
weldie ihn zu dieser Gesdiidite inspirierten; von den älteren, 
den infantilen Elementen werden wir erst später sprechen. 



Der Sdiauplatz des Goldkäfers ist Süd-Carolina und 
die Sullivans-Insel. William Legrand, der Abkömmling einer 
alten Hugenottenfamilie, war ehemals reidi gewesen (wie 
Edgar bei den Allans). Aber eine Reihe von Unglücksfällen, 
über die wir jedodi nidits Näheres erfahren, hat ihn ins Elend 
gestürzt. „Um Demütigungen auszuweichen", hat er Neu- 
Orleans, die Stadt seiner Väter (ebenso wie Poe Richmond), 
verlassen, und sidi auf der Sullivans-Insel häuslidh eingerichtet, 
die er folgendermaßen besdireibt:'^ 

„Diese Insel ist recht merkwürdig. Sie besteht fast ganz aus 
Seesand und ist etwa drei Meilen lang. Ihre Breite beträgt nirgends 
mehr als eine Viertelmeile. Vom Festlande ist sie durch einen 
sdimalen Meeresarm getrennt, der sidi durch eine Wildnis von 
Schilf und Schlamm mühsam seinen Weg sudit und ein Lieblings- 
aufenthalt des Marschhuhns ist. Die Vegetation ist, wie sidi denken 
läßt, spärlidi und zwerghaft. Größere Bäume gibt es nidit; dodi 
findet sich am Westende, da, wo Fort Moultrie steht, die stachlige 
Zwergpalme. Auch einige Holzhäuser stehen hier, Sommerwohnungen 
von Charlestoner Bürgern, die dem Staub und dem Fieber zu ent- 
fliehen traditen. Der ganze Teil der Insel, mit Ausnahme des harten, 
weißen Strandes, ist didit bewudiert von der wohlriechenden Myrte, 

75) Siehe Bd. I, S. 71. 



Der Goldkäfer 



217 



Idie bei englischen Gärtnern sehr gesudit ist. Der einzelne Straudi 
lerreidit hier oft eine Höhe von fünfzehn bis zwanzig Fuß und 
[bildet ein undurdidringlidies Busdiwerk, das die Luft in weitem 
[Umkreis mit Wohlgerüchen tränkt. Mitten in diesem Myrtendidsidit, 
nicht weit von der einsamen Ostküste der Insel, hatte Legrand sidi 
eine kleine Hütte gezimmert, die er damals bewohnte, als idi ihn 
rein zufällig kennenlernte. Wir wurden bald zu Freunden ... Ich 
fand in ihm einen gebildeten Mann von hervorragenden Geistes- 
gaben, nur war er sehr menschenscheu und abwediselnd krankhaften 
Anfällen von Begeisterung und von Schwermut unterworfen." 

Wie Poe war also aucii Legrand ein hodibegabter Mensch 
zyklothymischer Konstitution. 

„Er hatte viele Bücher bei sidi, von denen er aber selten Ge- 
brauch machte. Sein Hauptvergnügen war Fischen und Jagen. Dodi 
schlenderte er auch gerne am Strand entlang, um Muscheln zu suchen, 
oder durchforschte das Myrtendickicht nach seltenen Insekten." '° 

So ist vermutlich auch der junge Artillerist von der Festung 
Moultrie auf dem Strand herumgeschlendert, um jene Gold- 
käfer zu suchen, die in dem subtropischen Klima der Sullivans- 
Insel leben. Und ebenso wie der kleine Edgar früher, in Vir- 
ginia und bei den Allans, ofl von einem alten Sklaven, von 
„Dab" oder irgendeinem andern, begleitet war, wird auch 
Legrand in der Regel von einem alten Neger namens Jupiter 
begleitet, den Poe nicht im Dialekt von Carolina, sondern in 
dem von Virginia"^ sprechen läßt. Jupiter, der von der Familie 
seines Herrn vor ihrem Unglück freigelassen worden war, 
aber weder durch Drohungen noch Versprechungen dazu ver- 
anlaßt werden konnte, den jungen Massa Will zu verlassen, 
sieht es als sein Recht an, ihm überallhin zu folgen. 

„Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Verwandten Legrands 
dem Neger diese Halsstarrigkeit eingegeben hatten, weil es ihnen 
gut schien, den exzentrisch veranlagten jungen Mann behütet und 
überwacht zu sehen." 

76) hfafel, S. 2i4ff.: Poe'i Gold Bug Synthesis. 
yf) Israfel, S. 214. 



2i8 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Und dieser Legrand, von dem seine Verwandten eine so 
ungünstige Meinung haben, wird uns später dadurch in Er- 
staunen versetzen, daß es ihm gerade durdi die Klarheit seines 
Verstandes, durch seine Fähigkeit, analysieren zu können, ge- 
lingt, Reichtum zu erwerben. Ganz ebenso hielt sich auch 
Edgar Poe, der geniale Dichter, Erzähler, Chefredakteur von 
Magazinen und Entzifferer von Kryptogrammen trotz des un- 
versöhnlichen Urteils John Allans über ihn, trotz der Beharr- 
lichkeit, mit der die Armut ihn festhielt, für fähig, zu „reüs- 
sieren", Erfolg zu haben und ein Vermögen zu erwerben — 
bloß durdi die Kraft seines Geistes! Nur die Gelegenheit, 
dadite er wohl, hat bisher gefehlt, die Gelegenheit, die sich 
Legrand durch den Zufall, daß er einen Goldkäfer findet, 
bietet. 

So ist auch Legrand wieder nur eine Verwandlung Poes, 
seiner Wünsche, seines Hochmuts. Aber er ist nidit, wie Usher, 
ein Poe-Liebhaber der Leichen; er ist vielmehr wie Dupin, der 
Polizist (von dem wir noch sprechen werden), und Pym, der 
Forscher, ein Poe, der vor Ungeduld brennt, weil er hinter 
Geheimnisse kommen will und den Sdilüssel zu ihnen sudit 
und findet. Wir haben gesehen, welches Geheimnis Pym er- 
gründet hat, wir werden sehen, welche Rätsel Dupin löst. In 
diesem Kapitel wird uns also das Problem beschäftigen, das 
Legrand vorgelegt wurde. 

„Sullivans-Insel", setzt der Erzähler des Goldkäfers fort, „liegt 
auf einem Breitengrad, auf dem ein strenger Winter selten ist, und 
man nur ausnahmsweise einmal eines wärmenden Feuers bedarf. 
Mitte Oktober i8 . . aber hatten wir einen sehr frostigen Tag." 

An diesem Tag klopft der Freund an der Türe Legrands an. 
Niemand antwortet; er öffnet und tritt ein. 

„Im Kamin brannte ein kräftiges Feuer ... Ich ... rückte mir 
einen Lehnstuhl an die knisternden Scheite und erwartete geduldig 
die Heimkehr meiner Wirte." 



Der Goldkäfer 219 

Diese „kamen bald nach Dunkelwerden". Jupiter schickt 
sich an, das Abendessen zu bereiten. „Legrand hatte einen 
seiner Begeisterungsaw/ä//e ... Er hatte mit Jupiters Hilfe 
einen Käfer eingefangen, den er für etwas ganz Neues hielt." 
Da er das Tier auf dem Rückweg dem Leutnant G. von der 
Festung geliehen hat, kann er es erst am nächsten Tag von 
seinem Freund bewundern lassen. Er beschreibt uns seinen 
Fund: 

„Er ist von leuditender Goldfarbe — etwa so groß wie eine 
Walnuß — , mit zwei jettsdiwarzen Punkten an einem Ende des 
Rückens und einem einzigen größeren am andern Ende. Die Fühl- 
hörner {antennae) sind — " — „Kein bißchen 2inn {tin) an ihm, 
Massa Will, sag's ihnen nochmal", fiel hier Jupiter ein, der 
infolge der Ähnlidikeit von tin und antennae falsch versteht, „Tier 
ist ein Goldkäfer, schwer Gold, jedes bißdien ganz Gold, außen 
und innen, Flügel und alles — nie im Leben idi habe so sdiweren 
Käfer in Hand gehalten." 

Da Legrand seinem Freund den Fund erst am nächsten 
Tage zeigen kann, will er ihn aufzeidinen. Er findet aber kein 
Papier in seinem Schreibtisch und muß daher aus der Tasdie 
seiner Weste ein Blatt herausnehmen, das wie eine schmutzige 
Seite aus einem Schulheft aussieht. Auf dieses Blatt zeichnet 
er den Goldkäfer. Sein Freund hat inzwischen den Platz beim 
Feuer beibehalten; Legrand beendigt die Zeichnung und gibt 
sie ihm. In diesem Augenblick kommt der Neufundländer 
Legrands in das Zimmer, er stürzt sich auf den Freund des 
Hauses, der den Sturm von Liebkosungen abwarten muß, um 
sich dann die Zeichnung ansehen zu können. 

Aber auf dem Papier ist nichts als ein Totenkopf zu sehen. 
Darauf entsteht ein lebhafter Wortwechsel mit Legrand, der 
sich beleidigt fühlt, weil er ein guter Zeichner sein will und 
die Fühlhörner gezeichnet hat — der Freund kann sie aber 
nicht sehen! Verärgert nimmt schließlich Legrand das Papier 
wieder an sich, er „hatte offenbar die Absicht, es zu zerknittern 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



und ins Feuer zu werfen, als ein zufälliger Blick auf die Zeidi- 
nung ihn plötzlich davon abhielt ... Er nahm jetzt ein Notiz- 
buch aus seiner Rocktasche, legte das Papier sorgsam hinein 
und verschloß beides in einem Schreibpult." Der vorhin nodi 
lebendige Mensdi ist plötzlidi in Träumerei versunken, und 
sein Freund nimmt aus Taktgefühl Abschied von ihm. 

Einen Monat nach diesem Abenteuer bekommt der Freund 
der in Charleston wohnt, den Besuch Jupiters. Der alte Neger 
ist ganz niedergeschlagen, er ist über die Gesundheit seines 
Herrn beunruhigt, obwohl dieser behauptet, ihm fehle nidits; 
dabei gehe Legrand nachdenklicii gesenkten Hauptes im 
2immer auf und ab, mit gebeugtem Rücken, den Blick auf den 
Kamin gerichtet, „und so weiß wie eine Gans", und immer 
wieder schreibe er Ziffern. Neulich sei er gar vor Anbrudi des 
Tages fortgegangen und den ganzen Tag über nidit nadi 
Hause gekommen. Jupiter habe ihn nach der Heimkehr mit 
einem Stock schlagen wollen, dann aber Mitleid mit ihm 
gehabt. Denn es sei sicher, daß der Massa Will irgendwo im 
Kopf von dem Goldkäfer gebissen worden sei. „Warum über 
Gold so viel träumen, wann ihm nidit gebissen von das Gold- 
käfer?" Selbst im Schlaf — Jupiter hat es gehört — spridit er 
von Gold. Nach dieser Mitteilung reicht Jupiter dem Freund 
ein Schreiben Legrands, in dem dieser ihn bittet, mit Jupiter 
zu ihm zu kommen. 

„Sie müssen kommen!" sdireibt er. „Idi möchte Sie nodi heute 
Abend in widitiger Angelegenheit sprechen. Ich versidiere Ihnen, 
daß sie von größter Wichtigkeit ist." 

Ohne zu zögern folgt der Freund Jupiter. 

Wie sie zum Ufer kommen, bemerkt er mit Überraschung, 
daß eine neue Sichel und drei neue Spaten in dem Boot, in 
dem sie sich einschiffen, liegen. Gegen drei Uhr nachmittags 
tritt er bei Legrand ein, dessen Gesidit „geisterhaft bleich" ist 
und dessen Augen „in unnatürlichem Glanz" leuchten. Er fragt 



Der Goldkäfer 



ihn, ob er krank sei, und ob ihm der Leutnant seinen Gold- 
käfer zurückgegeben habe. „Oh ja!" erwidert er, und fügt 
hinzu: 

„Wissen Sie, daß Jupiter mit dem Käfer ganz recht hatte? . . . 
in der Meinung, daß der Käfer wirklich ganz von Gold sei ... 
Dieser Käfer soll mein Glück madien! ... Er soll midi in mein 
Erbgut wieder einsetzen ... Da Fortuna für gut befunden hat, 
ihn mir z" schenken, brauche ich ihn nur richtig anzuwenden, um 
zu dem Gold zu kommen, zu dem er der Wegweiser ist." 

Der Freund glaubt, daß Legrand den Verstand verloren hat. 

Hierauf bringt Legrand selbst den Goldkäfer, da Jupiter 
sidi weigert, ihn zu holen. Der Freund untersudit ihn; und 
Legrand erklärt nun in bedeutungsvollem Ton: 

„Ich schickte nach Ihnen, damit ich Ihren Rat und Beistand 
erhielte, bei Verfolgung des vom Sdiidcsal und vom Käfer ange- 
deuteten Glücksweges . . ." 

Dann rät der Freund Legrand, sich ins Bett zu legen. Aber 
dieser versichert, daß er sich trotz seiner Erregung sehr wohl 
fühle, und erklärt, der einzige Dienst, den sein Freund ihm 
erweisen könne, sei der, ihn auf einer Expedition zu begleiten; 
er sei im Begriffe, mit Jupiter nadi den Hügeln auf dem Fest- 
land abzureisen. 

„(Wir) braudien bei dieser Fahrt die Hilfe irgendeines Mensdien, 
in den wir Vertrauen setzen dürfen. Da sind Sie der einzige. Ob 
wir nun Erfolg haben oder nicht — die Aufregung, in der Sie midi 
sehen, wird geschwunden sein." 

Nadidem Legrand erklärt hat, daß die Expedition mit dem 
Goldkäfer im Zusammenhang stehe, sträubt sich der Freund, 
der ihn für wahnsinnig hält, auf das heftigste, an diesem 
Unternehmen teilzunehmen. Schließlicii gibt er aber auf das 
Versprechen hin, daß sie am nächsten Tag bei Sonnenaufgang 
wieder zurücii sein werden, doch nadi. 

„Mit schwerem Herzen begleitete icii meinen Freund. Wir brachen 
gegen vier Uhr auf — Legrand, Jupiter, der Hund und ich. Der 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Neger schleppte Sichel und Spaten; ich selbst war mit ein paar 
Blendlaternen bepackt, während Legrand sich mit dem Skarabäus 
begnügte, der an einem Bindfaden baumelte, den er mit der Miene 
eines Zauberers im Gehen hin und her sdiwenkte." 

Die kleine Truppe überquert die Budit am Ende der Insel 
klettert über das bergige Terrain des gegenüberliegenden Fest- 
landufers, „durch eine wüste und einsame Gegend" (die eher 
an die Ragged Mountains von Virginia erinnert als an die 
fladien Gestade von Carolina). 

„Die Sonne ging gerade unter, als wir in eine Gegend gelangten 
die nodi unendlich viel trauriger war als die bisher durdiwanderte. 
Es war eine Art Hochebene, nahe dem Gipfel eines fast unersteig- 
baren Berges, der von unten bis oben didit bewaldet war, und hie 
und da riesige Felsblöcke trug . . . Tiefe, nadi allen Riditungen sidi 
hinziehende Sdiluditen gaben der Landsdiaft einen nodi düstereren, 
ernsten Charakter". 

Auf Befehl Legrands schafft Jupiter mit der Sichel die 
Brombeerstauden weg: sie gelangen nun zum Fuß eines unge- 
heuren Tulpenbauraes, auf den Jupiter hinaufklettern muß. 
Jupiter klettert von Ast zu Ast den Stamm hinauf und wird 
von Legrand außerdem gezwungen, den an einem Bindfaden 
befestigten Skarabäus mitzunehmen. 

Unten steht Legrand und gibt dem Neger an, was er madien 
soll. Sobald Jupiter beim „siebenten Ast" angelangt ist, be- 
fiehlt ihm sein Herr, soweit als möglich den Ast hinaus- 
zukriedien. Obwohl dies „fast ganz ein totes Ast" ist, gibt 
sich Jupiter zu dem Versuch her, und wie er beinahe am Ende 
angelangt ist, entdeckt er einen auf den Ast angenagelten 
Totenschädel. „Einer haben sein Kopf gelassen auf Baum", 
scherzt er, „und die Krähen haben abmachen jedes bißchen 
Fleisch." Und dann: „Das Gesicht ist nach außen gewendet, 
Massa, so daß die Raben die Augen ohne Mühe haben heraus- 
hacken können." 



Der Goldkäfer 



223 



Legrands Erregung hat ihren Gipfel erreidit, er befiehlt 
dem Neger, den Goldkäfer am Ende des Bindfadens durdi das 
linke Auge des Sdiädels hinabfallen zu lassen. Der Goldkäfer 
kommt nun zum Vorsdiein und 

„glitzerte in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne. 
Legrand nahm sogleidi die Sidiel zur Hand und mähte genau unter 
dem Insekt einen Kreis von drei bis vier Ellen Durchmesser sauber 
ab. Dann befahl er Jupiter, den Strick fallen zu lassen und 
herunterzukommen. Genau an der Stelle, wo der Käfer hingefallen 
war, trieb er einen Pflock in die Erde." 

Er zieht ein Bandmaß aus der Tasdie, befestigt das eine 
Ende an der Stelle des Baumes, die dem Pflock am nächsten, 
rollt es bis zum Pflock und darüber hinaus nodi fünfzig Fuß 
weit auf. 

„An dem so erhaltenen Punkt wurde ein zweiter Pflock einge- 
trieben und von diesem Mittelpunkt aus ein Kreis von etwa vier 
Fuß Durchmesser beschrieben. Indem Legrand nun einen Spaten 
ergriff und mir wie Jupiter einen reichte, ersudite er uns, so schnell 
als möglich zu graben." 

„Ununterbrochen arbeiteten wir zwei Stunden lang . . . Nadi 
Verlauf der zwei Stunden hatten wir eine Tiefe von fünf Fuß 
erreicht, und nodi immer konnte man nidits von einem Schatz 
entdecken." 

Der Freund vermutet nun neuerdings, daß Legrand verrückt 
geworden sei, weil er hier einen Scäiatz suchte. „Der Goldsucher, 
mit dem läx tiefes Mitleid hatte, kletterte nun mit dem Aus- 
druck bitterster Enttäuschung aus der Grube heraus", läßt die 
Werkzeuge zusammenlegen; die kleine Sdiar maciit sich auf 
den Heimweg. 

„Wir hatten kaum zwölf Schritte heimwärts gemacht, als 
Legrand sich mit einem lauten Fluch auf Jupiter stürzte und ihn 
beim Kragen packte." Der Neger fällt in die Knie. „Du Sdiurke!" 
schrie Legrand, „du höIHsdier schwarzer Schuft:! . . . Welches ist 
dein linkes Auge?" 



224 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Nun legt Jupiter die Hand auf das rechte Auge und 
preßt „sie dort mit verzweifelter Hartnäckigkeit fest . . ., wie in 
wahnsinniger Angst, sein Herr könne es ihm ausreißen wollen". 

Der unwissende Neger hat sich tatsächlich geirrt: er hat 
den Goldkäfer durch das rechte Auge des Sdiädels hinabfallen 
lassen. Sie kehren um, und nachdem Legrand sich davon über- 
zeugt hat, daß der Schädel die Vorderseite tatsächlich nach 
außen und nicht dem Zweig zugewendet hat, steckt er den 
Pflock „drei Zoll weiter nach "Westen in den Boden". Dann 
zieht er von neuem das Band heraus und markiert einen Punkt, 
„der einige Ellen von dem entfernt war, bei dem wir mit dem 
Graben begonnen hatten". 

Sie beginnen nun von neuem, die Erde aufzugraben. „Als 
wir etwa anderthalb Stunden gearbeitet hatten . . ., wurden 
wir von neuem durch ein wildes Geheul des Hundes gestört . . . 
Als Jupiter wiederum versuchte, ihm das Maul zuzubinden" 
(sdion bei der ersten Grabung hatte der Hund geheult und 
Jupiter ihm das Maul zugehalten) 

„leistete er rasenden Widerstand, sprang in die Grube und warf 
mit seinen Klauen wütend die Erde auf. In wenigen Sekunden 
hatte er einen Haufen mensdiHcher Knochen bloßgelegt, die zwei 
vollständige Skelette bildeten; dazwischen lagen mehrere Metall- 
knöpfe und Reste vermoderten Wollstoffs. Ein oder zwei Spaten- 
stidie förderten die Klinge eines spanischen Messers zutage, und 
beim Weitergraben kamen drei bis vier verstreute Gold- und Silber- 
münzen ans Licht." 

Bald darauf stolpert der Freund und fällt nach vorne hin; 
„ich war mit der Schuhspitze in einem Eisenring hängen ge- 
blieben, der halb versteckt im weidien Boden lag." Sie graben 
nun eine längliche Holzkiste aus, 

„deren tadelloser Zustand . . . den Sdiluß zuließ, daß sie einem 
künstlichen Versteinerungsprozeß unterworfen worden war. Diese 
Kiste war drei und einen halben Fuß lang, drei Fuß breit und 
zwei und einen halben Fuß tief. Sie war durch schmiedeeiserne, 



Der Goldkäfer 



225 



«nietete Bänder, die das Ganze wie mit Gitterwerk umfaßten, 
fest verwahrt. Auf jeder Seite der Kiste befanden sich ziemlidi 
oben drei Eisenringe — im ganzen sechs — , an denen sie von 
sechs Personen bequem und sicher getragen werden konnte. Unsere 
äußersten gemeinsamen Anstrengungen erzielten nur eine geringe 
Verschiebung des Koffers aus seiner Lage. Wir sahen sogleich die 
Unmöglichkeit, ein so großes Gewicht herauszuheben. Glücklicher- 
weise bestand der einzige Verschluß des Deckels in zwei Schiebe- 
bolzen. Diese zogen wir bebend in atemloser Erwartung auf. In 
einem Augenblick lag ein Schatz von unberechenbarem "Werte 
schimmernd vor uns. Als die Strahlen der Laternen in die Grube 
fielen, flammte von einem Durcheinander von Gold und Juwelen 
ein gleißendes Funkeln auf, das uns fast blendete." 

Der vor Staunen fassungslose Neger fällt in der Grube in 
die Knie, taucht die Arme ins Gold wie in ein Bad ein, und 
bittet den Goldkäfer, von dem dieser ganze Sciiatz kommt, 
in pathetischen "Worten dafür um "Verzeihung, daß er ihn be- 
schuldigt habe, seinen Herrn zum Narren zu machen. 

Die drei Männer machen den Koffer leiciiter, indem sie 
zwei Drittel seines Inhalts herausnehmen, „wonadi es uns mit 
einiger Mühe gelang, die Kiste aus dem Lodi zu heben". Die 
herausgenommenen Gegenstände werden der Obhut und Be- 
wachung des Hundes anvertraut, und der Koffer mit großer 
Mühe nach Hause transportiert. Die drei Männer kehren dann 
mit Säcken zurück, um den Rest abzuholen. Sie schließen sich 
den folgenden Tag und die folgende Nacht in der Hütte ein, 
um den Ungeheuern Sciiatz, die Goldstücke, Edelsteine, Uhren, 
Schmuckstücke aus massivem Gold zu inventarisieren. 

„Als wir endlich unsere Prüfung beendet hatten . . . ließ sich 
Legrand ... zu einer umständlichen Schilderung" und Er- 
klärung aller Einzelheiten, die sich auf das wunderbare Rätsel 
beziehen, herbei. 

"Wir werden ihm jedoch dabei nicht folgen; wir bringen 
nur eine Zusammenfassung der verwickelten Schlußfolgerungen, 
die zur Entdeckung des Rätsels geführt haben. Zuerst teilt 

Bonaparte: Edgar Poe. II. 15 



226 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Legrand seinem Freund, der vor Wißbegierde geradezu glüht 
mit, daß das Papier, auf das er den Käfer an dem kalten 
Herbstabend aufgezeidhnet hatte, in Wirklichkeit ein ganz 
dünnes Pergament gewesen war; auf der Rückseite dieses Per- 
gaments befand sich tatsädilich ein Totenkopf, der sidi jedodi 
ursprünglidi nicht auf dem Blatt befunden hatte. Legrand war 
nun über diese Entdeckung ganz bestürzt gewesen und hatte 
sobald er sich allein befunden, das mysteriöse Pergament aus 
dem Pult herausgenommen, in das er es hineingelegt, um 
es in Ruhe zu prüfen. Erst hatte er überlegt, wie das 
Pergament in seine Hand gekommen; und es war ihm ein- 
gefallen, daß es jenes Stück Papier gewesen, das in seiner 
Tasche zurückgeblieben, nachdem er dem Leutnant den Gold- 
käfer geliehen, und daß es das Papier gewesen, das er von der 
Erde aufgehoben und mir dem Jupiter den Goldkäfer ge- 
packt, während das Tier um sich geschlagen und gebissen hatte. 
Sie hatten das Tier nidit auf der Insel, sondern auf dem Fest- 
land gefunden, ganz nahe bei der Stelle, wo sie später graben 
sollten. Legrand hatte dort auch die Überreste nach einem alten 
Schiffbruch entdeckt, die Überreste vom Rumpf eines großen 
Fahrzeuges. Nun ist der Totenkopf das Emblem der Piraten. 
Legrand hatte sich hierauf alle Einzelheiten des Abends, an 
dem sein Freund sein Gast gewesen, ins Gedächtnis zurüdc- 
gerufen, und es war ihm eingefallen, daß der Freund in dem 
Augenblick, in dem sich der Neufundländer auf ihn geworfen, 
um ihm zu schmeicheln, die Hand mit dem Pergament zum 
Feuer hatte herunterhängen lassen, und daß daher die Hitze 
auf das Papier einwirken konnte. Das Feuer war aber damals 
von unvollkommener und ungleidier Wirkung gewesen, daher 
hatte Legrand das Pergament, dessen Widitigkeit ihm von An- 
fang an klar gewesen war, neuerdings der Wirkung eines 
starken Feuers ausgesetzt. Auf dem Dokument, in dessen oberer 
Hälfle sidi der Schädel befunden, war unten nichts anderes 



Der Goldkäfer 



217 



als das Bild eines Zickleins erschienen. „Sofort hielt idi das 
Tierbild", erklärt der unfehlbare Analytiker, „für eine Art 
sdierzhaftes Familienwappen und hieroglyphisdies Namens- 
zeidien" eines gewissen Kapitäns Kidd.'^* 

Da aber sonst durchaus nidits auf dem Blatt erscheinen wollte, 
wurde ich in meiner Annahme doch sehr erschüttert . . . Tatsache 
ist daß idi eine unerklärliche Vorahnung irgendeines gewaltigen 
Glücksfalles hatte"; er wußte auch von den Andeutungen, „daß 
Kidd und seine Genossen irgendwo an der atlantischen Küste einen 
Goldschatz vergraben haben sollen." 

Legrand, der an sein Vorgehen die stärksten Hoffnungen 
geknüpft hatte, erhitzte das Pergament in einer Schmorpfanne, 
nachdem er es diesmal vorher mit Wasser Übergossen; zu seiner 
unaussprechlichen Freude waren zwischen Totenkopf und Ziege 
tatsächlich vier rote Zeilen mit chiffrierter Schrift erschienen. 

„Mit Recht mag bezweifelt werden, ob menschlicher Scharfsinn 
ein Rätsel ersinnen könne, das menschlicher Scharfsinn nicht durch 
Ausdauer zu lösen vermöchte." 

Legrand, der sich gerade so wie Poe durch die Umstände 
und eine gewisse Neigung seines Geistes für diese Art Rätsel 
interessiert hatte, „ich habe zehntausendmal dunklere Geheim- 
schriffen enträtselt", war die Entzifferung dieser Inschrift leicht 
gefallen, sie war für ihn nur ein Kinderspiel gewesen. Und 
wirklich war ihm die Auflösung des Kryptogrammes gelungen, 
nachdem er durch den Rebus der Unterschrift die Sprache der 
Chiffre, dann nach der Häufigkeit das Zeichen für den Buch- 
staben e (welcher der im Englischen am häufigsten vorkom- 
mende Laut ist), herausbekommen und folgenden Text er- 
halten hatte: 



78) Englisch Kid — Zicklein. Der Schatz des Piratenkapitäns 
Kidd (eine legendäre Gestalt aus dem 17. Jahrhundert, die 1701 
in London gehenkt wurde) ist von ihm angeblich auf Long-Island 
vergraben worden. 



^^^ Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



„Ein gut Glas in des Bischofs Haus ind 
Teufels Sitz einundvierzig Grad und dreizeh^ 
Minuten nordöstlich und gen Nord Hauptas" 
siebenter Arm Ostseite schieße durch linke' 
Auge des Totenkopfs eine Meßschnur von dem 
Baum durch den Schuß fünfzig Fuß hinaus." 

Dieser Text war zwar ein neues Rätsel gewesen; aber die 
Klugheit des unfehlbaren Raisonneurs war audi hier zu einem 
guten Ende gekommen. Des Bisdiofs Haus bestand „aus einer 
unregelmäßigen Anhäufung von Klippen und Felsen", des' 
Teufels Sitz war eine Vertiefung im Felsen, von wo aus 
Legrand mit einem Teleskop — „ein gut Glas"™ — , wenn er 
es nordöstlich und gen Nord in einem Winkel von 41 Grad 
13 Minuten hielt, durch „eine, kreisrunde Lücke im Laubwerk 
eines großen Baumes, der alle andern in der Ferne überragte", 
einen Menschensdiädel entdecken konnte. Der übrige Teil des 
Textes hatte ihm dann das Verhalten eingegeben, durch das er 
den Sciiatz, der ihn reich gemacht, hatte finden können. 

„Welche unbewußte Motivierung entdecket wohl die Per- 
versität der Analytiker in dieser Erzählung?" wird jetzt mehr 
als einer meiner Leser denken und hinzufügen: „Sie haben uns 
zu Beginn dieses Kapitels selbst eingestanden, daß der im Elend 
lebende Poe ganz natürlich dazu neigte, von Schätzen zu 
träumen, so wie der Künstler Poe geneigt war, über sie zu 
schreiben. Diese Geschichten und die Legenden über die 
Schätze des Kapitäns Kidd lagen außerdem damals in der 
Luft. Die Landschaft der Sullivans-Insel schließlich, in welcher 
sich der junge und arme achtzehnjährige Soldat, der eben 
damals aus dem Hause Allans durchgegangen war, aufgehalten 
hatte, als Atmosphäre für Piratengeschichten geradezu ge- 



7S) Englisdi glass = Glas, Fernrohr. 



i 



Der Goldkäfer 



229 



schaffen, war daher besonders geeignet, dem Goldkäfer 
als Rahmen zu dienen. Wozu also nadi andern Motiven 
suchen?" 

Wir suchen weiter, weil die gesamten angeführten Gründe 
nicht ausreichen, die sehr tiefliegenden Quellen der Inspiration 
zum Goldkäfer freizulegen. Wir Psychoanalytiker erinnern 
uns daran, daß der junge Artillerist der Festung Moultrie die 
Ufer der SuUivans-Insel bereits einmal gesehen hatte, bevor er 
als Soldat an der Küste von Carolina gelandet war. Sdion das 
kleine zweijährige Kind hatte (sechzehn Jahre vorher) diesen 
warmen Strand mit verwunderten Augen angeblidit, damals 
nämlidi, als es mit der scliönen, sterbenden Mutter, mit der 
auf Tournee befindlichen Schauspielerin aus dem Norden kam. 
Und auf dieser Fahrt war der kleine Edgar nicht mehr mit 
seiner geliebten Mutter allein: zu dem zärtliciien Paar, das er 
und seine Mutter ein halbes Jahr lang, vom Juli bis 
Dezember 18 10 gewesen, war eine kleine Seil wester dazu- 
gekommen. Der Vater David Poe war nämlidi im Juli 1810 in 
New York aus dem Leben seiner Frau verschwunden, er hatte 
sie, wie wir wissen, mit dem kleinen Edgar allein gelassen 
(Henry befand sich seit seiner Geburt bei den Großeltern in 
Baltimore), und wahrscheinlich im Dezember des gleichen 
Jahres kam in Norfolk die kleine Rosalie zur Welt.*" 

Die Aufmerksamkeit des kleinen Forschers, der Edgar 
damals schon gewesen sein mußte, war daher bereits früh auf 
das Problem der Geburt gelenkt. Alle Kinder besdiäfligen sich 



80) Wir kennen das Geburtsdatum Rosaliens nur durch eine 
allerdings aus späterer Zeit stammende Notiz in der Bibel der 
Familie Mackenzie. Sidier ist, daß Rosalie erst Monate nadi dem 
Verschwinden David Poes geboren wurde. Ihre Mutter befand sich 
damals auf einer Tournee durch die Südstaaten. Diese Tatsachen 
können zwar nur schätzungsweise angegeben werden, halten sich 
jedoch in so engen Grenzen, daß wir zu den Sdilüssen unseres 
Textes gewiß berechtigt sind. 



23° Die Gesdjichten: Der Zyklus Mutter 



mit diesem großen Problem: woher kommen die Kinder? Jede 
Geburt in der Familie weckt und fördert die Neugierde des 
Kindes. Sie ist sdion bei ganz kleinen Kindern wach, wenn 
auch die Erwadisenen es nicht glauben wollen; die Großen 
unterschätzen für gewöhnlich die Intelligenz der Kleinen, jene 
Intelligenz, welche die Kinder dazu fähig madit, sdion vor 
dem zweiten Lebensjahr sprechen zu lernen. Der kleine Edgar 
schien außerdem ganz besonders frühreif gewesen zu sein, an 
Geschlecht und Verstand, die übrigens durdi ein biologisches. 
Band miteinander verbunden sind. 

Er muß sich daher bereits seit seinem zweiten Lebensjahr 
mit den tiefen Geheimnissen des mütterlichen Körpers zu be- 
sdiäftigen begonnen haben. Und daß die kleine Schwester im 
Körper seiner Mutter gewesen, stand für ihn ebensowenig in 
Frage, wie für alle die kleinen Kinder, die eine Schwester oder 
einen Bruder bekommen haben, so hartnäckig man sich audi 
bemühen mag, ihnen die Geschichte vom Storch beizubringen. 
Der ungewöhnliche Leibesumfang seiner Mutter war für ihn 
der beste Beweis für seine Meinung, dieser rätselhafte, vorüber- 
gehend und an bestimmter Stelle auftauchende Embonpoint, 
der bei der abgemagerten und schwindsüchtigen jungen Sdbau- 
spielerin ganz besonders deutlich zu sehen gewesen sein mußte. 
Kinder tragen keine Scheuklappen, und der kleine Edgar trug 
sie ganz gewiß nicht. 

Noch bevor ich wußte, wie nahe die Geburt Rosaliens und 
der Aufenthalt Elizabeths mit ihren Kindern in Carolina zeit- 
lich beieinanderliegen, lenkte mich Freud gelegentlich des 
Goldkäfers auf folgenden Gedanken: „Ich wage es 
kaum", sagte er ungefähr, „diesen Einfall vorzubringen, so 
kühn scheint er mir zu sein: Geschichten, in denen man einen 
Schatz sucht oder findet, müssen aber für das Unbewußte mit 
irgendeinem anderen Ereignis in der Geschichte der Menschheit 
in Verbindung stehen, mit einem Vorfall, der bis in jene Zeit 



Der Goldkäfer 



^31 



zurückreidit, in der Opfer, ja sogar Mensdienopfer, gebradit 
wurden. Der Fund müßte also bedeuten: Kinder oder einen 
Fötus im Baudi des Opfers finden . . ." Dieser Einfall sdiien 
auch mir zu gewagt zu sein und anfangs konnte idi tatsädilidi 
keinen Zusammenhang zwischen diesem Gedanken und dem 
Sdiatz des Kapitäns Kidd entdecken. Später fiel mir jedoch auf, 
daß der Name des Kapitäns (Kidd = Zidslein = Kind) viel- 
leicht eine Anspielung auf den versteckten Sinn der Geschichte 
enthalte. Besonders aber die "Wahl des Ortes, an dem sich die 
Entdeckung des Schatzes abspielte, die "Wahl der Ufer von 
Carolina, an denen das Kind Poe über die Geheimnisse der 
Geburt nachgedacht hatte, konnte nicht vom Zufall diktiert 
worden sein, schon deshalb nicht, weil dieser Zufall weder im 
Reich des Psychischen noch in dem des Physischen existiert. 
"Wenn Legrand (so wie später Dupin) alle Probleme siegreich 
löst, so muß dies als eine späte Rache dafür angesehen werden, 
daß es dem kleinen zweijährigen Edgar trotz mancher riciitigen 
Beobaditung nicht gelungen war, seine Probleme vollständig 
zu lösen. Der kindlichen Sexualforschung wird nämlidi der 
"Weg im wesentlichen zweifach durch Unwissenheit versperrt: 
das Kind kennt weder Sperma noch Vagina. Daher existiert 
für den Knaben, selbst wenn ihm die Entdeckung der Tatsache 
gelungen ist, der Fötus halte sich im mütterlichen Körper auf 
und wachse, der Uterus nidit, er bildet sich ein, der kleine 
Bruder oder seine kleine Schwester oder er selbst wohnen zu- 
erst in den Eingeweiden der Mutter, in denselben Eingeweiden, 
welche die Fäkalien enthalten. Nach seiner Meinung müssen 
die Kinder aus der gleidien Analpforte hinaus wie diese, und 
aus dieser infantilen Analtheorie folgt im Unbewußten des 
Erwachsenen die Gleichstellung von Fäkalien und Fötus, — 
eine Gleichstellung, die übrigens durch die anatomisdie 
Nachbarschaft zum Teil gerechtfertigt ist. 

Im Bereich des Analen gibt es jedocii noch ein anderes Äqui- 



^3^ Die Geschichten- Der Zyklus Mutter 



valent: das von Gold und Kot. Diese Symbolik ist ebenso 
alt wie die Entdeckung des Goldes; so qualifiziert zum Beispiel 
eine babylonisdie Inschrift das Gold als ein „Exkrement der 
Hölle".^^ Und damit sind wir wieder bei unserem Sdiatz an- 
gelangt. Die Analytiker haben nun ergründet, «^ durch weldie 
Stadien jeder einzelne von uns — wobei er wahrscheinlich eine 
phylogenetische Entwicklung reproduziert — seit seiner Kind- 
heit hindurchgegangen sein muß, um von dem Interesse für 
seine Fäkalien, für Sdimutz, Kot, für das Spielen mit dem 
Sande, das wir bei allen Kindern beobachten, können, zu dem 
scheinbar ganz entgegengesetzten Interesse für harte, leudi- 
tende, saubere Gegenstände, für Kieselsteine also, für Metalle, 
Münzen, und für den kostbarsten unter allen Gegenständen, 
für das Gold, zu gelangen. Es ist, wie Freud genial beobaditet 
hat, eine psychologisdie Tatsache, daß sich mit der Verdrän- 
gung der Freude des Kindes am Analen durch den wachsenden 
Druck einer Erziehung zur Reinlichkeit, im Unbewußten eines 
jeden Menschen auch regelmäßig der Übergang von Fäkalien 
in Gold vollzog.*'' 

Wenn nun für das Menschenkind der eigene Körper das 
erste Universum darstellte, dann ist das zweite Weltall, das es 
erfaßt, derselbe Körper plus dem Riesenanhängsel des Mutter- 
körpers. Dieser Mutterkörper, der den Säugling wärmt und 

8i) Jeremias, Das Alte Testament im Lichte des alten Orients, 
z. Auflage, 1906, S. 216, und Babylonisches im Neuen Testament, 
1906, S. 96: „Mamon {Mammon) ist babylonisch man-man, ein Bei- 
name Nergals, des Gottes der Unterwelt. Das Gold ist nadi orien- 
talisdiem Mythus, der in die Sagen und Märchen der Völker über- 
gegangen ist, Dreck der Hölle; siehe: Monotheistische Strömungen 
innerhalb der babylonischen Religion, S. 16, Anm. i. (Nach Freud, 
Charakter und Analerotik, Gesammelte Sdiriften, Bd. V, S. 266.) 

82) Ferenczi, Zur Ontogonie des Geldinteresses. 
{Bausteine zur Psychoanalyse, Int. PsA. Verlag 1927, Bd. I.) 

83) Freud, Ober Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik. 
(Int. Ztsdir. f. PsA., IV, 1916/1917; Gesammelte Sdiriften, Bd. V.) 



f 



Der Goldkäfer 233 

nährt, ist für das Kind mit Recht von höchster, ja von aus- 
schließlidier Widitigkeit: erst nach und nach lernt es die 
anderen Gegenstände von ihm unterscheiden. 

Tritt nun das ungefähr zwei Jahre alte Kind in das Stadium 
der Analerotik ein, geht das vorher vorherrschend an die Oral- 
zone gebundene Interesse auf die Analzone über, dann er- 
streckt es sich nicht mehr wie bisher nur auf die Mutterbrust 
und Muttermilch, sondern auf alle Aussdieidungen des Mutter- 
körpers, besonders auf die Exkremente, die es in dieser Zeit 
so sehr beschäftigen. Die Exkremente sind das erste G e- 
schenk, welches das Kind seiner Mutter machen kann, um 
das es von ihr gebeten wird, wenn sie das Kleine auf den Topf 
setzt; und diese Exkremente müßte das Kind audi von der 
Mutter bekommen können. Sie müssen in seinem Un- 
bewußten, das in diesem Alter nodi nicht deutlich gegen das 
Bewußte abgegrenzt ist, mit der gleichen Macht besetzt sein, 
mit der gleichen Kraft des nährenden Reichtums, wie sie der 
Muttermilch gegeben war. Eine unauslöschliche Spur dieser 
Auffassung, die von der erwachsenen Mentalität so weit ent- 
fernt zu sein scheint, ist in mandiem Volksmärchen enthalten, 
in denen die Tiere (die alle Mutter-Symbole sind) nach der 
Gleichung Gold = Kot, statt Dünger Gold ausscheiden, wie 
der Esel in der Eselshaut. Die Henne mit den 
goldenen Eiern führt uns übrigens auf diesem Umweg 
zur Gleichung Kot = Kind = Gold zurück. Ich selbst konnte 
einen Psychopathen, einen in der "Wirklichkeit armen Men- 
schen, beobachten, der sich eine Lieblingsphantasie geschaffen 
hatte: Falschmünzer halten eine Frau widerrechtlich gefangen, 
damit sie aus ihren Exkrementen, die sie mahlen, Geld fabri- 
zieren können. Dieser Kranke, der bei einer Frau in Analyse 
war, hat an dem Tag, an dem er ihr diese Phantasie berichtete, 
sein letztes Geld ausgegeben, um die Analytikerin, seine 
Mutter-Imago, durch seine Verzweiflung zu einem Geld- 



234 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

gesdienk zu bewegen. Und dieser in seinem Leben zu drei 
Vierteln Impotente bildete sidi seltsamerweise ein, er werde 
seine Mannespotenz dann wiedererlangen, wenn eine Frau sidi 
dazu hergeben würde, ihre Fäkalien auf ihm abzulagern. Es 
war bei ihm ganz evident, daß das Gold, das Geldgeschenk 
für ihn ein Äquivalent war einerseits für das ursprünglidie 
geträumte Fäkalgeschenk, andererseits für das ebenfalls ur- 
sprüngliche Geschenk der Mutterliebe, dessen erstes fühlbare 
Zeichen aus dem nährenden Realgeschenk Milch bestand. Dieser . 
Kranke stellte in einer originalen, noch nicht ganz in Gold- 
symbolik verwandelten Form die Mentalität der Männer dar, 
die sich von Frauen aushalten lassen. So verschrieen diese 
Männer auch sein mögen — und mit Recht in einer Zeit, in 
welcher das Leben vom Mann Kampf und Triumph im 
ökonomischen Bezirk fordert — , sie sind darum nidit weniger 
Unglückliche, da ein Teil ihrer Psyche an das infantile Stadium 
gebunden blieb, in dem sie von ihrer Mutter erhalten wurden. 
Auch Poe war von solcher Tendenz nicht ganz frei: auch sein 
Leben war von den Näharbeiten, ja selbst von den Betteleien 
der Muddy nicht unabhängig, und er bekam — allerdings 
hauptsächlich für die kranke Virginia — Geldgeschenke von 
der Frau Osgood und der Frau Shew, denen er beiden den Hof 
machte; und am Ende seines Lebens war er zweimal nahe 
daran, Frauen zu heiraten, deren Vermögen gewiß auch mit zu 
den Verlockungen gehörte. 

Der eigene Körper, haben wir gesagt, war die erste Welt 
des Kindes, und der mit dem seinen verbundene der Mutter 
die zweite: nach und nach aber wird dem heranwachsenden 
Kind audi die übrige reale Welt bewußt, jene Welt, die von 
diesen beiden Körpern unabhängig ist. Eines Tages setzt sich 
die Vorstellung von der Erde, die uns trägt und nährt, im 
Gehirn des Menschen fest. Aber das Kind in unserer eigenen 
Tiefe stirbt niemals ab, und die Erinnerung an jene Zeit, in der 



I 



Der Goldkäfer 



^35 



die Mutter das Universum war, bewirkt, daß nun im Un- 
bewußten das Universum die Mutter wird. Die Erde, die uns 
genau so trägt und nährt, wie seinerzeit die Mutter uns ge- 
tragen und genährt hat, wird auf diese Weise für jeden von 
uns zum konkreten Symbol eines erweiterten Mutterbegriffes. 

So nimmt für Edgar Poe in der Geschichte vom Gold- 
käfer die Erde den Platz der Mutter seiner Kindheit ein, 
jener Mutter, mit welcher der Zweijährige gerade damals, als 
die Analerotik in ihm erwachte, an dem gleichen Gestade 
umhergeirrt war, an dem Legrand den von Kidd vergrabenen 
Sdiatz findet. Wenn wir den Pym als das Heldengedicht an- 
sahen, in dem nadi der Milch auf dem Mutterkörper (der nadi 
dem Zustand der Materie, weldie den Säugling im Oral- 
stadium beherrscht, durch flüssige Ozeane symbolisiert wird) 
geforsdit wurde, dann ist die Geschicäite von Legrand der 
Beridit über die Suche nach den Mutterfäkalien in ihrem 
Körper, den hier (nach dem Zustand der Materie, die nach 
der Meinung des Kindes das Analstadium beherrsciit) die feste 
Erde symbolisiert. Ein Vorspiel zu dieser zweiten Forsdier- 
reise ist sciion im Pym enthalten, in jenen Wanderungen Pyms 
und Peters durch die mit Metall ausgelegten schwarzen 
Schluditen, die wir bereits damals als Symbol für die Ein- 
geweide identifiziert haben. 

Und auch das ist kein Zufall, daß Edgar Poe gerade einen 
Goldkäfer gewählt hat, ein die Exkremente par excellence 
liebendes Tier, um die Entdeckung des Kidd-Scitatzes möglidi 
zu madien. Wieder einmal kann man die Gesetzmäßigkeit fest- 
stellen, nach der sidi alle Prozesse der mensdilichen Psydie ab- 
spielen, wenn man sich daran erinnert, daß das Exkrement- 
kügelchen, welches der heilige Skarabäus der Ägypter rollte, 
■in ihren Augen die Sonne, die Goldkugel symbolisieren konnte. 

Man wird uns hier vielleicht eines Widerspruchs beschul- 
digen : wir haben zuerst gesagt, daß die in Edgar bei der 



23^ Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Geburt der kleinen Schwester Rosalie geweckte Neugierde für 
die Geheimnisse dieser Geburt die infantile Wurzel des G o 1 d- 
k ä f e r s war. Jetzt aber behaupten wir, daß diese Geschichte 
die Erforschung der durch das Gold Kidds repräsentierten 
Exkremente der Mutter darstelle. 

Wir wollen vorerst nodi von dem vierten unbewußten 
Äquivalent für Gold absehen, von dem Penis,^* den das 
männlidie Kind, bevor es den Unterschied der Geschlechter 
erfaßt hat, allen Lebewesen, besonders aber der Mutter zuteilt, 
— um uns hier nur mit den drei ersten Entsprechungen, mit 
den Fäkalien, dem Gold und dem Fötus zu beschäfligen. Die 
Geburt Rosaliens war zweifellos der Antrieb zu der auf das 
Anale gerichteten Forsdiung des Mutterkörpers gewesen. Die 
spateren Daten aber, an denen jene Forschung wieder lebendig 
wurde, werfen das seltsamste Licht auf die Wendung, die sie 
nehmen sollte, und die sie im Goldkäfer auch tatsächlidi 
genommen hat. Wir haben gesehen, daß der achtzehnjährige 
Edgar, als er das Haus des reichen Allan verließ und dadurch 
endgültig seine Adoption und das Erbe verlor, zu denselben 
Ufern Carolinas zurückkehrte, an denen er mit der kranken 
Mutter gelandet war, nachdem sie knapp vorher Rosalie 
geboren hatte. In dem Haus Allans war nun eine andere 
Mutter zurückgeblieben, Frances Allan; auch diese war schon 
sehr krank, aber zum Unterschied von Elizabeth Arnold hatte 
sie ihm weder einen Bruder noch eine Schwester gegeben und 
ihn dadurch vor einem Kind-Rivalen bewahrt. Frances Allan 
hatte nie geboren, und während die arme, fruchtbare Elizabeth 
ihrem Sohn Edgar als „Erbschaft" nichts als eine kleine 
Schwester hinterließ, hätte er von Frances, wenn sie starb, was 
übrigens bald darauf eintrat, von der unfruchtbaren, aber 
reichen Frances — nach den Wünschen in Edgars Unbewußtem 



84) Siehe Freud, zitiert S. 232, Fußnote 83. 



1 



Der Goldkäfer 



237 



und audi nach dem, was gewiß sie selbst wünsdite — viel 
Geld bekommen müssen. 

Hatte denn diese Frau ihn nicht schon einmal mit ihren Ge- 
sdienken überhäuft, damals, als sie ihn von dem elenden Lager, 
auf dem die tote, arme Schauspielerin lag, in ihr reidies Haus 
holte? Das Unbewußte Edgars, des Sohns, der dann von John 
Allan enterbt worden war, mußte daher nadi Phantasien 
streben, in denen er die reiche Mutter, die ihn früher einmal 
geliebt und mit Geschenken überhäuft hatte, beerbte. 

Er mußte von einer solchen Erbschaft ganz besonders im 
Jahre 1842 geträumt haben, in dem er den Goldkäfer 
schrieb. Poe, der geglaubt hatte, er werde durdi seinen Erfolg 
als Chefredakteur von Graham's Magazine, einen Erfolg, der 
alles übertraf, was er bisher erreichen konnte, endlich zu Ver- 
mögen kommen, verlor gerade damals seine Stellung; er mußte 
zusehen, wie der Weg von neuem bergab ging und dieses Mal 
alles durdi die Krankheit seiner Frau ganz besonders ausweglos 
und düster wurde. Im Januar 1842 nämlidh hatte Virginia jene 
erste Hämoptoe, den so tragisch verlaufenden Anfall, dem bald 
andere folgen sollten und den Gatten jedesmal in tiefste Ver- 
zweiflung versetzten. In dieser Zeit erlebte er jedoch durdi die 
Anzeichen eines nahenden Todes und von der seltsamen Lust 
getrieben, im Unbewußten die geliebte Vergangenheit wecken 
zu können, audi jene Tage wieder, in denen sidi der kleine 
zweijährige Edgar an die gleichfalls blutende Brust seiner wirk- 
lichen Mutter angelehnt hatte, und auch jene andere Zeit, wo 
der junge, aus Carolina nach Virginia heimgekehrte Soldat ins 
Haus der zweiten, reichen Mutter eintrat, aus dem sie bereits 
verschwunden war. "Wir erinnern uns, daß Allan den in der 
Festung Monroe bei Norfolk befindlichen Artilleristen Edgar 
trotz der flehentlichen Bitten seiner in Agonie liegenden „Ma" 
zu spät von ihrem Zustand benachrichtigt hatte; die arme 
Frau war gestorben, ohne ihren Eddy wiedergesehen zu haben. 



238 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Und Allan ließ sie in aller Eile begraben, trotzdem sie ihn vor 
dem Sterben gebeten hatte, zu warten, bis Edgar sie, wenn 
auch nur als Tote, wiedergesehen hatte. Als Poe ankam, lag 
sie bereits in dem Grabe, vor dem er dann weinend stand und 
in Ohnmacht fiel. Wir wissen auch, wie das andere Ver- 
spredien, das sie ihrem Manne vor dem Tode entrissen, das 
Verspreclien, er werde Edgar nie verlassen, gehalten wurde. 
Aber die „Erbschaft", welche Frances Allan ihrem Sohn 
hinterlassen, war weit großartiger, als wenn sie in klingender 
Münze bestanden hätte. Er erbte von ihr den Goldkäfer. 

Die Kiste, die den Schatz enthält, hat daher nicht zufällig 
die längliche Form eines Sarges: ein Hinweis auf die 
geliebten toten Mütter aus Edgars Jugend. Aber diesmal sind 
die Leichen nicht etwa i n der Kiste; sie liegen nur auf 
ihr, sozusagen um die Kiste zu bewadien. Die Knochen der 
beiden Skelette sind in der Erde verstreut, der Schädel ist auf 
dem Ast angenagelt. Man kann den Gedanken nicht von sich 
weisen, daß diese beiden Skelette, welche die der Gehilfen 
Kidds sein sollen, als er den Schatz eingrub — der Gehilfen, 
welche nach getaner Arbeit geopfert wurden, wie das so Sitte 
ist bei Leuten, welche einen Schatz vergraben — , daß diese 
Skelette im Unbewußten Poes etwas anderes darstellen: erstens 
das Eltempaar, das vom Tode hinweggerafft wurde, das wirk- 
liche Elternpaar, dessen als sadistische Aggression verstandene 
Umarmungen das Kind in dem gemeinschaftlichen, dürftigen 
Wohnraum, in dem die armen Schauspieler auf ihrer Tournee 
schliefen, hatte sehen können, und zweitens das Adoptiveltern- 
paar John Allan und Frances. Alle vier waren tot, als Poe 
den Goldkäfer schrieb, und das letzte Paar, das reiche 
Paar, hätte ihm seinen Schatz hinterlassen müssen. 

Daß der Schatz, den die Mutter-Erde ihrem Kind überließ 
— die Mutter-Erde, die wie der Pelikan ihr Inneres öffnet, 
um ihn zu beglücken — , trotz aller Geschenke der Frances. 



Der Goldkäfer 



239 



dem John Allan gehörte, wird in dieser Erzählung durch die 
Verwendung der Kidd-Legende ausgedrückt. Der Schatz gehört 
nämlich einem Piraten, einem Manne, der ihn durch Gewalt, 
Raub an sich gebracht hat; für einen solchen Piraten muß Poe 
in seinem Unbewußten den gefühlskalten Kaufmann John 
Allan gehalten haben. Und außerdem gibt die Erde niciit von 
ihrem eigenen Sdiatz her, was beispielsweise durdi die Ent- 
deckung einer Gold- oder Diamantenmine hätte ausgedrückt 
werden können: die Mutter gibt dem Sohn einen Sdiatz, der 
dem Vater gehört. So hätte gewiß auch Frances gehandelt, 
wenn erst ihr Gatte und dann sie gestorben wäre, wenn sie 
also John Allan überlebt und sein Vermögen von ihm geerbt 
hätte; dann wäre sicherlich der ganze Reichtum in den Besitz 
ihres Eddy übergegangen. Aber da dies nicht geschehen und sie 
zuerst gestorben war, rädite sich Poe im Goldkäfer durdi 
eine Phantasie für die Realität, indem er dem mütterlichen 
Boden Virginias — der nacheinander seine beiden Mütter ver- 
sdilungen, und dessen Ragged Mountains in dieser Geschichte 
nach Carolina versetzt werden — befahl, ihm das Erbteil 
herauszugeben, das ihm seine letzte Mutter, die reiche, wenn sie 
dazu die Macht gehabt hätte, gewiß zurückgelassen haben würde. 
Über den auf den Ast angenagelten Schädel und über die 
seltsame Art, in der der am unteren Ende eines Bindfadens 
angebrachte Goldkäfer auf den Schatz hinweisen sollte, nach- 
dem er durch die Augenhöhle des Schädels hinabgelassen 
wurde, werden wir gelegentlich des ausgestochenen Auges und 
des Henkens in der Schwarzen Katze sprechen. 
Dort erst kann die phallische Bedeutung des Insekts aus Gold, 
welche als das vierte Äquivalent von uns vorhin erwähnt 
wurde, dem Leser klargemacht werden, sowie der Vorwurf 
gegen die Mutter, der in der Verwendung, welche der Skara- 
bäus in der vom Raben ausgehackten Augenhöhle findet, ent- 
halten ist. 



240 Die Geschichten: Der 2yklns Mutter 

Auch die Wurzeln dieser so vernünftig aussehenden objek- 
tiven Gesdiidite, von der Poe behauptete, er habe sie wie den 
Raben bewußt, „eigens" für den Erfolg^^ gesdirieben (den 
sie auch hatte), dieser Geschichte, in der jedes subjektive Ele- 
ment zu fehlen sdieint, reichen in die affektbetonteste, persön- 
lidiste und mit dem Leben verbundene Seelenheimat hinab. 
Der G o 1 d k ä f e r ist mit dem Hervorströmen seiner Sdiätze 
aus den Eingeweiden der Erde ganz so wie die Geschichte vom 
Pym ein Lied auf die nährende, beglüdsende Mutter; diesmal, 
aber sdbenkte sie die großen Reiditümer aus ihren Eingeweiden 
und nidit mehr bloß die Milch ihrer Brüste. 



Wir glauben nun den weiten Umfang, den die Mutter als 
Symbol in der Phantasie der Menschen ausdrücken kann, deut- 
lich genug aufgezeigt zu haben. Das Meer, die Erde, mit 
allem was auf oder in ihnen ist, können die erhabenen, wenn 
auch manchmal sdiwer erkennbaren Züge der mütterlichen 
Gottheiten annehmen, der Cybele oder Astarte, die sdion von 
unseren Vorfahren verehrt wurden. Aber nicht nur unser 
Planet, audi die andern im Weltraum, so weit unser Blids 
reicht, verstreuten Sterne sind geeignete Objekte, in denen sie 
sidi darstellen kann. Hat nicht der neunzehnjährige Poe selbst 
in seinem Sterngedicht AI A a r a a f die Nesace und Ligeia 
besungen, und fliegt nidit sein Hans Pfaall in einer 
großen Phantasie der Rückkehr in den Mutterleib zum Mond? 
Wir werden diese Geschichte nicht analysieren; ihr latenter, 
einfach zu erfassender Sinn liegt für den Analytiker offen zu- 
tage und würde trotz unserer Erklärungen manchem Nicht- 
analytiker dennoch verschlossen bleiben. Wir weisen zur Be- 
stätigung unserer Meinung nur auf den Sturz Hans Pfaalls 



85) Poe an Thomas, 4. Mai 1845 (V. E., Bd. 17, S. 205). 



Der Goldkäfer 



241 



kopfabwärts aus seinem Ballon hin, ein Sturz, der an eine 

iGeburt erinnert, und auf die Tatsache, daß die Katze, die er in 
seiner Gondel mitgenommen, gerade während der Reise drei 
Tunge geworfen; und schließlich auf den Namen des Helden. 
Poe wußte vielleidit, was Pfahl im Deutschen bedeutet, und 
der phallisdie Sinn dieses Gegenstandes im Einklang mit der 

I Rolle, die der nach ihm benannte Held in seinem Verhalten 
gegen die Mond-Mutter spielt, erklärt den seltsamen Fehler, 

i den Poe zu verschiedenen Malen in seiner Korrespondenz 
begeht, indem er statt Hans Pfaall, Hans Phaal sdireibt.^" 
Im übrigen sind alle Reisen zum Mond, wie sie seit jeher 
von den Menschen geträumt werden, ihrem tieferen Sinne nach 
Mutterleibsphantasien. Die meisten Berichte von Entdeckungen 
und Abenteuern, welche die Kinder so sehr lieben, von der 
Schatzinsel Stevensons angefangen bis zu den Romanen 
von Jules Verne und darüber hinaus, sind nach der unbewußten 
Wurzel infantile Forsdiungen nadi der Beschaffenheit des 
Mutterleibs wie die Gesdilchten vom P y m oder vom Gold- 
käfer, Beridhte nach prägenitalen, oralen oder analen 

I Sdiemen, die allen diesen Erzählungen das täusdiende Aus- 
sehen „unschuldiger" Geschichten verleihen. 

86) Siehe V. E., Bd. 17, S. 11, 12 u. 18. In versdiiedenen 
Fassungen der Gesdiidite unterdrüdit Poe einfadi eines der beiden 1: 
Pfaal. Vielleidit ist der Name seines mondsüditigen Helden aus 
der unbewußten Verdichtung von Phallus und Pfeil entstanden, als 
ein phallisdier Pfeil, der gegen den Mond abgesdiossen wird. 



Bonaparte: Edgar Poe. II. 



16 



in 

DAS GESTÄNDNIS EINES IMPOTENTEN 



i6* 



4 



DER VERLORENE ATEM 

Daß Poe im Bezirk der Potenz „unschuldig" gewesen, wissen 
wir nidit nur durch das, was wir von seinem Leben erfahren 
haben; sein ganzes "Werk kann als Beweis für diese Behauptung 
dienen, dieses "Werk, von dem Baudelaire gemeint hat, „nidit 
eine einzige Stelle spiele auf etwas Unzüchtiges oder auf sinn- 
lichen Genuß an", auf vollkommene Liebe, ergänzen wir. Für 
den Analytiker gibt es keinen deutlicheren Beweis für die 
Impotenz Poes als die Gesdiichte: Der verlorene 
Ate m.^'' 

Diese Geschichte, die zur Reihe der Geschichten des 
Folio Clubs gehört, ist eine „groteske" Erzählung, und 
Poe fügte dem Titel hinzu: „eine Gesdiidite ä la Blackwood", 
eine Bemerkung, die er später in „Eine Geschichte weder inner- 
halb nodi außerhalb der Blackwoods" verwandelte, An- 
spielungen auf eine berühmte englisdie Zeitsdhrift jener Tage, 
in der Sensationsgeschiditen abgedruckt wurden. Der ver- 
lorene Atem erinnert ein wenig an die surrealistisdien 
Filme von heute, in denen die aus dem Unbewußten auf- 
tauchenden Assoziationen in einem Durcheinander aufeinander- 
folgen. Poe beginnt diese Gesciiiciite mit der Erklärung: 

„Das schlimmste Mißgesdiick wird schließlidi einmal dem uner- 
müdeten Mute philosophisdier Standhaftigkeit weidien müssen — 
gleidi wie die zäheste Feste sich endlich doch der ausdauernden 
Belagerung eines hartnäckigen Gegners ergeben muß." 

Dann folgen einige Beispiele: Hinweise auf Samaria, Ninive, 
Troja und Asdod, das „seine Tore dem Psammetici erst ge- 

87) Loss 0} breath. A Tale neither in nor out of „Bladiwood". 
(Southern Literary Messenger, September 1835; 1840; Broadway 
Journal, II, i6.) 



246 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

öffnet, als er den fünften Teil eines Jahrhunderts davor gelesen 
hatte". Nach dieser Einleitung, die nur für den einen Zu- 
sammenhang mit dem Thema hat, der sich daran erinnert, daß 
die Einnahme von Städten häufig ein Symbol für die Er- 
oberung von Frauen ist, kommt Poe ohne weiteren Übergang 
zur eigentlichen Erzählung. 

„, Elende! Zanksüditige Megäre! Böse Sieben!' sagte ich am 
Morgen nadi unserer Trauung zu meiner Frau. ,Hexe! Dirne! Pfuhl 
des Lasters! Du mensdigewordene Bosheit und Sündhaftigkeit! Du — 

du ' Idi stand auf den Zehen, packte meine Frau am Halse 

und war bemüht, ihr noch herzlichere Bei- und Kosenamen ins 
Ohr zu schreien, von denen ich sidier erwarten durfte, daß sie sie 
wenn ich sie ihr ins Gesicht sdileudere (ejaculate), von ihrer Minder- 
wertigkeit überzeugen würden — da stockte ich plötzlich und merkte 
zu meinem Schrecken, daß ich meinen Atem verloren hatte." 

So stellt sich Edgar Poe den Morgen nadi einer Hodizeits- 
nacht vor. Der nächtlidie Angriff mit dem Phallus wird de 
facto durch einen am Morgen stattfindenden, sadistisdien, mit 
Wortbeleidigungen gespickten Angriff ersetzt, und In dem 
Augenblick, in dem der Held sich der Frau nähern und die 
gröbste Attacke unternehmen will, kann er nidit mehr weiter, 
kann er nicht mehr mit seinem „Atem" sie durchdringen, kann 
er nicht mehr ejakulieren (ejaculate); das "Wort steht da, wenn 
auch scheinbar mit einem anderen Sinn. 

„Man gebraucht die Redewendungen ,idi bin außer Atem', ,mir 
bleibt der Atem weg' usw. oft genug in der Umgangssprache; aber 
es war mir bisher nie in den Sinn gekommen, daß mir etwas so 
Sdireckliches bona fide und tatsächlich zustoßen könnte. "Wenn du, 
geschätzter Leser, über eine fruchtbare Phantasie verfügst, so ver- 
suche dir auszumalen, welcher Bestürzung und Verzweiflung idi 
anheimfiel, als mir die furchtbare Gewißheit wurde, daß idi in 
der Tat meinen Atem verloren hatte." 

Aber der Held verliert nicht die Herrschaft über sich. 

„Es war mir zunächst unmöglidi, festzustellen, inwieweit das 
Unheil, das mich betroffen hatte, sdiädlidi auf meinen Organismus 



1 



1 



Der verlorene Atem 



247 



■vsrirkte; unter allen Umständen jedodi wollte idi, das stand fest, 
die Sache vor meiner Frau verheimlichen. Es gelang mir unverzüg- 
lidi, meines Zornes und meiner Erregung Herr zu werden; mit 
gänzlich verändertem Gesicht tätsdielte ich meiner Frau die eine 
Wange, drückte ihr einen Kuß auf die andere, sprach kein Wort 
(bei den Furien! idi konnte nicht), sdiien ihr Erstaunen über mein 
so plötzlich verändertes seltsames Betragen überhaupt nidit zu 
merken — und tänzelte im Menuettsdiritt zum Zimmer hinaus." 

Der Held zitiert dann Rousseau und kann sidi wieder 
einmal brüsten: „Et le chemin des passions me conduit ä la 
Philosophie veritable." 

Nun mußte die Impotenz, an der Poe litt, in seinen 
Augen zu einer „wahren Philosophie" werden. Trotz der 
tiefen BetrofFenheit und Verzweiflung, für immer den Atem 
verloren zu haben, blieb ihm nidits übrig, als zum bösen 
Spiel gute Miene zu machen. Er tröstete sich auf die Weise, 
daß er sein Elend in Vornehmheit verwandelte, wie das 
übrigens viele andere Impotente machen. Er allein wußte, wie 
man liebt! Kein Mensdi vor ihm hat je so heiße und zu gleicher 
Zeit so ätherische Leidenschaflen empfunden wie er! Niemand 
nach ihm wird solche Leidenschaften je wieder empfinden 
können! Auf diese Weise nimmt er für sich das Recht in 
Anspruch, die anderen, im Morast der Fleischeslust verkom- 
menen Mensdien — zum Beispiel Allan mit seinem Harem — 
zu verachten. Und er macht aus seiner Impotenz eine „humo- 
ristische" Geschichte, da die Ironie ein Mittel ist, durch das 
man über das Unglück hinwegkommen kann. Der Humor 
Poes hat allerdings stets etwas Unheilverkündendes an sich: 
das Unheil schimmert durch. 

Aber warum ist das Faktum, daß der Held dieser Ge- 
schichte zu laut in das Ohr seiner ihm eben angetrauten Gattin 
hatte hineinschreien wollen, für Poe ein Anlaß, ihm den Atem 
zu nehmen? Der Mann schrie in dem Augenblick, in dem er 
daran hätte denken sollen, etwas anderes zu tun: diese Tat- 



Die Geschiditen: Der Zyklus Mutter 



sadie ist wahrsdieinlidi nicht ohne Zusammenhang mit jener 
andern, daß Poe, als er diese Erzählung sdirieb, die kleine 
Cousine gefunden, die kurz nachher seine Frau werden sollte. 
Wir haben es hier mit einem Versuch zu tun, sich gegen neue 
Versuchungen des Fleisches zu -wehren. Dazu kommt aber noch 
etwas anderes, nämlich die unbewußte, vom Nebel der Ver- 
gangenheit bedeckte Erinnerung an die Art, wie Poe impotent 
wurde. Er war ganz klein, noch nicht einmal drei Jahre alt, 
und noch ganz im anal-sadistischen Stadium seiner infantilen 
Libido befangen, als er seine geliebte Mutter nadi diesem 
Schema geliebt hatte; er war an diese Erinnerungen stets fixiert 
geblieben und dadurch künftighin impotent. 

„Seht midi an", setzt unser Held fort, „sidier versdianzt saß 
idi in meinem eigenen Gemadi, ein sdireckerregendes Beispiel der 
düstern Folgen des Jähzorns — lebend, mit den Kennzeichen der 
Toten — tot, mit den Neigungen der Lebenden — ein Ausnahms- 
geschöpf auf der Erde — sehr ruhig, und der Fähigkeit zu atmen 
beraubt." 

Der Zustand des Impotenten kann nicht besser gezeichnet 
werden. 

„Jawohl, idi war atemlos. Mit bitterem Ernst behaupte ich, daß 
mir der Atem ganz und gar ausgegangen war. Und wenn es mich 
den Kopf gekostet hätte — ich wäre nicht imstande gewesen, auch 
nur eine Flaumfeder mit dem Anhauchen meines Mundes zu be- 
wegen, oder die glatte Fläche eines Spiegels zu trüben." 

Unser Held entdeckt jedoch, daß seine erste Befürchtung 
grundlos gewesen ist, daß er die Fähigkeit des Sprechens nicht 
ganz verloren hat. Er kann reden, wenn er seine „Stimme zu 
einem eigentümlich tiefen Kehlton zu dämpfen suchte", da 
„diese tiefen, gedämpften Töne nichts mit dem Atmungs- 
vorgang zu schaffen hatten, vielmehr nur auf einer krampf- 
artigen Tätigkeit der Halsmuskeln beruhten". 

Der Psychoanalytiker würde darin leicht eine intestinale, 
prägenitale Sprache sehen, die an die Stelle der eigentlichen 



Der verlorene Atem 



249 



genitalen Spradie getreten ist, welche hier durch die Atmung 
symbolisiert wird; wir haben es mit einer Regression auf eine 
der „impotenten" infantilen Libidostufen zu tun. 

Der Unglückliche ist nun in einen Stuhl gefallen und 
wird von unheimlichen Gedanken geplagt, „sogar der Ge- 
danke an Selbstmord blitzte in meinem Hirn auf". Er 
schreckt aber vor dieser Idee zurück, während die getigerte 
Katze laut schnurrend auf dem Teppich liegt und der Jagd- 
hund (Water-dog, ein Hund, der ins "Wasser geht) heftig unter 
dem Tisch schnauft; „die hörbare übermäßige Tätigkeit ihrer 
Lungen machte mir meinen Verlust doppelt sdimerzlidi fühlbar". 

Er hört sdhließlich, wie seine Frau das Haus verläßt, und 
nachdem er sidi von ihrer Abwesenheit überzeugt hat, begibt 
er sich „mit klopfendem Herzen an die Stätte, wo sich mein 
Unglück ereignet hatte". 

Dort „verriegelte (idi) die Tür von innen und unterzog das 
Zimmer einer peinlich genauen Untersuchung. War es nicht am 
Ende möglich, daß sich der schmerzlich vermißte Gegenstand In 
irgendeiner dunklen Ecke, in einer Schublade oder in irgendeinem 
Schrank wiederfand? Er konnte eine dunstförmige, vielleicht gar 
eine greifbare Gestalt angenommen haben". 

Die männliche Potenz, die in dieser ganzen Geschichte durch 
die Atmung symbolisiert wird, hat in Wirklichkeit und un- 
bestreitbar eine greifbare Gestalt. "Warum hat nun das Un- 
bewußte Poes gerade die Atmung, den Atem, etwas „Dunst- 
förmiges" gewählt, um sie zu symbolisieren? Das werden wir 
später noch sehen. 

„Lange und sorgsam setzte ich meine Bemühungen fort — aber 
als verabscheuenswerter Lohn meines Fleißes und meiner Beharr- 
lichkeit wurde mir lediglidi der Fund eines falschen Gebisses, 
zweier Paare falscher Hüften, eines Glasauges und eines ganzen 
Bündels von Billets-doux^^ zuteil, die Herr Windenough (Genug- 

88) Bei Poe französisch. 



2 50 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Atem) an meine Frau gerichtet hatte. Ich möchte übrigens bei dieser 
Gesdiichte nicht verfehlen, zu bemerken, daß die Schwäche meiner 
Frau für Herrn Windenough mir längst kein Geheimnis mehr war 
mir aber weiter kein Kopfzerbredien machte. Die Bewunderung 
meiner Gattin, der Frau Mangel-an-Atem, für einen Mann, der 
mir in jeder Hinsicht so völlig unähnlidi war, betrachtete ich als 
durchaus natürlich und nahm sie als notwendiges Übel hin. Ich bin 
(jeder der mich kennt, kann es bezeugen) stark und kräftig gebaut 
aber von ziemlich kleinem Wuchs und rechtschaffener Beleibtheit. 
So ist es kein Wunder, wenn die hohe, schlanke Gestalt Herrn 
Windenoughs im Verein mit seinem spridiwörtlich gewordenen 
vornehmen Auftreten die Blicke meiner Frau auf sidi gelenkt hat." 

"Wir erfahren also, daß die Frau des Stöpsels Mangel-an- 
Atem ihm einen glücklicheren Rivalen vorzieht, der ein vor- 
nehmeres Auftreten hat und dessen Atem potent, mächtig ist. 
Kann uns das in Erstaunen versetzen? So sind die Frauen. Und 
Herr Mangel-an-Atem beweist wieder einmal, wie stark und 
realistisch seine Philosophie ist, da er sich damit abfindet. Wer 
ist nun der glückliche Nebenbuhler? Audi das soll erst später 
untersudit werden. 

„Meine Bemühungen blieben, wie gesagt, ergebnislos. Ein Schrank, 
eine Schublade, eine Ecke nach der andern durchforschte ich aufs 
genaueste — vergebens. Einen Augenblick glaubte idi mein 2iel 
erreicht zu haben; das war, als ich beim Kramen in einem Toilette- 
kasten eine Flasche Grandjeans Archangelsköl zerbrach. Übrigens ver- 
breitete es einen durchaus angenehmen Geruch, und ich gestatte mir 
aus diesem Grund, es meinen Lesern bestens zu empfehlen." 

Aber Herr Mangel-an-Atem bemerkt, daß er nichts finden 
kann. „Schweren Herzens" kehrt er nun in sein Gemach 
(houdoir) zurück, 

„und grübelte. Wie sollte ich es anstellen, meiner Frau mein 
trauriges Unglück zu verhehlen, bis ich die nötigen Vorkehrungen 
zum Verlassen des Landes würde getroffen haben? . . . Unter einem 
andern Himmelsstrich, in einem Lande, wo kein Mensch mich 
kannte, durfte ich immerhin mit der Wahrscheinlichkeit rechnen. 



I 



Der verlorene Atem 



251 



daß ich mein -widriges Geschieh würde verbergen können. Ich ver- 
hehlte mir nicht, daß dieses Geschick mehr, als es selbst die voll- 
kommenste Mittellosigkeit vermocht hätte, dazu angetan sei, mir 
die Liebe meiner Mitmenschen zu entfremden . . ." 

Herr Mangel-an-Atem zögert jedoch nicht lange; er lernt 

eine ganze Tragödie Metamora auswendig, vor allem die 

i Rolle des Helden, die „den Klang der Stimme . . . gänzlich 

überflüssig machte . . . Der mir verbliebene tiefe Kehlton (war) 

hier völlig am Platze." 

Herr Mangel-an-Atem übt seine neue Rolle „eine "Weile am 
Ufer eines vielbesuchten Sees" wie Demosthenes am Meeres- 
strande. "Wie er seiner neuen Art zu sprechen sicher ist, be- 
sdiließt er, seiner Frau einzureden, er sei von einer plötzlichen 
Leidenschaft für das Theater erfaßt. Er hat mit seiner Absicht 
wunderbarer weise Erfolg: 

„Auf jede Frage oder Anrede antwortete ich mit irgendeinem 
Zitat aus der erwähnten Tragödie, mit einer Grabesstimme, die 
dem Quaken der Frösche ähnlich klang, und alsbald bemerkte ich 
mit größter Befriedigung, daß diese Zitate fast bei jeder Gelegen- 
heit anwendbar waren ... Ich rollte mit den Augen, fletschte die 
Zähne, stieß mit den Knien, scharrte mit den Füßen — kurz, ich 
ließ nichts von all den Gesten und Kunststüdichen aus, mit denen 
volkstümliche Darsteller zu wirken pflegen. Man nahm (das sei 
zugegeben) allgemein an, ich wäre verrückt geworden, und spradi 
davon, mich ins Irrenhaus zu bringen und in die Zwangsjacke zu 
stedcen; aber daß ich meinen Atem verloren hätte, auf diese Ver- 
mutung, gesdiätzter Leser, kam niemand." 



Wir unterbrechen hier den Bericht des Erzählers, um daran 
zu erinnern, daß der Vater Edgar Poes Schauspieler, Tragöde, 
gewesen, nach übereinstimmenden Urteilen ein sehr mittel- 
mäßiger Schauspieler. Er wird wohl oft vor dem kleinen Kind 
Rollen, auch „Matamoros"-Rollen auswendig gelernt und auf- 
gesagt und mit der an schlechten Schauspielern zu beob- 



252 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



achtenden gutturalen Stimme vorgetragen haben. Gewiß 
Edgar war nicht mehr als eineinhalb Jahre alt, als sein Vater 
in New York das Haus verließ; aber das unbewußte Ge- 
däditnis kann sich an Ereignisse erinnern, die sehr weit zurüds- 
liegen. Und außerdem ließ das Spiel der andern schlediten 
Schauspieler — deren gibt es ja Legionen — , welche Mitglieder 
der Truppe jenes Herrn Placide waren, mit der Edgar in 
Begleitung seiner Mutter bis zu seinem dritten Lebensjahre 
reiste, die Erinnerung an den Vater nidit untergehen, alte 
Erinnerung und neue Erinnerungen verschmolzen daher mit- 
einander. Wie oft der kleine Edgar erstaunt den Proben zusah, 
bei denen seine Mutter mitspielte, wissen wir nidit; aber das 
frühreife Kind konnte kaum ständig vom Theater ferngehalten 
werden, in dem seine Mutter spielte, und in dem angeblich audi 
er selbst aufgetreten sein soll.^^" 

Wenn daher, nach unserer Meinung, Herr Mangel-an-Atem 
im wesentlichen den impotenten Edgar darstellt, so hat er 
nichtsdestoweniger auch einige Züge des Vaters David, des 
schlechten und deklamierenden Sdiauspielers an sich. Wie 
dieser ist Herr Mangel-an-Atem von einer unerwarteten 
Leidenschaft für das Theater erfaßt, von der gleidien 
Leidensdiaft, die David Poe dazu trieb, aus dem Haus des 
Vaters, des Generals, durchzubrennen. Das heißt: in dieser 
grotesken Gestalt des Herrn Mangel-an-Atem identifiziert sidi 
Poe auf sarkastische Weise mit seinem Vater, oder besser, er 
identifiziert seinen Vater mit sich. Dies ist eine Art postnumer 
Radie, die das Unbewußte ausführt: das im Grunde der Seele 
Poes hausende Kind sdieint in einer burlesken Wunsdiphantasie 
anzudeuten, der beneidete Nebenbuhler bei der Mutter, der 
Vater, sei nadi allem vielleicht nicht potenter gewesen als 
er selbst. 



|88a) Israfel, S. 20. 



Der verlorene Atem 



2J3 



Aber es tritt auch noch eine andere Gestalt in dieser Ge- 
sdaichte auf, eine Gestalt, die bisher nur erwähnt wurde und 
die erst am Schluß der Gesdiichte in ihrem vollen Glanz er- 
sdieint, obwohl sie in ihren Beziehungen zum Helden der 
Erzählung eine Hauptrolle spielt. Diese Gestalt ist Herr 
Windenough (Genug- Atem), der glückliche, triumphierende 
Nebenbuhler des Herrn Mangel-an-Atem. Herr Windenough 
wird mit allen Merkmalen der Macht (Potenz) ausgestattet 
dargestellt: er hat mehr Atem, als er braucht, ja mehr als 
irgend jemand braucht, wie wir später sehen werden; er ist 
der wahrhaft mächtige Vater, der er in Wirklichkeit war, der 
Mann, dem die Frau gehört, der mit ihr Kinder zeugt und 
den sie allen andern vorzieht. Das wird durch das Bündel 
von Liebesbriefen bewiesen, welches der Frau gehört, durch 
jenes Bündel, das sie als eine Kostbarkeit in der Lade auf- 
bewahrt, und das Herr Mangel-an-Atem dort auch entdeckt. 
Aber dieses erdichtete Bündel von Briefen, welches in der 
Gesdiichte die Rolle des Enthüllers spielt, erinnert uns an ein 
anderes, diesmal aber reales Bündel, das zu seiner Zeit im 
Leben Edgar Poes eine wichtige, vielleicht sogar eine analoge 
Rolle gespielt hatte. "Wir meinen nämlich das Bündel von 
Briefen, welches der Elizabeth Arnold gehört hatte und das 
außer einer Miniatur der kleinen Schauspielerin, einem Bild, 
das sie selbst vom Hafen von Boston gemalt, und einer 
Schmuckkassette alles war, was die beiden einzigen, bei ihrem 
Tod anwesenden Kinder erhielten, bevor sie von den Allans 
und den Mackenzies adoptiert wurden. Rosalie soll die Schatulle 
mitgebradit haben, als sie im Jahre 1846 nach Fordham kam. 
Die Briefe sollen später von Frau Clemm verbrannt worden 
idnP Man erzählt, daß Edgar, so lange er lebte, an ihnen 



89) Israfel, S. 13, 24, 141, 727, und in diesem Werk Bd. i, S. 18, 
19, ji und j2. 



2 54 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

gehangen sei, wie an allem, was von seiner Mutter gekommen 
war. Hat er die Briefe gelesen? Das darf bezweifelt werden 
wenn man an seinen starken Widerstand denkt, und an die 
Tatsache, daß er wohl fürchten mußte, in ihnen zu finden, was 
er gewiß in ihnen vermutete, und was sie vielleicht enthüllen 
konnten: den Beweis für die Untreue seiner Mutter und die 
außereheliche Abstammung seiner Schwester Rosalie. 

Wie immer dem aber auch gewesen sein mag, der Zweifel, ob 
Rosalie die Tochter David Poes gewesen, lag sozusagen in der 
Luft. Das Geburtsdatum Rosaliens kann nicht genau angegeben 
werden, wir kennen es nur — wie wir bereits gesagt haben — 
durch eine spätere Eintragung in der Bibel der Mackenzies, die 
besagt, Rosalie sei in Norfolk im Dezember 1810 geboren 
worden, d. h. sechs Monate nach dem Verschwinden David 
Poes in New York."" Die Tatsache allein, daß sie nach dem 
Tode ihres Vaters oder so viel wie nach dem Tode ihres Vaters 
geboren wurde — denn ob nun David Poe im Oktober 
gestorben ist, wie ein einziger Zeitungsausschnitt berichtet,^^ 
oder später, bleibt gleiciigültig; er war aus dem Leben der Frau 
verschwunden — , die Tatsache allein mußte zu Vermutungen 
und Klatsch über die junge Schauspielerin Anlaß geben. Diese 
Vermutungen sind wohl auch von John Allan, der darüber 
wenig erfreut war, daß seine Frau das Kind umherziehender 
Schauspieler adoptierte, frühzeitig ausgebeutet worden. In dem 
Brief an Henry Poe vom November 1824, in dem John Allan 
seinem Mündel bittere Vorwürfe macht, läßt er einfließen: 

„Möge zwischen Euch beiden (Henry und Edgar) Eure arme 
Sdiwester Rosalie nicht leiden. Schließlidi ist sie Eure Halbschwester, 
und Gott bewahre uns davor, mein lieber Henry, an den Lebenden 
die Irrtümer der Toten zu rächen.""' 

90) Siehe Bd. I, S. 12, Fußnote 2a. 

91) Siehe Bd. I, S. 11. 

92) Israfel, S. 125. 



I 




Der verlorene Atem ^rj 



Um diese Anspielungen, durdi die der jugendliche Stolz des 
aus Mitleid angenommenen Kindes leiden mußte, zurückweisen 
zu können, verlegte Edgar Poe, der übrigens in biographischen 
Daten niemals gewissenhaft gewesen, das Datum des Todes- 
tages David Poes auf die Zeit nadi dem Tod seiner Mutter. Er 
schrieb zum Beispiel seinem Vetter William Poe: 

„Mein Vater David starb, als ich ungefähr zwei Jahre alt war; 
meine Schwester Rosalie war ein kleines Kind, das nodi nidit gehen 
konnte. Unsere Mutter starb einige Wochen vor ihm."^'' 

Das ist, ganz abgesehen vom ersten Teil der Mitteilung, 
sicher falsch, und Poe mußte wissen, daß es falsch war. Der 
Sdilüssel des Geheimnisses, das ihn verwirrte und die Daten 
ändern ließ, war wahrscheinlich in jener alten Schmuckschatulle 
gelegen, in der Erbschaft Rosaliens, in dem Bündel Briefe. Hat 
jemand je diese Briefe gelesen? Vielleicht Frau Clemm, bevor 
sie sie verbrannte. Aber wenn die zärtliche und einfache Frau 
das Geheimnis gekannt hat, dann hat sie es mit sich ins Grab 
genommen. 

Sicher ist, daß das Faktum einer Untreue seiner Mutter dem 
Vater gegenüber — ob es nun Realität war oder Phantasie — 
im Unbewußten Poes eine enorme Rolle spielte. Diese Untreue 
bekam die Wichtigkeit einer psychischen Realität, wobei es 
übrigens ganz gleichgültig war, wie immer die physische 
Realität ausgesehen haben mag; diese Untreue war für sein 
Leben ungefähr ebenso wichtig, wie die von der öffentlidien 
Meinung behauptete Untreue der Leetitia Bonaparte mit dem 

„Between you, your poor Sister Rosalie may not suffer. At least 
she is half your sister and God forbid my dear Henry that we 
should Visit upon the living the errors of the dead." 

93) Poe an "William Poe, Richmond, 20. August 1825 (V. E., 
Bd. 17, S.ij): 

„My father David died when I was in the second year of my 
age, and when my sister Rosalie was an Infant in arms. Our mother 
died a few weeks before him." 



2j6 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Gouverneur von Marbeuf es für die Seele des kleinen Napoleon 
gewesen ist.'* 

Aber im Fall der Elizabeth Poe scheint die Tatsadie selbst 
eher Wirklidikeit gewesen zu sein als in dem der Laetitia, die 
Untreue der gebrechlichen englisdien Schauspielerin scheint uns 
eher erwiesen als die der korsischen Cornelia. Hervey Allen ist 
anderer Meinung als ich; ich weiß allerdings nicht, auf welche 
Dokumente er sich dabei stützt: „Alle authentischen Daten und 
die bekanntgewordenen Tatsachen zeigen, daß der Verdadit, 
weldier naditräglich das Andenken an Frau Poe trübte, nicht 
nur unmensdilidi, sondern audb falsch gewesen ist.'''^ Das 
Datum der Geburt Rosaliens ist ungewiß, man hielt es für gut, 
daß die Briefe der Frau Poe vernichtet wurden; man muß 
daher annehmen, daß nur die puritanische Atmosphäre 
Amerikas Hervey Allen zu dieser Entsühnung seiner Heldin 
veranlaßt haben kann, zu dieser Reinigung von einer „Sünde", 
die in unserer Zeit täglich begangen wird, auch in seinem Land, 
und ohne als Schandtat taxiert zu werden. 

Ich neige also eher zu der Allen entgegengesetzten Meinung, 
ohne natürlidi, auf hundertzwanzig Jahre Distanz, mit einer 
sicheren Behauptung kommen zu können. Und ich möchte den 
Einfall nicht abweisen, daß Edgar Poe in der Gestalt des Herrn 
Windenough die Züge des Geliebten seiner Mutter und die 
ihres Gatten verdichtet hat, natürlich unter dem Druck seines 
Unbewußten und ohne sein Vorgehen zu „verstehen". Auf die 
gleiche Weise entstehen audi unsere Träume, und sie werden 
von uns gleidifalls die meiste Zeit hindurdi nicht verstanden. 
Die Aufgabe des Analytikers besteht nun gerade darin, den 
verborgenen, latenten Sinn der Träume und Tagträume aus 
ihnen herauszuholen. 



1 



94) L. Jekels, Der Wendepunkt im Leben Napoleons L (Imago, 
IV, 1914). 

9j) Israfel, S. 14 f. 



1 



Der verlorene Atem 



%$y 



Der allen Gestalten der Erzählung gemeinsame und wesent- 
liche Zug, ob es sidi nun um die erdachte Persönlichkeit handelt, 
um den Gatten oder Liebhaber, den realen oder den eingebil- 
deten Verehrer, besteht in der Macht des „Atems", des Haudis, 
der Henry, Edgar und dann Rosalie gezeugt hat. Mit diesem 
Atem" werden wir uns jetzt beschäftigen, wir wollen uns 
klar machen, warum das Unbewußte des impotenten Edgar 
Poe das Atmen, den Hauch zum Symbol für die männliche 
Potenz gemacht hat. 



Ernest Jones hat in seiner schönen Arbeit The Madonna's 
conception through the ear^^ gezeigt, daß der ursprüngliche Sinn 
des Mythos von der Verkündigung darin bestand, daß die 
Jungfrau durch die "Worte der Engel und den Hauch Gottes 
oder des Heiligen Geistes, die im übrigen nur eins sind und 
durch das Ohr dringen, befruchtet wurde. Der heilige Augu- 
stinus hat geschrieben: „Deus per angelum loquebatur et Virgo 
per aurem impraegnebatur."^'' Das Breviarium der Maroniten 
drückt das so aus: „Verbum patris per aurem benedictae in- 
travit."^^ Und eine Hymne, die von einigen dem Thomas a 
Becket, von anderen dem heiligen Bonaventura zugesdirieben 

wird, singt: 

Gaude, Virgo, mater Christi, 

Quae per aurem concepisti, 

Gabriele nuntio. 
Gaude, quia Deo plena 
Peperisti sine pena 

Cum pudoris lilio. 



96) Zuerst veröffentlidit im Jahrbudi der Psydioanalyse, 1914, 
Bd. VI, S. 135 — 206 („Die Empfängnis der Jungfrau Maria durdi 
das Ohr"). 

97) Sermo de Tempore, XXII. 

98) Manuskript von Bodley, Latein. Liturgie, Folio X, Bd. XCI. 

Bonaparte: Edgar Poe. II. 17 




2j8 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Jones zitiert auch eine französisdie Fassung dieser Hymne 
die aus dem siebzehnten Jahrhundert stammt: 

Rejouyessez-vous, Vierge, et Mere bienheureme, 
Qtii dans vos chastes fiancs congeutes par l'ouyr, 
L'Esprit-Sainct operant d'un tres-ardent desir, 
Est l'Ange l'annongant d'une voix amoureuse.^^ 

Von Sankt Eleutherius^°° stammen die Worte: „Oh gebene- 
deite Jungfrau . . ., die Du ohne Mitwirken des Mensdien 
Mutter geworden bist! Denn das Ohr war hier die Gattin, 
das Engelswort der Gemahl." 

Wir könnten, nach Jones, noch eine Fülle von andern 
Zitaten, die den Kirchenvätern und anderen geistlichen Autoren 
entlehnt sind, für unsern Zweck vorbringen. Wir begnügen uns 
(ebenfalls nach Jones) mit dem Hinweis auf die Beobachtung, 
daß der Mythos von der Konzeption eines Gottes oder Helden 
durdi das Ohr keine Eigentümlidikeit des Christentums ist, 
obwohl er vielleicht hier seine vollkommenste Form erreicht 
hat. Chigemouni zum Beispiel, der mongolische Retter, der 
die vollkommenste aller irdischen Jungfrauen, Mahaenna oder 
Maya, zur Mutter machen wollte, befruchtete sie durch das 
rechte Ohr, indem er ihren Schlaf ausnützte. Und in der 
Mahabharata wird die keusche Jungfrau Kunti, die Mutter des 
Helden Karna, deren Name übrigens Ohr bedeutet, von dem 
Sonnengott auf dem gleichen "Wege befruchtet. 

Und diesen Weg wählt auch der burleske Held Poes, um 
sich seiner Frau zu ,, nähern". Der Unterschied im Ton, der 
zwischen den religiösen Mythen und den burlesken Geschiditen 
liegt, ändert nidits am Sinn einer fundamentalen Symbolik, 
und wir erinnern uns hier daran, daß auch der Gargantua des 
Rabelais durch das Mutterohr geboren wurde. 

^s) Langlois, Essai sur la peinture sur verre, 183a, S. 157. 
100) St. Eleutherius Tornacensis, Serm. in Annunt. Fest., Bd. LXV, 
S. 96. 



1 



I 



Der verlorene Atem 



259 



Verlassen wir nun das rezeptierende weiblidie Ohr und be- 
schäftigen wir uns mit dem befruchtenden männlichen Atem. 
\^ir überschlagen die Ausführungen über die Taubensymbolik, 
der Jones ein ganzes Kapitel seiner Arbeit gewidmet hat, und 
die uns hier deshalb nicht interessiert, weil sich Poe im Ver- 
lorenem Atem nicht eines Vogels, des Sohnes der Winde, 

■ bedient, sondern des Hauchs, des Atems. Dann aber finden wir 
in der Arbeit Jones' eine reiche Menge von Beispielen, die 
beweisen, daß dem menschlichen Atem und in weiterer Aus- 

I dehnung auch dem "Wind in allen seinen Formen eine befruch- 
tende Macht zugesdirieben wird. Der Mund ist zwar durch die 
Tatsache, daß er eine Öffnung ist, für gewöhnlidi ein "Weib- 
symbol, er wird aber ebensoleicht durdi die phallische Zunge 
und die Tatsache, daß man durdi ihn spudst oder atmet, auch 
zum Symbol der Virilpotenz. 

Die Genesis spricht den Gedanken, daß der Hauch 
sdiöpferisdi ist und zeugen kann, so aus: „Gott formte den 
MenscJien aus dem Staub der Erde und blies ihm durch die 
Nasenflügel den Hauch des Lebens ein; so wurde der Mensch 
ein beseeltes "Wesen."^"^ Und in den Psalmen steht: „Durch 

[das Wort Gottes wurden alle Himmel geschaffen und durdi 
den Hauch seines Mundes alle ihre Gestirne."^"^ 

"Wenn wir von der biblischen Theogonie zur Mythologie 
oder zur Folklore übergehen, dann erfahren wir, daß dem 
Wind in der ganzen "Welt befruchtende Macht zugeteilt wird, 
die sich nicht nur bei Ernten und bei der Erde auswirkt, 
sondern auch bei Tieren und Frauen, einfadien Sterblidien oder 

; Göttinnen. "Wird nicht die Hera der griechischen Mythologie 
durdi den "Wind, der dadurch der Vater des Hephaistos ist, 
befruchtet? Und glaubten nidit die Frauen verschiedener 



loi) Genesis, II, 7. 
102) Psalm, XXXIII, 6. 



17' 



26o Die GesMchten: Der Zyklus Mutter 

Stämme Zentralaustraliens/"^ daß der "Westwind Kinderkeime 
mit sich bringe, vor denen sie schreiend in ihre Hütten flohen? 
Die alten Völker meinten eine Zeitlang, die Frauen von 
Cypern konzipieren auf diese "Weise. Man könnte Beispiele 
dieser Art bis ins Unendliche vermehren. Ja, man glaubte sogar, 
daß diese Kraft sich auch bei den Tieren auswirke. Freud er- 
innert uns in seiner Arbeit über Leonard o^°* an den Aber- 
glauben der Antike bezüglich der Geier, die alle Frautiere sind, 
und die empfangen haben sollen, indem sie ihre Kloake dem. 
"Wind öffnen, ein Glaube, der derart verbreitet war, daß 
Origines ihn zitierte, um die parthenogenisdie Geburt des 
Jesus Christus zu beweisen. In Samoa wird diese Fähigkeit den 
Schnepfen zugeteilt,^"^ nach St. Augustin den Stuten von 
jjl I Cappadozien,^"" nach "Virgil denen von Böotien,i" nach Plinius 

'" den Tieren von Lusitanien.^"^ Aristoteles^"^ und Plinius^^" be- 

lehren uns, die Schnepfen könnten auf diese "Weise unter der 
Bedingung befruchtet werden, daß der "Wind über ein männ- 
liches Tier ihrer Gattung herstreiche, eine Befruchtung, die an 
die gewisser Pflanzen mit getrennten Gesdileditern erinnert, 
und uns damit zum ursprünglichen Sinn aller dieser Befrudi- 
tungen durch den "Wind zurückführt. Sie sind augenscheinlich 
alle anthropomorph gedacht und wurden erst dann auf den 
vom Himmel kommenden "Wind übertragen, als auch der 
mensdiliche "Vater in diesen Himmel projiziert worden war. 

103) StreLlow, Die Aranda- und Loritja-Stämme in Zentral- 
australien, 1907, S. 14. 

104) Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci, 1910. 

105) Sierich, Samoanisdie Märdien (Int. Ardiiv für Ethnographie, 
Bd. XVI, S. 90). 

106) Civ. Dei, XXI, j. 
||ii| 107) Virgil, Georgica, III, 266 — 276. 
»*' 108) Plinius, Hist. nat., VIII, 67. 

109) Aristoteles, Hist. anim., V, 4. 

iio) Plinius, X, 51. Alle Hinweise nadi Jones. 



I 



Der verlorene Atem 261 

Aber wie ist die unbewußte Phantasie des Mensdien dazu- 
gekommen, das schöpferische Fluidum gerade durch den Haudi 
oder den Wind, durch den Hauch des Himmelsvaters, zu er- 
setzen, das Fluidum, das aus dem Phallus strömt, durch das 
Fluidum, das aus dem Mund kommt? "Wir haben schon darauf 
hingewiesen, daß der Mund, der eine Öffnung ist, zu dem aber 
äudi die Zunge, der Speidiel und das Atmen gehören, als 
Svmbol sowohl das männliche als auch das weibliche Ge- 
schlechtsorgan darstellen kann. Wir müssen jedoch noch ein 
Zwischenglied auf unserm Weg erwähnen, das erste, infantile 
Vorbild für ein Organ, welches auf eindrucksvolle Art zu 
„hauchen" imstande ist. Dieses Organ ist der Anus, dessen 
Funktionieren für das kleine Kind in höchstem Maße mit 
Libidointeresse besetzt ist — , trotzdem diese Tatsache den 
zivilisierten Erwachsenen, bei denen die Analerotik sehr ver- 
drängt wurde, mißfällt. Man wird hier vielleicht einwenden, 
daß das Faktum des Atmens von unvergleiclilich vitalerer 
Wichtigkeit ist als jenes andere, den Wind abzulassen. Dem 
kleinen Kind aber ist diese zweite Handlung die wichtigere. 
Um das zu verstehen, muß man das Libidinöse vom Vitalen 
unterscheiden können. Die vitale Funktion des Atmens, aber 
auch die des Blutkreislaufs haben (obwohl von ihnen das Leben 
abhängt) im Unbewußten nidit die gleiciien Vertreter, wie die 
es sind, welche durch die Analyse aufgefunden werden und die 
zu den im eigentlichen Sinn libidinösen Funktionen gehören, 
wobei es gleichgültig bleibt, ob diese Funktionen anal, 
oral, phallisch oder später gar genital sind. Man muß geradezu 
von Atmungsbeschwerden befallen sein, um auf die Atmung 
aufmerksam zu werden. Der von unten nacii oben, zur Atmung 
hin transponierte Flatus aber hat die vitale Handlung, das 
Atmen, mit dem Libidointeresse besetzt, das wir in der Mytho- 
logie, im Märdien und in der Legende an ihm entdedien 
können. "J,«?;^. 






2.61 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Daß der Flatus von solcher Bedeutung ist, wird uns nidit 
nur durch die Analysen von Zeitgenossen bewiesen, sondern 
audi durch Zeugnisse in Schriften aus der Antike, die bis zu 
uns gekommen sind. 

„Das Pneuma (der Griechen) durchkreiste den ganzen 
Körper, regulierte die Ernährung, erzeugte Gedanken und 
Samen, und leitete nach Aristoteles zu dem Herzen die Emp- 
findungsbewegungen, die ihm selbst von außen durch die 
Sinnesorgane mitgeteilt wurden." Bei den Griechen war „der 
Begriff der Respiration außerordentlich umfangreich . . ., da 
außer dem Atmen noch viele Prozesse unter diesem Ausdrucke 
verstanden wurden. Aristoteles zum Beispiel behauptet ent- 
schieden, daß das Pneuma des Körpers, dessen Bedeutung wir 
eben kennengelernt haben, nicht vom Atmen herkomme, son- 
dern eine aus gewissen Prozessen, die im Innern des Körpers 
selbst (vor allem im Unterleibe) vor sich gehen, resultierende 
Sekretion sei; noch ausdrücklicher sagt Galien, daß das psychi- 
sche Pneuma teilweise den Dünsten der verdauten Nahrung 
entstamme".^^^ Die Griechen stellen sich „das Respirations- 
und das Verdauungssystem in enger Verbindung miteinander 
vor ... Sie identifizieren nicht nur die Aufnahme der Luft, 
den darauffolgenden Wandel derselben im Innern des Körpers 
und ihre endliche Ausscheidung mit der der Nahrung, sondern 
sie schrieben auch dem Einflüsse der ersteren die Prozesse zu, 
durch welche die letztere genügend verdünnt wird, um durch 
den Körper geleitet zu werden; die zugrunde liegende Idee 
scheint, mit vielen Modifikationen natürlich, folgende gewesen 
zu sein: die eingeatmete Luft erreichte den Magen entweder 
durcii den Blutstrom oder durch den Ösophagus (der, wie sie 



iii) Nach Brett, A History of Psycljology: Ancient and Patristic, 
1912, S. 118 und 291. Diese und die folgende Stelle sind Zitate aus 
Jones, S. 159. 




Der verlorene Atem 16}, 



glaubten, zum Herzen führte) und bewirkte dort die Ver- 
dauung; das Produkt dieses Prozesses war das innere Pneuma, 
das also eine Kombination von Luft und Nahrung darstellte. 
Von diesem Standpunkt aus betrachtet", schließt Jones, „ist 
es klar, daß das Pneuma nicht bloß ein symbolisches Äqui- 
valent der im Körper erzeugten Gase ist, sondern direkt und 
entschieden mit ihnen identifiziert wurde". 

Die Auffassung der Veden zeigt, daß sie in diesem Punkt 
der der griechischen Medizin ähnlich ist. Die fünf Pränas 
(— Hauch) scheinen sich im Menschen in die Arbeit geteilt zu 
haben. Die erste, die eigentliche Prana, wurde sehr häufig mit 
der Atmung, dem „aufwärts Hauchen" identifiziert, die zweite, 
Apäna, der „abwärts Hauchende", bedeutet zwar bisweilen 
Geruchsinn und Einatmen, für gewöhnlich aber den bei der 
Verdauung entstehenden "Wind, der seinen Sitz in den Ein- 
geweiden hat. Er stammt vom Nabel des Urmenschen. Er ent- 
fernt die Exkremente des Darmes, . . . und herrscht über die Or- 
gane der Entleerung und Zeugung. Der Vyäna oder „nach rück- 
wärts gehende Hauch" gesellt sich zu dem "Winde der Verdau- 
ung und kreist durch die Blutgefäße. Der Samäna oder „All- 
hauchende" verbindet den Präna mit dem Apäna und treibt 
die Nahrung durch den Körper. Diese beiden zuletzt Genannten 
bilden offenbar zusammen das „innere Pneuma" der Griechen. 
Schließlich der Udäna, der „hinauf oder hinaus Hauchende", 
bisweilen „der "Wind des Ausganges" genannt, er weilt im 
Schlund und läßt das, was gegessen und getrunken wurde, 
wieder emporkommen oder sciilingt es hinab. Der Udäna, der 
natürlich die Gase bedeutet, die aus einem geblähten Leib 
wieder emporsteigen, bildet ein interessantes Gegenstück zum 
Apäna; letzterer wird nämlich in aller Form mit dem Tode 
selbst identifiziert, während ersterer die Seele nach dem Tode 
aus dem Körper führt. Die Verbindung zwischen ihnen ist 
natürlich sehr eng, denn sie repräsentieren beide im Körper- 




2^4 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Innern entstandene Gase, die nach aufwärts und nach abwärts 
entweichen können.^^^ 

Es mag seltsam erscheinen, daß die erste Vorstellung, die 
sidh das Kind oder der primitive Mensch vom Hauch, von 
einem Sdiöpfungsakt macht, auf intestinale "Weise vor sidi 
geht. Aber wenn wir einen Augenblick auf die Vorurteile und 
ironischen Einfälle eines Erwachsenen verzichten, unsere Phan- 
tasie entsprechend bemühen und uns mit einem ganz kleinen 
Kind zu identifizieren versuchen, dann können wir diese Vor- 
stellung verstehen. Die erste „Schöpfung" des Kindes sind eben 
seine Exkremente, Urin oder Fäkalien, wobei die letzteren 
wichtiger sind, weil sie fest sind und nicht wie das Wasser 
verschwinden können. Außerdem hat das durch den Erzieher 
noch nicht gehemmte Kind an dem Lärm, der das Ausstoßen 
der Materie begleitet, seine Freude, er ist ein Zeichen von 
Kraft und Macht, und Spuren dieses seltsamen Stolzes finden 
wir sogar unter uns bei Menschen mit primitiver psychisdier 
Konstitution^^^*. 

Die Geräusche gar, die D o n n e r, die von dem mächtigen, 
gefürchteten "Wesen, dem Vater, herrühren, wecken in der in- 
fantilen Seele Furcht und Verehrung, und werden in der Folge 
leicht zum Donner des Zeus oder dem Hammerschlag Thors. 
Und noch eine letzte Tatsache verschafft der Symbolik des 
Hauchs, des Atems, der Atmung ihren bedeutenden Einfluß. 
Das kleine Kind ist häufig Zeuge des Sexualakts der Erwach- 
senen, die den jungen Beobachter nicht genügend beachten; 
jene Beobachtungen lassen im Unbewußten die unauslösdibaren 
Spuren zurück, welche durch die Analyse aufgedeckt werden. 
Das Kind hat eben vorgebildete Triebmechanismen in sich. 



1 



IIa) Jones, S. 161I161. Die Bemerkungen Jones sind nach seinem 
Hinweis den Upanishaden und versdiiedenen Büchern der Vedas 
entlehnt (Ausgabe Müller). 

112a) Siehe den Jesus-Christ in „La Terre" von Zola. 



Der verlorene Atem 26$ 

^die bereit sind, Äußerungen des gleichen Triebs aufzunehmen, 
fso seltsam das auch den verächtlich dreinblickenden und allzu 
schlecht unterriditeten Erwachsenen vorkommen mag. 

Die Beobachtung eines Koitus erfolgt nun besonders durch 
zwei, und zwar durch die „edelsten" Sinne, den Gesichts- und 
den Gehörssinn; am häufigsten vermutlich durch das Ohr, 
ida der Sexualakt gewöhnlich im Dunklen vor sich geht. 

Und wodurch wird der Sexualakt für das Ohr charakte- 
[risiert? Durch keudienden Atem, Stöhnen, Seufzer. Manchmal 
1 auch — so wenig poetisch auch diese Erwähnung wirken mag 
, . — durch "Winde, die bei der Frau abgehen, da ihre Eingeweide 
lin der gewöhnlichen Koitusstellung zusammengedrückt werden. 
Das Kind schreibt nun — was Analysen beweisen — diese 
I Donner immer dem Vater zu, dem fürchterlichen Vater, dem 
mächtigen Gegner der Mutter beim Koitus, welcher in der 
.ursprünglichsten Auffassung für einen sadistischen Angriff ge- 
lhalten wird. Manche Donnerphobien, Explosionsphobien, die 
I bei Neurotikern auftauchen, stammen von diesem Anallärm 
ab, der den Genitalakt des gefürchteten Vaters begleitet, und 
die Tatsache, daß der Orgasmus, der doch eher als ein kaum 
geräuschvoller Vorgang zu charakterisieren ist, häufig durch 
eine Explosion symbolisiert wird, muß zum Teil wenigstens 
von diesen Ereignissen herkommen. 

Die engen zeitlichen und räumlichen Zusammenhänge 
zwischen der keuchenden Atmung beim Koitus und den 
Winden, die ihn manchmal begleiten, sind wohl die Ursache, 
warum das Libidointeresse von dem einen Vorgang auf den 
anderen übergeht. Und außerdem bietet die Symbolisierung 
der männlichen Potenz durch den Hauch den Vorteil, daß sie 
bei einem Menschen, der nach dem Beispiel Poes zu sehr die 
Geschleditlichkeit fürchtet, den Ausdruck für männliche Kraft 
in eine prägenitale, ja sogar präphallische, und dem Schein 
nach unschuldige Sprache verlegen kann. 



266 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Jones hat auch gezeigt, wie die Ägypter das Krokodil, das 
durch seine Unbeweglichkeit und Schweigsamkeit ein Symbol 
der Impotenz ist, trotzdem zum Phallussymbol par excellence 
machten, so daß es dem legendären Phönix gleich wurde, der 
sich, wie der Penis, aus der Asche erhebt. Etwas Ähnliches 
scheint auch bei der Darstellung der Mannespotenz durch den 
Hauch vorzuliegen, durch den Hauch, der vorwiegend anal ist: 
sie ist sozusagen eine Symbolisierung der Potenz 
durch Impotenz und befriedigt gleichzeitig zwei "Wün- 
sdie, den einen, den Vater zu strafen, und den andern, ihn 
zu preisen. Bei diesem Symbolschema braudbt man den Phallus 
tatsächlich nicht: der Hauch ersetzt ihn. Diesem Haudi ist 
nämlich durch Verschiebung phallische Allmacht verliehen: der 
Haudi und Schall der Trompeten von Jericho legte die Mauern 
dieser Stadt nieder, welche wie Samarla, Ninive, Troja und 
Asdod ihre Tore „erst lange versperrt, dann aber geöffnet 
hatte". Die Verlagerung des Hauchs von unten nach oben (ein 
häufiges Ergebnis der Verdrängung) verdöckt den analen Ur- 
sprung dieses Begriffs vom zeugenden Atem. 

Wenn wir nach dieser Analyse des griechischen Pneumas 
und des vedisdien Apäna, vom schöpferischen Atem Gottes 
zu dem Atem übergehen, den der arme Herr Mangel-an-Atem 
verloren, dann werden wir den analen Ursprung dieses Haudis 
an verschiedenen Einzelheiten erkennen können. Wir geben nur 
zwei Beispiele. Herr Mangel-an-Atem glaubt, seinen Atem in 
dem Augenblick wiederzufinden, in dem er eine Flasche Arch- 
angelsköl (das er en passant dem Leser empfiehlt) zerbricht. 
Ursprünglich hatte Poe nadi dem Wort Flasche (bottle) in 
Klammer einen später gestrichenen Satz gesetzt, in welchem 
der Held erklärte: „Ich hatte einen bemerkenswert an- 
genehmen, wohlriechenden Atem.""^ Nun weiß jeder Ana- 



113) / had a remarkably sweet breath (V. E., Bd. 2, S. 3J7). 




Der verlorene Atem 



167 



Ivtiker, und er kann diese Beobachtung jeden Tag am Menschen 
nachprüfen, daß die Liebe zu Parfüms unmittelbar analeroti- 
cdien Ursprungs ist. Das Gefallen an "Wohlgerüchen kommt 
yon dem Gefallen an schlechten Gerüchen, die für die 
Kinder ursprünglich auch gute Gerüche, Wohlgerüche, gewesen 
sind, bevor das Gefallen an ihnen durch den Druck der Er- 
ziehung ins Gegenteil verdrängt, in Ekel verwandelt wurde. Bei 
den Tieren, besonders bei den Hunden, ist der Gefallen an der 
ursprünglich duftenden Materie erhalten geblieben; aber audi 
bei vielen Menschen gibt es noch unverwandelte Spuren dieses 
Geschmacks, die man zum Beispiel in der Tatsache entdecken 
kann, daß sie stark riechende Käse lieben, Fleisdti mit "Wild- 
geruch essen und Schnepfendreck. Aber der größte Teil der 
infantilen Liebe zu dem Gerudi der Produkte aus den Ein- 
geweiden ist ganz allgemein bei den zivilisierten Menschen in 
ein Gefallen an Parfüms umgewandelt worden, die auf eine 
angeblich entgegengesetzte "Weise die Geruchsschleimhaut 
kitzeln. Der anale Ursprung des Parfümreizes klingt jedoch 
noch in der Volksmeinung nadi, nach welcher diese "Wohl- 
gerüche zum größten Teil aus Rückständen von Fäkalmaterien 
fabriziert werden. 

Die Tatsadie, daß Poe in Der verlorene Atem 
gerade die kleine Stelle unterdrückt hat, weldie den Zusammen- 
hang von Parfüm und menschlichem Atem verrät („Ich hatte 
einen bemerkenswert angenehmen, wohlriechenden Atem"), ist 
für uns daher nicht ohne Interesse. Der Satz selbst enthält nichts 
Verletzendes und verdiente seine Verbannung nicht; er ver- 
unstaltet auch nicht besonders den übrigen Text. Poe hat ihn 
unterdrückt, weil ein undeutliches Gefühl ihn ahnen ließ, daß 
er eine zu deutliche und anstößige Anspielung enthalte. 

Und wir erinnern uns schließlich nocii daran, daß die tiefe, 
gutturale Grabesstimme, die dem Quacken der Frösche sehr 
ähnlich ist, und mit der Herr Mangel-an-Atem spricht, nadti- 



2^8 Die Gesdiidjten: Der Zyklus Mutter 

dem er die Atmung verloren hat, an das Brummen der 
Intestinalwinde erinnert, denen der Ausgang versperrt bleibt 

* 
Wir haben Herrn Mangel-an-Atem am Tag vor seiner Ab- 
reise aus dem ehelichen Heim verlassen. Wir folgen ihm nun 
auf seiner „Flucht", denn wir haben es audi hier wie bei Poe 
der verschiedene Male vor der durch die Frau drohenden 
Gefahr floh, mit einer Flucht zu tun. 

„Als endlich alle meine Angelegenheiten geordnet waren, belegte 
ich eines Morgens in aller Frühe einen Platz in der nach 
fahrenden Postkutsche; meinen Bekannten hatte ich erzählt, eine 
dringende geschäftliche Angelegenheit von großer Wichtigkeit er- 
fordere meine persönliche Anwesenheit in dieser Stadt. Der Wagen 
saß gerappelt voll; da es indessen noch sehr früh war, konnte idi in 
dem ungewissen Dämmerlicht die Gesichter meiner Reisegefährten 
nicht erkennen. Widerspruchslos ließ ich mich zwischen zwei Herren 
von riesenhaftem Leibesumfang unterbringen, indessen ein dritter, 
womöglich noch größerer und ditherer Fahrgast sich, sobald die 
Pferde angezogen hatten, mit der Bitte um freundliche Entsdiuldi- 
gung über mich warf und alsbald fest einschlief. Meine in schüchternen 
Kehltönen vorgebrachten Einwendungen ertranken rettungslos in dem 
starken, regelmäßigen Schnarchen meines Peinigers, so laut war es, 
daß es das Brüllen des Ochsen {bull) von Phalaris übertönt haben 
würde." 

So taucht zum erstenmal in dieser Geschichte die er- 
drückende Vater-Imago auf, in körperlicher Gestalt, der Mann 
(mit dem potenten Atem), welcher (und zwar nur wegen seines 
Atems und Brüllens) mit dem Phallustier par excellence, mit 
dem Stier, verglichen wird. Dieser Reisende, der sich keinen 
Zwang auferlegt, allem Anschein nach ein Geschäftsreisender, 
scheint nun ganz besonders mit den Zügen John Allans ver- 
sehen zu sein; die Art, wie er später sein Opfer behandelt, 
wird unsere Vermutung bestätigen. Poe will uns hier wohl 
auf seine Art sagen, daß John Allan es war, der ihn er- 
drückt hat. „Glücklicherweise schloß der untätige Zustand 




Der verlorene Atem 269 



meiner Atmungsorgane eine Erstickungsgefahr aus." Poe sdieint 
sich unbewußt vorgestellt zu haben, daß das Opfer seiner 
männlichen Potenz es ihm gestattete, die Integrität seines Ichs 
zu bewahren. 

„Als es jedodi allmählidi ganz hell geworden war, und wir die 
Vorstädte . . . erreicht hatten, erhob sich mein Quälgeist von mir, 
sdiob seinen Hemdkragen zurecht und dankte auf recht verbindliche 
Art für meine Höflichkeit. Ich aber blieb bewegungslos, kein Glied 
vermochte ich zu bewegen, mein Kopf hing schlaff auf der Seite. 
Da schöpfte der dicke Herr einen jähen Argwohn. Er machte sofort 
die andern Fahrgäste munter und eröffnete ihnen kurz und bündig, 
er habe sich davon überzeugt, daß an Stelle eines lebendigen und 
für seine Handlungen verantwortlichen Menschen eine Leiche ein- 
geschmuggelt worden sei. Um die 'Wahrheit dieser seiner Behauptung 
zu erhärten, versetzte er mir einen heftigen Schlag auf das redite 
Auge." 

Wir begegnen hier wieder dem Thema vom Auge, das wir 
sdion im Goldkäfer angetroffen haben, und ein Auge 
lag neben falsdien Zähnen und Hüften auch in der Schublade, 
die Herr Mangel-an-Atem geöffnet hatte; wir stehen also 
neuerlich dem symbolischen Kastrationsthema gegenüber, das 
im ausgestochenen Auge der Schwarzen Katze seine 
vollendetste Ausführung erreichen wird. 

Dieser Faustschlag auf das Auge ist übrigens nur ein Vor- 
spiel zu den Szenen, die nun folgen werden und auf mannig- 
faltige Weise der Kastrationssymbolik dienen. Nachdem Herr 
Mangel-an-Atem tatsächlich von allen Reisenden — es sind 
deren neun, nach der heiligen Zahl — bei den Ohren gezogen 
und von einem unter ihnen, der Arzt ist und ihm einen Spiegel 
vor den Mund hält, den er wegen seines Mangels an Atem 
nicht anhaudien kann, für tot erklärt worden ist, wird der 
Unglückliche nach gemeinsamem Entschluß auf die Straße ge- 
worfen. 

„Wir hatten gerade das Wirtshaus ,Zur Krähe' {crow) erreidit, 
als man mich ergriff und ohne weiteres aus dem Wagen warf. Idi 



27° Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

geriet dabei unter das linke hintere "Wagenrad, das mir über beide 
Arme ging; natürlidi geschah mir gar kein erheblicher Schaden dabei 
Ich muß übrigens dem Kutscher hier geben, was des Kutschers ist 
und erwähnen, daß er es nicht versäumte, meinen Koffer hinter mit 
dreinzuwerfen. Dieser Koffer landete leider auf meinem Kopfe und 
brachte meiner Schädeldecke eine ungewöhnlidie, höchst bemerkens- 
werte Verletzung bei." 

Und nun taudit eine andere, noch deutlidier mit der 
Kastrierung im Zusammenhang stehende Vater-Imago auf. 
Nachdem nämlich der Wirt des Gasthauses „Zur Krähe" in 
dem Koffer Dinge gefunden hat, die eine hinreichende Ent- 
schädigung sicherstellen können, läßt er einen Chirurgen 
kommen, dem er Herrn Mangel-an-Atem mit dem einge- 
schlagenen Schädel, den gebrochenen Armen gegen „eine Be- 
stätigung über zehn Dollar" übergibt. Es folgt nun die Be- 
schreibung der ärztlichen Behandlung: 

„Der Arzt bradite mich in sein Operationszimmer und begann 
sofort mit Wiederbelebungsversuchen. Nachdem er mir die Ohren 
abgeschnitten hatte, konnte er bereits Lebenszeichen feststellen. Er 
klingelte und sciickte zu einem in der Nähe wohnenden, als Wissen- 
schaftler bestens bewährten Apotheker, um gemeinsam mit ihm 
weitere Versuche anzustellen. Für den Fall, daß seine Vermutung, 
die mich noch zu den Lebenden zählte, sich als richtig erweisen 
sollte, machte er als umsichtiger Mann einen Eingriff in meinen 
Bauch und entfernte einen Teil der Eingeweide daraus, um sie 
einer gesonderten Untersuchung zu unterziehen." 

Hier erreicht die symbolische Kastrierung, die an ihm vor- 
genommen wird, den Gipfel; sie hindert ihn aber nicht weiter- 
zuleben, trotz der Meinung des Apothekers, der ihn für tot 
hält. Die Zuckungen, durch die der Unglückliche sagen will, 
er lebe noch, schreibt der Magister „der Wirkung einer neuen 
galvanischen Batterie zu", mit der an ihm Versuche durch- 
geführt werden. Man glaubt, schon den krampfhaften 
Zuckungen des Herrn Waldemar beizuwohnen. Herr Mangel- 



I 



Der verlorene Atem 



271 



an-Atem, dessen gutturale Stimme bereits die Grabesstimme 
des Herrn "Waldemar ankündigt, hat übrigens in diesem 
JAugenblidi unter dem Einfluß des Kastrationstraumas jede 
[Spur von Stimme verloren und kann sich nun überhaupt nidit 
mehr vernehmbar machen. „Da die beiden Herren keine Eini- 
gung erzielen konnten", beschließen sie, das Opfer „für weitere 
Untersudiungen aufzusparen"; einstweilen bringen sie ihn in 
einer Dachkammer unter, die Frau des Doktors holt Unter- 
hosen und Strümpfe herbei, der Arzt fesselt die Hände und 
bandagiert die Kinnlade, man verläßt ihn und er hat nun 
Muße, in der Stille über sein Sdhicksal nachzudenken. 

Bald jedoch bemerkt der Unglückliche, daß er mit seiner be- 
sonderen Gutturalstimme hätte sprechen können, wenn nidit 
seine Kiefer durch das Tuch behindert worden wären. Diese 
Entdeckung bringt neues Leben in ihn, er beginnt jetzt innerlidi 
einige Stellen „aus einem schönen Abendgebet, das von der All- 
macht Gottes handelt", zu beten; die Allmacht Gottes ist die 
Allmacht des Vaters, den er tatsächlidi überall auf seinem "Weg 
wiederfindet, in der Postkutsche in der Gestalt des dicken, ihn 
erdrückenden Herrn, im Gasthaus in der des kastrierenden 
Chirurgen, aber auch noch in andern Gestalten, wie die Fort- 
setzung der Geschichte zeigen wird. 

„Plötzlich (kamen) durdi ein Lodi in der Wand zwei Katzen 
herein .... (die) sich mit einem einzigen Satz ä la Catalani auf 
midi stürzten und mein Gesidit auf die sdiaudererregendste "Weise 
zerkratzten und zerbissen. 

Aber wie der Verlust seiner Ohren einst Cyrus, dem Magier 
oder Mige-Gush von Persien, den Weg zum Thron ebnete, und wie 
Zopyrus dem durdi Abschneiden verursachten Verlust seiner Nase 
den Besitz Babylons verdankte, so schlug auch mir der Verlust 
einiger Unzen Blutes aus meinem Antlitz zum Heile aus." 

So kaufen die Kinder der Völker, weldie die Besdmei- 
dung durchführen, durch diese Operation das Heil des übrig- 
gebliebenen "Wesens zurück. "Warum diese Operation hier 



27^ Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

den Katzen anvertraut wird, werden wir erst bei der 
Schwarzen Katze verstehen. 

Herr Mangel-an-Atem zerbricht „voll Schreck, Schmerz und 
"Wut" seine Fesseln; „dann aber riß ich die Fensterriegel auf 
und stürzte mich voll Mut in die Tiefe hinab". 

Wir kommen später auf die Katzen zurück und auf das, 
was sie wohl repräsentieren mögen. Jetzt wollen wir Herrn 
Mangel-an-Atem bei den wechselvollen Schicksalen seines un- 
glaublichen Lebens weiterverfolgen. 

„Nun fügte es der Zufall, daß der berüditigte Straßenräuber W., 
mit dem ich eine fatale Ähnlidikeit hatte, zu dieser Zeit aus dem 
Stadtgefängnis in einen der Vororte gesdiaift wurde, wo das Sdiaffot 
seiner ■ wartete. Da er sdion seit langem sdiwer krank und bereits 
sehr schwach war, hatte man ihm die Vergünstigung gewährt, daß 
er ohne Handsdiellen und in den gewöhnlichen Sträflingshleidern 
zum Richtplatz geführt wurde. Er lag lang ausgestredit auf dem 
Henkerkarren und fuhr zufällig gerade in dem Augenblick an dem 
Hause des Arztes vorbei, als ich mich aus dem Dachfenster stürzte. 
Sein Gefolge bestand lediglich aus zwei Rekruten des sechsten 
Infanterieregiments. Die beiden Rekruten waren betrunken; der 
Kutscher war eingeschlafen. 

Ein weiterer fataler Zufall wollte es, daß ich geradewegs auf 
diesen Karren fiel. W. nun, ein durdis Ohr gebrannter Schuft, machte 
sich die Gelegenheit zunutze." 

W. springt aus dem Karren und ist im Augenblick ver- 
schwunden; die beiden betrunkenen Rekruten verstehen nicht 
recht, was vorgeht, aber wie sie in dem "Wagen einen aufrecht 
stehenden Mann bemerken, der dem Entwichenen ähnlicäi sieht, 
halten sie ihn für den, der seine Flucht hat vorbereiten wollen 
und schlagen ihn, nachdem sie neuerlich einen Schluck Alkohol 
zu sich genommen, mit dem Gewehrkolben nieder. 

Herr Mangel-an-Atem wird hierauf dem Henker aus- 
geliefert. Dieser legt ihm einen Strick um den Hals. 

"Wir folgen nun der ersten Fassung der Geschichte, in der 
die Gefühle des Gehenkten in allen Einzelheiten beschrieben 



\ 



1 



Der verlorene Atem 273 

[werden.^*^ In der späteren Fassung des Broadway Journal 
[und der letzten bei Griswold ist diese lange und überaus 
[interessante Stelle gestrichen. 

„Gewiß, ich starb nicht. Der plötzliche Schlag, den ich auf dem 

■lals in dem Augenblick spürte, in dem das Fallbrett herabfiel, heilte 

fnur die unglückselige Verrenkung, die mir der Herr in der Post- 

[ kutsche zugefügt hatte. Obwohl es zweifellos mein Körper war, 

[mit dem man so umging, konnte, ach, mein Atem nicht mehr 

aussetzen, und wäre nicht der Druck des Knotens unter meinem 

Ohr gewesen, und der schnelle Blutandrang zum Hirn, so hätte 

ich mich kaum unwohl gefühlt. 

Aber das zuletzt angedeutete Gefühl war von Minute zu Minute 
■ schwerer zu ertragen. Ich hörte mein Herz heftig schlagen, die 
tAdern an meinen Händen und Handgelenken schwollen zum 
Platzen an, in den Schläfen schlug es Sturm — ich fühlte, daß 
Imeine Augen aus der Höhlung herausquollen. Wenn ich nun sage, 
[daß meine Gefühle trotzdem nidit völlig unerträglich waren, wird 
nan mir kaum glauben." 

Herr Mangel-an-Atem besciireibt hierauf die Geräusche, die 
an seine Ohren dringen: Glockengeläute, Tambur wirbel, 
Meeresbrausen. Er schildert uns den seltsamen Zustand, in dem 
sich „die Kräfte seines Geistes" befanden, jene Kräfte, die es 
ihm gestatteten, mit erstaunlicher Schärfe und Siciierheit sogar 
den Zustand von Verwirrung zu analysieren, in dem sidh dieser 
Geist befand. 

„Das Gedächtnis, das mich vor allem anderen hätte verlassen 
müssen, schien seine Fähigkeit im Gegenteil vervierfacht zu haben. 
Jedes der Ereignisse aus meinem vergangenen Leben zog an mir 
wie hinter einem Schatten vorüber. Es gab nicht einen Ziegel des 
Hauses, in dem ich geboren wurde, nicht eine Seite der Fibel mit 
Eselsohren, in der ich als Kind geblättert und immer wieder ge- 
blättert, nicht einen Baum in dem Wald, in dem ich als Junge 
gejagt habe, die ich damals nicht in greifbarster Nähe gesehen 
hätte. Idi konnte jede einzelne der Zeilen, jeden der Absätze, ja 
ganze Kapitel aus den Werken wiederholen, die ich in meiner 

114) V.E., Bd.2, S.357-364- 

Bonaparte: Edgar Poe. II. 18 




^74 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



frühesten Kindheit studiert hatte, und während die Menge um midi 
herum vor Sdiredien blind oder versteinert dastand, fühlte idi midi 
mit Aesdiylos als Halbgott oder mit Aristophanes als Kröte." 

■Welcher Zustand konnte Edgar Poe zu den seltsamen Ge- 
fühlen eines Gehenkten angeregt haben? Eine Zeile später 
nach einer überaus suggestiven Reihe von Punkten, sagt er 
es selbst: 

„Träumerisdies Entzüdcen bemäditigte sich jetzt meines Geistes 
und idi glaubte, Opium gegessen zu haben oder durdi den Hasdiisdi 
der alten Assassinen gesättigt zu sein." 

Mit diesen Worten gesteht uns Edgar Poe indirekt ein, 
daß er diese Droge benützt habe; die Träumereien und Ge- 
fühle des Herrn Mangel-an-Atem verraten uns dies im gleidien 
Maß, wie etwa die Gefühle des Reisenden im Ovalen 
Porträt, oder die des Monos, welcher Una nach seinem Hin- 
scheiden von seinen Eindrücken berichtet."" 

Diese Droge, die so ausgezeichnet dazu taugt, die Phantasie 
des Lebens im Tode, welche das Unbewußte Poes immer wieder 
heimsucht, durch begeisternde Träume, mit denen sie den un- 
beweglich daliegenden Adepten beglückt, wiederzugeben, wirkt 
bei unserem Gehenkten weiter nach. Er hat ruckweise den Ein- 
druck, bei klarem Verstand zu sein; dann sieht er von seiner 
Höhe mit Stolz auf das Durcheinander von Köpfen herab. 

„In meinem Entzücken bildete ich mit tiefem Mitleid auf sie 
hinunter, und während ich mir diese verstörte Versammlung ansah, 
dankte idi der hohen Gunst, die meinem eigenen Stern besdiieden 
war." 

Herr Mangel-an-Atem raisonniert inzwischen wie ein Be- 
rauschter weiter über die verschiedenartigsten metaphysisdien 
Gegenstände, er phantasiert von Coleridge, Kant, Fichte und 

iij) The Colloquy of Monos and Una {Graham' s Magazine, 
August 1841; 184J). 




Der verlorene Atem 27J 

dem Pantheismus. Aber Punkte im Text zeigen an, daß sidi 
sein Zustand von Rausdiwahn verschlimmert hat. 

Ein schneller Wechsel fand jetzt in meinen Gefühlen statt. Die 
letzten Spuren von Zusammenhängen entsdiwanden aus meinen 
Betrachtungen. Ein riesiges Gewitter, ein Sturm von Ideen, die meine 
Seele verwirrten, trugen meinen Geist wie eine Feder davon. Ver- 
wirrung folgte auf Verwirrung, wie die "Welle auf die Welle." 

Herr Mangel-an-Atem wird indessen vom Galgen herunter- 
geholt. Sein Geist ist derart verwirrt, daß er nidit erfassen 
kann, was mit ihm geschieht; er empfindet jedoch den Stoß. 
Inzwischen ist der wahre Schuldige neuerlich verhaftet worden, 
wenn auch zu spät. Der vom Galgen heruntergeholte Herr 
Mangel-an-Atem scheint ganz tot zu sein, obwohl er noch 
immer lebt. Und da niemand seinen Körper anfordert, ent- 
schließt man sich, ihn am nächsten Tag in einem der Grab- 
gewölbe beizusetzen. Inzwischen aber verwahrt man seine 
„Leidie" in einem Zimmer, das er uns folgendermaßen be- 
sdireibt: 

„Man legte mich in ein sehr kleines und mit Möbeln ganz ver- 
stelltes Zimmer, das mir aber so groß zu sein schien, als ob es 
das Weltall enthalte. Ich habe niemals mehr, weder vorher noch 
nadiher, körperlich oder geistig eine Todesangst erlitten, die nur 
halbwegs der glich, welche jener einfache Gedanke verschuldete. 
Seltsam! daß der bloße Begriff von abstrakter Ausdehnung, von 
Unendlidikeit, von Schmerz begleitet sein soll. Das war aber hier 
der Fall. Wie verschieden, sagte ich mir, sind doch unsere ein- 
fachsten Gefühle, wenn sie im Leben oder im Tod, in der Zeit 
oder in der Ewigkeit, hier oder im Jenseits Gestalt bekommen!" 

Herr Mangel-an-Atem berichtet uns auf diese "Weise von 
dem Verlust des Raum- und Zeitsinnes, der dem Opiumrausdi 
zu eigen ist, von Gefühlen, die er beim Herannahen des Todes 
— denn trotz des "Verlustes seines Atems und seiner Eingeweide 
glaubt er mit Recht nicht daran, tot zu sein — empfindet. 

18* 



27^ Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



„Der Tag ging zu Ende, ich bemerkte, daß es dunkel wurde — 
und nodi immer lastete jener schreckliche Gedanke auf mir. Er ließ 
sich übrigens nidit in die Grenzen des Raumes einsperren, er 
breitete sich, wenn auch in entschiedenerer Form über alle Gegen- 
stände aus, und vielleicht wird man nicht verstehen, wenn ich sage 
er beherrschte sdiließlich alle meine Empfindungen. In meiner Ein- 
bildung waren meine Finger, die kalt, klebrig, steif und hilflos 
(Joelplessly) aneinandergepreßt lagen, so angeschwollen, daß sie die 
Dimensionen eines Antäus erreichen konnten. Jeder Teil meines 
Körpers beteiligte sidi an ihrer übermäßigen Größe. Die Geld- 
stüdce — ich erinnere midi sehr gut daran — , die man auf meine 
Augenlider gelegt hatte, die sie aber trotzdem nicht vollständig 
zuschlössen, schienen unermeßlich groß zu sein, sie waren die riesigen 
Räder des olympischen oder des Sonnenwagens. 

"Was aber besonders seltsam war, ich empfand kein Gefühl von 
Gewicht, von Schwere. Im Gegenteil, idi wurde durch die Tendenz, 
wie eine Boje an die Oberfläche des Wassers getrieben zu werden, 
durch die quälende Schwierigkeit, die ein Schwimmer im tiefen 
Wasser empfindet, wenn er unten bleiben will, sehr belästigt. 
Inmitten dieses Durcheinanders von Angstgefühlen mußte ich ladien, 
herzlich in meinem Innern lachen, wenn ich daran dachte, wie sehr 
die Elastizität meiner Bewegungen gegen den Riesenberg meiner 
Gestalt abgestochen hätte, wäre es mir eingefallen, aufzustehen und 
fortzugehen." 

Dieser Verlust des Gewichtssinns ist ein Charakteristikum 
der Opiumträume. Er tritt in unserer Gesciiidite zugleicii mit 
dem eigenartigen Gefühl auf, angesdiwollen zu sein; dieses 
Gefühl ist jedoch durch andere Ursachen als den Verlust des 
Gewithtssinns bewirkt, von ihm werden wir noch zu sprechen 
haben. ^ 

■Wir verlassen Herrn Mangel-an-Atem in dem Augenblici:, 
in dem er sich dem Genuß und den Qualen seines "Wahns hin- 
gibt, und fragen uns: warum hat Poe seinen burlesken Helden 
gerade der Strafe des Henkens ausgeliefert, und warum hat 
er den Tod des Gehenkten durch einen Opiumrausch ersetzt? 
Diejenigen Leser, welche diese Frage für müßige Spielerei 



1 



I 




Der verlorene Atem »fff 



halten und sie durch die Bemerkung beantworten möchten, es 
handle sich einfach um eine wirre Phantasie des Erzählers, ver- 
kennen — ebenso wie übrigens die meisten Menschen — die 
Tatsache einer bis ins Unbewußte hinabreichenden tieferen 
psychischen Determinierung. 

Nun hat das Henken in allen Landstrichen und zu allen 
Zeiten wie es scheint, den gleichen Ruf: nämlich den, beim 
Gehenkten eine Erektion und eine Ejakulation in extremis 
hervorzurufen.^^" Diese Tatsache regte gewiß die in der 



ii6) An diesen Glauben schließt sich gewiß zum großen Teil die 
Tatsache an, daß in der Selbstmordstatistik die Ziffer für die 
Gehenkten, welche fast immer sehr bedeutend ist, im allgemeinen 
beinahe ausschließlich von den Männern geliefert wird. In Frank- 
reich im besonderen soll seit ungefähr dreißig Jahren der Prozent- 
satz der Gehenkten unter den Selbstmördern dreißig bis vierzig 
betragen, wobei sich keine Frau unter ihnen befindet. (Nadi einer 
Mitteilung des Professors Rene Piedelievre. Siehe auch Balthazard, 
Vrkcis de Medecine legale. Paris, Bailiiere, 1928, S. 185.) 

Über die Erektion und Ejakulation in extremis beim Gehenkten 
schreibt L. Thoinot in seinem Precis de Medecine legale (Paris, 
Octave Doin et Fils, 1913), Bd. i, S. 638/639: 

„Eine der Fragen, um die früher überaus heftig gestritten wurde, 
betrifft die Erektion und Ejakulation im Verlauf des Henkens. 

Man findet in der Mehrzahl der Fälle Spermen im Harnröhren- 
kanal der Gehenkten und häufig audi Spermenflecken auf den 
Kleidern. 

Ist nun die Anwesenheit des Spermas ein einfaches, gewöhn- 
lidaes, an Leichen zu beobachtendes Phänomen, das bei den 
Gehenkten ebenso wie bei allen Leichen auftritt?" (durch ein allge- 
meines Nachlassen der Schließmuskeln), „oder ist sie das Ergebnis 
eines Lebens phänomens, einer Erektion und einer Ejakulation?" 
Guyon, ein Arzt in der französischen Marine, der 1822 beim Henken 
von vierzehn Negern anwesend war, beobachtete, daß sidi bei allen 
im Augenblick der Strangulation der Penis kräftig versteifte; eine 
Stunde später war er bei neun Leichen noch im Zustand einer 
Halberektion und aus dem Kanal trat Spermenflüssigkeit heraus. Das 
in der Harnröhre gefundene Sperma war also durch den Lebens- 
prozeß der Ejakulation dorthin gelangt (nach Brouardel). Der 
Bericht G u y o n s wurde für unglaubwürdig gehalten und unter den 




2yS Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



1 



Folklore auftretende Assoziation zwischen dem Gehenkten und 
der Mandragola an, jener menschenähnlichen "Wurzel, die in 
früheren Zeiten in der Magie eine wichtige Rolle gespielt hat. 
Man behauptet auch, daß alte Herren zum „Halb-Henken" 
Zuflucht nahmen, um ihre ohnmächtige Erektion wieder zu 
beleben. Und der Gedanke, den impotenten Herrn Mangel-an- 
Atem dem Henker gerade in dem Augenblick auszuliefern, in 
dem der Chirurg eine symbolische Eingeweidekastration vor- 
genommen hat, würde einem Protest, einer Revanche des U.n- 



Autoren des neunzehnten Jahrhunderts nahm bloß D e v e r g i e 
die Tatsadie einer Erektion und Ejakulation bei den Gehenkten an. 

O r f i 1 a, der Leichen drei oder vier Stunden nadi dem Tode 
herunternahm, konnte einen starken Blutandrang in die Genital- 
organe und das Eindringen der Spermatozoiden in die Harnröhre 
beobaditen. 

T a r d i e u, der mit D e v e r g i e über diesen Punkt eine scharfe 
Debatte abführte, sah in der Anwesenheit der Spermenflüssigkeit 
in der Harnröhre nur ein physisdies Phänomen, das durch die Lage 
des Körpers entstanden war. P e II e r e a u, der besonders leidit die 
Phänomene beim Henken beobachten konnte, da er Assistent bei 
den Hinrichtungen auf der Mauritius- Insel war, stellte nie eine 
wirkliche Ejakulation bei den von der Gerichtspartei Gehenkten fest. 

Auch die deutschen klassisdien Autoren Casper, Maschka, 
H o f m a n n haben die Behauptung, bei den Gehenkten trete eine 
Ejakulation auf, bekämpft, und so hat sich die bis in die letzte Zeit 
ganz allgemein angenommene Doktrine gebildet, das Sperma in der 
Harnröhre der Gehenkten habe weder eine größere Wichtigkeit 
noch irgendeine andere Bedeutung als das bei anderen Leichen. 

Es scheint aber, daß wir uns heute von dieser jede andere aus- 
schließende Meinung befreien und zugeben müssen, daß in gewissen, 
wenn audi wahrscheinlich außergewöhnlichen Fällen, Gehenkte eine 
aktive Erektion und Ejakulation während des Henkens aufgewiesen 
haben." 

Thoinot zitiert dann Feld, Ebertz, PelHer, Baslini, 
Caprara, Ziemke, Hansen, Puppe und Götz, die alle 
gebührenderweise bei den Gehenkten Erektionen und selbst Ejakula- 
tionen festgestellt haben. 

Ob es sich nun so verhält oder anders, ob eine Erektion oder 
Ejakulation aufgetreten ist oder nidit, die Annehmlichkeit des 



Der verlorene Atem 279 

[ bewußten Poes entspredien, das sidi den Phallus wieder zuteilt: 
Nein", scheint Poe hier zu verkünden, „idi bin nidit ver- 
[stümmelt, idi habe meinen Phallus behalten, hier seht ihr ihn!" 
!Und die Menge der tausend Zuschauer sieht verblüfft auf den 
Gequälten. Aber auf welch sardonische "Weise wird diese Restitu- 
ierung durchgeführt! Obwohl Herr Mangel-an-Atem sich auf 
! dem Galgen „mit Äsdiylos als Halbgott" fühlt, „mit tiefem 
Mitleid" auf die Menge zu seinen Füßen herabsieht, und 
„der hohen Gunst" dankt, die seinem „eigenen Stern be- 
schieden war", ist er doch nur ein Gehenkter. Auch sein 
Phallus, den er auf heldenhaft-komische "Weise zurück- 
bekommen, und mit dem er sich durdi seinen ganzen Körper 
, identifiziert,^^^ ist nur ein „Gehenkter", d. h. ein schlaffer Penis 
fohne Erektionen. "Wir begegnen hier, wie beim Atem und dem 



Gehenktwerdens sdieint jedenfalls überaus gering zu sein; alle 
Beridite von Gehenkten, die lebend wieder heruntergenomnien 
wurden, stimmen in dem Punkt überein, daß gleidi zu Beginn, „nadi 
einem Gefühl der Hitze im Kopf, Sausen und Pfeifen in den 
Ohren, leuditenden Liditsensationen, zum Beispiel der Vision von 
Funken, Blitzen usw. . . . die Beine schwer werden und sdimerzlos, 
ohne Atmungsbesdiwerden jedes Gefühl erlischt und man das 
Bewußtsein verliert" (Thoinot, S. 637). 

Erst dann entstehen bei den Gehenkten die habituellen Zudcungen, 
weldie dem Tode vorausgehen. 

Diese realen Tatsadien sind jedodi ohne Bedeutung für die 
universale Symbolik des Henkens. Und der Analytiker fragt sich 
mit Redit, ob die Versdiiedenheit der Meinung der Autoren, wenn 
von der Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit der Erektion und 
Ejakulation beim Gehenkten gesprodien wird, nicht zum Teil 
wenigstens der Tatsadie zugesdirieben werden muß, daß in ihnen 
selbst die Sexualsymbolik des Henkens, mit der wir uns nun 
beschäftigen werden, mehr oder weniger gegenwärtig oder ver- 
drängt ist. 

117) Idi verdanke Freud selbst diese Beobaditung der symboli- 
schen phallischen Bedeutung, den der ganze Körper des Gehenkten 
bekommt. Idi werde bei der Schwarzen Katze (S. 3945.) nodi 
darauf zurüd^kommen. 




Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



1 



Flatus, wieder einer Symbolisierung der Potenz 
durch Impotenz. 

Audi die Art, wie der Gehenkte seine Rephallisie- 
r u n g erträgt, deutet auf den gleichen Ursprung hin. Er 
empfindet "Wdlust, gewiß, aber das ist die "Wollust des 
„pharmako-toxischen Orgasmus"^^^ beim Opiumgenuß, bei 
dem die Libido in dem Organismus, der unfähig ist, ein außen- 
stehendes Liebesobjekt zu erreichen, irgendwie einen Kurzschluß 
erzeugt hat. Der Opiumwahn ersetzt wie der Wahn aller 
Süchte den Orgasmus der Masturbation, er ist eine Form der 
Befriedigung, welche auf die vorgenitale orale Phase, aus der 
die phallische onanistische Betätigung des Kindes verschwunden 
ist, regredierte. 

Diese Betätigung wirkt in dem Opiumwahn des Herrn 
Mangel-an-Atem nadi, der gehenkt, dann heruntergenommen 
wird. Aber sobald sie im Vorbewußten auftaucht, wird sie 

ii8) Sandor Radö, Die psychischen "Wirkungen der 
Rauschgifte. Versudi einer psydioanalytischen Theorie der 
Süchte (Int. Ztsdir. f. PsA., XII, 1926, S. 540). Rad6 entwiAelt in 
seiner Arbeit folgende Gedanken: Der Orgasmus ist dadurdi diarak- 
terisiert, daß das Wollustgefühl sich über den ganzen Körper aus- 
breitet, er ist eine allgemeine Entladung der Libido. Der „pharmako- 
toxische Orgasmus" hat den gleidien Charakter wie der venerisdie, 
aber in einer nichtexplosiven Form, in einem verlangsamten Ablauf. 
Das Vorbild für diesen Orgasmus oralen Ursprungs ist der 
„alimentäre Orgasmus" des Säuglings, ein Befriedigungsvorgang, 
die allgemeine Endadung der Spannung, weldie nadi der Nahrungs- 
aufnahme und während der Verdauung entsteht und die den 
kulminierenden Punkt des Oralstadiums, in dem sich der Säugling 
befindet, darstellt. Die Süchtigen regredieren auf diese ursprünglidie 
Oralphase, an die sie fixiert geblieben sind, sie verlieren ihre 
Genitalität und ziehen nach und nach die Besetzung der äußern 
Objekte allmählidi zurück. Sie konzentrieren schließlich ihre ganze 
Libido auf das wollustbefriedigende Gift; und ebenso wie die Auf- 
nahme von Milch und der alimentäre Orgasmus, der dem Trinken 
folgt, das einzige Lebensziel des Säuglings war, wird es nun ihr 
einziges Ziel, das Gift zu bekommen. 




Der verlorene Atem 



281 



sofort mit Angst besetzt, mit der gleichen Angst, mit der 
sie in Poes Kindheit verdrängt worden und die den Erzähler 
zur endgültigen Impotenz verurteilt hatte. 

Lesen wir noch einmal nach, was Herr Mangel-an-Atem in 
dem Augenblick empfand, in dem er gehenkt wurde, d. h. in 
dem er seinen Phallus wiederbekommen hatte: 

„Idi hörte mein Herz heftig sdilagen, die Adern an meinen 
Händen und Handgelenken sdiwollen zum Platzen an, in den 
Sdiläfen sdalug es Sturm — idi fühlte, daß meine Augen aus der 
Höhlung herausquollen." 

Wir haben darin eine unbewußte Anspielung auf die 
Erektion zu sehen, auf das Einströmen des Blutes in das 
Corpus cavernosum. Das Gefühl des Anschwellens ist „von 
Minute zu Minute schwerer zu ertragen", wegen einer (bei 
Neurotikern klassischen) Affektumkehrung, durch die sich die 
Wollust dank der Verdrängung in Angst verwandelt hat. 

Noch durchsichtiger ist die Anspielung auf die Erektion in 
den Phantasien des Gehenkten nach dem Henken. Seine Finger, 
die Werkzeuge der Masturbation — ebenfalls eine klassische 
Verschiebung vom Penis zur Hand hin — , sind „so ange- 
schwollen, daß sie die Dimensionen eines Antäus" erreichten, 
des Riesen, dessen Krafl wuchs, sobald er die Erde, seine 
Mutter, berührte: der ganze Körper nimmt schließlich an 
diesem ungeheuerlichen Wachstum teil. Diese Gefühle erinnern 
an gewisse Alpträume. Ich kenne einen bei einem Kind, das 
später analysiert wurde, wiederholt aufgetretenen Alptraum, 
den das Kind den Schraubentraum (/e reve de 
la vis) nannte. Das kleine Mädchen hatte das Empfinden, 
bei Dämmerlicht in seinem kleinen Bett auf dem Rücken 
zu liegen; und von seinem Bauch erhob sich im rechten 
Winkel bis zur Decke steigend eine riesige Holzschraube, 
die sich drehte, ganz langsam drehte und mit Vogelleim 
beschmiert, daher klebrig war. Das Kind hielt die Schraube 



2^2 Die Geschidoten: Der Zyklus Mutter 



1 



mit beiden Händen und die Hände wurden immer dicker 
und schwollen — ganz wie die von Poes Helden — derart 
an, daß sie das ganze Zimmer ausfüllten. Und nun erwachte 
das Kind mit unbeschreiblichen Angstgefühlen. Die spätere 
Analyse ließ erkennen, daß es sich in diesem Traum um einen 
Alp handelt, der nach der Entwöhnung von der Onanie durdi 
die Bedrohung mit dem Tod aufgetaucht und ein Onanieersatz 
war. Es war ein Klitoriserektionstraum mit Penisneid und 
in Angst verwandelter "Wollust. Das Element Vogelleim re- 
präsentierte sowohl die Feuchtigkeit der Schleimhautsekrete 
als auch den wirklichen Vogelleim, mit dem die Fliegenfänger 
bestrichen waren, die von der Decke des Hauses herabhingen. 
Das Kind war von Mitleid mit dem Sdiicksal der armen, auf 
den Leim gegangenen und nun wirklich toten Fliegen erfaßt, 
welche den Vogelleim, das „Tabu", berührt hatten. So erging 
es den Mensdien, welche die Schraube oder das Laster {U vis, 
le vice) liebten, und die es wagten, die Hände (als Ersetzung 
für anderes) anschwellen zu lassen. 

Das Element A u f f 1 u g, Befreiung von der Schwere, das 
nicht nur für den Opiumtraum, sondern auch für den Erek- 
tionstraum — in dem die Schwere besiegt erscheint — charak- 
teristisch ist, hätte in diesem Augenblick, in dem die Erektion 
in kaum verhüllter Form vorgeführt wird, nicht besonders 
erscheinen müssen. Aber der Wahn des Herrn Mangel-an- 
Atem nimmt auch zu ihm seine Zuflucht und der Unglücklidie 
wird von der Tendenz, „wie eine Boje an die Oberfläche des 
Wassers getrieben zu werden", und auch „durch die quälende 
Schwierigkeit, die ein Schwimmer im tiefen Wasser 
empfindet, wenn er unten bleiben will" sehr belästigt. 
Die latente Tendenz zur Erektion mußte eben dem sie ver- 
drängenden, impotenten Poe wie eine Tortur vorkommen. 
Das Verlangen nach Wollust hatte sich in das Gefühl entsetz- 
licher Angst verwandelt. Und ihr mußte er entfliehen, ihr den 



Der verlorene Atem 



283 



Alkoholrausdi und besonders den Opiumrausdi vorziehen, der 
den Phallus in Frieden läßt, er mußte leben „mit den Kenn- 
zeichen der Toten, tot (sein) mit den Neigungen der 
Lebenden . . .", sehr ruhig leben, wenn auch ohne Atem. Man 
weiß, daß das Opium sehr schnell entmännlicht und die Erek- 
ftionen jener Mensdien unterdrückt, die sich ihm hingeben. 

Wir berühren hier ein biologisches Problem, das, besonders 
hundert Jahre nach den Ereignissen, nur sehr schwer zu lösen 
ist. Welcher Art war die Impotenz Poes? Litt er nur unter dem 
psychischen Unvermögen, sich der Frau nähern zu können, war 
diese Impotenz nur das Etwas, das ihn hinderte, neben der Frau 
in den „Zustand der Gefahr" zu geraten und behielt er trotzdem 
die Fähigkeit zu solitärer Erektion? Oder war jede Möglich- 
keit, eine Erektion zu produzieren, frühzeitig in ihm ver- 
schwunden? Ich neige zur Ansicht, daß es sich bei Poe um die 
zweite, vollständigere Form der Impotenz handelte, denn als 
der junge, zweiundzwanzigjährige Edgar Poe sich seit Baltimore, 
1831, wenigstens zeitweise in einen Opiumrausdi zu versetzen 
schien, tat er dies sicherlich einem inneren Befehl zu Gefallen, 
der ihm jede Erektion untersagte. Die langanhaltenden und 
undeutlichen "Wollustzustände, die ihm das Opium verschaffte 
und bei denen er schlaff wie ein gesättigter Säugling dalag, 
behagten seiner nekrophilen Psyche: eine Vergewaltigung nach 
dem üblichen grauenhaften, aktiven Schema hätte ihm einen 
moralischen Widerwillen eingeflößt, der Traum hingegen, die 
düstere und ästhetische, besinnliche Weise konnte ihn, ohne daß 
er Gewissensbisse haben mußte, glücklich machen. 

Nur in der Geschichte vom Löwe n^^° kann sidi der Held 
— im Gegensatz zu Herrn Mangel-an-Atem, der seinen 
Atem verloren hat — der Riesengröße seiner Nase — Penis- 

119) Some Passages in the Life of a Lion (Lionizing). (Southern 
Liter ary Messenger, Mai 1835; 1840; 1845; Broadway Journal, 
I, II.) 



2^4 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



1 



ersatz und Werkzeug, durch das er sich alle seine gesellschaft- 
lichen Erfolge verschaffte — rühmen. Aber am Sdiluß dieser 
Geschichte wird er auf seinem eigenen Boden vom Kurfürsten 
von Bluddennuff geschlagen, dem er diesen Körpervorsprung 
weggeschnitten hat. Der Impotente ist nämlich — wie wir 
stlion gesägt haben — oft auf seine Unfähigkeit und Impotenz 
stolz, er fühlt sidi über die gewöhnlichen Sterblichen erhaben. 
Und wenn „in Fum-Fudge die Größe eines Löwen im Ver- 
hältnis steht zur Größe seines Gesichtsvorsprungs — aber beim 
Himmel!! es läßt sich nicht Schritt halten mit einem Löwen, 
der überhaupt keine Nase hat". 



"Wir suchen nun Herrn Mangel-an-Atem wieder in dem mit 
Möbeln seltsam angeräumten Zimmer auf, wo er seine Be- 
erdigung erwartet. Nachdem er die ganze Nacht über seinen 
unmittelbar bevorstehenden Tod nachgedacht hat, über den 
Tod, den er sich als einen „Zustand von Unbeweglichkeit vor- 
stellte, welche die Beweglichkeit herbeiwünscht, von Ohnmacht, 
die nach Macht strebt, . . . brach endlich der Morgen heran, 
und mit dem nebeligen düstern Morgen kamen die einen drei- 
fachen Schrecken verkündenden Vorläufer des Grabes". Der 
Unglückliche, der weder sprechen kann noch sich rühren, sieht 
durch seine halbgeschlossenen Augenlider, wie der Sarg herein- 
getragen wird; der Leichenbestatter tritt auf ihn zu, in der 
Hand hat er einen Schraubenzieher, rechts und links von ihm 
stehen die Gehilfen. Dann taucht — wieder — ein dicker 
Mann auf, 

„der mich bei den Füßen nahm, während ein anderer, den idi 
nur fühlen konnte, meinen Kopf und die Sdiultern hob. Diese 
Zwei legten mich in den Sarg, zogen das Leichentuch über mein 
Gesicht und schlössen den Deckel. Eine der Schrauben, die in falscher 
Richtung in das Holz getrieben wurde, drang durdi die Unachtsam- 




Der verlorene Atem 



28j 



keit des Bestatters tief in meine Schulter. Ein Krampf schüttelte 
mich. Mit Schrecken und Herzklopfen dachte ich daran, daß diese 
Manifestierung des Lebens, wäre sie um eine Minute früher ge- 
kommen, die Beerdigung vermutlich verhindert hätte. Aber ach, 
jetzt war es zu spät und die Hoffnung verlosch in meiner Brust, 

■ wie ich fühlte, daß ich auf die Schultern von Männern gehoben, 
(die Treppe hinabgetragen und in den Leichenwagen gelegt wurde. 

Während der kurzen Strecke bis zum Friedhof erreiditen meine 
• seit einiger Zeit lethargisch gewesenen und stumpf gewordenen 

■ Gefühle einen mir unerklärlichen Grad von intensiver und ab- 
f normaler Lebhaftigkeit. Ich konnte ganz deutlich das Wehen der 

■ Federn, das leise Sprechen der Leichenträger, das feierliche Schnauben 
I der Pferde hören, ich war von dem schmalen und genau passenden 
ISarg derart umfaßt,^^" daß ich den langsameren oder schnelleren 
iGang des Leichenzuges fühlen konnte, und jede Bewegung des 
[Kutschers, das Hin und Her in den Straßen, und ob es nadi 
(rechts ging oder nach links. Ich roch ganz deutlich den besonderen 
[Geruch des Sarges, den scharfen Geruch der Stahlschrauben, idh sah 
pogar das Gewebe des Leichentuches, das auf meinem Gesicht lag, 
lünd erfaßte auch die schnelle Aufeinanderfolge von Licht und 
[Schatten, die durch das Flattern der schwarzen Tücher im Innern 
\{body) des Fahrzeugs hervorgerufen wurde". 

Der Blick des Unglücklichen, der die Eigensdiafl: von Röntgen- 
strahlen zu haben scheint, dringt also durch das Holz des 
Sarges. Aber kann man darin nicht die Spur einer Erinnerung 
entdecken, einer Phantasie, die später auf andere Leichenwagen 
l verschoben wurde: die Phantasie von dem Leichenwagen der 
Mutter? Denn das Kind, das ja nicht in ihm lag, hätte ihn von 
außen sehen können. Das würde auch die seltsame Tatsache er- 
klären, warum der Sarg eines Hingerichteten mit Federn ge- 
schmückt die Stadt durchquerte und von einem ganzen Leichen- 
zug gefolgt war: im Unbewußten handelt es sich um den 
Leichenwagen der Mutter, dem mitleidige Bewunderer der 
Künstlerin und alle ihre Kameraden gefolgt sein mußten. Und 



120) Im Original steht „confused", was aber nur ein Irrtum 
sein kann. 



286 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

auch das mit Möbeln vollgestopfte Zimmer, in dem der Ver- 
urteilte seine Beerdigung erwartet hat, und das uns durch 
i seine Seltsamkeit überrascht, dürfte eine dunkle Erinnerung an 

das erste Zimmer sein, in das der kleine Edgar den Tod ein- 
treten gesehen hatte: eine Erinnerung an das armselige 
möblierte Zimmer, das bei Frau Phillips, der Mpdewaren- 
verkäuferin, gemietet worden war, und in dem Elizabeth 
Arnold im Sterben lag und starb. 

Aber das Zimmer, der Sarg, der Leichenwagen dieser Ge- 
schichte dienen auch einer unbewußten Absicht, da sie die 
Orte darstellen, an denen der Held in immer wachsendem Maße 
von dem Augenblicke an seine Regression durchführte, 
von dem an er in dem Opiumtraum versunken war, der das 
'I Henken begleitet hatte und auch nach der Hinrichtung weiter- 

wirkte. Dieser Traum ersetzte das Grauen vor dem Tod, und 
der Tod, der nun folgt, entspricht im Unbewußten einer Rück- 
, kehr in den Mutterleib. Der Opiumtraum reproduzierte in 

I weitestem Maße die wollüstige Befriedigung des gesättigten 

; Säuglings; Herr Mangel-an-Atem vollendet daher nach dieser 

oralerotischen Phase seine fortschreitende Regression auf dem 
"Weg in die Vergangenheit. Von dem mit Möbeln überfüllten 
Zimmer, das wahrscheinlich eine Spiegelung des Zimmers ist, in 
dem seine Mutter starb, kehrt er auf symbolisciie Weise in den 
mütterlichen Uterus selbst zurück, indem er von dem schmalen 
Sarg Besitz ergreift. Und nun verfolgt ihn der Vater, der all- 
gegenwärtig wie Gott ist und hier durch den Leichenbestatter 
dargestellt wird, bis in diese letzte Zuflucht im mütterlichen 
Uterus, er durchbohrt ihm die Schulter mit einer Schraube, 
deren symbolischer Sinn jedem Analytiker klar ist. Diese 
Schraube hat hier die gleiche phallische Bedeutung, wie die 
oben in dem Kindertraum zitierte. To screw bedeutet im 
Vulgär-Englischen soviel wie koitieren. Und die ganze Situa- 
tion ist eine Anspielung auf eine jener Phantasien des Un- 



1 



1 




Der verlorene Atem 287 

bewußten, die dem Laien besonders unfaßbar zu sein sdieinen, 
nämlich eine Anspielung auf eine intrauterine Beob- 
achtung des Koitus, eine Phantasie, die in einer 
andern, berühmten Erzählung Poes (die wir an der ihr zu- 
kommenden Stelle analysieren werden) auf eine überaus groß- 
artige und durchsichtige "Weise ausgedrückt wird. 

Nachdem Herr Mangel-an-Atem durdi die durchbohrende 
Berührung mit der Sdiraube, aber immer noch im Sarge 
liegend, wieder lebendig geworden ist, wird er „auf die 
Sdiultern von Männern gehoben, die Treppe hinabgetragen 
und in den Leichenwagen gelegt". Der Sarg stellt den mütter- 
lidien Uterus dar; der Leichenzug repräsentiert nadi einer für 
„"Wagen" häufig auftretenden Infantilsymbolik den Mutter- 
körper in seiner Gesamtheit. Der gravide Uterus, den der volle 
Sarg darstellt, wird von dem Leidienwagen beim Schritt der 
Pferde, die „feierlich schnaufen", ebenso „getragen", wie seiner- 
zeit der kleine Edgar, dann aber Rosalie im mütterlichen Leib 
von einem durdi die Schwindsucht atemlosen und vom Tode 
gezeidmeten Körper getragen wurden. Bei dieser Um- 
armung durch die „schmale und genau passende" Plazenta 
erreichen die Empfindungen des vom Mutterblut genährten 
Fötus „einen . . . unerklärlichen Grad von intensiver und ab- 
normaler Lebhaftigkeit". So konnte sich Edgar Poe in seinem 
Unbewußten die "Vitalität des Fötus in der zweiten Hälfte 
seiner intrauterinen Existenz vorstellen, in der Periode, in 
welcher er schon groß geworden war, von den müden Be- 
wegungen der Mutter gewiegt wurde, sich in ihr bewegte und 
für die erste Manifestierung von Leben erwachte. 

Aber die Regression auf dem "Weg in die "Vergangenheit 
des Fötus geht noch weiter. Vor der Periode, in der sich der 
Fötus zu bewegen beginnt, hat er eine ursprüngliche Zeit ge- 
kannt, in der er als unbeweglidie Form in den Limben des 
mütterlichen Körpers schlummerte. Und der Sarg des Herrn 



ri 



Die Gesdiiditen: Der Zyklus Mutter 



Mangel-an-Atem, der endlich an seinem Bestimmungsort an- 
gelangt ist, wird in den „Eingeweiden" des Grabs, in dem 
Grabgewölbe, das auf ihn wartet und sich dann schließt, 
bestattet. 

Nach dem, was midi an jenem Morgen überrasdit hatte . . .^ 
war anzunehmen, daß Monate vergehen würden, bis sidi die Pforten 
des Grabes wieder öffnen; und selbst wenn idi diese Zeit über- 
leben könnte, weldies Mittel hätte idi, um die Leute von meiner 
Lage zu verständigen oder aus dem Sarg herauskommen zu können? 
Idi fand midi daher mit viel Ruhe mit meinem Sdiidisal ab und 
fiel nadi einigen Stunden in einen tiefen, todesähnlidien Sdilaf." 

Die Regression, die hier beim allerersten Fötusstadium an- 
gelangt ist, kann nicht mehr weiter zurückschreiten. 

„Wie lange idi in diesem Zustand" (des Fötalsdilafs) „verharrte, 
weiß ich nicht. Als ich erwadite, waren meine Glieder nidit mehr 
steif vom Todeskrampf, ich konnte mich bewegen. Ohne besondere 
Mühe hob ich den Deckel meines Gefängnisses auf — durch die 
Feuchtigkeit der Luft war das Holz um die Schrauben herum 
verfault." 

Herr Mangel-an-Atem verläßt nun seinen Uterussarg und 
geht mit dem unsicheren Schritt des Neugeborenen im Gewölbe 
herum. Und wie ein Neugeborener empfindet er in diesem 
Augenblick die Qualen des Hungers, er hat einen „unerträg- 
lichen Durst". 

„Aber diese Kalamitäten verursachten mir, was seltsam ist, 
weniger Unbehagen als die schrecklichen Prüfungen, die mir mit 
der fortschreitenden Zeit der Teufel EnrwP^^ auferlegte. Noch selt- 
samer aber waren die Mittel, durch die ich ihm beizukommen ver- 
suchte." 

Herr Mangel-an-Atem grübelt nun über den Bau und den 
Umfang des riesigen, in Sektoren geteilten Grabgewölbes nadi, 
das ihn gefangen hält. Er zählt immer wieder die Steine, wie 
ein von Arithmomanie befallener "Wahnsinniger. Aber er ver- 



i2i) Im Original französisch. 




Der verlorene Atem 289 

sucht auch durch andere Methoden, die Last der Stunden von 

sich abzuwälzen. 

Um mir dodi ein wenig Zerstreuung zu schaffen, betraditete 
i(Ji aufmerksam die vielen Särge, die um mich herumstanden. Ich 
hob, von einem zum andern tretend, ihre Dediel auf, und ver- 
senkte mich in eine tief nachdenkliche Betrachtung der darin ent- 
haltenen sterblichen Überreste." 

■Wir setzen jetzt die Erzählung in der endgültigen Fassung 
fort, in der alle Stellen, die wir seit der Episode vom Henken 
zitiert haben, fehlen. Wieder einmal kann man dabei fest- 
stellen, daß gerade die in den Träumen vergessenen, oder was 
dem äquivalent ist, die fortgeschafften Elemente in den Phan- 
tasien der dichterischen Phantasie das Unbewußte am deut- 
lichsten offenbaren. 

Um sich Zerstreuung zu verschaffen, öffnet also Herr 
Mangel-an-Atem einen Sarg. 

„Dieser Mann da, so sagte ich mir beim Anblidi einer aufge- 
schwemmten dicken Leiche, ist sicherlich ein im wahrsten Wort- 
sinne unglücklicher, sehr unglücklicher Mensch gewesen. Ihn traf 
das düstere Los, nicht sdmell gehen zu können, sondern wie eine 
Ente watscheln zu müssen, nicht gleich einem menschlichen Wesen 
durchs Leben zu schreiten, sondern gleich einem Elefanten, nidit 
gleich einem Manne, sondern gleich einem Rhinozeros. Seine Ver- 
suche zu einer raschen Vorwärtsbewegung blieben erfolglos. Sein 
Mißgeschick hatte zur Folge, daß ihn bei jedem Schritt seine 
Körperfülle bald nach rechts, bald nach links zog. Er begnügte 
sich mit dem Studium der Gedichte von Crabbe.*^^ Die Wunder 
einer Pirouette blieben ihm verschlossen, der Pas de Papillon^" 
war ihm ein wesenloser Begriff. Nie hat er den Gipfel eines 
Berges ersteigen, nie von der Höhe eines Turmes herab das wunder- 
bare Leben einer großen Stadt betrachten können. Die Sommer- 
hitze war ihm ein grimmiger Feind. In den Hundstagen war sein 
Leben wahrlich das Leben eines Hundes. Er hatte in dieser Zeit 
nur von Feuer und Erstickungstod geträumt, sein Elend hat ihm 

122) George Crabbe (17J4 — 1832), englischer Dichter. 

123) Auch bei Poe französisch. 

Bonaparte: Edgar Poe. II. 19 



29° Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Berge auf Berge, den Pelion auf den Ossa getürmt. Er war kurz- 
atmig, um alles in einem "Wort zusammenzufassen, er war kurz- 
atmig. Er war unfähig, auf einem Blasinstrument zu musizieren. 
Wahrscheinlich hat er selbsttätig sidi bewegende Fädier, Wind- 
segel und Ventilatoren erfunden. Er begönnerte Du Pont, den 
Blasebalgfabrikanten, und starb eines elenden Todes bei dem Ver- 
such, eine Zigarre zu rauchen. Es war ein Fall, der mir tiefes 
Interesse, ein Sdiüsal, das mir aufrichtige Teilnahme einflößte." 

Nach unserer Meinung ist nun diese aufgesdiwemmte dicke 
Leiche, die Herr Mangel-an-Atem ausgrub, nicht nur eine des 
Erbarmens werte Spiegelung seiner selbst. Sie ist mehr; diese 
aufgedunsene Leiche erinnert uns an andere Gestalten aus Er- 
zählungen Poes, an die aufgeschwemmte Leidie des Rogers im 
Pym, an die feiste Königin in König Pest, die „im 
letzten Stadium der Wassersucht" war und einem Faß glidi. 
Für den Dichter Poe, der an Frauen gerade die ätherische und 
schwindsüchtige Gebrechlichkeit liebte, ist der seltsame Embon- 
point, den sie mandimal aufwiesen, immer ein Objekt der 
Lädierlidbkeit gewesen. InderTausendzweitenNacht 
der Scheherazad e^^* spricht er ganz entsetzt von den 
damals bei den Frauen modernen Tournuren, durch die sie in 
„Dromedare" verwandelt werden. "Wenn wir nun diese Bei- 
spiele vom Standpunkt der Analyse aus betrachten, dann ent- 
decken wir, daß alle einen bestimmten gleichen Gedanken aus- 
drücken. InKönigPest besteht das königliche Paar aus der 
dicken Königin und dem König, der ganz besonders lang und 
abgezehrt istj wir nehmen nicht zu viel von unserer Geschichte 
vorweg, wenn wir verraten, daß auch in den Särgen, aus denen 
im "Verlorenen Atem die aufgeschwemmte dicke Leidie 
hervorgekommen ist, ein ungewöhnlich abgezehrter und langer 
Partner liegen wird. Die dicke Leidie ist außerdem zur Genüge 
durch die Tatsache charakterisiert, daß sie nicht tanzen kann: 

124) The Thousand-and-Second Tale 0/ Sheherazade. (Godey's 
Lady's Book, Februar 184J; Broadway Journal, II, 16.) 



1 



Der verlorene Atem 291 

die "Wunder einer Pirouette blieben ihm verschlossen, der 

\pas de Papillon war ihm ein wesenloser Begriff." Stellt daher 
diese aufgeschwemmte Leiche nicht eine Anspielung dar, durch 

idie sich Poe an seiner Mutter rädien wollte, eine Anspielung 
auf das Faktum, daß sie an dem kleinen Edgar das Verbrechen 

[beging, ihm in der Schwester einen Rivalen zu geben? Damals, 
als die zarte Tänzerin, die geliebte Sylphide mit Rosalie 
schwanger war, konnte sie nicht mehr tanzen, sie wurde 
schwerfällig, kurzatmig, „aufgeschwemmt dick" und blieb bei 
ihrem kleinen Sohn zu Hause. Und damals ging sie, verfolgt 
von dem Blick ihres Kindes, wie eine „Ente" durch das 

(Zimmer, wie ein „Elefant" oder ein „Rhinozeros", und 
träumte in der Nacht vom Ersticiiungstod, von „den Bergen, 
die auf Berge getürmt wurden", davon, daß die Versuche 
zu tanzen von „greifbarem Mißerfolg" begleitet gewesen 
wären und vielleidit gar einen Abortus herbeigeführt hätten. 
Die Tatsache, daß die Mutter hier durch eine Gestalt männ- 
lichen Geschlechts dargestellt wird, darf uns nicht irremachen. 
Als Elizabeth Arnold mit Rosalie schwanger war, konnte der 
eineinhalb- bis zweijährige Edgar den Unterschied der Ge- 
schlechter noch nicht erfassen; die Mutter war für ihn damals 
noch phallisch, und das Faktum, daß Poe unabhängig vom 
Geschlecht die schwangere Mutter einmal in einem Frauen- 
körper (König Pest), dann wieder in einem Männerkörper 
(Pym oder hier) sah, muß als ein Nachklang aus jener Zeit 
genommen werden. 

Das Grabgewölbe gibt jedoch Herrn Mangel-an-Atem nicht 
nur die Mutter heraus, sondern auch den andern für das 
Phänomen der Geburt Verantwortlichen, das zeugende Paar. 
Unser Held wendet sich jetzt von der aufgeschwemmten dicken 
Leiche ab zu einer andern. 

„,Aber hier', sagte ich, ,hier — — ', und damit zerrte ich eine 
seltsam lange, wunderlidi aussehende Gestalt aus ihrem Sarge, deren 

IS* 




292 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Anblick sofort unwillkommene Erinnerungen in mir erwetite — 
,hier haben wir einen Burschen, der auch nicht den geringsten 
Anspruch auf menschliches Mitgefühl erheben darf. — Mit diesen 
"Worten packte ich den Gegenstand meiner Betrachtung mit Daumen 
und Zeigefinger an der Nase, zog ihn in die Höhe und bemühte 
mich, ihn in sitzende Stellung zu bringen. Dann fuhr ich, ihn auf 
Armeslänge von mir haltend, in meinem Monolog fort: .Nein! 
dieser Mensch bedurfte sicherlidi des menschlichen Mitleids nicht. 
"Wer würde auch nur daran denken, für einen solchen Schatten 
Sympathie zu empfinden? Hat er nicht auch wirklich ein volles 
Maß irdischen Glückes genießen dürfen? Gewiß war er der Schöpfer 
hoher Monumente, Türme, Blitzableiter, italienischer Pappeln. Oder 
er hat Abhandlungen über Schatten und Phantome 
geschrieben und sici damit einen unsterblidien Namen gemacht. Er 
gab mit Takt und Geschicklichkeit die letzte Ausgabe von ,South on 
the Bones'^^^ heraus. Er ging früh auf ein Technikum und studierte 
Pneumatik. Dann kam er heim, redete unausgesetzt und musizierte 
auf dem französischen Hörn. Er begönnerte den Dudelsack. Der 
Kapitän Barclay, der gegen die Zeit marschierte, weigerte sidi, 
gegen ihn zu marschieren. Seine Lieblingsschriftsteller hießen "Wind- 
ham^^" und Allbreath (All-Atem), sein Lieblingszeichner war Phiz."' 
Er starb ruhmreich, indem er Gas einatmete — levique flatu cor- 
rumpitur, wie die fama pudicitiae des heiligen Hieronymus. Er war 
ohne Frage ein . . .' " 

Bei dieser Stelle unterbricht ihn Herr "Windenough — denn 
er ist der Mann, den Herr Mangel-an-Atem bei der Nase hält; 
er reißt die Binde herunter, die seine Kinnladen am Sprechen 
gehindert hat, und ein Schwall von "Worten ergießt sidi nun 
über Herrn Mangel-an-Atem. Er beklagt sich darüber, daß 
man ihm die Kinnlade festgebunden: 

I2j) John F. South (1797— 1882) Short description of the Bones 
(1825). 

126) "William "Windham (1750— 1810), englischer Redner und 
Staatsmann. Hier ein "Wortspiel mit Wind. Ein Schriftsteller 
Allbreath ist nicht aufzufinden. 

127) Phiz, Pseudonym für Hablot Knight Browne (1815— 1882), 
der für Dickens und gelegentlich auch für den Punch zeidinete. 



I 



p 

■ 



Der verlorene Atem 293 

„Sahen Sie denn nicht — und wenn einer, so müssen Sie es 

wissen — , über welchen Oberfluß an Atem ich zu verfügen habe . . .? 

In meiner Lage ist es wahrhafl:ig eine große Erleichterung, wieder 

' zum öffnen des Mundes fähig zu sein . . . Wie zum Teufel, Herr, 

sind Sie hierher geraten? Nein, antworten Sie mir nicht, ich bitte 

I Sie! Ich selbst bin schon seit einiger Zeit hier. Es war ein schredc- 

I lidies Erlebnis. Sie haben vermutlich davon gehört? Ich ging an 

Ihrem Hause, unter Ihren Fenstern vorbei (es war kurz bevor Sie 

[ es mit der Theaterleidenschaft zu tun kriegten), als mich das selt- 

Lsame Verhängnis traf. Haben Sie schon einmal gehört, daß jemand 

: seinen Atem wieder aufgefangen?^''^ Na? was sagen Sie dazu? Ich 

' habe den eines andern aufgefangen! Ich hatte seit jeher mehr als 

genug an meinem eigenen Atem. Ich begegnete Blab an der Straßen- 

edie. Er wollte mich nicht zu Worte kommen lassen. Nidit eine 

Silbe konnte ich einwerfen. Zu allem Unglück kriegte ich von der 

Aufregung darüber obendrein plötzlich einen epileptischen Anfall 

und fiel bewußtlos hin. Blab rannte davon. Der Satan soll diese 

i. Idioten holen. Sie hielten mich für tot, brachten mich in dieses 

\ Loch . . ." 

So klärt sich nun alles auf und Herr Mangel-an-Atem weiß 
I endlicii, wohin sein Atem geraten ist. 

„Unmöglich", setzt er fort, „kann ich mein Erstaunen über diese 
unerwartete Aussprache schildern; unmöglich aber auch meine 
Freude. Denn es wurde mir allmählich klar, daß der Atem, den 
dieser Herr (in dem ich meinen Hausnachbarn Herrn Windenough 
bald erkannte) glücklicherweise aufgefangen hatte, mein eigener 
verlorener Atem sei, der mir während der heftigen Auseinander- 
setzung mit meiner Frau abhanden gekommen war." 

Aber Herr Mangel-an-Atem ist ein vorsichtiger, bedächtiger, 
ja sogar verschmitzter Mann. Er verbirgt vor seinem Gegner 
seine Gefühle und Absicliten: 

„Würde, wenn ich mich zu eifrig um die Wiedererlangung 
des verlorenen Atems bemühte, nicht vielleicht in ihm die Begierde 
erwachen, diesen meinen Atem zu behalten?" 



128) Catching one's breath. 



294 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



% 



Daher läßt er die Nase seines Feindes nicht los und schreit: 

„Sdiwerverbredier! UnverbesserÜdier Idiot, Du, den der Himmel 
um seiner Sünden willen mit doppelter Kraft des Atems gestraft 
hat, glaubst Du Didi immer noch bereditigt, zu mir wie zu einem 
alten Bekannten zu reden? Ich lüge, sagst Du, und ich soll 
schweigen? Wahrlidi! eine schöne Sprache, die Du mir gegen- 
über zu führen wagst! Und das nodi obendrein, da es in meine 
Hand gegeben ist. Dein Unglück von Dir abzuwenden — den Didi 
bedrängenden unglückseligen Überfluß an Atem von Dir zu nehmen!" 

Herr Windenough ergibt sich, ohne darüber nadizudenkeh, 
warum Herr Mangel-an-Atem, der allerdings seine Sdiwäche 
nidit eingestanden hat, ihm helfen will. 

„Nach Abschluß des Vorfriedens gab er mir meinen Atem 
zurück, worüber ich ihm nadi sorgsamer Prüfung und Richtigkeits- 
befund eine Empfangsbescheinigung ausstellte. Es wird mir, dessen 
bin idi mir bewußt, von manchem Leser verübelt werden, daß idi 
so oberflächlich über einen Vorgang berichte, der unfaßbar erscheint. 
Vermutlidi hat man von mir eine ins einzelne gehende Besdireibung 
eines Ereignisses erwartet, das (was zu leugnen ich keineswegs 
beabsichtige) durdiaus geeignet wäre, Licht auf einen interessanten 
Teil der physikalischen Wissenschaft zu werfen. 

Es tut mir leid, auf alle diese Fragen die Antwort sdiuldig 
bleiben zu müssen. Nur eine Andeutung darf ich geben, mehr nicht: 

Es waren da gewisse Umstände Aber nein! Bei näherer 

Überlegung halte idi es doch für riditig, so wenig wie möglich 
über diese heikle Geschidite zu spredien; um so mehr, da diese 
Angelegenheit vielleicht den Unwillen einer dritten Person erregen 
könnte, deren schwefelhaltigen Zorn idi gegenwärtig um keinen 
Preis auf mich lenken mödite." 

"Wir erfahren zwar nidit, wer diese dritte Person ist, es 
läßt sich aber leicht erraten, daß es sich um den Teufel 
handelt, die klassische Imago des bösen Vaters und um eine 
Doublette des Windenough. "Was die Heikligkeit eines Berichtes 
anbelangt, so versteht sie sich von selbst, bei dem behandelten 
Gegenstand, bei einem solchen Zweig der „physikalischen 
"Wissenschaft". "Wir erfahren noch, auf welche "Weise die beiden 



Der verlorene Atem 



295 



Gestalten, von denen jede der anderen das normale Leben 
wiedergegeben hat, dem Grab entgehen. 

„Der vereinten Kraft unserer Stimmen gelang es, auf uns auf- 
merksam zu madien. Herr Sdiere, der Herausgeber Whig . . ., hat 
seinerzeit einen Aufsatz über ,Die Natur und den Ursprung unter- 
irdisdier Geräusche' veröffentlidit." (Die Stimme wird neuerdings 
mit den intestinalen Geräusdien verglichen.) 

Mit der Öffnung des Grabgewölbes und der Entdeckung 
der beiden dem Tode Entronnenen endet die Erzählung. Herr 
Mangel-an-Atem schließt, 

„nidit ohne die Aufmerksamkeit des Lesers auf den hohen '^ert 
der Philosophie zu lenken. Sie ist ein sicherer, nie versagender Schild 
gegen jene Schicksalsschläge, die weder für das Auge, nodi für 
den Verstand völlig faßbar sind. Im Geiste dieser Weisheit glaubte 
man bei den alten Hebräern, die Pforte des Himmels würde sich" 
(wie die Pforten der Frauenstädte der Einleitung) „dem Sünder 
wie dem Heiligen unfehlbar auftun, sobald er in gutem Glauben 
und mit aller Kraft seiner Lungen das Wort Amen ausrief. Und im 
Geiste dieser Wahrheit gab, als in Athen eine große und vergebens 
mit allen Mitteln bekämpfte Seudie wütete, Epimenides . . . den 
Athenern den Rat, dem wahren Gotte einen Altar und einen 
Tempel aufzubauen." 

Der wahre Gott, das ist hier zweifellos der wahre Vater, 
der Mann, der tatsächlich „den Altar aufrichten konnte", also 
die Erektion hatte, weldhe das Kind zeugte, wobei es gleich- 
gültig ist, ob dieser wahre Vater auch nach dem Gesetz mit 
der Mutter verbunden war. Sollte Edgar Poe in seinem Unbe- 
wußten nicht nur an der ehelichen Abstammung Rosaliens, 
sondern selbst an seiner eigenen gezweifelt haben? "Wir werden 
es niemals wissen . . . Aber dieser Einfall führt uns zu dem 

I ersten Drama zurück, das er in seiner Kindheit erlebte, zu dem 
Drama, das sich zwischen den offiziellen Eltern abgespielt 
hatte; seine Sdiatten heben sich von der Mauer des Grab- 
gewölbes ab, in dem sich Herr Mangel-an-Atem und Herr 
Windenough (Genug-Atem) wiederfinden, 
I 



^9^ Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



1 



Herr Windenough besitzt vielleicht nicht nur deshalb zwei 
Atem, weil er sie dem vom Glück weniger begünstigten Rivalen 
gestohlen hat. Sollte in unserer Geschichte eine unbewußte, im 
Leben begründete Erinnerung an die Tatsache enthalten sein, 
daß der kleine Edgar seine Mutter in der Macht zweier 
Männer gesehen hat? Selbst wenn wir von dem hypothetischen 
Liebhaber absehen, müssen wir annehmen, daß das Kind 
irgendwann erfahren haben konnte, Elizabeth Arnold sei Frau 
Hopkins gewesen, bevor sie Frau Poe wurde. Dafür ist noch 
eine andere nicht abzuleugnende Spur im Verlorenen 
Atem erhalten. Herr Mangel-an-Atem entdeckt nämlich am 
Morgen nach seiner Hochzeitsnadit ein Bündel von Liebesbriefen, 
das sein Nachbar "Windenough seiner Frau geschrieben hatte. 
Dieses Bündel konnte doch nur vor der Hochzeit und nicht im 
Laufe der Hochzeitsnacht geschrieben, abgeschickt und empfangen 
worden sein! Diese manifeste Absurdität hat aber einen voll- 
ständig zusammenhängenden Sinn, wenn man erfaßt, was sie 
sagen will: der Sohn der Elizabeth Arnold wußte, daß sie vor 
der Hochzeitsnacht mit David Poe die Frau des C. D. Hopkins 
gewesen. „Erstaunlich kurze Zeit''^^" nach dessen Tod hat sie 
David Poe, der schon seit längerer Zeit zur Truppe gehörte, 
geheiratet. So sind von allen Seiten Spuren realer Erinnerungen 
in diese Geschichte geraten; der biographische Charakter der 
Erzählung wird auch durch die sonst zwecklose und unver- 
ständliche Tatsache bestätigt, daß Poe sie nicht mit seinem 
Namen, sondern mit dem eines Lyttleton Barry gezeichnet hat, 
als ob er sidi selbst habe täuschen wollen. 



129) Israfel, S. 10. Nadi Woodberry (I, S. 9): 3 Monate. 



J 



Der verlorene Atem 



^97 



Der Verlorene Atem enthält also in Summa das 
folgende: ein Herr verliert am Morgen nach der Hochzeitsnacht 
seinen Atem, seine Atmung, weil er zu laut ins Ohr seiner 
Frau hat schreien wollen. Sein Nachbar, der in diesem Augen- 
blidc bei dem Fenster vorübergeht, fängt den verlorenen Atem 
[auf. Dieser Nachbar, Herr Windenough, war schon vorher 
[von Frau Mangel-an-Atem begünstigt worden, weil er (noch 
vor diesem Zwischenfall) einen sehr potenten persönlichen 
Atem besaß. Nach verschiedenen Ereignissen (Herr Mangel-an- 
Atem wird in einer Postkutsche durch einen riesigen Herrn 
erdrückt, von einem Chirurgen seziert, von einem Henker 
, gehenkt) findet unser Held in einem Grabgewölbe seinen 
glücklicheren, aber durch seinen Raub, seinen doppelten Atem 
bedrückten Rivalen. Er zwingt ihn nun, ihm seinen verlorenen 
^Atem wiederzugeben. 

Der Atem ist hier, wie wir begriffen haben, ein Symbol für 
' die männliche Potenz. Die Geschichte enthält also zugleich ein 
t Bekenntnis der "Wahrheit und eine "Wunschphantasie; Poe 
gesteht sich ein, daß er impotent ist, sagt uns indirekt, daß 
Iseine Mannespotenz ihm auf irgendeine Art von seinem Vater 
i gestohlen wurde; am Schluß der Geschichte gibt der wieder- 
gefundene Vater sie ihm zurück. Diese Geschichte erzählt uns 
also auf eine transponierte, dichterische "Weise von dem infan- 
tilen, der Vorpubertät angehörenden Mißgeschick Poes und 
I davon, was aus der männlichen Potenz Poes, wenn ihn dieses 
i. Mißgeschick nicht getroffen hätte, geworden wäre. 

Das Kind hat auf der anal-sadistischen Stufe die Mutter zu 
sehr begehrt (Schreien, Angriffslust) und wird deshalb vom 
I Vater oder dem Mann, der seine Stelle einnimmt, zur Unter- 
I drückung seiner sadistisdien Liebestendenzen verhalten. In 
welchem Augenblick seiner Kindheit trat nun die wirkliche 
Verdrängung der Forderungen seiner Triebe auf? Das Kind 
hätte diese Tendenzen — wie das am Schluß der Geschichte 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



1 



geschieht — wiederfinden, wiederbeleben können, wäre nicht 
die Madit und die Dauer der Verdrängung gewesen, der es 
in seinem Leben früh unterlag. Tatsächlich verließ Poe bald 
das erste Heim (das Heim, in dem der Gatte, in dem die 
Familie lebt, was hier ja das gleiche ist) um in einem andern (in 
der Gesdiichte wird es durch die Postkutsche dargestellt, im 
Leben war es das Haus der Allans) von der Gestalt eines Vaters 
erdrückt zu werden — aber von einem Vater, der noch viel 
mächtiger war als der lange und magere Herr Windenough, 
ob dieser nun David Poe oder irgendeinen andern Mann dar- 
stellte. Der rücksichtslose und ungeheuer schwere Herr kann 
nur John Allan sein. Sogar die beiden Herren, zwischen denen 
Herr Mangel-an-Atem zuerst eingeklemmt war, als er sich 
in der Kutsche setzte, scheinen unter der Riesenlast zu 
verschwinden; es ist nicht mehr die Rede von ihnen. Herr 
Mangel-an-Atem, der dann auf die Straße hinausgeworfen 
wird und sich die Glieder bricht, gerät unter das Messer des 
kastrierenden Chirurgen, der ihn unter dem Vorwand, ihm 
helfen zu wollen, — ganz wie John Allan — quält und sogar 
physisch verstümmelt. John Allan spielte doch durch die 
strengen Erziehungsgrundsätze und durch die Forderung, er 
müsse die Achtung vor der väterlichen Autorität erzwingen, 
für den aus Mitleid aufgenommenen "Waisen die Rolle des 
ontogenetischen Begründers der Moral. Der harte, reiche und 
angesehene schottische Kaufmann, Besitzer mehrerer Frauen, 
der Mann, welcher sich wie die biblischen Patriarchen oder wie 
ihr Vorgänger, der prähistorische Vater der Urhorde, gestattete, 
was er den Kindern untersagte, dieser Kaufmann John Allan 
war ganz anders als etwa David Poe, der arme Schauspieler, 
der selber ein meuternder Sohn war, oder der unbekannte 
Liebhaber der zarten Schauspielerin Elizabeth Arnold, im- 
stande, die ihm vom Schicksal auferlegte Mission durchzu- 
führen, jene Sendung, die darin besteht, die infantile Seele 




Der verlorene Atem 



299 



durch die Sozialmoral zu unterjochen. Für die Mission John 
Allans war es außerdem günstig, daß sich Edgar Poe im ent- 
sprechenden Alter befand, als der Vater die Rolle des Er- 
ziehers zum sozialen Verhalten und Unterdrückers spielte: das 
Kind ist kaum vor dem dritten Lebensjahre, sicher aber 
nachher, im allgemeinen während der Latenzzeit, also nach 
dem fünften oder sechsten Jahr, in dem das erste Aufblühen der 
Sexualität vorüber, bereit, die unterdrückenden Eingriffe der 
Erziehung und Moral anzuerkennen. 

Natürlidh hat John Allan seinem Mündel nicht die Ein- 
geweide herausgerissen. Aber jede Heftigkeit, jede Gewalt- 
tätigkeit, die das Kind durch den Vater erdulden muß, wird 
von ihm im Unbewußten im Sinne einer Kastration inter- 
pretiert, im Sinn dieser altertümlichen Strafe, die den Knaben 
derart in Angst versetzt, daß sie seinen Ödipuskomplex unter- 
gehen läßt.^"" Das symbolisdie Herausreißen der Eingeweide 
des Unglücklichen durch den wohlmeinenden Chirurgen im 
Verlorenen Atem ist demnach wahrscheinlich die Er- 
setzung von Gewalttätigkeiten, die der junge Edgar in seiner 
Kindheit hat wirklich erdulden müssen, von Gewalttätig- 
keiten, die ganz ebenso wohlgemeint waren wie jene Operation, 
und zum Besten des Kindes durch die väterliche Hand 
seines Wohltäters verabreicht worden sind! Der Oberst Ellis, 
dessen Vater der Teilhaber im Geschäft John Allans war und 
bei dessen Eltern die Allans einige Monate nach ihrer Rückkehr 
von England (1820) gewohnt hatten, bezeugt in seinen Erinne- 
rungen die Tatsache, daß Edgar Poe, der damals schon beinahe 
ein Jüngling gewesen, von seinem Vormund mit der Peitsdie 
Schläge bekommen habe. „Das einzige Mal", schreibt er,^"^ „da 
Allan ihn mit der PeitscJie schlug, war meines Wissens damals, 

130) Freud, Der Untergang des Ödipuskomplexes (Int. Ztsdir. 
f. PsA. 1924, Heft 3; Gesammelte Schriften, Bd. V). 

131) V.E., Bd.I, S.24. 



3°= Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

als er mich auf die Felder und in den Wald des angrenzenden 
Belvidere, der jetzt der Friedhof von Hollywood ist, führte 
und mich den ganzen Samstag bis zum Einbruch der Nadit 
zurückhielt, ohne daß jemand wußte, wo wir waren; er bekam 
diese Sdiläge auch, weil er mit einem Gewehr Geflügel getötet 
hatte, das dem Eigentümer des Belvidere (das war zu jener Zeit 
der Richter Bushrod Washington, wie idi mich zu erinnern 
glaube) gehörte." Ein Vater, der einen zwölfjährigen Sohn 
sdilägt, hat es gewiß auch vorher getan. Diese Erziehungs- 
methode war allerdings zu jener Zeit die gebräuchliche, und 
hätte John Allan sich durdi die Tränen der sanften Frances 
davon abhalten lassen, den kleinen Edgar zu prügeln, als er 
zum Beispiel der alten Dame, die sidi niedersetzen wollte,^^^ 
den Stuhl wegzog, — er wäre seiner Pflidit nicht nach- 
gekommen! 

Es steht für uns daher außer Frage, daß John Allan die 
männliche und gefürchtete Vatergestalt war, die dem Ödipus- 
komplex Edgar Poes dadurch ein Ende machte, daß sie im 
Physischen und Moralischen heftig gegen Edgar vorging; diese 
Heftigkeit wurde von dem Kind im Sinne einer Kastration 
interpretiert. John Allan war also der Kastrator Edgar 
Poes, e r machte ihn impotent, indem er ihm jene Moral auf- 
zwang, vor der die ursprüngliche sadistisch-nekrophile Sexua- 
lität des Kindes zurüdiwich, durch die sie tief ins Unbewußte 
verdrängt wurde, um nur mehr als ungefährliche künstlerisdie 
Phantasie wieder aufzutauchen. 

» 

"Wer die psychische Konstitution Edgar Poes verstehen will, 
darf aber nicht vergessen: im Unbewußten des Dichters gab es 
zwei verschiedene Ödipuskomplexe. Zuerst stellten die beiden 
wirklichen Eltern, die zwei schwindsüchtigen Schauspieler, 

132) Israfel, S. 54 und j/. 




Der verlorene Atem 301 

David und Elizabeth, in den Augen des Kindes das Eltern- 
paar dar. Plötzlich, im Juli 18 10, Edgar war damals erst ein- 
undeinhalb Jahre alt, verschwand David Poe in New York. 
Man kann daher nidit sagen, daß David Poe in der Zeit, in der 
er gegenwärtig gewesen, wirklich eine ödipusroUe im Leben 
seines Sohnes gespielt hatte; Edgar war nodi zu klein und 
stedite ganz in der präödipalen und prägenitalen Phase seiner 
infantilen Libido. Aber später, als Edgar Poe sich schon im 
Hause John Allans befand, und dieser für das inzwischen in 
die ödipusphase geratene Kind die gefürchteten Ausmaße des 
ödipusvaters bekommen hatte, wurde David Poe durch die 
Projektion des gegenwärtigen Gefühls in die Vergangenheit 
wahrscheinlich naditräglich im Unbewußten seines Sohnes 
gleidisam „ödipisiert". In diesen ersten, retrospektiven Ödipus- 
komplex, der sich aber in "Wirklichkeit, wie wir nidit vergessen 
dürfen, niemals auf der wirklichen ödipusebene abgespielt hat, 
gehört auch der hypothetische Liebhaber, der Vater Rosaliens, 
den man der Elizabeth Arnold zuschrieb. 

Im Alter von drei Jahren wird Edgar im Haus des John 
Allan aufgenommen. Dort beherrscht ein neues Elternpaar sein 
Leben: die sanfle Frances und der heftige, rücksichtslose John. 
Einige Zeit noch wirkt wohl das Aufblühen der prägeni- 
talen und vielleicht schon phallischen Infantilsexualität in ihm 
mit der infantilen Masturbation nach, und er kommt sdinell bei 
seiner intellektuellen Frühreife, die von einer sexuellen Früh- 
reife begleitet werden muß, in die eigentliche ödipusphase: er 
hat immer energischeres Gelüste nach mütterlicher Zärtlichkeit 
und haßt immer mehr den Vater, seinen Nebenbuhler, der ihn 
unglückseligerweise von ihr wegdrängt. Die große und gefürch- 
tete Gestalt des wirklichen Vaters, die das ganz kleine Kind 
mehr oder minder gekannt hat, bekommt jetzt für Edgar Poe 
das harte Antlitz seines Gegners John Allan. Frances, die 
Adoptivmutter, erbt den größten Teil der Reize Elizabeths, 



302 Die Gesdnchten: Der Zyklus Mutter 



1 



der wirklichen, verschwundenen Mutter, sogar ihre Krankheit. 
In dieser Zeit, in der die Verdrängung unter dem Druck des 
rücksichtslosen Vaters, welcher die Peitsche in der Hand hält, 
einsetzt, in dieser Zeit, in der die infantile Masturbation 
wahrscheinlich unterdrückt wird, die Angst erscheint, mußten 
die im Unbewußten des Kindes unbeschädigt gebliebenen 
Spuren des ersten Elternpaars (oder, wenn man die Hypothese 
eines Ehebruchs der Elizabeth anerkennt, der ersten Eltern- 
paare) wieder lebendig werden, sich sozusagen ö d i p i- 
s i e r e n. 

Man darf jedoch dabei eine andere Tatsache nicht vergessen: 
die infantile Libido des kleinen Edgar war durch seine wirk- 
liche Mutter ganz anders befriedigt worden, als dies durdi die 
erst später gekommene Frances Allan, die noch dazu von John 
Allan gehindert wurde, geschehen konnte. Es wird uns daher 
keineswegs in Erstaunen versetzen, daß diese Libido unter dem 
Druck der Verdrängung an die verschwundene Mutter wie an 
das verlorene Paradies gebunden blieb, gebunden an die e r s t e 
Mutter, die damals kein energischer Vater dem Kind streitig 
machte, an die Ernährerin, die ihm Milch gab, die er als ganz 
kleines Kind auf der prägenitalen Stufe oral und anal voll- 
ständig besaß, und deren einziger und kleiner Gefährte er 
sechs Monate hindurch gewesen, damals, als Rosalie nocii nicht 
geboren war! 

Frances Allan konnte ihm nie auf solche Weise gehören: 
denn neben ihr stand der rücksichtslose John mit dem tadelnden 
Blick, die Peitsche in der Hand, und erinnerte ihn unaufhörlich 
daran, daß sie nicht seine wirkliche Mutter war. Daher blieb 
seine unbewußte Phantasie an jene verschwundene Zeit, in der 
seine wahre Mutter ihm gehörte, wie an ein verlorenes Para- 
dies fixiert, und die tote Elizabeth, die man ungehemmt lieben 
konnte, tauchte immer wieder auf, um in tausenderlei Ver- 
wandlungen die furchtbaren unsterblichen Geschichten des 



J 



Der verlorene Atem 



303 



Dichters zu bevölkern. Und noch ein anderes Element mußte 
wohl diese Fixierung begünstigen: die Tatsache nämlich, daß 
die Entwicklung des Edgarschen Ich, der ein frühreifes Kind 
war, der Entwicklung seiner Libido vorangegangen sein mußte, 
was dazu beitrug, diese Libido an die prägenitalen Stadien 
fixiert bleiben zu lassen, in weldien seine wirkliche Mutter 
herrsdhite. 

Wenn also das erste Elternpaar für Poe durch die Gestalt 
der Mutter, die er 1 i e b e n konnte, beherrsdit wurde, so wurde 
das zweite durch die des Vaters beherrscht, den er fürchten 
mußte. Das ist ja die zeitliche Reihenfolge, in der für die 
meisten Menschen die Eltern ins Bewußtsein treten, der 
Bedeutung nadi, welche sie für die Mensdien haben. Der 
kleine Knabe wird von der Mutter „angezogen", durch sie 
beglückt, dann kommt der Vater mit seinen Moralverboten 
dazu, um uns von ihr zu trennen; er schließt vor dem Kinde 
die Pforten des ersten Paradieses. Aber da Poe von einem 
Paar unter die Obhut des andern kam, gehören diese beiden 
Gestalten, die für ihn im wesentlichen den Vater und die 
Mutter darstellen, verschiedenen Paaren an. 

Die Mutter war also für Poe immer und hinter all ihren 
Verkleidungen: ElizabethArnold. Und der Vater, selbst 
wenn er in die Vergangenheit auf David Poe oder irgendeinen 
andern zurüdiprojiziert wurde, war immer mehr oder weniger 
John Allan. Sogar Herr Windenough, in dem unleugbar 
der Abenteurer David Poe oder der Liebhaber Elizabeths 
wieder lebendig wurde, wird an einer Stelle ganz so wie John 

I Allan des Geizes bezichtigt. 
Diese Überlegungen beleuchten seltsam das Ende der Er- 
zählung vom verlorenen Atem. Von dem Augenblidi 
an, in dem der bereits seines Atems beraubte Held durch den 



304 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



1 



Arzt noch seiner Eingeweide beraubt wird, ist das Maß voll, 
und eine Art Auflehnung bemächtigt sich des Unbewußten 
Poes. Nein, scheint er auszurufen, ich will nicht durch diesen 
schlediten Vater auch noch verstümmelt werden! Sein Held 
wird daher aufgehängt, was einer Rephallisierung auf 
symbolische, wenn auch ironische Weise, gleichkommt. Dann, 
nach einer langen, dem Opiumtraum gleichen Phantasie, in der 
er auf prägenitale, orale Weise die vom gesättigten Säugling an 
der Brust der Mutter früher einmal genossene, inzwischen aber 
verlorene Wollust wiederentdeckt, phantasiert er gar davon, 
daß er sich neuerdings im mütterlichen Körper befindet, in dem 
ihn der väterliche Phallus in Form der Schraube des Leichen- 
bestatters noch ein letztes Mal verfolgt. Hierauf wird er 
wiedergeboren. Er findet nun in dem Grabgewölbe, in dem 
beide, die (schwangere) Mutter und der Vater seiner Kindheit 
(David Poe oder der andere), der harmlose prägenitale Vater, 
vor ihm beigesetzt wurden, diese beiden wieder. Der Vater, 
der Erfinder italienischer Pappelbäume und anderer Phallus- 
zeichen, Doktor der Pneumatik, besitzt den „Atem", den 
eigentlich John Allan gestohlen hatte. In der Gesdiichte gibt 
jedoch der Vater, im Gegensatz zu seinem Verhalten in der 
Wirklichkeit, dem Sohn den Atem und die Potenz wieder, und 
Poe scheint auszurufen: wenn es möglich gewesen wäre, durch 
eine Art magischen retroaktiven Ungeschehenmachens die Zeit 
zu annullieren, in der er von John Allan, dem ödipus- 
vater, „zu seinem Besten" erdrückt und verstümmelt worden, 
dann wäre er nicht sein ganzes Leben hindurch zur Im- 
potenz verdammt gewesen! Aber seine Potenz war mitten 
unter den Leichen verscharrt geblieben: und nur dort, bei 
solcher Berührung, hätte sie wiederbelebt werden können. Die 
Pforten des Himmels, die „sich dem Sünder wie dem Heiligen 
unfehlbar auftun, sobald er in gutem Glauben mit aller Kraft 
seiner Lungen das Wort Amen ausrief", diese Pforten wären 



Der verlorene Atem 



30J 



jedodi für ihn nidit die Tore mit den sdbweren Flügeln des 
t Grabgewölbes von Ulalume geworden, die er, wegen der Moral, 
die ihm im Hause der Allans eingepflanzt worden war, nicht 
, öffnen konnte. 

So enthüllt diese Gesdiidite mit einem manifesten Inhalt, 
der burlesk sein mödite, dem Analytiker einen im Tiefsten 
tragischen latenten Inhalt. Der Humor Poes zeigt hier, wie 
; übrigens immer, nicht umsonst einen düsteren, sdimerzlidien 
Zug. Vergebens bemüht sich Poe, die Potenz, um die er seinen 
Vater beneidet, lädierlidi zu madien und im Wert herab- 
zusetzen, indem er ihn so darstellt, als ob er durch den Druck, 
, den zwei Atem auf ihn ausüben, ersticken würde, vergebens 
I läßt er Herrn Mangel-an-Atem sich wie einen Hampelmann 
[benehmen. Dieses Benehmen verliert nirgends seinen bittern 
1 Beigesdimack, diese Ironie ist voll Trauer und man fühlt; Poe 
bemüht sidi zu laclien, um nicht weinen zu müssen. Aber es 
gelingt ihm nicht, wirklich zu lachen. Denn für den Impotenten 
ist der Verlust der Mannespotenz nodb nie eine lustige Sache 
gewesen. 




Bonaparte: Edgar Poe. II. 



J 



IV 

DER ZYKLUS VON DER 
ERMORDETEN MUTTER 




I 



DER MANN DER MENGE''' 



Im Dezember 1840, nadi dem Brudi Poes mit Burton, er- 
schien in der letzten Nummer von Burton's Gentleman's Maga- 
zine, das damals von Graham gekauft worden war, eine selt- 
same und rätselhafte Erzählung, die zum Teil in einem bei 
Poe bisher ungewohnten Ton gesdirieben wurde. 

„Es war nidit schledit", beginnt der Erzähler dieser Gesdiidite, 
„es war nidit sdiledit, dies ,Es läßt sidi nidit lesen', das man von 
einem gewissen deutsdien Budie sagte. Es gibt Geheimnisse, die 
nidit gestatten, daß man sie ausspridit, Mensdien sterben nadits 
in ihren Betten, pressen die Hand gespenstiger Beiditväter, blidien 
ihnen erbarmensudiend ins Auge, sterben mit verzweifelndem Herzen 
und gekrampfter Kehle, denn die entsetzlidien Geheimnisse, die 
nidit dulden, daß man sie enthüllt, erdrüdcen sie. Adi, hie und 
da nimmt das Gewissen der Mensdien eine Last auf, die so ent- 
setzlidi ist in ihrer Sdiwere, daß sie nidit früher abgeworfen werden 
kann als im Grabe. Und so wird das innerste Wesen des Ver- 
brediens nie offenbar." 

Nadi dieser moralisierenden und geheimnisvollen Einleitung 
beginnt die eigentlidie Erzählung: 

„Vor nidit allzu langer Zeit saß idi an einem Herbstabend an 
dem großen Bogenfenster des D . . . sdien Kaffeehauses in London. 
Idi war einige Monate krank gewesen, nun aber auf dem Wege 
der Besserung, und je mehr meine Kräfte zurüdikehrten, desto 
glüdslidier wurde meine Stimmung, die man als das Gegenteil von 
Langeweile bezeidinen konnte. ... Idi nahm an allem ein stilles, 
dodi eindringlidies Interesse. Eine Zigarre im Munde und eine 
Zeitung auf den Knien hatte idi mich den Nadimittag über damit 

133) The Man of the Crowd (Burton's Gentleman's Magazine, 
Dezember 1840; 1845). 



310 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



unterhalten, in die 2eitung zu blidcen, oder die andern Gäste 
zu beobaditen, oder durch die rauchgetrübten Scheiben auf die 
Straße zu sdiauen. 

Diese Straße, eine der Hauptverkehrsadern der Stadt, war schon 
den ganzen Tag über sehr belebt gewesen. Aber mit zunehmender 
Dämmerung wuchs die Menge der Passanten noch von Minute zu 
Minute, und als die Laternen angezündet wurden, wogte unauf- 
hörlich nach beiden Richtungen ein dichter Menschenstrom vor- 
über . . . und das stürmende Menschenheer da draußen gab mir 
seltsam neue, berauschende Gefühle. Bald kümmerte idi mich gar 
nicht mehr um das, was drinnen vorging, sondern vertiefte midi 
in die Beobachtung des Straßengewoges. 

Meine Beobaditungen waren zunächst ganz allgemeiner Art. Ich 
sah die Passanten nur als Gruppen und stellte mir ihre Beziehungen 
zueinander vor. Bald jedoch ging ich zu Einzelheiten über und 
prüfte mit eingehendem Interesse die zahllosen Verschiedenheiten 
in Gestalt, Kleidung, Haltung und Mienenspiel." 

Der Beobachter unterscheidet so beim Vorübergehen Müßig- 
gänger und Gesdiäftsleute, stille und erregte Mensciien, An- 
gestellte von der Art der Ladenjünglinge aus einem unsoliden 
Geschäftshause, Angestellte nach der Art der steady old fellows 
alter solider Firmen, Tasciiendiebe, Spieler und Parasiten. Aber 
während er diese Stufenleiter der gentility hinabsteigt, findet 
er „dunklere und schwierigere Aufgaben zum Analysieren": 
jüdische Hausierer mit Falkenaugen, gewerbsmäßige Bettler, 
Gespenster von Invaliden, junge, von der Arbeit erschöpfte an- 
ständige Mädchen, Dirnen „aller Art und jeden Alters", Be- 
trunkene, Kuchenbäcker, Dienstmänner, Kohlenträger, Rauch- 
fangkehrer und Drehorgelspieler. 

Inzwischen bricht die Nadit herein und „die milderen Züge" 
der Menge verschwinden in dem Maße, in dem sich der „bessere 
Teil der Leute" zurückzieht. 

„Die späte Stunde (locite) alle Gemeinheit aus ihren Höhlen" 
und „die Strahlen der Gaslaternen, die zuerst im Kampf mit dem 
sterbenden Tageslicht nur schwach gewesen, (erlangten) die Herr- 
schaft . . . und warfen über alles ein flackerndes, glänzendes Licht. 



I 



Der Mann der Menge 



311 



Alles war dunkel und dennodi strahlend — gleidi jenem Ebenholz, 
mit dem man den Stil Tertullians verglichen hat." 

Der Beobaditer, den das Treiben immer stärker interessiert, 
prüft die Gesiditer der Gestalten, auf denen das Lidit seltsame 
Wirkungen hervorruft. 

„Und obgleidi die Sdinelligkeit, mit der die Menge da draußen 

' in Licht und wieder in Sdiatten trat, mich verhinderte, mehr als 

einen Blidc auf jedes Antlitz zu werfen, so sdiien es doch, als ob 

' idi in meiner besonderen Geistesverfassung imstande sei, in einem 

■ Augenblidt die Gesdiidite langer Jahre zu lesen." 

Und nun taudit der Held der Gesdiidite in diesem Bild 
'auf, das von Turner gemalt v/orden sein könnte. 

„Die Stirn an den Sdieiben, war idi solcherart besdiäfligt, die 
Menge zu studieren, als plötzlidi ein Gesidit auftauchte (das eines 
hinfälligen alten Mannes von etwa fünfundsechzig oder siebzig 
I Jahren) — ein Gesidit, das midi sofort in Bann hielt und mit der 
unerhörten Eigenart seines Ausdrucks meine ganze Aufmerksamkeit 
in Ansprudi nahm. Nie vorher hatte idi etwas gesehen, das so 
sonderbar gewesen wäre wie dieser Gesiditsausdrudi. Mein erstet 
Gedanke bei diesem Anblidc war, wie idi midi gut erinnere, der, 
daß Retzsdi, hätte er es gesehen, ihm unbedingt den Vorzug vor 
allen andern Modellen zu seiner Verkörperung des Satans gegeben 
haben würde. Als idi während der kurzen Zeit, da idi den Alten 
zum erstenmal sah, mir sdinell über den Eindruck, den er auf mich 
machte, RecJiensdiaft zu geben suchte, tauchten vor meinem geistigen 
Auge die wirren und widerspredienden Vorstellungen auf von 
unendlidier Geisteskraft, Vorsicht, Knauserei, Geiz, Kälte, Bosheit, 
Blutdurst, von Frohlocken, Heiterkeit, wildestem Entsetzen und 
tiefer, unendlicher Verzweiflung. Ich fühlte mich seltsam angeregt, 
angezogen und im Bann gehalten. ,'Weldi eigenartige Geschichte . . . 
ist in diesem Busen eingegraben!'" 

Der Beobaditer wirft sidi in Eile seinen Mantel über, packt 
Hut und Stock und stürzt auf die Straße. 

Er findet dort den alten Mann wieder, „und folgte ihm 
didit, dodi vorsichtig, um nidit seine Aufmerksamkeit zu er- 
regen". Der Greis 



31^ Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

„war von kleiner Gestalt, sehr mager und sichtlich sehr hinfällig. 
Seine Kleidung war im groiSen und ganzen sdimierig und zerlumpt. 
Dodi als er hie und da ins helle Lidit einer Laterne trat, gewahrte 
ich, daß seine Wäsdie, wenn auch schmutzig, so dodi von feinstem 
Gewebe war; und wenn mein Auge mich nicht täuschte, so erspähte 
ich durch einen Riß in seinem fest zugeknöpften und offenbar aus 
zweiter Hand erworbenen Regenmantel den Schimmer eines 
Diamanten und eines Doldies. Diese Beobaditung erhöhte meine 
Neugier, ich beschloß, dem Fremden zu folgen, wohin er auch 
gehen modite." 

Der Erzähler verfolgt ihn trotz Nebel und Regen 
weiter. 

„Eine halbe Stunde lang bahnte der Mann sich mühsam seinen 
Weg durch die belebte Straße ... Da er nie den Kopf wandte, 
um zttrückzuschauen, bemerkte er mich nicht. Endlich bog er in 
eine Querstraße ein; auch dort war das Gedränge sehr stark, 
immerhin aber bei weitem nicht so, wie in der soeben von uns 
verlassenen Hauptstraße. Jetzt änderte er sein Benehmen. Er ging 
langsamer und planloser als vorher ... Er kreuzte wiederholt und 
ohne ersichtlichen Grund die Straße . . . Die Straße war lang und 
schmal, und er verfolgte sie wohl eine Stunde lang. In dieser Zeit 
hatte die Zahl der Passanten abgenommen . . . Eine weitere Wendung 
brachte uns auf einen glänzend erleuchteten, von Leben über- 
sprudelnden Platz. Der Fremde nahm sein altes Gebaren wieder 
an. Er ließ das Kinn auf die Brust sinken, während seine Augen 
unter den gerunzelten Brauen gegen alle, die ihm in den Weg 
kamen. Blitze schössen ... Ich war indessen nicht wenig erstaunt, 
als er, nachdem er die Runde um den Platz beendet, kehrt machte, 
und seine Schritte wieder zurücklenkte. Noch mehr staunte ich 
darüber, daß er diese Runde mehrmals wiederholte . . . Mit dieser 
Leibesübung brachte er eine weitere Stunde zu, gegen deren Schluß 
uns weit weniger Passanten begegneten als vorher. Es regnete in 
Strömen; die Luft wurde kalt und die Menschen zogen sich in ihre 
Behausung zurüci. Mit einer Gebärde der Ungeduld wandte sich 
der Wanderer einer verhältnismäßig öden Seitengasse zu. Diese lief 
er . . . mit einer Eilfertigkeit hinunter, wie ich sie bei einem so 
bejahrten Manne nicht vermutet hätte ... In wenigen Minuten 
hatten wir einen großen und sehr besuchten Basar erreicht . . ., wo 



Der Mann der Menge 313 

ef wieder wie vorher im Gedränge sich planlos zwisdien der 
Schar von Käufern und Verkäufern hindurchsdiob. 

Während der etwa anderthalb Stunden, die wir hier zubrachten, 
bedurfte ich meinerseits der größten Vorsidit, um midi in seiner 
Nähe zu halten, ohne seine Aufmerksamkeit zu erregen. Glück- 
licherweise trug idi ein Paar Gummischuhe, und konnte midi daher 
lautlos vorwärtsbewegen. Er gewahrte nicht einen Augenblick, daß 
idi ihn beobachtete . . . 

Eine lauttönende Uhr schlug elf, und die Menge verließ eilig 
den Basar." Der geängstigte Greis „lief dann mit unglaublidier 
Geschwindigkeit durch viele krumme, menschenleere Gassen", bis 
er zu einer Hauptverkehrsstraße kommt, in der sich das Hotel D. 
befindet. „Sie bot indessen nicht mehr denselben Anblick. Sie 
erstrahlte nocii immer im Licht der Gaslaternen, aber der Regen 
fiel heftig, und es waren nur wenige Leute zu sehen. Der Fremde 
erbleichte. Er machte mürrisch einige Schritte auf der vordem so 
belebten Straße, schlug dann mit einem schweren Seufzer die Richtung 
nach dem Flusse ein und . . . kam . . . schließlich bei einem der 
Haupttheater heraus. Es war kurz vor Torsciiluß und die Besucher 
strömten aus den Pforten." Der Greis stürzt sich gierig in die 
Menge. Aber „während er so seinen Weg fortsetzte, zerstreuten 
sich die Leute allmählich, und seine alte Unrast befiel ihn von 
neuem". 

Er folgt eine Zeitlang einigen lärmencien Naciitsdiwärmern; 
aber wie ciiese auf drei Männer zusammengescäimolzen sind, 
hält 

„der Fremde . . . inne und schien für einen Augenblick in Ge- 
danken versunken; dann eilte er mit allen Anzeichen innerer Auf- 
regung einen Weg hinunter, der uns an die äußerste Grenze der Stadt 
führte, in weit andere Gegenden, als wir bisher durchquert hatten. 
Es war das geräuschvollste Viertel Londons, wo alles den Eindruds 
erbärmlichster Armut und verzweifelten Verbrechertums machte . . . 
Die ganze Atmosphäre war getränkt von Gram und Elend". Man 
hört jedoch wieder menschliche Laute „und schließlich sah man 
ganze Banden des verworfensten Londoner Pöbels hin und her 
taumeln. Des alten Mannes Lebensgeister flammten wieder auf wie 
eine Lampe vor dem Verlöschen. Noch einmal strebte er elastischen 



314 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



1 



Sdirittes vorwärts. Als wir plötzlich um die Ecke bogen, dran 
eine Flut von Lidit auf uns ein, und wir standen vor einem der 
riesigen Vorstadttempel der Unmäßigkeit, einem Palast des Brannt- 
weinteufels". 

Beinahe „mit einem leisen Freudenschrei" mischt sich der Greis 
unter die betrunkene Menge. Er „sdiritt ohne ersichtliches Ziel 
inmitten der Menge umher". Aber das Hotel schließt wegen der 
vorgerückten Stunde, es ist beinahe Tag geworden, seine Tore. 
„Es war mehr als Verzweiflung, was ich jetzt auf dem Antlitz 
des seltsamen Wesens geschrieben sah, dessen Beobachtung ich midi 
so andauernd gewidmet hatte ... Mit wahnsinniger Hartnädjigkeit 
(lenkte er) seine Schritte wieder dem Herzen des mächtigen London 
zu . . . Die Sonne ging auf, während wir weiterschritten, und als 
wir wieder jenen belebtesten Teil der volkreichen Stadt, die Straße 
des D . . . sdien Kaffeehauses erreicht hatten, bot diese ein Bild von 
Hast und Emsigkeit, das hinter dem vom Vorabend kaum zurüdc- 
stand. Und hier inmitten des von Minute zu Minute zunehmenden 
Gewirrs setzte ich standhaft die Verfolgung des Fremden fort. Er 
aber ging wie immer hin und zurück und verließ während des 
ganzen Tages nicht das Getümmel jener Straße. Und als die 
Schatten des zweiten Abends niedersanken, ward ich totmüde und 
stellte mich dem Wanderer kühn in den Weg und blidste ihm fest 
ins Antlitz. Er bemerkte mich nicht. Er nahm seinen traurigen 
Gang wieder auf, indes ich, von der Verfolgung abstehend, in 
Gedanken versunken zurüdkblieb. 

Dieser alte Mann, sagte ich schließlich, ist das Urbild und der 
Dämon des Triebes zum Verbrechen. Er kann nicht allein sein. 
Er ist der Mann der Menge. Es wäre vergeblich, ihm zu folgen, 
ich werde weder ihn noch sein Tun tiefer durchschauen. Das 
schlechteste Herz der Welt ist ein umfangreicheres Buch als der 
Hortulus Animae, und vielleicht ist es nur eine der großen Gnaden- 
gaben Gottes, dies: Es läßt sich nicht lesen." 

Das ist der Inhalt der GescJiichte, über die Hervey Allen 
geschrieben hat: „Wir haben hier eine Erzählung vor uns, in 
der die Erlebnisse eines Helden, welcher unter dem Einfluß 
von Gewissensbissen nach einem Verbrechen steht, mit Bildern 
aus London, die Poe, als er sich in dieser Stadt mit den Allans 
aufhielt, gesehen hatte, eigenartig verbunden sind; das Ganze 



Der Mann der Menge 



315 



vird dann auf eine seltsame Weise durdi die Wolken und 
Sdileier eines Traums hindurch wieder ins Gedächtnis ge- 
rufen." ^^* 

» 

Wir wollen nun der Reihe nach dreierlei untersuchen. 
• Erstens, wer ist dieser Held.' Die Geschichte, durch die der 
geheimnisvolle Greis irrt, ist nicht sehr durchsichtig, und den 
Zauber, den sie auf die Leser ausübt, verdankt sie ebenso dem 
Rätsel, das in ihr steckt, wie der großartigen Darstellung einer 
von Poe entworfenen „Schwarz- Weiß"-Malerei der näditlidien 
Menge, die im Licht der Straßenlampen der großen Stadt 
dahineilt oder spazieren geht. Die Beschreibung, die Poe von 
: seinem Helden gibt, verrät aber zur Genüge, wer er ist. 
I Dieser Greis, der eine wahre Verkörperung des Teufels ist, 
[wie der Dichter uns gesagt hat, ruft in dem Geist des Beob- 
achters „Vorstellungen . . . von unendlidier Geisteskraft, Vor- 
I sieht, Knauserei, Geiz (avarice), Kälte, Bosheit, Blutdurst, 
' von Frohlocken, Heiterkeit, wildestem Entsetzen und tiefer, 
unendlicher Verzweiflung" hervor. Unsere Leser werden schon 
erraten haben, von wem hier die Rede ist: wir haben von 
neuem Allan vor uns. Ein Zug allein hätte genügt, um uns auf 
die Spur zu führen: die Knauserei, der Geiz. Tatsächlich 
war der schottische Kaufmann, der bereits sechs Jahre lang im 
Grab lag, als Poe den Mann der Menge schrieb, in den 
Augen seines Adoptivsohns besonders durch diesen Zug charak- 
terisiert. Wir erinnern uns dabei an die K n a u s e r e i, die der 
reiche Kaufmann bewiesen hatte, als sich sein Mündel auf der 
Universität von Virginia befand, an jene Knauserei, bei 
der der Entzug von Geld im übrigen, auf anale Weise aus- 
gedrückt, den Entzug an Liebe darstellen sollte. Auf diese Art 



134) hrafel, S. 478. 



}i6 Die Gesdiichten: Der Zyklus Mutter 

protestierte nämlidi John Allan gegen die Schwädie, die seine 
Frau für den Sohn von Schauspielern hatte. 

Aber audi die andern Charakterzüge, die wir an dem Greis 
entdedien, können bei dem schottischen Kaufmann auf- 
gezeigt werden. Steckt nicht in der Anerkennung der „un- 
endlichen Geisteskraft", die dem Alten zugesdirieben wird, eine 
Wiederkehr des Erstaunens, von weldiem das Kind vor der 
geistigen Madit des Erwadisenen, des im Hause herrschenden 
Vaters erfaßt wurde? Und ist die Vorsicht nidit eine 
wichtige Eigenschaft der Kaufleute, die wie John Allan bei 
ihren Unternehmungen Erfolg haben? Und leistete die K ä 1 1 e, 
die Kaltblütigkeit dieses Vaters nicht immer wieder der jugend- 
lidien Glut einen schmerzlidi empfundenen Widerstand? Unter 
der Bosheit John Allans mußte das Kind Poe grauenhaft 
leiden, aber auch durch seinen Blutdurst, dann, wenn er es 
mit der Peitsciie schlug. Da triumphierte der Vater über sein 
Kind ebenso wie über die Konkurrenz auf den Märkten, und 
ebenso wie er bei andern Gelegenheiten, die wir hier nidit alle 
aufzählen wollen, über seine Frau triumphiert hat, — ein Ver- 
halten, von dem das Kind vermuten konnte, es stehe dem Blut- 
durst nicht fern. Und ist es erstaunlidK, daß der Greis nach all 
diesem Triumph von Frohlocken, Heiterkeit erfaßt 
wurde? Dieser Triumph des Greises ging jedoch zum Teil aus 
Verbrechen hervor, aus derart schrecklichen Verbrechen, daß sie 
hier nicht einmal genannt werden, daß man von ihnen nicht 
erzählen, aber auch, daß man Berichte über sie nicht lesen kann. 
Auf den Triumph, die Heiterkeit, folgte dann schicksalshaft 
wildestes Entsetzen und tiefe, unendliche 
Verzweiflung, durch die der vom gerechten Schicksale 
sechs Jahre vorher mit Wassersucht bestrafte John Allan vor 
den Augen des richtenden Adoptivsohnes sterben mußte. 

Der Mann der Menge ist daher zweifellos ein herunter- 
gekommener John Allan, der mehr Jahre angekreidet bekam, 



1 



I 



Der Mann der Menge 317 

I als er in Wirklidikeit erreidit hatte.^^^ Man könnte darauf 

I erwidern, daß die Wassersudit nicht verjünge, daß John Allan 

[in seinen letzten Lebensjahren älter, also wie ein wirklicher 

I Greis ausgesehen haben müsse. Der Mann der Menge zeigt 

taber audi nodi andere Veränderungen gegenüber dem Modell: 

er ist sehr mager, während Wassersüchtige gedunsen sind, 

und seine Kleider sind sdimutzig und zerrissen — , der peinlich 

I genaue und sehr bürgerliche John Allan muß ganz anders aus- 

l gesehen haben! Nur die Wäsche des Unbekannten weist auf 

seinen verlorenen Reichtum hin, und auch der Diamant, der 

Idurdi einen Riß des Mantels neben dem blutrünstigen und 

1 romantisclien Doldi siditbar wird. 

Wahrsdheinlidi bestraft hier der richtende Sohn in der 
Phantasie den reidien und verbredierisdien Vater, den die 
Vorsehung nadi seiner Meinung in der Realität nicht genügend 
gezüditigt hat, mit hödistem Alter, mit der Magerkeit des 
Verhungerten und mit schmutziger Armut. Auf die Frage: wer 
ist der Verbrecher? können wir daher leicht antworten. John 
Allan ist der Verbrecher, allgemeiner gesagt: der Vater. Aber 
auf eine zweite, anscheinend wesentliche Frage gibt die Ge- 
schichte keine Antwort, ja sie erklärt sogar feierlichst zu 
Beginn und am Ende, daß man diese Antwort nicht geben 
könne. Sie sagt zwar: hier ist der Verbrecher! — „dieser alte 
Mann ... ist das Urbild und der Dämon des Triebes zum Ver- 
brechen" — , aber auf die Frage: welches Verbrechen hat er 
begangen? schweigt sie sich aus und sie erklärt auch, warum 
sie es tut: „Es wäre vergeblich, ihm zu folgen, denn ich werde 
weder ihn noch sein Tun tiefer durchschauen." 

Um a:uf unsere Frage eine Antwort zu bekommen, müssen 

135) In dem biographischen Memorandum (V. E., Bd. i, S. 34J), 
das Poe Griswold übergeben hat, behauptet Poe, Allan sei bei 
seiner Wiederverehelithung 60 Jahre alt gewesen. In Wirklichkeit 
war er damals jo Jahre alt. 




jiS Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

wir auf biographische Tatsachen verweisen. Poe hatte London 
und die Menge in den StralSen dieser Stadt gesehen, als er 
mit den Allans dort wohnte. Dieser Aufenthalt des kleinen 
Edgar in England dauerte vom Juli i8ij bis zum Juni 1820. 
Nach den drei Monaten, die er im Sommer in Schottland mit 
der Familie des John Allan verbradit hatte, war er zu Beginn 
Oktober 181 j in London mit seinen Adoptiveltern ange- 
kommen. Dort „fanden die Allans nicht sofort eine Wohnung, 
daher . . . stiegen sie in Blacke's Hotel ab".''° Einige Tage 
nadiher mieteten sie sich am Russell Square ein. 

Aber Edgar blieb nicht lange in London. John Allan hatte 
nämlich nur unter der Bedingung, daß Edgar wieder nach 
Irvine in die Schule zurückkehre, auf die flehentlichen Bitten 
der „Ma" und der Tante Nancy hin ihm zugestanden, er 
dürfe sie auf ihrer Reise von Schottland nadi London be- 
gleiten. Nun sciieint John Allan seit Ende 18 15 verlangt zu 
haben, daß das Verspreciien gehalten werde. Das Kind, das 
damals nocii niciit sieben Jahre alt war, wurde also mit 
Gewalt von seiner „Ma" getrennt und mit seinem Vetter James 
Galt, der ungefähr adit Jahre älter war, nacii Irvine in 
Schottland zurückgebraciit. „Edgar", sciireibt Hervey Allen,"' 
„trennte sicii, wie es scheint, nur sehr ungern von seiner Familie; 
die Frauen baten, ihn in London behalten zu dürfen, es war 
aber vergebens. Um diese Zeit herum begann Poe widerspenstig 
zu werden. James Galt erzählt, daß Edgar während der ganzen 
Strecke von London nach Irvine geradezu unerträglich war. 
Der junge Poe war eben nur sehr widerwillig nach Schottland 
gereist und er wollte a'ugensdieinlich jedermann seine Gefühle 
wissen lassen." In Irvine bewohnte Edgar Poe mit James Galt 
bei einer der Scäiwestern Johns, bei Mary Allan, ein gemein- 



136) Israfel, S. 70. 

137) Israfel. S.71. 



Der Mann der Menge ,19 



sames Zimmer; sie gingen in die Sdiule des Dr. Robertson, in 
der die Disziplin überaus streng war und es zweifellos körper- 
lidie Strafen gab. 

Dieses Leben mißfiel Edgar. Von James Galt erfahren wir, 
daß der kleine Edgar schon damals an eine „Flucht" dadite: 
er wollte entweder nach Amerika fliehen, oder trotz John 
Allan nadi London zu seiner „Ma" zurückkehren. Schließlich 
madite er Mary Allan das Leben derart schwer, daß sie ihn 
nadi London zurückbradite. Dort wurde er in die Pension der 
Sdiwestern Dubourg geschickt, deren Namen er später als den 
der Wäscherin in der Rue Morgue unsterblich machen sollte. 
Und in dieser Zeit, berichtet Hervey Allen, begann Frau 
Allan zu kränkeln. Damals zeigten sich bei dieser guten, 
aber schwachen und schüchternen Frau, welche die Jugend 
Poes wie ein großer, schützender, aber stummer Sdiatten 
beherrschte, die ersten Zeichen jener mysteriösen dbronischen 
Erkrankung, weldie auf den letzten dreizehn Jahren ihres 
Lebens lasten sollte, und an der sie wahrscheinlich starb. 
Sie war zweiunddreißig Jahre alt: schon 18 16 sagt John 
Allan ausdrücklich in einem Brief an seinen Onkel in Rich- 
mond, daß seine Frau leidend sei. Und in einem Brief Edgars 
wird die Krankheit zum erstenmal im Zusammenhang mit 
einer Mitteilung John Allans erwähnt, weldhe sich auf das 
Befinden der „Ma" bezieht, die damals (August 18 17) in einem 
Kurort war. Herr Allan schreibt, daß seine Frau nicht mit 
ihm nach London zurückkehren werde."* 



liS) Israfel, S./sf. Hervey Allen sdireibt, daß sidi Frau Allan 
damals in Chettingham befand. Idi habe sdion im Bd. I, S. 3:, 
Anm. 8, mitgeteilt, daß mir Dr. Ernest Jones gesdirieben " hat' 
der Ortsname müsse verdrudct sein; es handle sidi wahrsdieinlidi 
um die Heilbäder von Cheltenham (bei Gloucester), die, heute 
wenigstens, dazu dienen, Enteritis und Rheumatismus zu heilen. 

Vielleidit war Frau Allan damals an einer Arthritis gonorrhoica 
erkrankt. Es ist selbstverständlidi unmöglidi, dafür den Beweis zu 



m 



320 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Im Herbst 1817 wurde der kleine Edgar in der Schule 
des Reverend Bransby in Stoke Newington als Pensionär 
untergebradit. Die Beschreibung dieser alten Sdiule und eine 
Beschwörung jener Zeit finden wir im 'William Wilson 
wieder. An dieser Stelle soll nur daran erinnert werden, daß 
Edgar bis 1820, bis knapp vor der Abfahrt der Allans nadi 
Amerika (im Juni), in dieser Schule blieb, und außerdem 
die Tatsadie unterstridien werden, daß während dieser 
ganzen drei Jahre die Gesundheit der Frau Allan, die von 
nun an an einem unheilbaren Leiden litt, überaus gefährdet 
war. Durdi einen Brief, den Miß Galt aus Damlish an Mary 
Allan in London schrieb (Oktober 1818), erfahren wir, daß 
Frau Allan wegen ihrer Gesundheit bis im November in 
Devonshire bleiben werde. In allen Briefen aus jener Zeit, bis 
zu ihrem Tode, ist von ihrer Krankheit die Rede. Aber auch 
Allan selbst wurde, bevor er England verließ (zur Strafe 
für seine „Verbrechen"!), von einer Krankheit befallen; im 
Mai 1820 hatte er den ersten Anfall von Wassersucht, an der 
er vierzehn Jahre später sterben mußte. 

Was kann man aus diesen Tatsachen ableiten? Zuerst wohl 
dies, daß der kleine Edgar vier Jahre nach dem Tode seiner 
lange und auf geheimnisvolle Weise erkrankten, wirklichen 
Mutter erleben mußte, daß auch seine „Ma", die ihm das 
Schicksal als Ersatz aufgezwungen hatte, an einer geheimnis- 
vollen Krankheit dahinsiechte. Dieses Ereignis trat in London 
ein, in derselben ungeheuer großen Stadt, die der Schauplatz 
seiner ersten Trennung von der geliebten „Ma" gewesen, von 



erbringen, daß die Frau John Allans mit einer Gonorrhöe ange- 
steckt war, auf welche Beobaditung die Tatsache, daß sie steril 
blieb, hindeuten könnte. John Allan hatte dodi bereits 181 5 einen 
Sohn, Edwin Collier (das Kind einer anderen Frau), der bei William 
Erwin in Ridimond die Schule besuchte, und später sollte er noch 
mehrere eheliche und außereheliche Kinder zeugen. 



Der Mann der Menge 



izi 



der ihn John Allan, der harte Vater, der Henker- Vater, ent- 
fernt hatte, trotzdem sie das Kind bei sidi haben wollte. So 
war der Vater nicht nur der Henker seines Sohnes! In der 
unbewußten infantilen Phantasie, die mit aller Macht des 
dunklen Triebes die Sexualität vorausahnt, erscheint nun diese 
[mit Gewalttätigkeit besetzt. Das entspricht der sadistischen 
f Vorstellung vom Koitus, die man mehr oder minder deutlich 
jbei allen Kindern wiederfindet, und die in anderen, später 
'zu besprechenden Geschichten Poes noch deutlicher vorgeführt 
werden wird. Die mysteriöse Krankheit der Frances Allan muß 
im infantilen Unbewußten Edgars dunkel erahnten sexuellen 
Gewalttaten, denen sie durch John Allan ausgesetzt war, zu- 
geschrieben worden sein. 

Wir sehen hier eine Antwort auf die Frage zum Vorschein 
kommen, auf die zu antworten der Erzähler angeblich unfähig 
war. Das „schwere" Verbrechen, unter dessen Last der unheim- 
liche, geizige Greis durch die Menge der großen Stadt ohne 
Ruhe, ohne Unterlaß umherirrt, ist an der Mutter, an der 
geliebten, geheiligten Mutter begangen worden. 



Es gibt in den Mythen, die von einer Jahrhunderte hin- 
^durch brütenden Phantasie der Menschen gezeugt wurden, auch 
andere Verbrecher, deren Strafe im Umherirren besteht. Wir 
können gleich beim ersten Mörder beginnen: bei Kain. Gott 
verdammt Kain dazu, „unstet und flüchtig auf Erden" zu sein, 
auf der gleichen Erde, dem ursprünglichen Mutter-Symbol, „die 
ihren Schoß geöffnet hat, um aus deiner Hand", sagt Gott, 
„das Blut deines Bruders zu empfangen", das Blut des Bruders, 
der hier den Vater in dem ersten ödipusverbrechen ersetzt.^^^ 
Aber wir können auf eine noch deutlichere Parallele hin- 



139) Genesis, IV, 3— lö; s. Reik, Das Kainszeichen, Imago 1917. 
Bonaparte: Edgar Poe. II. 21 



322 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



t 



weisen, nämlidi auf die zwischen dem Mann der Menge und 
einem andern mythischen Wanderer, dem Ewigen Juden. Beide 
sind alt und schmutzig: beide müssen zur Strafe für ein Ver- 
brechen ohne Ende wandern. Der Ewige Jude hat immer fünf 
Groschen in der Tasche, niemals mehr und nie weniger; der 
Mann der Menge hat als Überbleibsel aus einer in Glanz ver- 
brachten Vergangenheit einen einzigen und zwecklosen Dia- 
manten. Aber während sich das Verbrechen des zweiten im 
Londoner Nebel in schreckliches Geheimnis gehüllt verliert, er- 
zählt uns die Legende vom „Ewigen Juden", der Türsteher 
bei Pilatus oder Schuster in Jerusalem gewesen, daß er zu 
seiner Strafe verurteilt wurde, weil er Christus beschimpft 
und brutal gestoßen hatte, und daß dieser ihm gesagt habe: 
„Ich gehe, aber du wirst warten, bis ich wiederkehre.""» 

Es gibt aber noch andere mythische Gestalten, die für ein 
dunkles Verbrechen zu ewiger Bewegung verurteilt wurden, 
den Fliegenden Holländer zum Beispiel und den Wilden Jäger. 

Nach der Darstellung Walter Scotts soll der Fliegende 
Holländer zur Strafe für ein schreckliches und geheimnisvolles 
Verbrechen, das an Bord begangen wurde und über die Be- 
mannung des Schiffes die Pest brachte, so daß es in keinen 
Hafen einlaufen konnte, dazu verurteilt worden sein, ohne 

140) Nadi dem Artikel Ewiger Jude im Großen Brockhaus soll 
die bekannteste Legende vom Ewigen Juden, Schuster in Jerusalem, 
die in ihrer klassischen Form mit dem Namen Ahasverus erst im 
Jahre 1602 in der Erzählung Paul von Eitzens, Bischof von 
Schleswig, erschien, im Zusammenhang stehen mit versdiiedenen 
andern Fassungen einer analogen Geschidite, von denen die erste 
schon aus dem siebenten Jahrhundert datiert ist, und einen gewissen 
Malchus, Türhüter bei Kaiphas (der zum ewigen Umherirren ver- 
dammt wurde, weil er den Herrn geschlagen hatte), zum Helden 
hatte. 

Wir haben schon darauf hingewiesen: die Legende vom umher- 
irrenden Mörder hat ihren Ursprung in der Geschichte vom ersten 
Mörder Kain; und dieses Thema muß sich in der Folklore aller 
zivilisierten Völker wiederfinden. 



A 



Der Mann der Menge 



323 



unterlaß auf den Meeren umherzuirren. Eine andere Fassung 
der Sage behauptet, der Fliegende Holländer sei bestraft 
flrorden, weil er trotz des Widerstandes des Windes gottlos 
darauf bestand, das Kap der guten Hoffnung zu umsegeln. 
„Idi werde es versuchen", soll er gesagt haben, „und wenn idi 
es bis zum Jüngsten Geridit versuchen müßte." Die Vorsehung 
soll ihn beim Wort genommen haben."^ 

Der Wilde Jäger der Legende, der ursprünglich bei den 
Germanen und bei den Skandinaviern auftaudit, ist Wotan 
selbst, begleitet von seinen Wölfen und seiner Schar; er eilt 
über die Gewitterhimmel dahin und verfolgt irgendein 
phantastisches Tier. Wir finden unzählige Fassungen dieses 
Mythos bei fast allen Völkern wieder; diese ewig währende 
Jagd ist immer wieder die Strafe für irgendeinen allzu 
mächtigen oder allzu rasenden Jäger.^*^ 

Daß die Mäditigen der Welt bestraft werden, weil sie ihre 
Madit mißbraucht haben, wird in vielen Volkssagen erzählt. 
Mehr als ein Berg, als ein durch seine Form auffallender Felsen 
wird mit einem zur Strafe für seine Verbredien versteinerten 
König in Zusammenhang gebracht; die Sage vom Watzmann 
in Oberbayern ist dafür ein Beispiel. 

Der Watzmann, der höchste Gipfel in der Gegend des 
Königssees, soll ein König gewesen sein, der hart und grausam 
gegen seine Untertanen war und Männer und Tiere quälte. 
Er ging mit besonderer Grausamkeit gegen die Bauern vor, die 
sich gegen das königliche Wild, das ihnen ungeheuren Schaden 



141) E. Cobham Brewer, The Reader's Handhook, London, 
Chatto & Windus, 1925. Aus dem Großen Brodshaus erfahren wir, 
daß die uralte Sage vom verfluchten Schiff die moderne Form, die 
wir kennen, unter dem Einfluß der großen Entdeckungen des fünf- 
zehnten Jahrhunderts, besonders der Fahrten Vasco da Gamas, 
angenommen haben soll. 

142) Röheim, Die wilde Jagd, Imago IV, 1926. 




3^4 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

verursachte, verteidigten. Er ließ sie in seinen Gefängnissen I 
sdimaditen und ihnen zur Strafe die redite Hand absdilagen 
Einmal befahl er, daß man einem armen Schäfer die Achilles- 1 
sehne durchsdineide, so daß dieser sich nur mehr mühselig 
weitersdileppen konnte. Ein anderes Mal, im Verlaufe einer 
Jagd, ritt er über den Körper einer armen alten Frau, die mit 
ihrem Enkelkind vor der Hütte saß, so daß beide eines schredt- 
lichen Todes starben.**'' Nach einer andern Fassung soll der 
Watzmann die Großmutter und ihr Enkelkind den Hunden 
vorgeworfen haben,*** während die vorhin zitierte erste 
Fassung dieses Schidcsal den Eltern des kleinen Kindes zu- 
dachte, als diese erschreckt herbeiliefen. Die Tatsache, daß der 
Watzmann zur Strafe für seine Taten mit seiner ganzen 
Familie zu Stein wurde, befindet sich in allen Lesarten 
dieser Sage. 

"Wir glauben nun genügend Märchen und Sagen zitiert zu 
haben, aus denen die tiefere Verwandtsdiafl: zwisdien dem 
Mann der Menge und den mythischen Verdammten hervorgeht. 
Alle diese Verdammten sind ursprünglich Vatergestalten. Der 
Wilde Jäger zum Beispiel war zuerst (wie wir durdi R6heini 
erfahren) der große väterliche Gott Wotan der Germanen. 
Der Fliegende Holländer war ein mächtiger Kapitän, Watz- 
mann ein König, selbst der Ewige Jude trägt häufig den Namen 
des Ahasverus,**^ den die Bibel dem großen König, dem König 
der Perser, Xerxes, zuschreibt. Im übrigen behauptet man, er 
sei die Verkörperung des patriarchalisdien Volkes gewesen, 
das Jesus, den Sohn Gottes, verdammte. 

Und was das Verbredien anbelangt, das alle diese Väter 
begangen haben, so scheint es im Grunde immer das gleiche zu 

143) Julius Tisdiendorf, Das deutsciie Vaterland. Leipzig, Ernst 
Wunderlich, 1925. 

144) Albreciit Kinzinger, Bayrisdies Sagenbudi. Mündien 1922. 
i4j) The Encyclopaedia Britannica, Artikel „Ahasuerus". 



1 



rr 
sein. Röheim"" zeigt uns, daß die Jagd des Wilden Jägers 
nadi dem phantastischen Tier Symbol ist für die sexuelle 
Verfolgung der Frau, der Mutter. Und für diese Handlung, 
die in den Augen des Sohnes ein Verbredien ist, wird der 

! Vater dazu verdammt, ohne Unterlaß umherzuirren und die 
begehrte Mutter ewig, ohne sie je zu erreichen, zu verfolgen. 
Aus der Analyse von Träumen weiß man übrigens, wie 
häufig das Rennen oder Gehen Sexualsymbol ist. Die Fahrt des 
Fliegenden Holländers über das Meer hat einen ähnlichen Sinn. 
Der gleidie latente Sinn ist im FliegendenHolländer 
von Wagner erhalten geblieben, obwohl die Gestalt des 
Kapitäns entsprediend den persönlidien Komplexen des 
Musikers sekundär ein Bild des Sohnes geworden ist, und 
sich der Sdiluß des Rennens logischerweise so gestaltet, daß es 
im Tod, im Meer zu einer symbolisdben Vereinigung mit der 
Frau kommt, welche immer die Mutter symbolisiert. 

Die tiefere Ähnlichkeit des Ewigen Juden mit den vorher - 
genannten Gestalten"' wird deutlidb, wenn man sie neben den 

IWatzmann, der dann eine Art Zwischenglied der Symbolkette 
bildet, stellt. Der Watzmann hat ebenso am S o h n ein Ver- 
brechen begangen wie der Ewige Jude an Jesus, dem Sohn 
Gottes. Der Watzmann verstümmelt einen armen kleinen 
Sdiäfer, der sidi „nur mehr mühselig (auf der Mutter-Erde) 
weitersdhleppen" kann, was einer Verstümmelung des Sohnes 
gleichkommt, welcher der Mutter gegenüber impotent geniadit 

146) Roheim, s. oben. 
j 147) Das vorhin (S. 323, Anmerkung 141) genannte Reader's 

I Handbook beriditet beim Artikel Wandering Jew: In der Sage 
vom Wilden Jäger, der bei Shakespeare Herne the Hunter und 
beim Pater Mathias Sankt Hubert heißt, wird behauptet, dieser 
sei ein Jude gewesen, der Jesus daran hinderte, aus einem Wasser- 
trog für Pferde zu trinken und der ihn auf das Wasser verwies, 
das den Eindrudi eines Pferdehufs auf dem Boden ausfüllte (nadi 
Kuhn von Sdiwarz, Norddeutsche Sagen, S. 499). 



iz6 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

wird. Er tötet audi ein anderes Kind. Der Ödipuskomplex 
wird hier gleichsam mit entgegengesetztem Vorzeidien ver- 
sehen: der Verbredier ist jetzt Laios. Und nun erscheint das 
in der Legende vom Ewigen Juden unterdrückte Element in 
der Geschichte vom Watzmann wieder: der Watzmann reitet 
über den Baudb der Mutter. Laios hat den Sohn-Rivalen weg- 
geschafft und besitzt die Mutter auf sadistische Weise. Etwas 
Analoges muß das Unbewußte der Menschen immer dem 
Ewigen Juden zugeschrieben haben, er ist die Inkarnierung 
des patriardialisdien Volkes, weldies den Sohn kreuzigte und 
wie Xerxes die Herrschaft über die Mutter-Erde für sidi be- 
halten wollte. Wie in all den Mythen, die von uns zitiert 
wurden, und die alle Wunsdiphantasien unterdrückter Söhne 
sind, ist daher auch der Ewige Jude dazu verdammt, bis zum 
Tage des Jüngsten Geridites über die Mutter-Erde zu schreiten, 
ohne sie je besitzen zu können. 

Der Mann der Menge ist gleidifalls ein alter Wan- 
derer. Er wanderte die ganze Nacht durch, den ganzen Tag 
„und als die Sdiatten des zweiten Abends niedersanken", fühlt 
man, daß der Greis ohne Unterlaß und ohne ermüdet zu sein, 
weiterwandern wird, während der Verfolger totmüde die Ver- 
folgung aufgibt. Und das Objekt, das Ziel, das der Alte ver- 
folgt, wird unserer Meinung nach durch eine Eigentümlichkeit 
der Menge, die von Poe beschrieben wird, verraten. Poe widmet 
zwar nur eine halbe Seite der Besdireibung der Frauen, die sidi 
auf der Straße befinden: aber diese Frauen sind fast durchweg 
Prostituierte. Diese Angabe gibt erstens die reale Tatsadie 
wieder, daß man auf der Straße zu solch nächtlidier Stunde 
hauptsächlich diesen Frauen begegnete; sie dient jedodi audi 
dazu, das sexuelle Element bei dieser Verfolgung durdi den 
Greis zu unterstreidien. 

Die Elemente „Menge", „viele Frauen" sind hier wie in 
den Träumen, an die diese Geschichte vielfach erinnert, eine 



Der Mann der Menge 327 

Darstellung durdi das Gegenteil. In Wirklichkeit wurde John 
Allans Verbrechen an Frances, jene Gewalttätigkeit, durdi die 
sie, nach Edgars Meinung, erkrankte, mit ihr allein in der 
Einsamkeit des ehelichen Schlafzimmers begangen. 



So hat der Ödipuskomplex des Sohnes durch Projizierung 
f diesen Mythos vom bestraften Vater hervorgerufen, in dem 
der Vater für die dem Sohn verbotenen Verbrechen bestraft 
wird: für den Besitz der Mutter, außerdem für die Unter- 
drückung des lästigen Nebenbuhlers, im vorliegenden Falle 
des Sohnes. Ein geheimnisvolles Verbrechen ist an Bord des 
Fliegenden Holländers begangen worden, der Watzmänn hat 
sich des Sohnes der Mutter bemächtigt und ihn verstümmelt, 
der Ewige Jude Jesus in den Tod gestoßen, — Allan hat 
Edgar von London nach Irvine verjagt. Das sind so viele 
Verbrechen, daß sie zusammen in der unbewußten Phantasie 
des Sohns diesem das Recht geben, den Vater zu richten. 

Aber der Mythus von den ewig umherirrenden Vätern ent- 
spricht auch einer Abschwächung der auf den Vater bezogenen 
ursprünglichen, verbrecherischen Wünsche des Sohnes, eine Ab- 
schwächung des Ödipuskomplexes des kleinen Jungen. Der 
Sohn, der die Zärtlichkeit der Mutter ausschließlich begehrte, 
wünschte zwar zuerst den Tod des störenden Vaters. Aber 
dieser Tod stellte sich dem infantilen Unbewußten — das 
sich, wie jedes Unbewußte, den Tod nicht vorstellen kann, — 
nur als eine ewige Abreise dar. Tot ist im Unbewußten gleich- 
gesetzt mit abgereist. Im Bewußten ist jedoch abge- 
reist weniger ernst und erschreciiend als tot. Die Vor- 
stellung im mythischen Bezirk, daß die gehaßten Väter (der 
Wilde Jäger, der Fliegende Holländer, der Ewige Jude oder 
der Mann der Menge) unsterblich sind, aber ewig umher- 
irren müssen, entspricht im juridischen Bezirk etwa der Um- 



J 



3^8 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Wandlung der Todesstrafe in lebenslängliche Zwangsarbeit. 
Der Vater wird zur strengsten Strafe verurteilt; man kann 
aber glauben, daß man ihn nicht getötet hat. Die Todesstrafe 
wird hier sogar durch das Gegenteil dargestellt: durch ewiges 
Wandern und ewiges Leben. 

Es ist seltsam, daß die Natur zu dieser psychologiscäien Tat- 
sache eine zoologische Parallele bietet. Die Jäger auf menschen- 
ähnliche Affen in Afrika berichten uns,"« daß diese Tiere 
in kleinen Truppen leben, die aus einem erwachsenen Männ- 
chen und zwei, drei oder vier Weibchen mit ihren Kleinen 
bestehen. Unter diesen Weibchen findet man häufig ein altes, 
zweifellos die Mutter des kleinen Stammes. Die ältesten Männ- 
chen hingegen haben keine Truppe mehr; sie irren einsam durch 
die Wälder. Sie sind zwar dem Tode entronnen, der ihnen 
von den erwachsenen Söhnen während der Brunstzeit gewiß 
zugedacht war. Die Flucht in die Wälder ist das Lösegeld, 
mit dem sie ihr Leben erkauften. Ganz ebenso retteten 
wahrscheinlich auch die ersten alten Menschen ihr Leben. Und 
der Vater der Urhorde hatte es weniger der Barmherzigkeit 
der Söhne als der eigenen Flucht zu verdanken, daß er dem 
Blutbad entgehen konnte, wenn er entkam. 

Diese weit zurüci:liegenden phylogenetischen Tatsachen leben 
wie viele andere bis zu uns in den Mythen der Mensdien 
weiter: in den Legenden, die wir zitiert haben, und in der 
Geschichte Poes. 



^ 148) Idi verdanke die Kenntnis dieser Tatsadien Herrn Colonel- 
Vet^rinaire Wiibert, der längere Zeit hindurdi das Institut Pasteur 
in Kindia leitete. 



DER DOPPELMORD IN DER RUE MORGUE 

Wenn der Mann der Menge verkündet: hier ist der 
Verbredier! und, ohne zu antworten, fragt: Worin bestand 
das Verbrechen?, so kehrt der Doppelmord in der 
Rue Morgue"" die Satzzeichen um. Diese Gesdiidite be- 
riditet nämlich: Hier ist das Verbrechen! und fragt dann: Wer 
war der Schuldige? Und diese Frage will dieser erste aller 
Kriminalromane beantworten. 

Als er im April 1841 in Graham' s Magazine, der großen 
Zeitschrift, welche von Graham durch die Zusammenlegung 
seines eigenen Atkinson's Casket mit dem Gentleman' s Maga- 
zine von Burton gegründet wurde, erschien, waren drei 
Monate seit dem Mann der Menge vergangen, der in 
der letztgenannten Zeitsdirift veröffentlicht worden war. Eine 
Phase tiefer Depression, die auf den Brudi mit Burton gefolgt 
war, hatte Poe daran gehindert, sich früher die tatsächlidie 
Leitung des Graham's zu sichern, und in der Zwischenzeit war 
auch keine andere Geschichte veröffentlicht worden. 

Man kann sich daher mit Recht fragen, ob nicht der 
heftige Konflikt, der zwischen Poe und seinem Chef Burton aus- 
brach, dieser Ausbruch wilden Hasses gegen einen phantasti- 
schen und burlesken Geschäftemacher, der eine Zeitung ver- 
kauft hatte, um sich einen Zirkus zu kaufen, die Gelegenheits- 
ursache dazu war, daß in diesem Augenblicke in dem Werk 
Poes das Thema „Väterliches Verbrechen" auftaucht. Hatte 
Poe nicht damals auch wieder zu trinken begonnen? Jedenfalls 



149) ^^^ Murders in the Rue Morgue {Graham's Magazine, 
April 1841; 1843; 1845). 



t 



33° Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

warf ihm Burton dies vor. Tatsache ist, daß sidi seit dem 
Mann der Menge eine neue Tendenz, die blutrünstiger 
war als je eine vorher, in die Inspiration Poes mengte, und 
daß diese Tendenz schon vor der ersten Hämoptoe Virginias 
(Januar 1842) auftrat. 



Der Doppelmord in der Rue Morgue setzt 
mit sehr wirren Betraditungen über die verschiedenen Fähig- 
keiten des Geistes ein. Poe bemüht sich hier, die analyti- 
schen Fähigkeiten hervorzuheben, die er höher als alle 
andern einschätzt, jene Fähigkeiten, die bei der Mathematik in 
Funktion treten, beim Schachspielen, und die „ingeniosite", 
den Scharfsinn und überlegenen Geist ausmachen. 

Er behauptet auch, daß der Whistspieler über diese a n a- 
1 y t i s c h e Fähigkeit noch mehr verfügen müsse als der 
Schachspieler, wobei der Begriff analytisch von Poe im Sinne 
einer scharfsichtigen und bis ins Subtilste gehenden Beob- 
achtung der geringsten Äußerungen, der Handlungen, Ge- 
fühle und Gedanken des andern Menschen genommen werden 
muß. Dann geht der Dichter auf die eigentliche Erzählung 
über, die der Leser als Kommentar zu den vorhergehenden 
Behauptungen ansehen soll. 

„Als ich mich im Frühling und während eines Teiles des 
Sommers 18 . . in Paris aufhielt", beginnt er, „madite idi die 
Bekanntsdiaft eines Herrn C. August Dupin. Dieser junge Mann 
gehörte einer sehr guten, ja sogar berühmten Familie an, die jedodi 
durch eine Reihe von Schidcsalssdilägen in so tiefe Armut geraten 
war, daß die Energie seines Charakters darunter erlag, so daß er 
sich ganz von der Welt zurückgezogen hatte und keine Versudie 
mehr machte, sich in eine bessere Lage emporzuarbeiten." 

Diese Charakteristik erinnert einigermaßen an die „De- 
gradierung" des Enkels des Generals Poe, obwohl dieser 
— außer vielleicht in den Depressionsperioden wie in der. 



r 



Der Doppelmord in der Rue Morgue 331 

die er eben nach dem Brudi mit Burton durdimadite — nicht 
aufhörte, das Luftschloß seines großen Magazins Penn, das 
ihm einen überlegenen Einfluß in Amerika verschaffen sollte, 
weiterzubauen. Die Gläubiger Dupins 

„■waren so anständig gewesen, ihn im Besitze eines kleinen 
Restes seines väterlidien Vermögens zu lassen, dessen Zinsen bei 
äußerster Sparsamkeit zu einem sehr besdieidenen Leben hinreiditen, 
ihm jedodi audi nidit den kleinsten Luxus gestatteten. Büdier 
waren das einzige, dem er nidit ganz zu entsagen vermodite . . ." 

Man hat den Eindruck., eine Beschreibung der "Wohnung der 
Frau Clemm zu lesen, in der sich die Büciier Poes auf einer 
Etagere befanden. Und der kleine Rest des väterlichen Ver- 
mögens, die kleine Rente sind sichtlich Wunsciiphantasien. Die 
Nadel oder die guten Einfälle Muddys waren das einzige, was 
vom Familienvermögen übriggeblieben war, von ihnen kam die 
Rente, wenn er bei Burton keine Arbeit hatte oder wenn die 
Depression seine Feder lähmte. 

„Wir begegneten uns zum erstenmal in einem obskuren Buch- 
laden in der Rue Montmartre, wo der Zufall, daß wir beide das- 
selbe, übrigens sehr seltsame und merkwürdige Buch suchten, uns 
in nähere Beziehung zueinander brachte. Von da an trafen wir 
uns zuweilen. Ich interessierte midi lebhaft für seine Familien- 
geschichte . . . Sehr überrascht war ich von seiner ungeheuren 
Belesenheit, vor allem aber waren es die seltene Frische und 
Lebendigkeit seiner Phantasie, die midi interessierten und anregten. 
Da er dieselben Ziele verfolgte, um derentwillen ich mich in Paris 
aufhielt, fühlte icii, daß die Gesellschaft dieses Mannes für mich 
von unendlichem Wert sein könnte." 

Infolgedessen beschließen die beiden Freunde, miteinander 
zu wohnen, und der Erzähler, welcher der reichere von den 
beiden ist, übernimmt es, 

„ein ziemlich vernachlässigtes und wunderlich aussehendes 
Häuschen zu mieten, das in einem abgelegenen, einsamen Teil des 
Faubourg St. Germain lag. Irgendeines Aberglaubens wegen, dem 
wir nicht weiter nachforschten, hatte es sdion lange unbewohnt 




332 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



gestanden; idi riditete es in einem Stil ein, der der phantastisdien 
Düsterkeit unserer gewöhnlichen Stimmung entsprach. 

Hätte die Welt gewußt, welche Lebensweise wir in diesem 
Häusdien führten, so würde man uns wahrscheinlich für Wahn- 
sinnige gehalten haben . . . Unsere Abgesdiiedenheit war eine voll- 
kommene ... Ich hatte meinen früheren Bekannten und Freunden 
überhaupt nichts von meinem Wohnungswechsel gesagt, und Dupin 
lebte schon seit vielen Jahren . . . einsam . . . Wir lebten ganz 
allein für uns. 

Es war eine Marotte meines Freundes . . ., daß er in die Nadit 
um ihrer selbst willen verliebt war; wie alle seine Launen, machte 
ich auch diese mit ... Da die Göttin der Nacht nicht immer 
freiwillig bei uns hausen wollte, erdaditen wir Mittel und Wege, 
uns Ersatz für ihre Gegenwart zu schaffen. Beim ersten Morgen- 
grauen schlössen wir die sämtlichen, starken Fensterläden unseres 
alten Hauses und steckten ein paar duftende Kerzen an, die nur 
schwache, gespensterhafte Strahlen aussandten. Mit ihrer Hilfe 
wiegten wir die Seele in Träume — wir lasen, schrieben und 
unterhielten uns, bis die Uhr uns den Anbruch der wirklichen 
Dunkelheit verkündete. Dann eilten wir in die Straßen, wo wir 
Arm in Arm umherschlenderten, die Gespräche des Tages fort- 
setzten, und oft streiften wir bis in die tiefe Nacht umher und 
suchten im grellen Licht und tiefen Schatten der volkreichen Stadt 
jene Unendlichkeit geistiger Anregung, die das friedliche Studium 
sich nicht zu verschaffen weiß". 

So verbringen die beiden seltsamen Gefährten, die durch 
mysteriöse Verwandtsdiafl miteinander verbunden sind, ihre 
Tage in einer auf dem Menschen lastenden Atmosphäre jl la 
Ligeia, in der die Geisterkerzen Dufl: ausstrahlen, ihre Nächte 
aber in den Straßen der volkreidaen Stadt „im grellen Liciit 
und tiefen Schatten", ganz so wie der leidensdiaftliche 
"Wanderer, der Mann der Menge. Man könnte sagen, 
daß auch sie sich, wenn aucii auf ihre "Weise, auf der Suche 
nach dem unheilvollen Greis befinden. 

„Bei solchen Gelegenheiten", setzt der Erzähler fort, „konnte 
ich nicht umhin, immer wieder Dupins eigenartige analytisdie 
Begabung zu bemerken und zu bewundern ... Er sÄien auch mit 



Der Doppelmord in der Riie Morgue 333 

großer Freude diese Gabe zu pflegen . . . Mit leisem Kidiern rühmte 
er sich bisweilen, daß für ihn die meisten Menschen ein Fensterdien 
> auf der Brust hätten, und er unterstützte derartige Behauptungen 
\ auf der Stelle durdi geradezu verblüflfende Beweise von seiner 
■ genauen Kenntnis meines eigenen Seelenlebens. In solchen Augen- 
blicken war er kalt und geistesabwesend, seine Augen starrten aus- 
drudcslos,"" und seine Stimme, die sonst einen weidien Tenorklang 
hatte, sprang in hohem Diskant hinauf, der lädierlidi gewirkt haben 
' würde, hätte er dabei nicht besonders deutlich und bedächtig ge- 
sprodien. Wenn ich ihn in solchen Stimmungen beobachtete, mußte 
idi immer wieder an die alte Philosophie von dem Zweiseele n- 
system (Bi-part soul) denken, und midi belustigte der Gedanke, 
einen doppelten Dupin vor mir zu haben — einen schöpferischen 
und einen zerstörenden." 

Eine sehr riditige Bemerkung; aber nidit Dupin ist doppelt, 
sondern der Erzähler dieser Geschichte, Edgar Poe, der sich 
schon in die zwei Hauptgestalten der Erzählung, in den 
Analytiker Dupin und den erzählenden Freund oder sdiöpferi- 
sdien Künstler geteilt hat. 



150) Man wird an mehr als einem gemeinsamen Zug erkennen, 
daß Sherlock Holmes der echte Sohn Dupins ist. Im ersten Roman, 
in dem Holmes auftaudit {A Study in Scarlet), sagt Conan Doyle 
(2. Kapitel): „Wenn er in Arbeitswut war, konnte nichts seine 
Energie übersteigen; aber dann, wenn sidi seiner eine Reaktion 
bemäditigte, lag er tagelang auf dem Sofa seines Salons vom 
Morgen bis zum Abend ausgestredit, sprach kaum ein Wort und 
bewegte keinen Muskel. Bei solchen Gelegenheiten beobachtete idi 
in seinen Augen einen derart träumerisdien, unbestimmten Aus- 
druck, daß ich ihn in Verdacht hätte haben können, er gebe sidi 
irgendeinem Narkotikum hin, wenn idi nicht gewußt hätte, wie 
mäßig und klar er in seinem ganzen Leben ist." An einer andern 
Stelle, im 7. Kapitel, denkt Sherlodc Holmes über den „outrierten" 
Charakter des Mordes nadi, den er aufzuklären hat, über den 
Charakter, der ihm zur Lösung des Mysteriums verhelfen soll: 
Doyle verwendet hier dasselbe Wort wie Poe. Und selbst die Pfeife 
des Sherlodt Holmes finden wir im Entwendeten Brief im 
Munde seines Vorfahren Dupin. 



334 Die Geschidnen: Der Zyklus Mutter 



1 



Um das bisher Gesagte zu illustrieren und zu belegen, er- 
zählt Poe die Episode mit Chantilly. 

„Wir sdilenderten eines Abends durch eine lange, schmutzige 
Straße in der Nähe des Palais Royal. Da wir beide ganz mit 
unseren Gedanken beschäftigt waren, hatten wir schon länger als 
eine Viertelstunde keine Silbe miteinander gesprochen. Plötzlidi 
brach Dupin ganz unvermittelt in die Worte aus: ,Er ist wirklich 
ein sehr kleiner Kerl, das ist wahr! Er würde besser für das 
Variete passen.' — .Zweifellos', erwiderte idi unwillkürlidi und 
idi war so ganz in meine Gedanken vertieft, daß idi im ersten 
Augenblick nicht merkte, wie seltsamerweise seine Worte mit meinem 
Gedankengang übereinstimmten. Das fiel mir erst einen Augen- 
blick nadiher auf und da war idi allerdings ziemlich verblüfFt. 
jDupin', sagte ich im ernsten Ton, ,das geht über mein Ver- 
ständnis. Idi zögere nicht, Ihnen zu gestehen, daß ich aufs Höchste 
verwundert bin und meinen Sinnen kaum zu trauen vermag. Wie 
ist es nur möglidi, daß Sie wissen konnten, daß idi gerade dadite 
an . . .?' Ich hielt inne, um midi zu überzeugen, ob er wirklich 
den Namen wisse. ,An Chantilly natürlich', sagte er, ,warum halten 
Sie inne? Sie dachten doch gerade darüber nadi, daß ihn seine kleine 
Gestalt wirklich untauglidi zum Tragöden mache.' Damit hatten 
meine Gedanken sich wirklidi beschäftigt. Chantilly war ein Flick- 
schuster aus der Rue St. Denis, der, von einer wahren Leidenschaft 
für das Theater ergriffen, es durdigesetzt hatte, in der Rolle des 
Xerxes in Crebillons gleichnamiger Tragödie aufzutreten, aber 
natürlidi durdigefallen war und für alle Mühe nur Hohn und 
Spott geerntet hatte. ,Sagen Sie mir, um des Himmels Willen', 
rief idi aus, ,nach welcher Methode Sie vorgegangen sind — wenn 
überhaupt von einer Methode die Rede sein kann — , um so in 
meiner Seele lesen zu können!'" 

Und Dupin, in dem „audi nidit ein Atom Charlatanerie 
stedit", entwickelt nun seinem Freund die Methode, nach der 
sein Verstand vorgeht. 

„Idi sehe einen Obsthändler", antwortet Dupin gelassen; 
dann spridit er davon, daß der Obsthändler bei einer Straßen- 
biegung an seinen Freund angerannt ist, ihn beinahe um- 
gerannt hat, daß sein Freund über einen Haufen von Pflaster- 



Der Doppelmord in der Rue Morgue 33 j 

steinen gestolpert ist, dann zeigt er, wie der Gedanke vom 
Strauchelnden, von den Pflastersteinen auf die „Stereotomie", 
eine Art besseres Pflaster, bei dem die Steine fest miteinander 
vereinigt sind, übergehen konnte, dann von hier aus durdi 
Gleichklang zu Atome, zu Epikur, zu den modernen kosmo- 
gonischen Doktrinen, die mit den Lehren jenes Philosophen 
im Einklang stehen, dann zu den Sternen, zu Orion, der 
gerade am Himmel aufsdieint, dann über die lateinisdien 
Verse: Perdidit antiquum litter a prima sonum, die auf den 
Orion, der ursprünglich Urion geschrieben wurde, anwendbar 
sind, zu Chantilly, dem Schuster und Schauspieler, der den 
Namen geändert hatte, als er den Kothurn anzog, wodurch 
er sich den bittern Spott eines Kritikers des Musee zuzog, 
der bei dieser Gelegenheit auch den lateinischen Vers zitierte. 
Die Beobachtung der Mimik des Freundes unterstützte diese 
Deduktionen: 

„Es war daher gewiß, daß Sie nidit verfehlen würden, die beiden 
Begriffe Orion und Chantilly miteinander zu verbinden. Daß Sie 
dies wirklidi taten, ersah idi aus der A r t des Lächelns, das um Ihre 
Lippen spielte. Sie daditen an das tragisdie Geschick des armen Flidk- 
sdiusters. Bis dahin war Ihre Haltung nadilässig gebüdtt gewesen, 
nun sah idi, wie Sie sich plötzlidi zu Ihrer vollen Höhe aufrichteten. 
Idi war ganz sidier, daß Sie an die kleine Gestalt Chantillys daditen. 
Ich unterbrach Ihren Gedankengang mit der Bemerkung, daß er 
wirklidi ein kleines Keridien sei, dieser Chantilly, und daß er besser 
daran täte, wenn er zum Variete ginge." 

Dieser ehemalige Flickschuster, der sich in die Rolle des 
Xerxes oder des Ahasver kleidet, ist ein seltsames und un- 
erwartetes Echo des Ewigen Juden Ahasver, der gleichfalls in 
Jerusalem vorher ein Schuster gewesen! Aber beim zweiten 
Beruf unseres Pariser Schusters werden wir stutzig: von 
glühender Leidenschaft für das Theater erfaßt (becoming 
stage-mad), wird er Schauspieler, Tragöde. Das erinnert uns 
an den Vater des Erzählers. David Poe war aus dem Eltern- 



i 



33^ Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



1 



haus geflohen, auch er hatte seinen Beruf (zwar nicht die ab- 
getragenen Sdiuhe, aber die Reditswissensdiaft) verlassen, um 
zur Truppe der Virginia Players zu gehen; und die vergeb- 
lichen Versuche Chantillys im dramatischen Fach, die übrigens 
an die Deklamationen des Herrn Mangel-an-Atem erinnern 
sind zweifellos ein Echo der talentlosen Deklamationen des 
armen Schauspielers David Poe, welche vom Publikum aus- 
gelacht wurden. 

Chantilly, der Schuster, ist wie der Ewige Jude ein gefallener 
Vater, das heißt: ein impotenter Vater. Wie Herr Mangel-an- 
Atem hat audi er keinen Atem und ist audi er nur ein Stöpsel. 
Aber er geht in dieser Richtung noch weiter als dieser; Chan- 
tilly ist nach dem, was man von ihm sagt, nicht einmal ironisch 
genommen, ein korpulenter Mensch; er ist a very Utile fellow, 
ein sehr kleiner Kerl. Der Erzähler richtet sich bei dem Ge- 
danken an ihn gleichsam selbst in seiner ganzen Größe auf: 
der Sohn fühlt sich in seiner ganzen Überlegenheit gegenüber 
dem Vater, und Edgar Poe ist ja tatsächlich ein größerer 
Künstler als sein Vater David es gewesen war. 

Nachdem der „erste" Vater, der schlechte, lächerliche und 
impotente Schauspieler entfernt ist, durch die Feder getötet 
wurde, geht Poe ohne Übergang auf das im Zentrum der 
Erzählung stehende Problem los, er berichtet von dem wirk- 
lichen, blutigen Verbrechen, und von dem, der es begirs;. 

„Nicht lange danach lasen wir die Abendausgabe der Gazette 
des Tribunaux. Unsere Aufmerksamkeit wurde durch folgende 
Stelle gefesselt: 

SENSATIONELLER DOPPELMORD. — Heute morgens gegen 
drei Uhr wurden die Bewohner des Quartier Saint-Roch durdi 
entsetzliche Sdireie geweckt, die anscheinend aus dem vierten Stock- 
werk eines Hauses der Rue Morgue drangen, das, wie man wußte, 
von einer gewissen Madame L'Espanaye und ihrer Tochter, Made- 
moiselle Camille L'Espanaye, allein bewohnt wurde. Nach einer 



Der Doppelmord in der Rue Morgue 337 

I Verzögerung, entstanden durdi den fruchtlosen Versuch, sich auf 
gewöhnlichem "Wege Einlaß zu versdhaffen, wurde das Haustor mit 
einer Eisenstange erbrochen, worauf adit bis zehn Nadibarn in 
Begleitung zweier Gendarmen in das Haus drangen. Das Gesdirei 
war unterdessen verstummt, aber als die Leute die Treppe hinauf- 
stürzten, vernahmen sie von oben her deutlich den Klang von 
zwei oder mehr rauhen Stimmen, die heftig und laut miteinander 
stritten. Als man den zweiten Treppenabsatz erreicht hatte, hörten 
auch diese Töne auf, und es wurde plötzlich totenstill. Die ein- 
gedrungenen Personen teilten sidi in versdbiedene Partien und 
eilten von einem Zimmer in das andere. Als man endlidi ein großes 
Hinterzimmer des vierten Stodces erreichte (die Tür dieses Zimmers 
war von innen versdilossen und mußte aufgebrochen werden), bot 
sich ein Anblici dar, der alle Anwesenden mit Grauen und höchster 
Verwunderung erfüllte. 

In dem Zimmer herrsdite die wildeste Unordnung; die Möbel 
waren zertrümmert und lagen überall umher. Das Zimmer enthielt 
eine Bettstatt, und aus dieser waren sämtlidie Kissen heraus- 
gerissen und in die Mitte des Zimmers geschleppt worden. Auf 
einem Stuhle lag ein blutiges Rasiermesser. Im Kamin fand 
man zwei oder drei lange, dicke Strähnen grauen Menschenhaares, 
die ebenfalls mit Blut besudelt waren und mit den Wurzeln aus- 
gerissen zu sein schienen. Über den Fußboden zerstreut fand man 
vier Napoleons, einen Topasohrring, drei große silberne Löffel, 
drei kleinere aus Neusilber, ferner zwei Beutel, die viertausend 
Franken in Gold enthielten. Aus einer in der Ecke stehenden 
Kommode waren die Schubfächer herausgezogen und offenbar aus- 
geplündert worden, obwohl noch viele Gegenstände darin umher- 
lagen. Unter den Bettkissen, nicht unter der Bettstatt, entdeckte 
man eine kleine eiserne Kassette. Sie war offen und der Schlüssel 
steckte in dem Schloß; der Inhalt bestand aber nur aus einigen 
alten Briefen und anderen belanglosen Papieren. 

Von Madame L'Espanaye war keine Spur zu entdecken; da 
man aber den Kamin und den Fußboden davor ganz mit Ruß 
bedeckt fand, forschte man im Schornstein nadi, und man zog 
— gräßlich, es zu sagen! — den Leichnam der Tochter daraus 
hervor, der mit dem Kopf nadi unten ziemlich hoch in den engen 
Schornstein hinaufgestopft worden war. Der Körper war nodi ganz 
warm. Bei der Untersudiung fanden sich zahlreiche Hautabschür- 

Bonaparte; Edgar Poe. II. 22 




33^ Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



1 



fungen, die wahrscheinlich durch die Heftigkeit, mit der der 
Leidinam in den Schornstein hinaufgestoßen und dann wieder 
heruntergezogen wurde, verursacht worden waren. Auf dem Gesidite 
fand man viele schwere Kratzwunden, während sich am Halse 
schwarze Quetschwunden und der tiefe Eindrudc von Fingernägeln 
vorfanden, die darauf hindeuteten, daß das Mäddien erdrosselt 
worden war. 

Nachdem man jeden Winkel des Hauses auf das gründlichste 
untersucht hatte, ohne jedoch etwas Weiteres zu entdecken, drangen 
die Leute in einen kleinen, gepflasterten Hof, der hinter dem 
Hause lag. Und hier war es, wo man die Leiche der alten Danie 
fand. Der Kopf war vom Rumpfe abgetrennt und hing nur noch 
durch ein Stück Haut lose damit zusammen, so daß er abfiel, 
als man die Leiche aufzuheben versuchte. Der Körper sowohl wie 
der Kopf waren in unerhörter, grauenhaftester Weise verstümmelt, 
und besonders der erstere sah kaum noch menschenähnlich aus. 

Trotz aller Bemühungen ist es bis jetzt noch nicit gelungen, 
den Scialüssel zu diesem entsetzlichen Geheimnis zu finden." 

Dann folgt der Bericiit der Zeugen in dieser Angelegenheit, 
der angeblich in einer Nummer der gleiciien Gazette des Tri- 
bunaux erschienen war. 

J Pauline Dubourg, Wäscherin der Damen L'Espanaye, sagt unter 

anderem aus, „sie sei im Hause niemals jemand begegnet, wenn sie 
die Wäsche geholt oder zurückgebracht habe. Sie wisse mit Be- 
stimmtheit, daß die Damen keine Dienstboten gehabt hätten . . ." 
Peter Moreau, Tabakhändler, sagt aus, „daß er seit etwa vier 
Jahren der Madame L'Espanaye Tabak verkauft habe". Die Damen 
„hätten ein außerordentlich zurückgezogenes Leben geführt — 
indessen hätten sie allgemein in dem Ruf gestanden, Geld zu 
haben . . ." Noch viele andere Personen aus der Naciibarsdiaft 
sagen in gleiciiem Sinn aus. 

Isidore Muset, Gendarm, sagt aus, „daß man ihn gegen drei 
Uhr morgens zu dem Haus geholt, und daß er dort zwanzig bis 
dreißig Personen angetroffen habe, die vergebens versuchten, sich 
Eingang zu verschaffen. Er habe schließlich die Tür gewaltsam 
erbrochen, und zwar mit einem Bajonett, nicJit mit einer Eisen- 
stange . . ." Isidore Muset bestätigt auch, Schreie gehört zu haben, 
dann zwei Stimmen, „die laut und zornig miteinander stritten. 



I 



Der Doppelmord in der Rue Morgue 339 

pie eine war rauh und barsch, während die andere einen ganz 
sonderbaren, schrillen, kreisdienden Klang hatte. Er konnte ein 
paar der von der ersten Stimme gesprochenen Worte verstehen; 
es war die eines Franzosen; jedenfalls war es keine Frauenstimme, 
und er unterschied deutlich die Worte: sacre und diahle". (Andere 
Zeugen fügen hinzu, den Ausruf: Mon Dieu gehört zu haben.) „Die 
schrille Stimme hielt er für die eines Ausländers. Er war sich nicht 
ganz klar darüber, ob es die Stimme eines Mannes oder die einer 
Frau gewesen sei. Auch konnte er nicht bestimmt behaupten, in 
welcher Sprache sie sich ausgedrückt habe, er meinte jedodi, es 
sei spanisch gewesen . . ." 

Henry Duval, vom Beruf Silberschmied, audi ein Nachbar 
der Toten, sagt aus, daß er als einer der ersten in das Haus 
eingedrungen sei. Seine Aussage stimmt in der Hauptsache 
ganz mit der Musets überein . . ., aber die schrille Stimme, die 
audi er vernommen habe, sei die eines Italieners gewesen . . . 
Er ist nicht ganz sicher, ob es die Stimme eines Mannes 
war, es könne auch eine weibliche Stimme gewesen sein. Er 
könne kein Italienisch . . . 

Odenheimer, Restaurateur, ein Holländer, spricht nicht 
französisdi und man befragt ihn mit Hilfe eines Dolmet- 
schers . . Er bestätigt die vorhergehende Aussage, bis auf einen 
Punkt. Er ist sicher, daß die schrille Stimme die eines Mannes 
gewesen sei — und zwar eines Franzosen. 

Dann folgt die Aussage eines Bankiers, Jules Mignaud, 
durdb die wir erfahren, daß Frau L'Espanaye in der Bank 
Depots besessen und drei Tage vor dem Mord persönlich eine 
Summe von viertausend Francs abgehoben habe. 

„Die Summe wurde ihr in Gold ausbezahlt und ein Kommis 
brachte ihr das Geld in das Haus." 

Dieser Kommis, Adolphe Lebon, sagt aus, „daß er an dem 
betreffenden Tag gegen Mittag Madame L'Espanaye begleitet habe, 
um ihr die in zwei Beutel verpackten viertausend Francs nadi 
Hause zu tragen. Als die Tür geöffnet wurde, sei Fräulein 
L'Espanaye erschienen, und er habe ihr den einen Beutel einge- 



i 



34° Die Gesuchten: Der Zyklus Mutter 



händigt, während die alte Dame ihm den andern selbst abgenommen 
habe. Er habe sidi dann verabsdiiedet und sei gegangen. In der 
Straße habe er zu dieser Zeit keinen Mensdien bemerkt. Die Rue 
Morgue sei eine Nebenstraße und sehr einsam". 

"Wir erwähnen nodi William Bird, einen englisdien 
Schneider, der behauptet, die schrille Stimme habe deutsdi ge- 
sprochen, eine Sprache, die er aber nicht versteht; Alfonso 
Garcio, ein Spanier und Begräbnisbesorger, ist dessen sicher, 
daß die schrille Stimme englisch gesprochen habe, eine Sprache, 
die er ebenfalls niciit versteht, und sciiließlidb wird Alberto 
Montani, italienischer Konditor, vorgeführt, der glaubt, daß 
die schrille Stimme einem Russen gehört haben müsse, obwohl 
auch er eingestehen muß, niemals mit einem Mann dieser 
Nation gesprochen zu haben; 

„die barsche Stimme sei die eines Franzosen gewesen ... Es 
hätte ihm so geschienen, als ob der Sprecher einem andern Vor- 
stellungen mache". 

Im übrigen waren „die Fenster im Zimmer rüdcwärts und in 
dem nadi vorne gelegenen Zimmer . . . versdilossen und von innen 
fest verriegelt. Eine Verbindungstür war gleichfalls versperrt, aber 
kein Schlüssel vorhanden. Das Zimmer, das vom vorderen Zimmer 
auf den Gang führt, war gleichfalls mit einem Schlüssel versperrt 
und der Schlüssel stedtte im Schlüssellodi". Die Eingangstür zum 
andern Zimmer war gleichfalls verschlossen, dadurch war jede 
Möglichkeit ausgeschlossen, daß der Täter über die Stiege hätte 
entkommen können. „Es gab in dem Haus nidat eine einzige Stelle, 
die nicht sorgfältig durdisucht worden war. Man hatte Rauchfang- 
kehrer kommen lassen, welche die Schornsteine und Kaminröhren 
kehren mußten. Das Haus ist vier Stock hoch und hat Mansarden. 
Ein Fenster, das auf das Dach führt, ist mit Nägeln sorgfältig ver- 
schlossen; es schien auch seit Jahren nicht geöffnet worden zu sein." 

Ferner: „Mehrere wiederaufgerufene Zeugen bestätigten, daß 
die Kamine aller Zimmer der vierten Etage viel zu eng seien, als 
daß ein menschliches Wesen durch sie hätte entkommen können." 
Außerdem: „Unter Rauchfangkehrerbesen verstehe man jene zylinder- 
förmigen Kehrbesen, wie die Schornsteinfeger sie zum Reinigen 
der Kamine gebrauchen. Man sei mit soldien Besen durch sämtliäie 



Schornsteine des Hauses auf- und niedergefahren. Es gibt in dem 
Haus keine Hintertreppe oder einen sonstigen Ausgang, durdi den 
sidi jemand hätte retten können . . . Der Körper des Fräuleins 
L'Espanaye war so fest in den engen Kamin hineingezwängt, daß 
es nur den vereinten Kräften von vier oder fünf Männern gelang, 
ihn wieder herunterzuziehen." 

Und hören wir sdiließlich die Aussage Paul Dumas', eines 
Arztes, der mit Alexandre Etienne, dem Chirurgen, bei Tages- 
anbruch geholt wird, um die Leidien zu untersuchen: 

„Sie lagen beide auf der Matratze des Bettes, das im Zimmer 
stand, in dem Fräulein L'Espanaye gefunden worden war. An dem 
Körper der jungen Dame hatte er viele Quetschwunden und Haut- 
absdiürfungen gefunden . . . Unter dem Kinn befanden sich mehrere 
tiefe Kratzwunden sowie eine Reihe blauer Fledcen . . . Das Gesidit 
war gräßlidi entstellt, die Augen waren aus ihren Höhlen weit 
hervorgequollen, die Zunge halb durdigebissen . . . Die Leidie der 
Mutter war ebenfalls in entsetzlidier "Weise verstümmelt. Sämtliche 
Knochen des rediten Beines und des rediten Armes hatte er mehr 
oder weniger zersdimettert gefunden. Ebenso waren das linke 
Schienbein und die sämtlidien Rippen der linken Seite zersplittert 
gewesen. Der ganze Körper war in grauenhafter Weise mit Quetsdi- 
wunden bededit und zeigte blutunterlaufene Stellen. Es sei ein 
ganz entsetzlicher Anblick gewesen. Es wäre ganz unmöglich fest- 
zustellen, wie und womit diese sdiweren Verletzungen herbeigeführt 
worden seien . . . Der Kopf der Toten war, als der Zeuge ihn zu 
Gesidit bekam, ganz vom Körper getrennt und völlig zerschmettert 
gewesen. Offenbar sei der Hals mit einem sehr scharfen Instrument, 
wahrscheinlich einem Rasiermesser, durchschnitten worden.'"^"* 

150a) R. Piedelievre und R. Chonez haben in einem Artikel 
[Edgar Poe, medecin legiste), der im Paris-Medical vom 21. No- 
vember 193 1 erschienen ist, auf die Fehler hingewiesen, die der 
„Gerichtsarzt" Poe bei seiner Beschreibung begangen hat. So hätte 
zum Beispiel die alte Dame, deren „Kopf . . . vom Rumpf abge- 
trennt (war) und . . . nur noch durch ein Stück Haut lose damit 
zusammen(hing), so daß er abfiel, als man die Leiche aufzuheben 
versuchte" (S. 338), durch die Wucht des Sturzes (sie war durch 
das Fenster in den Hof geworfen worden) schon vorher den 
Kopf verlieren müssen. Außerdem ist ein vom Fenster hinab- 



342 Die Gesdoichten: Der Zyklus Mutter 

Damit sdieint die Untersuchung abgeschlossen zu sein, und 
die Zeitung fügt hinzu: 

„Nodi nie ist in Paris ein so geheimnisvolles Verbrechen verübt 
worden, dessen Einzelheiten so unerklärlidi sind — man mödite 
beinahe fragen, ob hier wirklidi ein Mord vorliegt? Jedenfalls hat 
die Polizei bis jetzt aud] nidit die kleinste Spur gefunden, die sidi 
verfolgen ließe . . ." 

Die Abendausgabe bringt nur eine einzige wirkliche Neuig- 
keit: „Adolphe Lebon sei verhaftet und in das Untersuchungs- 
gefängnis abgeführt worden ..." 

Dupin jedoch, obwohl er „sich für den Verlauf dieser An- 
gelegenheit auf das lebhafteste zu interessieren" sdieint und 
bisher geschwiegen hat, fragt nun seinen Freund, auf die 
Nadbricht hin, daß Lebon verhaftet worden, was er von diesen 
Morden halte. Der Freund meint, wie ganz Paris, das Rätsel 
sei unlösbar. Darauf erwidert Dupin unter anderem, „die 
Wahrheit ist keineswegs immer in einem Brunnen versteckt" 
und fügt hinzu: 

„Was nun diese Mordtat betrifft, so wollen wir zuerst die Sadie 
selbst erst näher untersudien, ehe wir uns ein Urteil darüber bilden. 
Ich verspredie mir viel Spaß davon . . . Außerdem hat Lebon mir 
einmal einen Dienst erwiesen, für den idi mich dankbar zeigen 
mödite. Wir wollen zunächst den Tatort mit unseren eigenen 
Augen untersuchen. Ich kenne den Polizeipräfekten Herrn G. — 
und ich glaube kaum, daß es mir sdiwerfallen wird, die nötige 
Erlaubnis zu erhalten." 

Sie bekommen die Erlaubnis und begeben sich in die Rue 
Morgue. „Es ist dies eine jener elenden Querstraßen, die die 

geschleuderter Körper nicht unbedingt durch den Sturz in uner- 
hörtester und grauenhaftester "Weise verstümmelt; die Deduktionen 
Dupins, der aus dem Zustand der Leiche auf den Sturz durch das 
Fenster schließt, verlieren dadurch sehr an Wert. Die Verfasser des 
Artikels geben jedoch zu, daß die Irrtümer des „Gerichtsarztes" Poe 
bei der Beurteilung der Dichtung nicht sehr ins Gewicht fallen, 
da es bei einem Kunstwerk in erster Linie auf die faszinierende 
Wirkung ankommt, die von ihm ausgeht. 




I 



Der Doppelmord in der Rue Morgue 343 

Rue Richelieu mit der Rue Saint-Rodi verbinden."^''^ Sie 
kommen spät am Abend hin, finden das Haus, gehen um das 
Haus herum und treten bei einer Tür, die sidi an der Rück- 
seite befindet, ein. „Dupin prüfte nicht nur das Haus, sondern 
die ganze Nachbarschaft, und zwar mit einer peinlichen Auf- 
merksamkeit." Sie kommen nun in das Haus, zeigen den 
Polizisten den Erlaubnisschein, steigen in das Zimmer hinauf, 
in dem sich noch die zwei Leichen befinden und ein wildes 
Durdieinander herrscht, 

„da . . . der Tatort unverändert erhalten werden mußte". — 
„Idi sah nichts anderes, als was die Gazette des Tribunaux mitge- 
teilt hatte", gesteht der Erzähler. „Dupin (jedoch) untersudite alles 
sorgfältig — sogar die Leichen der beiden Frauen", die Zimmer 
und den Hof. „Die Untersuchung nahm uns bis zum Eintritt der 
Dämmerung in Anspruch, dann gingen wir. Auf unserem Heim- 
wege trat mein Begleiter für einige Augenblüe in die Expedition 
eines der Tagesblätter ein." 

Die beiden Freunde gehen nun nach Hause. Dupin schweigt 
bis zum Mittag des nächsten Tages. Da erst „rückte er ganz 
unvermittelt mit der Frage heraus, ob mir denn auf dem Schau- 
platze gar nichts Absonderliches aufgefallen sei". Der 
Freund hat jedoch nidits anderes gesehen als das, wovon man 
sdtion in der Zeitung gelesen. 

„Die Gazette", sagt nun Dupin, „ist auf das ungewöhnlich 
Grauenhafbe dieser Affäre nicht genügend eingegangen . . . Mir 
scheint, als ob das für unlösbar gehaltene Geheimnis durdiaus nidit 
unergründbar ist. Ich will damit sagen, daß gerade der exzessive, 
outrierte^^^ Charakter aller Einzelheiten dieser furchtbaren Begeben- 
heit nur ein kleines und deutlich begrenztes Feld von Vermutungen 
zuläßt. Die Polizei steht ratlos und verwirrt vor einem Verbrechen, 
dessen Motive vielleicht weniger unbegreiflich sind, als die wilde 
Scheußlidikeit, mit der die Mordtaten ausgeführt worden sind. 
Ebensowenig kann ich begreifen, daß die Aussage so vieler Zeugen 

iji) Wir erinnern hier daran, daß Poe nie in Paris gewesen ist. 
152) Im englischen Original steht das französische „outre". 



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344 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



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feststellt, in dem Zimmer, in dem Fräulein L'Espanaye ermordet 
gefunden wurde, habe ein aufgeregter Wortwechsel stattgefunden 
während dodi, als man eindrang, niemand darin war und ganz 
unmöglich jemand über die Treppe hätte entkommen können." 
Schließlich meint Dupin: „Und in der Tat steht die Leiditigkeit, 
mit der ich dieses Rätsel lösen werde — oder vielmehr schon 
gelöst habe — , in direktem Verhältnis zu der scheinbaren Unlös- 
barkeit, die es in den Augen der Polizei hat." 

Wie er das wachsende Erstaunen seines Freundes bemerkt, 
setzt er hinzu, indem er dabei die Tür ansieht: 

„Ich warte in diesem Augenblicke ... auf einen Mann, der, 
obwohl er vermutlich nicht selbst diese gräßlichen Metzeleien verübt 
hat, doch jedenfalls in irgendeiner Beziehung dazu steht. An den 
schlimmsten Greueln dieses Verbrechens ist er wahrscheinlich un- 
schuldig ... Ich erwarte den Mann — hier, in diesem Zimmer — , 
er kann jeden Augenblick kommen . . . Sollte er kommen, so wird 
es unbedingt nötig sein, ihn festzuhalten. Hier sind Pistolen . . ." 

Der Erzähler schildert nun Dupin selbst, der seine Mit- 
teilungen so fortsetzt, als ob er mit sich einen Monolog hielte. 

„Ich habe", sagt der Erzähler, „das seltsame Wesen, in das er 
zu gewissen Zeiten verfiel, schon erwähnt. Obwohl seine Worte 
offenbar an mich gerichtet waren und er durchaus nicht laut spradi 
(by no means loud), bediente er sich doch jener eindringlidien, 
deutlichen Intonation, mit der man zu einer entfernteren Person 
spricht. Seine vollständig ausdrucicslosen Augen hafteten mit starrem 
Blick an der Wand." 

Nadhdem Dupin vorerst die unwahrscheinliche Hypothese, 
die alte Dame habe einen Selbstmord verübt und vorher ihre 
Tochter getötet, abgelehnt hat, fragt er seinen Freund, ob er 
in den Aussagen der Zeugen nichts Besonderes bemerkt habe. 
Dem Freund ist aufgefallen, daß über die barsche, rauhe 
Stimme, die dem Franzosen zugeschrieben wurde, alle Zeugen 
einer Meinung waren, während die Ansichten über die sdirille 
Stimme auseinandergingen. Aber nicht nur das! Dupin unter- 
streicht die Tatsache, daß jeder der Zeugen „von dieser Stimme 




Der Doppelmord in der Rue Morgitc 345 

als der eines Ausländers" gesprochen hat, daß er davon über- 
zeugt gewesen ist, „daß es nicht die Stimme eines Landsmanns 
gewesen sein könne. Jeder glaubt, den Klang einer Sprache 
darin zu erkennen, die er selbst nicht versteht." Zwei Zeugen 
behaupten sogar, daß es sich um keine Menschenstimme handeln 
könne, und „daß sie schnell und in abgebrochenen Lauten ge- 
sprochen habe. Kein einziger der Zeugen konnte Worte oder 
wortähnliche Laute unterscheiden." Diese sonderbaren Aus- 
sagen der Zeugen lassen in Dupin einen Verdacht aufkommen, 
den er zwar noch für sich behält, der ihn jedodi bei seinen 
weiteren Untersuchungen leitet. 

„Versetzen wir uns", setzt Dupin fort, „im Geiste wieder in 
jenes 2immer. Was ist das erste, was wir darin suchen? Selbst- 
verständlich die Mittel und Wege, die die Mörder zu ihrer Fludit 
benutzt haben . . . Untersudien wir der Reihe nach die Wege, auf 
denen den Tätern die Möglichkeit einer Flucht geboten war", 

und nachdem Dupin ganz so wie die Polizei den Fußboden, 
die Decke und das Mauerwerk der Wände auf das genaueste 
untersucht hat, schließt auch er, daß es keinen geheimen Aus- 
gang gebe. Und wie schon früher gesagt wurde: 

„von den Zimmern führten zwei Türen in den Gang, aber sie 
waren fest verschlossen, und zwar steckten in beiden Schlössern 
die Schlüssel von innen". Die Schornsteine „haben zwar oberhalb 
des Kamins bis zur Höhe von acht bis zehn Fuß die gewöhnliche 
Breite, verengen sich aber dann so sehr, daß kaum eine große 
Katze hindurch könnte". Bleiben die Fenster: „durch die des Vorder- 
zimmers hätte unmöglich jemand entfliehen können, ohne von den 
vor dem Hause versammelten Menschen bemerkt zu werden. Die 
Mörder müssen daher durch eines der Fenster des Hinterzimmers 
entkommen sein". 

„Das Zimmer hat zwei Fenster", setzt Dupin fort, „eines davon 
ist nicht durch Möbel verstellt und vollständig sichtbar. Der untere 
Teil des andern wird dem Auge ganz durch das Kopfende einer 
der davorstehenden Bettstätten entzogen. Das erste Fenster wurde 
von innen fest verschlossen gefunden. Die Bemühungen mehrerer 
Personen, es in die Höhe zu schieben, waren erfolglos. Auf der 




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34^ Die Geschichten; Der Zyklus Mutter 

linken Seite des Rahmens war ein ziemlich großes Loch eingebohrt 
und in diesem Lodi steckte ein beinahe bis zum Kopf eingetriebener 
sehr starker Nagel. Bei der Untersuchung des zweiten Fensters 
ergab sidi, daß dort ein ebensolcher Nagel angebracht war, und 
auch hier versuchte man vergebens, das Fenster in die Höhe zu 
ziehen . . . Man hielt es daher auch für überflüssig, die Nägel 
herauszuziehen und die Fenster zu öffnen." 

Dupin untersucht aber sorgfältiger als die Polizei: 
„Ich wußte, es müsse sich hier erweisen, daß eine scheinbare 
Unmöglichkeit in Wirklichkeit nicht bestand." Er schließt weiter: 
„Die Mörder entkamen unbedingt durdi eines dieser Fenster." 
Aber wie läßt sich diese sichere Tatsache mit der andern vereinen 
daß die Fenster geschlossen waren? Es „mußte unbedingt ein 
sogenannter Selbstschließer daran angebracht sein ... Ich begab 
midi nun an das freiliegende Fenster, zog mit einiger Mühe den 
Nagel heraus, und versuchte, die Scheiben in die Höhe zu sdiieben. 
"Wie ich es eigentlich nicht anders erwartet hatte, gelang mir dies 
nicht. Idi war nun fest davon überzeugt, daß irgendwo eine Feder 
verborgen sein mußte". Er findet die verborgene Feder. „Ich steckte 
den Nagel wieder ein und betrachtete ihn aufmerksam. Wenn 
jemand durch das Fenster entflohen war, konnte er es sehr wohl 
von außen zuschlagen, so daß die Feder wieder einfallen mußte; 
aber der Nagel, der konnte unmöglich von außen wieder hinein- 
gesteckt werden . . . Die Mörder mußten durch das andere 
Fenster entkommen sein ... Ich stellte midi auf den im Bette 
befindlidien Strohsack und sah mir über das Kopfende des Bettes 
weg das zweite Fenster scharf an . . ." Dupin findet dort audi die 
zweite Feder und einen zweiten Nagel. Dieser Nagel, sagt er, 
„sah genau so aus, wie der Nagel in dem andern Fenster, aber 
was bedeutete diese Tatsache gegenüber der Erwägung, daß idi 
an dieser Stelle die Spur verlor? Es m u ß etwas mit dem Nagel 
nicht in Ordnung sein, sagte ich mir; ich zog daran — und siehe, 
der Kopf und etwa ein Viertelzoll des Sdiaftes blieben in meiner 
Hand. Der untere Teil blieb in dem Bohrlodi stedcen, in dem er 
abgebrodien war". 

Dupin stedit den Kopf des Nagels wieder in das Loch, 
drückt auf die Feder und zieht mühelos das Fenster ein 
wenig in die Höhe: 



Der Doppelmord in der Rue Morgue ^4y 

„der Nagelkopf, der fest in dem Rahmen stedite, ging mit. Ich 
schloß das Fenster, und der Nagel hatte nun wieder ein ganz un- 
verletztes Aussehen". 

Von der Bruchstelle ist nidits mehr zu sehen. Damit ist das 
Rätsel der Flucht gelöst. 

„Der Mörder war aus dem hinter dem Bett befindlidien Fenster 
entflohen, dieses war nach der Flucht wieder von selbst zugefallen, 
oder vielleicht auch heruntergedrückt und von der einschnappenden 
Feder festgehalten worden." Die Polizei hatte diesen Widerstand 
dem Nagel zugeschrieben. 

„Die nächste Frage, die es zu lösen galt, war nun, wie es dem 
Mörder gelungen sein konnte, am Hause hinunterzukommen." 

Und vor den Augen des entzückten Freundes entwickelt 
nun Dupin seine subtilen Schlußfolgerungen. 

„Ungefähr fünfeinhalb Fuß von dem fraglidien Fenster entfernt, 
läuft ein Blitzableiter nach unten. Es würde nun allerdings un- 
möglich sein, von dieser Stange aus das Fenster zu erreichen und 
einzusteigen . . ." 

Aber der Fensterladen, dessen untere Hälfte aus Latten und 
Gitterwerk besteht, ist volle dreieinhalb Fuß breit. Ein Mensch, 
„der über einen ungewöhnlidien Grad von Geschicklichkeit 
und Mut verfügt", konnte leicht den Blitzableiter hinauf- 
klettern, von ihm aus den offenen Laden, der nur zweieinhalb 
Fuß von dem Blitzableiter entfernt war, ergreifen, an diesem 
Laden eine feste Stütze finden, 

„den Blitzableiter fahren lassen, die Füße gegen die Mauer 
stemmen und durch einen kühnen Schwung den Laden in Bewegung 
setzen, so daß dieser sidi schloß; wenn das Fenster zufällig offen 
stand, konnte es sogar gelingen, sich in das Zimmer hinein- 
zuschwingen". 

Dupin betont besonders die außerordentliche Ge- 
wandtheit, die zu dieser Tat nötig ist, und bringt diese außer- 
gewöhnliche Behendigkeit mit jener sdirillen Stimme in Zu- 
sammenhang, mit 



34^ Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



' »jener heiseren, kreischenden Stimme, über deren Sprache die 
Aussagen der Zeugen sich nicht einigen konnten, während alle ein- 
stimmig erklärten, nur Laute, keine Worte vernommen zu haben". 
„Nun erst", setzt der Erzähler fort, „fing ich an zu begreifen 
was Dupin sagen wollte. Allerdings verstand idi ihn noch nicht 
ganz, aber idi ahnte, worauf er hinzielte, mir war ungefähr so zu 
Mute, wie wenn man sich auf etwas besinnt, an das man sich nidit 
genau erinnern kann." 

Aber Dupin setzt fort: „Sie sehen, ... daß ich midi zunächst 
mit der Frage beschäftigt habe, wie der Mörder in das Haus ein- 
gedrungen sei, um danach die Art seiner Fludit festzustellen. Ich 
wiinsdie Sie davon zu überzeugen, daß er an derselben Stelle 
herein- und hinausgekommen sein muß. Betraditen wir nun das 
Innere des Zimmers". 

Dupin entdeckt dort, daß die Toilettegegenstände auf der 
Kommode zerstreut umherliegen, und besonders die Tatsadie, 
daß die viertausend Francs in Gold nicht geraubt wurden. 
Materielles Interesse kann daher nicht der Antrieb zu diesem 
Verbrechen gewesen sein. 

Dupin prüft hierauf die einzelnen grausamen Vorgänge 
bei der Metzelei und betont, weldie Kraflanstrengungen dazu 
nötig waren, den Körper des Mädchens in den Kamin zu 
zwängen, ganze Haarbüsdiel mit Fetzen von der Kopfhaut 
der Mutter auszureißen und deren Kopf mit einem einfachen 
Rasiermesser beinahe ganz abzuschneiden. 

erstaunlidie Behendigkeit . . . übermenschliche Stärke . . . 

tierische Roheit . . . grundloses Verbrechen in geradezu bizarrer 
Sdieußlidikeit^^^ ... Sdirille Stimme ... deren Klang den Ohren 
vieler Zeugen der verschiedensten Nationalität fremd war ..." — 
„Welchen Sdiluß ziehen Sie aus so viel Tatsadien?" fragt Dupin 
den Erzähler. 

Der Freund meint, ein aus dem Irrenhaus Entsprungener 
müsse das Verbrechen begangen haben. Aber die Rede eines 
Wahnsinnigen, wirft Dupin ein, hat einen Zusammenhang, 
besteht aus Wörtern. 

153) Im Original das französische grotesquerie. 



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„AufSerdem haben Wahnsinnige nicht solches Haar, wie ich es 
hier in meiner Hand habe. Ich habe dieses kleine Haarbüschel aus 
den zusammengekrampften Fingern der Frau L'Espanaye gelöst." 

Wir bekommen eine immer schlechtere Meinung von einer 
Polizei, die es weder zuwege gebradit hat, die Fenster zu 
öffnen, noch auch daran daclite, die Hände des Opfers zu 
untersuchen. Zum Glück haben wir Dupin! Der zieht nun 
ein Papier aus seiner Tasche, auf dem die dunklen Quet- 
schungen und die von Fingernägeln herrührenden blutunter- 
laufenen Flecke von dem Hals des Mädciiens abgezeichnet 
sind. Der Erzähler muß seine Hand auf die Zeiciinung legen; 
er kommt zur Überzeugung, daß die Riesenhand des Mörders 
nicht die Hand eines Mensclien sein konnte. Nun öffnet Dupin 
ein Buch und läßt den vor Schrecken erstarrten Freund darin 
lesen. 

„Es war ein ausführlicher anatomischer und allgemein be- 
schreibender Bericht über den großen schwarzbraunen Orang-Utan, 
wie er auf den ostindischen Inseln vorkommt." 

Der Freund begreifl „sofort die grauenhaften Einzelheiten 
jener Mordtaten". Aber woher kam die zweite Stimme, die 
des Franzosen, der in vorwurfsvollem Ton mon Dieu, diable 
oder sacre gesagt hat? Dupin erklärt nun dem Erzähler, daß 
seiner Meinung nach ein Franzose von dem Mord Kenntnis 
gehabt habe, daß aber dieser Franzose wahrscheinlich an der 
Bluttat selbst unbeteiligt gewesen sei. „Der Orang-Utan ist ihm 
vielleicht entflohen." Und „wahrscheinlich treibt der Orang- 
Utan sich immer nocii frei umher". Daher hat Dupin gestern 
abend in der Zeitung Le Monde („ein Blatt, das die Interessen 
der Schiffahrt vertritt und das besonders von Matrosen und 
Seefahrern gelesen wird") folgende Anzeige einrücken lassen: 

„EINGEFANGEN. Im Bois de Boulogne ist am . . . (Datum des 
Tages nach dem Mord) ein sehr großer lohfarbener Orang-Utan, 
der vermutlich aus Borneo stammt, eingefangen worden. Der recht- 



350 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

mäßige Eigentümer — man hat ermittelt, dal5 er als Matrose auf 
einem maltesisdien Schiffe dient — kann das Tier in Empfang 
nehmen, wenn er sich als Besitzer ausweisen kann und bereit ist, 
die geringen Kosten für das Einfangen und die Verpflegung des 
Tieres zu bezahlen. Näheres Faubourg Saint-Germain, Rue . . . 
Nr. . . im dritten Stock." 

Aus einem kleinen, verknoteten, schmutzigen Band, das 
Dupin am Fuß des Blitzableiters gefunden hatte, hat er ge- 
sdalossen, daß der Besitzer des Orang-Utans ein Matrose sein 
müsse, der zur Mannsdiaft eines maltesischen SchifFes gehöre, 
da sidi die Matrosen und Malteser eines solchen Bandes be- 
dienen, um die Haare zu dem sogenannten Seemannsknoten zu 
verschlingen. Wenn Dupin sidi über den Stand des Mannes 
geirrt hat, so hat dies der Anzeige jedenfalls nichts geschadet; 
hat er ihn aber riditig erraten, „so ist sehr viel gewonnen", 
der Matrose wird kommen. Dieser Mann wird vermutlidi 
folgendermaßen überlegen: 

„Idi bin unschuldig, bin arm, mein Orang-Utan hat einen 
bedeutenden Wert . . . warum sollte idi ihn um meiner vielleidit 
völlig unbegründeten Befürditung willen einbüßen? Es steht bei 
mir, ihn zurüizubekommen. Er ist im Bois de Boulogne eingefangen 
worden, also sehr weit entfernt vom Sdiauplatz jener Mordtaten. 
Wie sollte jemand auf die Vermutung kommen, daß ein vernunft- 
loses Tier eine solche Tat begangen habe? Die Polizei ist ratlos . . . 
vor allem jedoch — man kennt mich . . . Sollte ich es unterlassen, 
das wertvolle Tier zu reklamieren, so wird, da man weiß, daß 
es mir gehört, gerade dadurch möglicherweise ein Verdacht 
geweckt . . ." 

In diesem Augenblick hört man Schritte auf der Treppe. „Da 
die Haustür offen stand, war der Besucher ohne zu läuten einge- 
treten und befand sich schon auf der Treppe. Hier schien er plötzHdi 
zu zögern. Wir hörten, wie er wieder hinunterging . . . ; aber schon 
hörten wir den Mann wieder heraufkommen; diesmal kehrte er 
nidit um, sondern trat entschlossen an unsere Zimmertür heran 
und klopfte. ,Herein!' rief Dupin in heiterem, herzlichem Ton. 

Ein Mann trat ein; er war offenbar Matrose; er hatte eine 



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Der Doppelmord in der Rue Morgue 351 



große kräftige, muskulös aussehende Gestalt, und sein Gesidit trug 
einen offenen, verwegenen Ausdruck, der durchaus nicht abschreckend 
war. Sein stark von der Sonne verbranntes Gesicht wurde über 
die Hälfte von einem mächtigen Schnurr- und Backenbart verdeckt. 
In der Hand trug er einen großen Eichenknüttel, schien aber 
sonst keine Waffe bei sich zu haben. Er verbeugte sich linkisch 
und sagte guten Abend, und zwar mit einem Akzent, der, obwohl 
er etwas nach Neufchätel klang, doch seine Pariser Abstammung 
verriet. 

,Setzen Sie sich, mein Freund', sagte Dupin. ,Ich vermute, daß 
Sie wegen Ihres Orang-Utans kommen. Er ist ein außerordentlich 
schönes und dabei gewiß sehr wertvolles Tier; idi möchte Sie 
beinahe darum beneiden. Für wie alt halten Sie es wohl?' 

Der Matrose holte tief Atem — mit der Miene eines Menschen, 
dem eine Last vom Herzen fällt, und erwiderte dann in ruhigem 
Tone: 

,Das kann ich Ihnen nicht genau sagen, aber er kann kaum mehr 
als vier oder fünf Jahre alt sein. Haben Sie ihn hier?'" 

Dupin sagt nun, er habe das Tier in einen Stall in der Nähe 
untergebradit, sein Besitzer könne es am nächsten Vormittag 
abholen, aber er, Dupin, bedauere, sich von dem Tiere trennen 
zu müssen! Der Matrose erwidert, er werde dem, der das Tier 
wiedergefunden hat, gerne eine Belohnung bezahlen. Nun sagt 
Dupin: „Nun... das ist gewiß reciit schön. Lassen Sie mich 
nachdenken — was könnte ich wohl beanspruchen.' Oh, ich 
will Ihnen sagen, was ich als Belohnung fordere: Sie sollen 
mir ganz genau alles mitteilen, was Sie über die in der Rue 
Morgue verübten Mordtaten wissen." Dupin versperrt die Tür 
und nimmt seine Pistole heraus. 

Der Matrose kämpft mit einem Erstickungsanfall, er wird 
blutrot, pacit seinen Knüttel, aber einen Augenblick später 
fällt er zitternd und stumm auf seinen Sitz zurück. 

„Mein Freund", fuhr Dupin in gütigem Tone fort, „Sie regen 
sidi ganz unnötigerweise auf ... Wir denken nidit daran, Ihnen 
irgendwie sdiaden zu wollen ... Ich weiß, daß Sie an den in der 
Rue Morgue verübten scäieußlichen Mordtaten unschuldig sind ... 



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)$z Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Das, was gesdiehen ist, haben Sie nicht verhindern können ... Sie 
haben nidits zu verheimlichen, als ehrenhafter Mensdi sind Sie 
außerdem geradezu verpflichtet, alles zu gestehen, was Sie wissen. 
Ein vollständig Unschuldiger, auf den der Verdadit gefallen ist, 
diese Verbrechen begangen zu haben, ist festgenommen worden, 
während Ihnen der wirkliche Täter bekannt ist." 

Und der Matrose spricht. Er hat den Orang-Utan in Borneo 
mit einem Kameraden gefangen. Sein Gefährte starb, er war 
nun der alleinige Besitzer des Tieres. An Bord des Schiffes 
hatte ihm das Tier durch seine unbezähmbare Wildheit viel 
Unannehmlidikeiten verursadit. In Paris wurde es sorgfältig 
eingeschlossen, 

„sein Plan war, den Affen zu verkaufen, sobald dieser von einer 
Fußwunde geheilt wäre, die er sidi an Bord durdi das Eindringen 
eines Splitters zugezogen hatte. Er kam an dem Abend, oder besser 
gesagt, an dem frühen Morgen, an dem die Mordtaten verübt 
wurden, von einem Matrosenfest nadi Hause zurüde und fand dort 
die Bestie in seinem Schlafzimmer. Es war ihr gelungen, aus dem 
angrenzenden Gelaß, wo der Matrose sie angebunden hatte und 
sicher verwahrt glaubte, auszubredien. Er fand das Tier eingeseift 
und mit dem Rasiermesser in der Hand vor dem Spiegel, wo es sidi 
zu rasieren versuchte; wahrscheinlidi hatte es öfter durdi das 
Sdilüssellodi seinen Herrn bei dieser Besdiäftigung beobaditet". 

Der Matrose nahm die Peitsche, der Orang flücJitete auf die 
Stiege und sprang durdi ein Fenster auf die Straße hinunter, 

„Der Franzose folgte in Verzweiflung ... In dieser Weise setzte 
sich die Jagd lange fort. In den Straßen herrschte tiefe Stille; 
es war gegen drei Uhr morgens. Als der Flüditling das hinter der 
Rue Morgue liegende Gäßdien erreidit hatte, wurde seine Auf- 
merksamkeit durch den Lichtsdiein gefesselt, der durch das offene 
Fenster des im vierten Stock liegenden Zimmers der Madame 
L'Espanaye sdiimmerte. Das Tier stürzte auf das Gebäude zu, und 
als es den Blitzableiter bemerkte, kletterte es ... daran hinauf, 
klammerte sich an den weit offenstehenden Fensterladen, gab sidi 
einen Schwung und gelangte direkt in das 2immer und auf das 
Kopfende des Bettes." 



Der Doppelmord in der Rtie Morgue 353 

Der Matrose, der daran gewöhnt war, im Tauwerk des 
Sdiiffes herumzuklettern, war dem Tier auf dem gleidien Weg 
entlang dem Blitzableiter gefolgt, 

„als er jedodi bis zur Höhe des Fensters . . . gekommen war, 
konnte er nidit weiter. Es gelang ihm aber, sidi so weit vor- 
zubeugen, daß er einen Blidi in das Innere des Zimmers tun 
konnte . . . 

Madame L'Espanaye und ihre Toditer waren, in ihre Nadit- 
kleider gehüllt, offenbar damit besdiäftigt gewesen, irgendweldie 
Papiere in der schon erwähnten eisernen Geldkiste zu ordnen, die 
sie zu diesem Zwecke mitten in das Zimmer gestellt hatten. Sie 
war offen und ihr Inhalt lag auf dem Fußboden daneben. Die 
Opfer hatten wahrsdieinlidi so gesessen, daß sie dem Fenster den 
Riidten zukehrten . . . Als der Matrose in das Zimmer blute, 
hatte die riesige Bestie Madame L'Espanaye an dem lose herab- 
hängenden Haar gepadtt und schwenkte das Rasiermesser vor 
ihrem Gesicht, die Bewegungen eines Barbiers nadiahmend. Die 
Toditer lag lang ausgestreckt und regungslos auf dem Fußboden; 
sie war ohnmächtig geworden. Das Geschrei und die Befreiungs- 
versuche der alten Dame, der er das Haar aus dem Kopf riß, 
versetzten den Orang-Utan, der vorher vielleidit ganz friedliche 
Absichten gehabt hatte, in wildeste Wut. Mit einem kräftigen 
Schwung seines muskulösen Armes trennte er den Kopf der Dame 
beinahe ganz vom Rumpf. Der Anblü des Blutes steigerte seine 
Wut bis zur Tollheit . . . (Er) stürzte . . . sich auf das junge 
Mädchen, grub seine entsetzlidien Krallen in ihren Hals und 
würgte die Unglückliche, bis sie tot war." In diesem Augenblick 
sieht er seinen Herrn. „Die Wut des Tieres, das schon allzu oft die 
Bekanntsdiaft mit der Peitsdie gemadit hatte, verwandelte sich 
sofort in feige Angst. Wohl wissend, daß er Strafe verdiene, schien 
es die Spuren seiner Bluttat rasdi verwischen zu wollen; es . . . riß 
die Möbel um und zersdilug sie und zerrte die Kissen und Dedcen 
aus dem Bette. Endlich ergriff es die Leidie der Toditer und stieß 
und zwängte sie gewaltsam in den Sdiornstein hinauf . . . Dann 
stürzte es sich auf die der alten Dame und sdileuderte sie kopf- 
über zum Fenster hinaus." 

Während dieser Zeit stieß der Matrose Schreie des Ent- 
setzens aus, die sich mit dem schrillen, teuflisdien Gekreisch 

Bonaparte: Edgar Poe. II. 33 



354 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



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des Tieres misditen. Das waren die zwei Stimmen, die man 
gehört hatte. Wie sidi dann der Orang mit seiner ganz ver- 
stümmelten Last dem Fenster näherte, ließ sich der entsetzte 
Matrose den Blitzableiter entlang hinuntergleiten, um sidi zu 
retten. Der Affe mußte auf demselben "Weg davongeeilt sein 
das Fenster schloß sich von selbst hinter ihm. 

„Er ist sdiließlich dodi", fügt der Erzähler hinzu, „und zwar 
von seinem reditmäßigen Besitzer, wieder eingefangen worden 
der ihn zu hohem Preise an den Jardin des Plantes verkauft hat." 

Dupin berichtet dem Polizeipräfekten von dem Ergebnis 
seiner Untersuchungen und der unschuldige Lebon wird frei- 
gelassen. Der Polizeipräfekt kann jedodi eine gewisse Gereizt- 
heit, die durdi „Leute, die ihre Nase in Dinge steckten, die sie 
im Grunde nichts angingen", hervorgerufen wurde, nicht ver- 
bergen. Und diese Kriminalgeschichte endet mit einigen Be- 
merkungen Dupins, die gegen diesen hohen Funktionär ge- 
richtet sind: 

„Mir genügt es, ihn auf seinem eigenen Gebiet (in his own 
Castle) gesdilagen zu haben!" 



Die Erzählung ist so padiend und dramatisdi, daß wir den 
Ablauf nicht durdi Glossen unterbredien wollten. 

Wir haben gesehen, daß im Mann der Menge die 
Gestalt des geheimnisvoll tragischen Verbrechers im Werke 
Poes auftaucht; das Verbrechen jedoch bleibt dort im Sdiatten. 
Im Doppelmord in der Rue Morgue steht das 
Verbrechen selbst im Vordergrund, es wird gleich zu Beginn 
in seiner ganzen Schrecklichkeit und Blutigkeit vorgeführt. 
Und Dupin, der unfehlbare Raisonneur, dessen Bekanntschaft 
wir hier zum erstenmal madien, löst das Rätsel der Identität 
des Verbrediers. 




Der Doppelmord in der Rue Morgue 355 

Aber die Behauptung: Hier ist das Verbredien! stimmt nidit 
ganz; sie deckt nämlich nicht alles auf, was sie behauptet. Denn 
ebensowenig wie die unheilverkündenden Züge des Mannes der 
Menge, trotz dem Licht, das durch die Straßenlaternen auf sie 
fällt, beim ersten Anblick verraten, wem sie angehören, ver- 
raten das Blut und die Verstümmelungen der Frauen L'Espa- 
naye beim ersten Blick, was sie in einer tieferliegenden unbe- 
wußten Realität bedeuten. Es ist gewiß möglich, wenn auch 
unwahrscheinlich, daß ein großer, entflohener Menschenaffe 
durch ein offenes Fenster in eine "Wohnung eindringt, daß er in 
dem Zimmer Frauen ohne Schutz findet, daß er sie erdrosselt 
oder ihnen die Kehle durchschneidet, dann entkommt, und daß 
in einem solchen Fall, da keine Zeugen vorhanden sind, die 
Polizei den Täter nicht finden kann ! Aber der psychische Deter- 
minismus ist ebenso unerbittlich streng wie der physische — 
wenn er auch schwieriger zu fassen ist — und alle Möglich- 
keiten, die wir aufgezählt haben, erklären nicht, warum Edgar 
Poe für die erste Kriminalgeschichte, für die Erzählung, in der 
Dupin, dieser Zauberer, auftaucht, gerade diesen Stoff gewählt 
hat. Und jene Möglichkeiten werden auch keineswegs der Tat- 
sache gerecht, daß der Ton dieser Geschichte alle Menschen 
packt, daß sie seit beinahe einem Jahrhundert alle Leser, 
welche die grausame und seltsame Phantasie vom Affen-Mörder 
in der Rue Morgue zu lesen begonnen haben, faszinieren 
konnte. 

Diese Erzählung schildert zwar einen Mord und schmeichelt 
schon dadurch dem in jedem von uns schlummernden 
sadistischen Aggressionstrieb, diesem Trieb, den unsere gesamte 
Zivilisation verdrängt und der sich nur in der Jagd und in der 
Phantasie ausleben kann — wenn man mit dem Gericht nichts 
zu tun haben will! — ; aber dieses Thema Mord drückt hier 
gleichzeitig nodi ein anderes aus, das ebenso alt ist wie jenes 
erstere, aber für das menschliche Unbewußte womöglich nodi 

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35^ Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



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wichtiger. Die Analysen der Neurotiker und audi der Men- 
schen, die man normal nennt, haben uns dazu den entspredien- 
den Hinweis gegeben. Das Unbewußte der Menschen behält 
nämlich für ihr ganzes Leben lang die Spuren einer Urszene, 
die sidi in der Kindheit der meisten tatsächlidi abgespielt hat. 
Diese Szene ist die der Paarung der Eltern oder jener Per- 
sonen, die für das Kind deren Stelle einnehmen. Die Er- 
wachsenen mißtrauen in dieser Hinsicht den ganz kleinen 
Kindern viel zu wenig: man hält sie mit Unreciit für zu jung, 
um zu verstehen, was vorgeht. In vielen Haushalten schläft 
das Kind im Zimmer der Eltern, weil sie keinen andern Platz 
haben; sie können aber deshalb nidit auf jedes Eheleben ver- 
ziditen. Und wenn die Eltern sidi ihren Trieben hingeben, 
dann bilden sie sich gerne ein, das Kind schlafe. Aber der 
Instinkt des Kindes schläft: nidit! Sdion in dem frühen Alter 
von einem, von eineinhalb Jahren ist das Kind — so unglaub- 
lich das audi den Erwadisenen erscheinen mag — fähig, Beob- 
achtungen sexueller Vorgänge „aufzubewahren". Wir haben 
schon einmal gesagt: Eindrücke, die in diesem Alter gewonnen 
wurden, werden natürlich nidit mit dem Intellekt erfaßt und 
verstanden; das Ich ist dazu noch zu wenig entwidcelt. Aber es 
bleibt Tatsache, daß jene Ereignisse in beträditlichen Spuren 
schon von dem jungen Lebewesen zurückbehalten werden; 
diese Spuren tauchen später in Träumen, in Phantasien auf 
und man findet sie im Laufe einer Analyse wieder. 

Wir denken als Erwachsene und können uns daher nur 
schwer vorstellen, auf weldie Weise der Instinkt, das Gehirn, 
die Beobachtung eines achtzehn Monate alten Kindes funk- 
tionieren. Daß aber das Kind zu bedeutender Leistung fähig 
ist, steht außer Zweifel: beginnt es nicht schon in dieser Epodie 
seines Lebens zu sprechen, einen vorgewiesenen Gegenstand mit 
einem bestimmten Laut zu verbinden, eine Leistung, die auch 
das intelligenteste Tier nicht durchzuführen vermag? 



Der Doppelmord in der Rue Morgue 357 

Die Beobachtung des Koitus der Eltern durch das Auge 
(bei Tageslicht oder beim Schein der Naditlampe), durch das 
Ohr (in finsterer Nadit) enthält gewiß eine der widitigsten 
Unterweisungen, weldie die Natur schon von dieser Epodie 
an dem kleinen menschlichen Lebewesen vorbehalten hat. Das 
Menschenkind gehört nämlich zu jener Gruppe von Lebewesen, 
die am wunderbarsten mit Sinnlichkeit begabt sind, zu einem 
Gesdiledit, das in der Liebe keine Jahreszeiten mehr kennt. 
Daher kann es schon von den ersten Lebensjahren an in 
Winternäditen wie in Sommernächten die Gesten der Liebe 
beobaciiten. Und so bekommt sein Trieb, dieser vorgeformte 
Trieb des sexuell überaus begabten kleinen Tieres, scion von 
Beginn an nicht bloß von innen, sondern auch von außen 
her den Reizantrieb. Irgendetwas in ihm antwortet mit der 
ganzen Kraft des jungen Triebwesens auf den äußern Reiz, 
den das Leben ihm zubringt, und dieser äußere Reiz stärkt 
wieder den tief in ihm ruhenden und audi seinerseits vor- 
geformten Trieb. 

Es ist nun Tatsache — alle Analysen beweisen es — , daß 
nichts so sehr und frühzeitig das Kind interessiert als das, was 
den Sexus angeht — wenn wir von der Sorge um Nahrung 
oder der Entleerungstätigkeit absehen, von Funktionen, die bei 
ihm übrigens ganz mit Erotik vermengt sind. Und in der 
äußeren Welt interessiert es sich für nichts so sehr wie für die 
Schauspiele, bei denen es die Sexualität der Erwachsenen beob- 
achten kann. Das würde nur gut sein, wenn das Kind als 
Wilder aufwüchse. Aber die Erziehung zügelt bald die Sexualität 
des Kindes, ja häufig erstickt sie sie sogar. Auf die erste Ein- 
weihung in die Geheimnisse der Natur, die sich dem Kind 
durch die Liebesgesten der Erwachsenen aufdrängt, folgt die 
Erziehung, die dem Kind jede Sexualität und jedes Interesse 
an sexuellen Dingen verbietet, eine Erziehung, die von den- 
selben Erwachsenen ausgeht, deren Gesten es beobachtet hat — 



i 



3j8 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

und das Kind mandimal, wie Edgar Poe, für immer impotent 
madit. Aber das Werk der Natur läßt sich nidit gänzlidi ver- 
nichten; -was das Kind gesehen hat, ist fest in ihm verankert 
und trägt es als Erwachsener sein ganzes Leben hindurch in 
sich herum. Die Szenen von der Vereinigung der Eltern, oder 
der Menschen, die an ihre Stelle getreten sind, — Szenen, 
welche das Kind schon im frühesten Alter hat überrasdhen, 
beobadtiten können — bilden einen beständigen Teil der Erb- 
sdiaft, die jedes mensdiliche Wesen mitbekommt. Denn wenn 
diese Szene in der Realität ausbleibt, wird sie gewöhnlich durdi 
eine Phantasie phylogenetischen, atavistischen Ursprungs er- 
setzt, die audi dann an die Stelle der Realität tritt, wenn sie 
vielleidit nicht die gleidie Intensität hat wie eine wirklidi 
erlebte. Audi die Beobachtung sich paarender Hunde kann 
genügen, um diese Phantasie zu erwecken. 

Bei Edgar Poe müssen wir annehmen, er habe die U r- 
s z e n e in seiner Kindheit in Wirklidikeit beobachtet. Dafür 
ist nicht nur sein Werk, wie wir noch sehen werden, ein 
deutlicher Beweis; wir dürfen audi annehmen, daß das 
Ehepaar David und Elizabeth Poe, die armen Wander- 
sdiauspieler, bei ihren Tourneen mit ihrem Kind im gleichen 
Zimmer gelebt haben. Der frühreife kleine Edgar konnte 
nun zweifellos im Dunkel des Raumes die Sexualgesten der 
Erwachsenen erspähen, neben denen er lag. Man kann daher 
mühelos erraten: der Mord, den der wilde Menschenaffe an 
Frau L'Espanaye beging, ist für das von Sexualität erfüllte 
Unbewußte nichts anderes als ein Sexualakt. Nicht umsonst 
glauben die meisten Zeugen, als sie die Stiege hinaufliefen, 
durdi die Zwisdienwand hindurch streitende Stimmen gehört 
zu haben, die Stimme eines Mannes und die Stimme einer 
Frau, die Stimmen eines menschlichen Paars! Und der 
abgeschnittene Kopf der alten Dame, die Haarbüsdiel, die mit 
dem Fleisdi ausgerissen wurden, und alle die grauenhaften Ver- 



^ 



Der Doppelmord in der Rue Morgue 3J9 

stümmelungen sind Kastrationssymbole, Symbole jener Kastrie- 
rung der Frau, die eine der widitigsten Phantasien bei Knaben 
darstellt. 

Hier muß darauf hingewiesen werden, welchen allgemeinen 
Charakter die Beobachtungen des Kindes dem Koitus zu- 
sdireiben. Das Kind vergleidit den Sexualakt immer mit einer 
Gewalttätigkeit, mit einer Grausamkeit, die vom Mann be- 
gangen wird, und deren Opfer die Frau ist. Freud hat das die 
„sadistische Auffassung des Koitus" genannt, und man findet 
sie durch Analyse in der Anamnese eines jeden Menschen 
wieder. Diese Auffassung entspricht den Einsichten des Kindes 
im prägenitalen Stadium, in dem es gewöhnlich diese Beob- 
achtungen macht; sie ist die einzige für das Kind mögliche 
Interpretation einer Handlung (da es weder das Sperma noch 
die Vagina kennt), deren Verlauf trotz allem ein aggressiver 
ist, und die es mit den Schlägen und verschiedenen Wunden, 
die ihm selbst zugefügt wurden, vergleicht. Eine solche Vor- 
stellung ist trotz ihrer Einseitigkeit im Grund nicht voll- 
ständig falsch. Das Eindringen des Penis in den Frauenkörper 
ist für die Frau nicht immer angenehm, der Jungfrau bereitet 
diese Handlung sogar Schmerzen — es hat mit dem Mord- 
attentat, bei dem man mit dem Eisen oder irgendeinem andern 
Instrument tötet, gerade dieses Eindringen in das Fleisch 
gemeinsam. Man dringt in den Körper aus dreierlei Gründen 
ein: mit der Nahrung oder der Luft, die ernährt; mit dem 
Eisen, einem andern Instrument oder dem Gifl, das tötet; mit 
dem erigierten Penis, der befruchtet. Es ist daher keineswegs 
erstaunlich, daß diese drei Arten des Eindringens sich im Un- 
bewußten verdichten und miteinander verschmelzen. Der 
Wunsch nach Befruditung wird in den Phantasien der Neu- 
rotiker ofl: durch die Phobie der Vergiftung dargestellt und 
das Eindringen des Eisens in den Körper ist außerdem ein 
Symbol für das Eindringen des Phallus. 



L 



3^0 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Aber hier muß noch auf ein Weiteres hingewiesen werden. 
Das Kind glaubt anfangs, das Eindringen aus sexueller Ursadie 
dessen Zeuge es gewesen, habe durch den Anus stattgefunden 
die einzige tiefgelegene Höhlung, die es an sidi kennt, wobei 
es ganz gleich bleibt, ob der Beobachtende Knabe oder Mäddien 
ist. Der Knabe schreibt nämlich ursprünglich allen Lebewesen, 
die Mutter inbegriffen, einen Phallus zu. Erst später, wenn er 
den Unterschied der Geschlechter entdeckt und mehr oder 
weniger akzeptiert hat, wird für ihn die Kastrierung der 
Frau eine Bedingung der Paarung. Er bildet sich dann häufig 
ein, der Mann verstümmle durch den Sexualakt die Frau. 

Der Orang-Utan der Rue Morgue begnügt sidi nicht damit, 
in die Frau L'Espanaye mit dem phallisciien Rasiermesser ein- 
zudringen, er skalpiert sie, sdineidet ihr den Kopf weg: 
wir wissen aus anderen Beispielen, daß die Kopftrophäen, die 
eine allgemein verbreitete Sitte sind, dem Unbewußten als 
klassischer Ersatz für die Trophäen des Phallus dienen.*^* 

Eine andere Geschichte Poes, die kurze Zeit nach dem 
Doppelmord in der Rue Morgue und unter dem 
Einfluß der gleichen psychischen Strömung gescäirieben wurde, 
bestätigt unsere Hypothese: es handelt sich um Das Ge- 
heimnis der Marie RogS t,^"*"* dem als Untertitel 
„a sequel to the Murders in the Rue Morgue" („eine Fort- 
setzung zum Doppelmord in der Rue Morgue") beigegeben 
ist. Diese sehr schwache Replik der ersten KriminalgesciiicJite 
Poes erzählt uns — nach einem Verbrecäien, das in New York 
begangen wurde — die Gescäiichte der geheimnisvollen Ermor- 
dung einer jungen Parfümeriewarenverkäuferin in einem Ge- 

IJ4) Marie Bonaparte, Über die Symbolik der Kopftrophäen. 
Imago, XIII, 1928, und Int. Psychoanalytisdier Verlag, Wien 1928. 

IJ5) The Mystery of Marie Roget, a sequel to The Murders in 
the Rue Morgue (Snowden's Lady's Companion, November, 
Dezember 1842; Februar 1843; 1845). 



Der Doppelmord in der Rue Morgue 361 

holz bei Paris: die Leidie wird auf der Seine schwimmend 
gefunden; der Polizeipräfekt kann den Fall natürlich wieder 
nicht aufklären, und wieder löst Dupin das Rätsel. Er entdedit, 
daß das Mädchen das Opfer einer Schändung und eines Mordes 
geworden ist, die ein junger Marineoffizier, also wieder ein 
Seemann, mit einem ebenso dunklen Teint wie der Besitzer 
des Orang-Utan, begangen hat. Der eine war greatly sunburnt, 
sehr abgebrannt; der andere hatte a dark and swarthy com- 
plexion, einen dunkeln und tiefbraunen Teint. Steckt nicht 
in diesem Thema vom Matrosen, der persönlich oder per 
procura in ein Verbrechen verwickelt wurde, außer der uni- 
versalen Symbolik einer Eroberung der Meer-Mutter (die wir 
schon im P y m studiert haben), eine Erinnerung an den See- 
mann Poe, den älteren Bruder des Dichters, der für ihn in den 
Zeiten heroischer Taten und Liebesabenteuer derart zum Vor- 
bild wurde, daß Edgar in seiner fiktiven Biographie die Reisen 
oder wenigstens die Erzählungen Henrys zu seinem Eigentum 
machte? 

Man wird sich noch daran erinnern, daß Edgar Poe 183 1, 
als er bei Frau Clemm ein Obdach fand, dort mit seinem 
damals noch nicht siditbar dem Tod verfallenen Bruder zu- 
sammenkam, und daß die beiden miteinander wohnten, Ge- 
dichte schrieben und ausgingen: ja sie machten sogar gemeinsam 
einer gewissen Kate Blakely den Hof.^^" 

Dieses innige Miteinanderleben der beiden Brüder dauerte 
jedoch nur einige Monate: Edgar war im März zu Frau Clemm 
gekommen, und am i. August des gleichen Jahres starb Henry. 
Im folgenden Jahr verliebte sich Edgar, der damals dreiund- 
zwanzig Jahre alt war, in Mary Devereaux. Wir haben 
bereits berichtet,'"'' wie idyllisch diese Liebe einsetzte und 

ij6) Israfel, S. 3i9f.; ferner in dieser Arbeit, Bd. I, S. 114 
und 139. 

IJ7) Bd. I, S. ii8ff., i39f., ijo. 



362 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

■welchen stürmisdien Verlauf sie später nahm. Diese Werbung 
endete nämlidi, wie später noch manche Male, mit einer 
Trunkenheitskrise, die das junge Mädchen von Poe so sehr 
abstieß, daß sie sich von ihm entfernte. Es scheint dabei, daß 
die Leidenschaft Edgar Poes für Mary Devereaux einer realen 
physischen Lodsung sehr nahe kam, obwohl sie von ihr noch 
immer weit entfernt war. Das ist, nach dem Tagebuch der 
Mary, die Meinung Hervey Allens,^^"* und die Tatsache, daß 
die Heldin in der einzigen Geschichte Poes, in der von einem 
physischen Sexualakt die Rede ist, Marie heißt und auch einen 
französischen Familiennamen hat, widerspridit dieser An- 
nahme nicht. 

Wir können aber noch weiter gehen. Wir wissen durch einen 
Brief Poes,^^" daß eranMarieRogetzu Beginn der heißen 
Jahreszeit des Jahres 1842 schrieb. Nun hatte in dem gleichen 
Jahr, im Januar, Virginia — wie man sich erinnern wird — 
den ersten Hämoptoeanfall, der auf Poe einen so tiefen Ein- 
druck machte, und die im Unbewußten sdilummernden infan- 
tilen Erinnerungen an die ebenfalls blutende, schwindsüchtige 
Mutter weckte. Andere Hämoptoen folgten. Unter dem Ein- 
druck und durch die stets neu anwachsenden sadistischen Ver- 
suchungen, die durch diese Ereignisse geweckt und von der 
Moral Poes immer wieder zurückgedrängt wurden, verlor die 
an und für sicii wenig stabile Psyche des Dichters im steigenden 
Maße das Gleichgewicht. Er nahm zu dem „schützenden" 
Getränk Zuflucht. „Ich wurde wahnsinnig", sollte Poe später 
einmal in bezug auf diese Zeit schreiben, „und dieser "Wahn- 
sinn wurde durch fürchterliciie Gesundheitszustände unter- 

158) Israfel, S. 366. 

159) Poe an Roberts, Philadelphia, 4. Juni 1842: „I have just 
completed a similar article, which I shall entitle The Mystery of 
Marie Roget." (Ich habe eben eine [dem „Doppelmord"] ähnliche 
Arbeit beendet, die idi das „Geheimnis der Marie Rogit" nennen 
werde.) V. E., Bd. 17, S. 112. 



Der Doppelmord in der Rue Morgue 363 

brodien. Während der Anfälle absoluter Bewußtlosigkeit trank 
idi — Gott weiß, wie oft und wie viel."^"" 

Das war eine der Methoden, auf die Poe die durch die Blut- 
stürze Virginias jedesmal gewedcten sadistischen Versuchungen 
floh. Aber es gab auch eine andere Art, ihnen zu entgehen: die 
wirkliche Fludit. Durch Hervey Allen erfahren wir: „Während 
Virginia in der Coates Street in Philadelphia auf dem Lager 
lag, von dem man annahm, es werde ihr Sterbelager sein, 
brannte Poe durch und kam schließlidi nach New York, wo er 
den Gatten Marys aufsuchte und ihre Adresse erhielt."^"^ Wie 
ein Wahnsinniger irrte er nun auf dem Schiff zwischen New 
York und Jersey-City, wo sie wohnte, umher; und da er ihre 
Adresse vergessen hatte, fuhr er auf dem Schiff mehrmals hin 
und zurück, bis er sie von einem Mann an Bord wieder bekam. 
Mary hat in ihren Erinnerungen das überaus seltsame Betragen 
beschrieben, das Poe bei diesem Besuch an den Tag legte.^"^ 

Einige Tage später erschien die von Unruhe halb wahn- 
sinnige Frau Clemm aus Philadelphia bei Mary; sie fand mit 
Mary, die bei dem Suchen half, ihren Eddy wieder, der seit 
Tagen in den Wäldern bei Jersey-City ohne Obdach oder 
Nahrung umhergeirrt war und sich wie ein Wahnsinniger 
benommen hatte. Frau Clemm brachte ihn nach Philadelphia 
zurück. 

Diese Flucht soll nach der Meinung einiger Beobachter 
Ende Juni oder Anfang Juli 1842 oder im April stattgefunden 
haben, zu einer Zeit, da Poe seinen Posten beim Graham's 
verloren und bei der Rückkehr „nach einer Abwesenheit" Gris- 
wold an seiner Stelle im Büro vorfand. Durch Mary erfahren 
wir auch, daß Edgar sie „im Frühling" aufsuchte. Wie immer 
dem auch gewesen sein mag, diese Fluchtversuche lagen unter 

160) Poe an Eveleth, 4. Januar 1848. Siehe auch Bd. I, S. 177. 

161) Israfel, S. 532 f. 

162) Siehe audi Bd. I, S. 1840. 



m 



364 Die Geschichten; Der Zyklus Mutter 

dem Einfluß der Hämoptoen Virginias, weldie eine sdiredilidie 
infantile Vergangenheit wiedererweckten, in der Luft: man 
floh zum Alkohol oder zu Mary — Come rest in this bosom, 
mußte sie singen . . . Die Rückkehr zu Mary war also eine 
Flucht vor der sadistisdi-nekrophilen Versuchung, die von 
Virginia ausging, aber die Nähe Marys war eine neuerlidie 
Sexualversuchung, vor der nun Edgar in die Wälder floh. 

Alle diese Elemente finden sich, wie wir sehen werden, in 
dem Geheimnis der Marie Roget wieder, in dieser 
Geschickte, die wahrscheinlich im Mai gesdirieben wurde,^'^ 
nadi unserer Meinung eher nach der Flucht nach Jersey-City 
als vorher. Wurde der Alptraum von der Vergewaltigung 
und Ermordung in den Wäldern bei Paris während des 
Herumirrens des Halbwahnsinnigen in den Wäldern bei 
Jersey-City geträumt? Unter dem quälenden Druck eines 
Einflusses, der von zwei Stellen, von Virginia und Mary 
ausging? 

Mary hat der Heldin ihren Namen gegeben und der mor- 
dende Seeoffizier ist von der sadistischen Glut beseelt, die 
Edgar für sie hätte empfinden können, wäre er nicht zur 
Impotenz verurteilt gewesen. Aber einzelne Züge Virginias 
kennzeichnen das Opfer noch deutlicher: 

„Marie . . . war die einzige Toditer der Witwe Estelle Roget. 
Der Vater war gestorben, als Marie nodi ein Kind gewesen, und seit 
seinem Tode bis achtzehn Monate vor der Mordtat, die den Gegen- 
stand unserer Erzählung bildet, hatten Mutter und Tochter in der 
Rue Pavee-Saint-Andr^ gewohnt, wo die Mutter unter Mithilfe ihrer 
Tochter eine Pension leitete." 

Wir finden an dieser Marie sogar die Spuren der Hämo- 
ptoen Virginias wieder: wie man sie aus der Seine herauszieht, 
ist „das Gesidit . . . ganz mit geronnenem Blut {dark blood) 
bedeckt; auch aus dem Mund floß Blut". Vor den aktuellen 

163) Siehe S. 362, Anmerkung 159. 



Der Dopfeimord in der Rue Morgue 365 

Dramen seines Lebens floh Poe nidit nur in den Alkohol und 
in die Fludit, sondern auch in die dichterische Phantasie, so 
daß jene Ereignisse nodi heute, nach beinahe einem Jahr- 
hundert, lebendig geblieben sind. 

Eine Eigentümlidikeit des Geheimnisses der Marie 
R o g S t wird uns zu nodi tieferem Verstehen hinleiten. 
Das erdichtete Drama der Marie RogSt in Paris (das 
wird uns ausdrücklich mitgeteilt) hat eine Parallele in 
einem andern, realen Drama, das sicii in Amerika abgespielt 
haben soll: in der Ermordung einer gewissen Mary Rogers in 
New York. Die Umstände, unter denen sidi beide Dramen, 
das reale und das erdichtete, abspielen, weisen, wie uns der 
Berichterstatter des zweiten erzählt, einen seltsamen Parallelis- 
mus auf! Nun hat Poe seiner Erzählung einen Gedanken von 
Novalis (aus den Moralischen Ansichten) als Motto 
vorangestellt: 

„Es gibt eine Reihe idealisdier Begebenheiten, die in der Wirk- 
lichkeit parallel läuft. Selten fallen sie zusammen. Menschen und 
Zufälle modifizieren gewöhnlich die idealische Begebenheit, so daß 
sie unvollkommen erscheint und ihre Folgen gleichfalls unvoll- 
kommen sind. So bei der Reformation; statt des Protestantismus 
kam das Luthertum hervor." 

Das will in vorliegendem Falle wahrscheinlich besagen, daß 
das Leben Edgar nur mehr die erlaubte, gleichsam entwertete 
Vergewaltigung seiner kindhaflen Frau Virginia bot, 
statt der Vergewaltigung der Mutter durch den Vater, 
bei welcher Edgar in seiner Kindheit anwesend war. Und es 
bestand für Poe zwischen der originalen Fassung dieses ersten 
großen Dramas seines Lebens, dessen Heldin seine Mutter ge- 
wesen, und dem „Neudruck", den das Leben ihm in Gestalt 
seiner kleinen Frau und Cousine bot, gewiß der gleiche Unter- 
schied an Stärke und Eindruck, den der Unterschied an künst- 
lerischem Wert zwischen dem Doppelmord in der Rue 



366 Die Geschichten; Der Zyklus Mutter 

M o r g u e und dem Geheimnis der Marie RogSt 
ausmacht. Denn er war dreiunddreißig Jahre alt, als Virginia 
zu bluten begonnen hatte und nur ungefähr zwei Jahre, als die 
Hämoptoen seiner geliebten Mutter — und dazu andere 
Blutungen des Gesdilechts, die das Kind möglicherweise hat 
beobaditen können — in der zarten Materie seiner kindlichen 
Psydie ihren unauslöschlichen Abdruck hinterlassen hatten. 

Wir sind nun besser gerüstet als vorhin, um das Problem, 
wer die verschiedenen Mitspieler des Dramas in der Rue 
Morgue wirklich sind, lösen zu können. 

Vorher müssen wir uns jedoch nodi fragen: unter der Ein- 
wirkung weldier aktueller Einflüsse drang das Thema von der 
ermordeten Mutter im Unbewußten Poes nodi vor den Hämo- 
ptoen Virginias herauf? Das können wir leider nicht genau 
feststellen. Wir kennen nur zwei Elemente des Problems, die 
dieses Auftauchen des verbrecherischen Vaters außerhalb des 
Unbewußten Poes erklären können — es gibt vielleicht noch 
andere — : den Bruch mit Burton im Jahre 1840 und die Tat- 
sache, daß Poe seit dieser Zeit oder wenigstens seitdem er sich 
Graham und seinem Keller näherte, wieder unmäßig zu trinken 
begonnen hatte. Der Alkohol befreit ja die aggressiven Kom- 
ponenten des Triebs. 

Aber wenden wir nun unsere Erkenntnisse auf das Problem 
der Identität der Schauspieler des durch Dupin gelösten 
geheimnisvollen Dramas an. 

Die erste Assoziation (die auf Chantilly führt) — hätte 
Dupin, wenn er Analytiker gewesen wäre, dem ehelichen Sohn 
David Poes erklären können — habe ihn nicht ohne tieferen 
Grund auf einen schlechten Schauspieler gebracht! Aber da 
Dupin nicht Psychoanalytiker ist, sieht er in Chantilly nur 
Chantilly und in dem Orang nur einen Orang. 

Chantilly, früher Schuster, jetzt ein erfolgloser, ausgepfif- 



Der Doppelmord in der Rue Morgue 367 

fener, verlachter Schauspieler, der schließlich von einem Kri- 
tiker, der ebenso gefürchtet war wie Edgar Poe selbst, ver- 
nichtet wurde, ist, wie wir schon gesehen haben, David, der 
legale Vater Edgars, der aus dem Leben seines Sohnes ver- 
sdiwand, als dieser eineinhalb Jahre alt war. Der Erzähler 
der Geschichte ist der Künstler Poe; Dupin ist der Ana- 
lytiker Poe, der vernünftige Raisonneur, der nachträglich 
versteht, was das Kind Poe — das hier durch den zu- 
schauenden Matrosen, den Voyeur des Verbrechens dargestellt 
wird — in seiner frühesten Jugend gesehen und im Ge- 
dächtnis aufbewahrt hat, ohne es zu verstehen."* Wir lassen 
für den Augenblick die weiblichen Gestalten beiseite und be- 
schäftigen uns mit der wichtigen Frage nach der Identität des 
Menschenaffen. 

Während Dupin seinem Freund die subtilen Schlüsse, 
die sich auf den vermutlichen Abenteurer beziehen, erklärt 
(ohne ihm jedoch die Folgerung zu verraten), fühlt dieser in 
dem Augenblick, in dem Dupin die Kraft und außergewöhnlidie 
Behendigkeit, die der Mörder bewiesen hat, mit seiner selt- 
samen und unmenscäilidien Stimme in Zusammenhang bringt, 
„daß er sich an der Grenze des Verständlicien befinde, ohne 
verstehen zu können, ganz so wie Leute manchmal bis an den 
Rand der Erinnerung geraten, und sicii doch nicht erinnnern 
können". Das war auch der Fall bei Poe, der die Erinnerung 
an die Sexualakte seiner Eltern seit seiner Kindheit ver- 
drängt hatte. 

Wer aber waren diese „Eltern"? Es scheint uns sicher zu 
sein, daß die Morde in der Rue Morgue von einer Regression 
inspiriert wurden, die hinter John und Frances Allan zurücik- 

164) Der Matrose bleibt für den AfFen unsiditbar, bis die Mordtat 
durchgeführt ist. Dieses Niditbemerktwerden — allgemein not- 
wendiges Attribut des Voyeurs — ist auch eines der Attribute des 
Menschen, der dem Mann der Menge folgt. 



368 Die Gesdiichten: Der Zyklus Mutter 

ging bis zu Elizabeth und zu einem ihrer Sexualpartner. Der 
kleine Edgar wird wohl eher arme Wanderschauspieler bei 
ihren Liebesgesten beobachtet haben können als den soliden 
Bürger und seine „Ma". 

Und nun stehen wir dem gleichen Problem gegenüber, das 
im Verlorenen Atem ausführlich interpretiert wurde. 
Hatte der vergewaltigende, kastrierende und tötende Orang- 
Utan, die Verkörperung der entfesselten Triebe des Mensdien, 
nur David Poe zum Vorbild, der jedoch hier in zwei Ge- 
stalten auftaucht: als der lädierliche, impotente Sdiauspieler 
und als der sexuelle Gegner der Mutter im Halbdunkel der 
Nädtite? Oder war über die Gestalt Davids in der Vision des 
Kindes noch eine andere Gestalt gelagert: die des X., des 
unbekannten Liebhabers, des vermutlidien Vaters Rosaliens, 
dessen Briefe vielleidit erst in der Schatulle, der Erbschafl: der 
Toditer, geblieben, bevor sie in die Hände des Sohns über- 
gegangen und schließlidi von den frommen Händen der Muddy 
verbrannt worden waren?^"*'* Die beiden Hypothesen sdieinen 
sidi hier mit mehr Redit alsimVerlorenenAtem gegen- 
überzustehen, in dem das Thema von der an die Briefe ge- 
bundenen Untreue besonders unterstridien ist. 

Wir neigen jedodi audi hier mehr der zweiten Hypothese 
zu. Vor allem spricht das Thema Briefe zu ihren Gunsten. Auf 
dem Schauplatz der Grausamkeiten, „unter den Bettkissen, 
nidit unter der Bettstatt, entdeckte man eine kleine, eiserne 
Kassette. Sie war offen und der Sdilüssel steckte in dem 
Schloß; ihr Inhalt bestand aber nur aus einigen alten Briefen 
und andern belanglosen Papieren". Belanglose Papiere? Im 
Gegenteil: wir würden diese Stelle korrigieren, indem wir den 
manifesten Inhalt dieser Sätze in ihren latenten Inhalt zurüdc- 
übersetzen. Und später erfahren wir durch den Matrosen, 



164a) Siehe S. 2j}, Anmerkung 189. 



I 



Der Doppelmord in der Rue Morgue 369 

welcher der einzige Zusdhauer oder vielmehr Voyeur des 
Dramas gewesen: „Madame L'Espanaye und ihre Tochter 
waren, in ihre Nachtkleider gehüllt, offenbar damit beschäftigt 
gewesen, irgendwelche Papiere in der schon erwähnten eisernen 
Geldkiste zu ordnen, die sie zu diesem Zweck mitten in das 
Zimmer gestellt hatten. Sie war offen und ihr Inhalt lag auf 
dem Fußboden daneben." Zwischen den zwei Stellen klafft ein 
Widerspruch: nachher sind die Briefe und die Papiere i n 
der Schatulle, v o r h e r lag ihr Inhalt verstreut auf dem Fuß- 
boden neben dem Kästchen daneben. Nun haben weder der 
Mörder-Affe noch die ermordeten Frauen sich die Zeit und 
Muße nehmen können, die Papiere wieder in die Kasette 
zurückzulegen! Vielleicht kann man darin eine indirekte An- 
spielung auf das Schicksal der Briefe Elizabeths sehen, die 
daneben lagen, mit dem Leben vermengt waren, solange 
sie lebte, nach ihrem Tod aber mit ihrem Geheimnis i n einer 
Schatulle ruhten. Die Damen L'Espanaye waren also im 
Grunde wegen der Briefe getötet worden, sie mußten sterben, 
weil sie die unglückselige Idee gehabt hatten, beim Schein 
einer Lampe oder beim Kerzenlicht um drei Uhr morgens 
sich mit diesen Briefen zu besdiäfligen. Diese Briefe sind 
im Bereich der latenten und hinter der Geschichte verborgenen 
Gedanken mit Schuld besetzt. 

Aber es gibt noch andere Tatsachen, die zugunsten unserer 
Behauptung sprechen, nach denen Edgar Poe im Unbewußten 
an die Untreue seiner Mutter glaubte, und daß er zweifellos 
unbewußte Erinnerungen besaß, die Beweise zur Stützung 
unserer Annahme darstellen. So wird mehrfach betont, wie 
zurückgezogen die L'Espanayes lebten, daß sie niemanden 
empfingen. Darin verbirgt sich gewiß eine auf die Mutter 
Edgars bezogene "Wunschphantasie; das Kind hätte gewünscht, 
seine Mutter empfange keinen Mann. Und diese Phantasie findet, 
diesmal auf eine materiellere, wenn auch symbolische Weise, 

Bonaparte: Edgar Poe. II. 

24 



37« Die Gesdhichten: Der Zyklus Mutter 

eine Fortsetzung. Wir sehen nämlich, daß Edgar Poe, ohne es 
zu wissen, das Zimmer Symbol für die Frau sein läßt.'^" Nun 
war das Zimmer mit der Tür, den Fenstern und Falltüren, in 
dem der Mord stattfand, als die Zeugen eintraten, hermetisdi 
versdilossen. In die einzige Öffnung, die es besaß, in den 
Kamin, war die Tochter, so hodi es ging, hineingezwängt. 

Aber wie zur Zeit, da Edgar nodi ein Kind gewesen, war 
dennoch ein männliches Wesen in den verschlossenen Körper 
eingedrungen. Das ist das Geheimnis des abgebrodienen Nagels, 
den wir bei einem der Fenster finden, und der wahrsdiein- 
lidi ein Symbol für die Kastration der Mutter ist. Das 
Fenster schließt sich außerdem selbst, so wie der Körper der 
Frau nach dem Koitus sich schließt, sobald der Akt vorüber 
ist und der Verbrecher ihn verlassen hat; das Zimmer sdieint 
dann wieder versdilossen und unberührt zu sein. Welcher 
Gefahr hat sich jedoch die Mutter einzig durdi die Tatsache 
ausgesetzt, daß sie ihr Fenster offen gelassen! Der Rat 
Mephistos, wie die Frau sich schützen könne, genügt nicht: 
das Fenster und die Tür dürfen nicht nur mit dem Ring am 
Finger nicht geöffnet werden, sondern überhaupt nicht und nie. 
Für den impotenten Poe, der als Kind die Mutter in ihrem Blut 
sterben sah, nachdem er sie gewiß in den Armen irgendeines 
Mannes oder einiger Männer gesehen hatte, tötet der Koitus 
die Frau, ganz so wie er den Mann durch die Vagina dentata 
verstümmeln kann. Frau L'Espanaye hat daher zwei Fehler 
begangen, die ihr das Leben kosteten: sie hat alte Briefe ge- 
ordnet und das Fenster offen gelassen. Der symbolische und 
biographische Sinn der beiden Bedingungen, die zu ihrer Er- 
mordung führten, wird uns nun klar. 

Aber ein sehr wichtiges Element der Geschichte kann auch 

165) Ein sehr häufig auftauchendes Symbol, das auch in dem, 
oft in herabsetzendem Sinn verwendeten Wort Frauenzimmer 
aufscheint. 



f 



Der Doppelmord in der Rkc Morgue 371 



ohne Hinweis auf die Briefe in ihrer Schatulle beweisen, wer 
für die unbewußte Phantasie Poes der Vergewaltiger, Ka- 
strator, Mörder seiner Mutter sein konnte. Der Affe, der schon 
durch seine brutale Potenz zu dem sdiwädilicfaen Chantilly im 
Gegensatz steht, hat den Körper des Fräuleins L'Espanaye mit 
Gewalt in den Kamin eingeführt und hineingezwängt. Wenn 
nun Frau L'Espanaye nur durdi eine Art Verleumdung so wie 
die Heldin der B r i 1 1 e^"" zu einer gealterten Mutter 
wurde, dann stellt Fräulein L'Espanaye, ihre Tochter, ganz 
offensichtlidi Rosalie dar. Rosalie steckt nämlidi mit einem 
„ganz warmen Körper", Kopf nach unten, in dem Kamin des 
Zimmers, wie das Kind in den weiblichen Gesdilechtsteilen vor 
der Geburt; der mächtige Arm des Anthropoiden hat es dort 
hineingezwängt. Das Zimmer ist der Körper der Mutter, der 
Kamin ist nadi einer ebenfalls häufigen Symbolik ihre Vagina 
— oder vielmehr ihre Kloake, da diese Kloake allein den 
infantilen Sexualtheorien entspricht, die im Unbewußten 
weiterleben. Der Affe, der das Mädchen in den Kamin ge- 
zwängt hat, und zwar so fest, daß vier oder fünf Männer 
nötig sind, um ihre Leidie herauszuziehen, hat also eine 
symbolisdie Handlung begangen, die der Zeugung eines 
Kindes im Bauche einer Frau durch den Koitus gleichkommt. 
Die Darstellung des Koitus wird demnach hier in zwei Bildern 
vorgeführt: der Affe „dringt" zuerst in die alte Dame ein und 
verstümmelt sie auf symbolische Weise, indem er ihr mit dem 
phallischen Rasiermesser den Hals abschneidet; dann wird das 
Ergebnis des Koitus durch die Einpflanzung des Fräuleins 
L'Espanaye in den Kamin, welche die innern Geschlechtsteile 
der Mutter symbolisieren, wiedergegeben. Die Mutter erscheint 
demnach in den zwei Bildern in verschiedener Gestalt: einmal 



166) The Spectacles. (An R. H. Home abgeschidct im April 
1S44; Broadway Journal, II, ao.) 

24* 




372 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

in ihrer mensdilidien als alte Dame, das andere Mal symbolisdi 
als Zimmer, das einen Kamin (Kloake) hat. 

Wir wissen: die wirklidie Einpflanzung Rosaliens in den 
Körper der Elizabeth Arnold hatte zu mancherlei Vermutungen 
Anlaß gegeben. Durch wen war sie in diesen Körper geraten? 
fragte die Chronique scandaleuse und wiederholte roh John 
Allan. Und das ist audi die Frage, die sidi Edgar Poe im 
Doppelmord in der Rue Morgue, in dem ersten 
aller Kriminalromane, zu stellen sdieint. Die Gestalt Dupins, 
dieses verehrungswürdigen Ahnherrn eines Sherlock Holmes 
und des Riesengesdiledites von Detektiven, die nach ihm 
kamen, wurde vermutlich gesdiaffen, um endlich im Unbe- 
wußten Poes das Rätsel der Vatersdiaft Rosaliens zu lösen. 

Wenn X., der unbekannte Liebhaber, der Vater Rosaliens 
war, dann konnte der kleine Edgar gesehen haben, wie er die 
Mutter im Dunkel der armseligen Zimmer, weldie das Kind 
mit ihr auf den Tourneen teilte, besessen hatte. Aber er war 
damals erst achtzehn Monate oder zwei Jahre alt. Kann es 
uns daher in Erstaunen versetzen, daß er, 30 Jahre später, 
an „den Rand der Erinnerung" geraten war, ohne sich jedodi 
erinnern zu können, daß er sich an der Grenze des Ver- 
ständlichen befand, ohne zu verstehen? Im Unbewußten aber 
erinnerte er sich genügend deutlich an die Ereignisse, so daß 
er mit Stolz sein aus Tieferem hervorkommendes Wissen der 
tastenden Unwissenheit des Polizeipräfekten, dieser lächerlich 
gemachten Vatergestalt, entgegensetzen konnte. Dieser Polizei- 
präfekt sprach zwar, wie John Allan, viel von dem Verbrechen, 
durch das Rosalie gezeugt wurde, — der kleine Edgar jedoch 
hatte es als Einziger im nächtlichen Halbdunkel gesehen! 
Deshalb konnte der Kind-Voyeur, der hier durch den Matrosen 
repräsentiert wird, vor dem Gerichtshof der gereiften Intelli- 
genz Poes erscheinen, welcher in dieser Erzählung doppelt, als 
der Analytiker Dupin und als der Kanzlist-Erzähler, auftritt: 



Der Doppelmord in der Rue Morgue 373 

nur dieses Kind hätte uns tatsädilidi sagen können, wer den 
illegalen Angriff auf Elizabeth Arnold unternommen, wer der 
ehebredierisdie Vater Rosaliens gewesen, denn es war zwar 
ein infantiler, aber unmittelbarer Zeuge der Ereignisse. 

Der Name des Mannes, der zu Unrecht oder mit Recht ver- 
dächtigt wurde, wird uns jedoch auch hier nicht verraten, und 
X., der vermutliche Liebhaber der zarten Künstlerin, bleibt 
für uns auch weiterhin von Geheimnis umgeben. Er wird nur 
in der Gestalt des wilden Mensdienaffen dargestellt und dieser 
Affe ist eine Art Verkörperung der tierischen, angriffslustigen 
Triebe, welche in der ursprünglichen Auffassung des Kindes 
den stets sadistischen Sexualakt beherrsdien. Und daß Edgar 
Poe (wie alle Kinder) in sich die gleichen Triebe vbr- 
geformt gefunden, daß er im Innern seines atavistischen 
Wesens danach gestrebt hat, sich mit dem ebenso be- 
wunderten wie verdammten wilden, bestialischen Vater zu 
identifizieren, wird durdi ein einfaciies Detail im Doppel- 
mord in der Rue Morgue mitgeteilt. Die ersten "Worte 
des Gespräches zwisciien Dupin und dem Matrosen, jene Worte, 
die der Detektiv an den Besitzer des Menschenaffen, nachdem 
dieser eingetreten, richtet, lauten: „. . . icli vermute, daß Sie 
wegen ihres Orang-Utans kommen. Es ist ein außerordentlich 
schönes und dabei gewiß sehr wertvolles Tier; ich möchte Sie 
beinahe darum beneiden. Für wie alt halten Sie es wohl?" 
Der Matrose antwortet: „Das kann idi Ihnen nicht genau 
sagen, aber er kann kaum mehr als vier oder fünf Jahre alt 
sein." Wir haben uns hier nicJit über die Tatsache zu unter- 
halten, ob es möglich ist, daß ein Orang von vier oder fünf 
Jahren alle die Taten hat durchführen können, die Poe ihm 
zuschreibt; diese Tiere verfügen allerdings über eine so große 
Kraft, daß man ihnen schon bei frühestem Alter manches zu- 
trauen kann. Uns interessiert hier nur, daß Poe, ohne dazu 
irgendwie genötigt zu sein, dem Tier ein Alter zuschreibt, und 



374 Die Geschiditen: Der Zyklus Mutter 

zwar das Alter eines Kindes. Vielleicht drüdct der Analytiker 
Dupin, wenn er den Matrosen um diesen Orang- Jungen, der 
so „außerordentlich sdiön" ist, „beneidet", das Bedauern des 
vernünftigen, erwachsenen Poe darüber aus, diese Triebe, die 
einmal die seinen waren und noch in dem schönen Kind, 
das von den Allans adoptiert wurde, schlummerten, diese 
wilden, beim Anblicic der Umarmung der Eltern frühzeitig 
geweckten Triebe, die damals noch nicht durch Unterdrückung 
ertötet waren, nicht ausleben zu können. Wie schön war die 
Zeit, in der der kleine Beobaditer sich nodi mit dem überaus 
mächtigen „Vater" identifizieren konnte! 

Am Schluß der Geschichte wirkt sich jedoch die Unter- 
drückung bereits deutlich aus. Der gute, ungerechterweise ver- 
dächtige Vater (der Commis der Bank, Lebon) bekommt Ab- 
solution, wird freigelassen (sollte das wieder David sein?) und 
der böse Affe wird (wie am Schandpfahl, zur Strafe) in einem 
Käfig im Jardin des Plantes den Blicken der Menge preis- 
gegeben. Man glaubt, die Fragen und Urteile der Kinder zu 
hören, welche die Menschheit in zwei Teile teilen und nichts 
von Zwischenstufen wissen: in gute und böse Menschen. 



"Wieviel Kriminalromane haben seit dem Jahre 1842, in 
dem der Doppelmord in der Rue Morgue ge- 
schrieben wurde, die folgenden Generationen von Menschen 
unterhalten, in Leidenschaft versetzt, erzittern lassen! Die un- 
bewußte Wurzel des Interesses an all diesen Geschichten besteht 
— wie Freud mir gesagt hat — darin, daß die Forschungs- 
arbeit des Detektivs die infantile Sexualforschung reproduziert, 
die auf andere Gegenstände oder Themen verschoben wird. 

"Wir haben auf den vorhergehenden Seiten einige der Ele- 
mente der infantilen Sexualforschung Edgar Poes studiert, so- 
weit sie mit dem Mysterium des Sexualattentats im Zu- 



Der Doppelmord in der Rue Morgue 375 

sammenhang stehen, das an der Mutter, ob sie für ihn nun 
Frances, Elizabeth oder durdi Übertragung Virginia heißen mag, 
begangen wurde. Zu Beginn des Kapitels, das den Zyklus der 
ermordeten Mutter behandelt, ist die hohe, unheilverkündende 
Gestalt des Vaters durch die Menge von London gesdiritten, 
eine Gestalt, die im Mann der Menge das Verbrechen 
eines John Allan verkörperte. Im Doppelmord in der 
Rue Morgue geht jedodi die Gestalt des Vaters auf ihre 
Urbilder zurück, auf David Poe und vermutlidi audi auf X., 
den Geliebten der Elizabeth. Im Geheimnis der Marie 
R o g S t sdiließlich, das ein wenig später geschrieben wurde, 
entdecken wir, wie unter dem Einfluß der Hämoptoen 
Virginias (die inzwisciien aufgetreten waren) die Gestalt des 
verbredieriscJien Vaters von David oder X. deutlidi auf den 
Sohn übergeht. Der Verbrecher ist ein Seeoffizier, er erinnert 
durdi einige Züge an Henry, den Bruder des Dichters, mit dem 
sidh dieser in seinen biographischen Phantasien identifizierte. 
In der Schwarzen Katze, die uns im nächsten Kapitel 
beschäftigen soll, scheint dieser Übergang beendet zu sein: 
die Identifizierung mit dem verbrecherischen und beneideten 
Vater ist — natürlich in der Phantasie — vollständig 
gelungen, und nun ergreift endlich Edgar in erster Person im 
Namen des Verbrechers das Wort und beichtet triumphierend, 
welches Verbrechen er mit eigener Hand begangen hat. 



DIE SCHWARZE KATZE"' 

In den Räumen, in denen das arme Trio, das aus Muddy, 
Sissy und Eddy bestand, im Elend hauste, gab es nodi einen 
vierten Tisdigenossen: die Katze Catterina, ein großes und 
schönes Tier mit einem tigerartig gestreiften Fell. Die Poes 
sdieinen das Tier in Philadelphia (1838— 1844) zu sidi ge- 
nommen zu haben. In dem fröhlichen Brief, den Eddy nach 
seiner Ankunft in New York im April 1844 an Muddy, die in 
Philadelphia zurückgeblieben war, schrieb, wird es gleich 
zweimal erwähnt, Poe bedauert es, daß die Katze und Muddy 
noch nicht angekommen seien. Und später im Fordham, als die 
Krankheit Virginias sich dem tragischen Ende näherte, hat 
Frau Gove Nichols — wir erinnern uns noch daran^"^ — jenes 
Bild gezeichnet, in dem Catterina die Hauptrolle spielt, und 
das wir an dieser Stelle noch einmal wiedergeben wollen: 

„Idi sah sie (Virginia) in ihrem Schlafzimmer. Alles war dort 
so rein, so strahlend vor Sauberkeit, aber auch so besdieiden und 
von Armut gezeichnet, daß ich die Kranke nur mit jener Herz- 
beklemmung ansehen konnte, die der Arme für den Armen 
empfindet. In dem Bett gab es bloß Strohmatratzen und eine 
Steppdedce, aber die Tücher waren weiß wie Sdinee. Es war kalt, 
und die junge kranke Frau wurde von dem Frösteln gesdiüttelt, 
weldies das Fieber der Schwindsüchtigen begleitet. Sie lag auf einer 
Strohmatratze, war in den großen Mantel des Gatten eingehüllt 
und eine Tigerkatze (Tortoiseshell cat) lag auf ihrem Busen. Das 
wunderbare Tier sdiien zu wissen, wie nützlidi es war. Der Mantel 
und die Katze waren nämlich die einzigen Mittel, die der armen 
Kranken wieder Wärme zutrugen, manchmal rieb ihr Mann ihr 

167) The Black Cat. (The Philadelphia United States Saturday 
Post, 19. August 1843; 184J.) 
1Ä8) Siehe Bd. I, S. 236. 



Die schwarze Katze 377 



die Hände und die Mutter die Füße. Frau Clemm liebte die Toditer 
sehr, und es war furditbar, die Verzweiflung mitanzusehen, in die 
sie durdi das Elend und die Krankheit ihres Kindes geraten war." 

Diese Szene spielte sidi, wie wir erfahren, ungefähr im 
Dezember 1846 ab, aber das innige Verhältnis zwisdien 
Virginia und Catterina während dieser Wintermonate der 
Armut und Kälte muß schon vorher bestanden haben. Und vor 
einem Bild, wie es eben gezeichnet wurde, hat wahrscheinlicii 
Edgar Poe in dem Winter 1842/43, in einem Winter, der 
durch besonders bittere Not gekennzeichnet war, da seine Frau 
Blut spuciite, im Hause die schrecklichste Armut herrschte und 
der Alkohol ihn ins "Wirtshaus lockte, die Schwarze 
Katze geschrieben. 

„Daß man den so unheimlichen und doch so natürlidien 
[homely) Gesdiehnissen, die idi hier berichten will", beginnt der 
Held der Schwarzen Katze, „Glauben sdienkt, erwarte idi 
nicht, verlange es auch nidit . . . Morgen aber muß ich sterben, 
und darum will ich heute meine Seele entlasten. Aller "Welt will 
idi kurz und sachlich eine Reihe von rein häuslidien Begebenheiten 
enthüllen ... Idi will jedodi nidit versuchen, sie zu deuten. Mir 
brachten sie die fürchterlichste Qual — andern werden sie viel- 
leidit nicht mehr sdieinen als groteske Zufälligkeiten. Es ist wohl 
möglich, daß später einmal irgendein besonderer Geist sich findet, 
der meine anscheinend phantastischen Berichte als nüchterne Selbst- 
verständlidikeiten zu erklären vermag, ein klarer und scharfer Geist, 
weniger exaltiert als ich, der in den Umständen, die idi mit 
bebender Sdieu enthülle, nichts weiter sieht als die einfache Folge 
ganz natürlicher Ursachen und "Wirkungen." 

Es sieht ganz so aus, als ob Edgar Poe das Auftauchen der 
Psychoanalyse vorausgeahnt hätte; sie allein hat es uns mög- 
lich gemacht, die furchtbaren Phantasien, welche seine Seele 
und sein "Werk heimsuchten, als eine „einfache Folge ganz 
natürlicher Ursachen und Wirkungen", die gerade aus „rein 
häuslichen Begebenheiten" hervorgegangen sind, zu deuten. 



m 



378 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

„Seit meiner Kindheit", setzt der Verurteilte fort, „galt ich 

als ein weidiherziger, ansdimiegsamer, gehorsamer Mensdi ... Da 

idi eine ganz besondere Zuneigung für die Tiere empfand, be- 
glüdtten midi meine Eltern gern mit allerlei Lieblingen." 

So weichherzig war audi der kleine Edgar, als er sich im 
Haus der Allan befand — bis auf den Gehorsam, den er John 
Allan schuldig blieb; seiner geliebten „Ma" jedodi gehordite 
das Kind gewiß gerne. Wie wir wissen, liebte er Tiere sehr: 
als er vierzehn Jahre alt war, ging er mit dem kleinen Rob 
Stanard, um Tauben und Kaninchen anzusehen;^"' und wir 
wissen von keinem Akt von Grausamkeit, den er als Kind 
einem Tier gegenüber begangen hätte. Aus diesen, aber audi 
aus anderen Tatsachen können wir auf eine sehr frühzeitige 
Verdrängung seines Sadismus ins Unbewußte sdiließen, wo 
dieser Trieb übrigens in seiner ursprünglidien Krafl weiter- 
lebte und von wo aus er im Werk des Diditers mächtige Sdiöß- 
linge trieb. 

Der Verurteilte vergleidit dann die Liebe und Treue der 
Tiere mit der etwas schmächtigeren Treue und Liebe des 
Menschen und singt natürlidi das Lob der Tiere. Dann setzt 
er fort: 

„Ich heiratete früh und war herzHdi froh, in meinem Weib 
ein mir verwandtes Gemüt zu finden. Als sie meine Liebhabereien 
für allerlei zahmes Tier erkannt hatte, versäumte sie keine 
Gelegenheit, solche Hausgenossen in der angenehmsten Art anzu- 
sdiaffen. Wir besaßen Vögel, Goldfisdie, einen schönen Hund, 
Kaninchen, einen kleinen Affen und — eine Katze." 

Wir wissen, daß Edgar, der ebenfalls früh geheiratet hatte, 
ebenfalls Vögel liebte,^^" und daß Virginia, Muddy und er in 
die Katze Catterina vernarrt waren. 



ifij) Siehe Bd. I, S. 38. 

170) Siehe Bd. I, S. 261; der Dichter mit seinen Lieblingsvögeln 
im Garten von Fordham. 



Die schwarze Katze 37c) 



Die Katze der Gesdiidite war wie Catterina „ein auffallend 
großes und schönes Tier", und wie sie „erstaunlidk klug". — 

„Wenn wir auf ihre Intelligenz zu spredien kamen, gedadite 
meine Frau, die übrigens nidit im mindesten abergläubisdi war, 
mandimal des alten Volksglaubens, daß Hexen oft die Gestalt 
schwarzer Katzen anzunehmen pflegen." 

Im Gegensatz zu Catterina war die Katze dieser Erzählung 
tatsädiHdi ganz schwarz. Und noch ein anderer wesentlicher 
Unterschied muß hervorgehoben werden: die Katze unserer 
Geschichte ist männlichen Geschlechts und heißt sogar Pluto. 
Auf diese Unterschiede (Geschlecht, Farbe) werden wir später 
noch zurückkommen. 

„Pluto", setzt der Erzähler fort, „war mein bevorzugter Freund 
und Spielkamerad. Ich selbst fütterte ihn und wo idi im Hause 
stand und ging, war er bei mir. Nur sdiwer konnte ich ihn davon 
zurückhalten, mir auch auf die Straße zu folgen." 

"Wir werden später sehen, wer dieser Kater ist, der den 
Namen des im unterirdischen Reich der Toten herrschenden 
Gottes trägt, und eine verkleidete Hexe sein soll. Mandker 
Leser wird es gewiß schon ahnen. Wir kommen nun zum 
Drama selbst. 

„So bestand", teilt uns der Besitzer der Katze mit, „und 
bewährte sich unsere Freundsdiaft mehrere Jahre lang. In dieser 
Zeit aber hatte mein Charakter infolge meiner teuflisdien Trunk- 
sucht — ich erröte bei diesem Bekenntnis — eine völlige Wandlung 
zum Bösen durdigemacht. Ich erlaubte mir selbst meiner Frau 
gegenüber rohe Worte. Schließlich schlug idi sie sogar. Meine 
Tiere mußten unter meiner Verkommenheit selbstverständlich ganz 
besonders leiden. Idi vernachlässigte sie nicht nur, sondern miß- 
handelte sie auch." Auf Pluto nimmt er noch einige Zeit Rücksicht. 
„Doch mein Leiden wuchs — denn welches Leiden ist lebenszäher 
als der Hang zum Alkohol (What disease is like AlcohoU) — , und 
endlich mußte Pluto selbst ... die Ausbrüche meiner Übellaunig- 
keit fühlen." 

Für Poe gab es gewiß keine Krankheit, die sich mit der 



380 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

Alkoholsudit vergleichen ließe! Nadi jeder nidit unterdrückten 
Unmäßigkeitskrise kam er kleinlaut in das Haus zurück, in 
dem Muddy ihn wie ein schlimmes, bereuendes Kind pflegte. 
Und durdi den Alkohol war ihm vielleidit gerade zu der Zeit, 
da er die Schwarze Katze schrieb, die Verwirklichung 
des Stylus, sein materielles und literarisches Vermögen, der 
Wohlstand für sich und die kranke Virginia verniciitet worden, 
alles dies durdi den unglückseligen Verlauf seiner Reise nach 
Washington.^''^ 

Poe kannte ferner aus eigener Erfahrung die Aggressions- 
phantasien, die Träume von sadistisdien Gewalttaten, welche 
der Alkohol in der Seele entfesseln kann. Gewiß, Poe verwirk- 
lichte sie nicht im Leben; aber gerade deshalb träumte er sie 
ja mit solcher Intensität, was seine Geschichten beweisen. Es ist 
also kein Zufall, daß das Erscheinen der großen Verbrecher- 
gesdiichten Poes mit der triumphierenden Wiederkehr des 
Teufels Alkohol im Leben des Diditers zusammenfällt. Wenn 
er nun trank, um die blutspuckende Virginia und die un- 
bewußten Versuchungen, die für ihn von einem sterbenden 
Körper ausgingen, zu fliehen, führte der Alkohol ihn un- 
fehlbar zu dem Blut und dem Tod zurück, die in der Tiefe 
seiner Seele seit seiner Kindheit herrschten. Der Kreis war 
geschlossen. 

Aber nun rettete ihn die Kunst! In der befreienden und 
ablenkenden Phantasie, die ebenso unschuldig und 
harmlos ist wie der Alptraum des unbeweglich daliegenden 
Schläfers, konnte der sadistisdi-nekrophile Poe das verwirk- 
lichen, was seine Hand aus Gründen der Moral nicht durch- 
führen durfte. 

Das Verhalten des Erzählers in der Schwarzen Katze 
steht daher im Gegensatz zu der Zärtlichkeit, mit der Poe seine 

171) Siehe Bd. I, S. 188 ff. 



Die schwarze Katze 



381 



Muddy, Virginia und selbst Catterina im Hause behandelte 
und die uns durdi viele Zeugen gerühmt wird: 

„Eines Nadits, als idi sdiwerbetrunken aus meiner Sdinaps- 
spelunke nadi Hause kam, sdiien es mir so, als ob die Katze mir 
auswidie. Idi packte sie — und da, wahrsdieinlidi ersdiredct durdi 
meine Heftigkeit, riß sie mir mit den Zähnen eine leidite Sdiramme 
über die Hand . . . Idi -war nidit mehr idi selbst, mein wahres 
Wesen war plötzlidi entflohen und an seiner Stelle spannte eine 
viehisdie, trunkene Bosheit jeden Nerv in mir. Idi nahm aus der 
Westentasdie ein Federmesser, öffnete es, riß das arme Tier am 
Halse empor und bohrte eines seiner Augen aus seiner Höhle 
heraus!""" 

Die Seele, die hier entflieht, ist (trotz des Textes) nidit das 
wahre Wesen. Im Gegenteil, sie ist jener Teil der Psyche, 
der durch die Erziehung erworben wurde, sie ist der hemmende, 
moralisdie Teil. Und der tiefer liegende, der wirklidi wahre, 
der triebbesetzte Teil der psychisdien Konstitution beherrsdit 
nun allein den Henker der Katze unter dem Einfluß des 
Alkohols, der die Hemmungen aufhebt. Weldien Sinn dieser 
Akt von Grausamkeit hat, werden wir später sehen. 

Am nächsten Morgen kommt dem Rasenden der Verstand 
wieder — wie Poe nach der Rückkehr von seinen Flucht- 
versuchen. Er empfindet nun „halb Grauen, halb Reue" über 
das, was er selbst ein „Verbrechen" nennt. „Aber es war nur 
ein schwaches, oberflächliches Gefühl und meine Seele blieb 
unbewegt". Denn im Gegensatz zu dem, was sich im wirklichen 
Autor der Geschichte abspielte, ist der erdichtete Held von 
diesem Augenblick an tatsächlich durch seinen Sadismus be- 
herrscht. 

„Inzwischen erholte sidi die Katze langsam. Die leere Augen- 
höhle bot allerdings einen schrecklichen Anblici, aber Sdmierzen 
schien das Tier nicht mehr zu haben." 

172) / . . . cut one of its eyes from the socket. 



382 Die Geschidoten: Der Zyklus Mutter 

Die Katze läuft wie früher im Hause auf und ab, aber 
jetzt flieht sie ihren Herrn mit Sdiredten. Darüber ist er 
zuerst betrübt, dann erbittert. Im übrigen hat er das Trinken 
nicht eingestellt. 

„Und dann kam, wie zu meiner endgültigen und unaufhaltsamen 
Verniditung, nodi der Geist des Eigensinns, der Verkehrt- 
heit (Perversity) hinzu. Diesen Geist beaditet die Philosophie nidit, 
und dennodi bin idi wie von dem Leben meiner Seele davon über- 
zeugt, daß Eigensinn eine der ursprünglichsten Regungen des mensdi- 
lidien Wesens ist — eine der elementaren, primären Eigensdiafteri 
und Empfindungen, die dem Charakter des Mensdaen seine Riditung 
geben. Wer hat nidit sdion hundertmal eine gemeine oder dumme 
Handlung begangen, einzig und allein weil er wußte, daß er 
eigentlidi nicht so handeln solle! Haben wir nidit eine beständige 
Neigung, das Gesetz zu übertreten, nur weil wir eben wissen, 
daß es Gesetz ist?" 

Man kann den Gegendruck des Triebes auf den Druck der 
Moral nicht besser darstellen, als Poe es hier tut, diesen kate- 
gorischen Imperativ des Triebs, der manchmal, in Auflehnung 
gegen den sozialen Zwang, dem kategorischen Imperativ der 
Moral widerspricht und sogar bei gewissen neuropathiscJien 
Delinquenten oder Verbreciiern das Gefühl hervorruft, sie ge- 
horditen bei ihren Delikten oder Verbrechen einer gebieteri- 
schen Pflicht.^'' Und da die Triebe mit ihren wilden, bestiali- 
schen Komponenten den Urgrund der menschlidien Psydie 
bilden, hat Poe recht, wenn er den Eigensinn, die Verkehrtheit, 
die Perversität, einen Begriff, der hier den Zwang der Triebe, 
sich zu verwirklichen, ausdrückt, als eine unserer unteilbaren, 

173) Frau Lefebvre, die reidie Bürgersfrau aus Lille, weldie 
1926 aus Eifersucht auf ihren Sohn ihre sdiwangere Schwiegertochter 
durch einen Revolverschuß tötete, sagte nachher im Ton tiefster 
Überzeugung: „Ich hatte den Eindruck, meine Pflicht zu er- 
fülle n." (Siehe meine Studie über den Fall Lefebvre, Int. 
Psychoanalytischer Verlag, Wien 1929.) Poe hätte gemeint, diese 
Dame wäre dem Geist der Verkehrtheit verfallen gewesen. 



Die schwarze Katze 3S3 



primären Fähigkeiten anspridit und auf diese Perversität bei 
seiner Seele, die aus gleichen Elementen besteht, schwört! 

Wir wissen jedoch, daß die eigentliche Genitalität Poes zu 
sehr verdrängt war, als daß wir sie, so wie sie ist, in der Poe- 
schen Perversität wiederfinden könnten. Die Perversität ist bei 
Poe nie etwas anderes als erotisierte Aggressionslust, ob sie sich 
nun nach außen gegen einen andern wendet oder nach innen 
gegen ihn selbst: sie ist stets Sadismus oder Masochismus. Im 
Teufel der Verkehrthei t,"* der ungefähr zwei 
Jahre später und wahrscheinlich ebenfalls zwischen Alkoholi 
krisen geschrieben wurde, wird ein Verbrecher, dem es möglich 
war, einen alten Erbonkel (Allan!) mit einer vergifteten Kerze 
zu töten, und zwar ganz kalt und „vernünftig", also ohne — 
wie er glaubt — vom Dämon der Verkehrtheit, der Perversität 
getrieben worden zu sein, wird nun dieser Verbrecher, der 
lange im Besitz des Erbes gewesen und von dem Gedanken, 
er werde nie bestraft werden, überzeugt war, plötzlich mitten 
auf der Straße vom Dämon der Verkehrtheit (Perversität) bei 
den Schultern gepackt. Dieser zwingt ihn dazu, inmitten der 
Menge auszurufen: „Ich bin gerettet! leb. bin gerettet!" und 
sein Verbrechen öffentlich zu bekennen. Wir erkennen darin 
den G e s t ä n d n i s z w a n g, der bereits die Aufmerksamkeit 
der Analytiker geweckt hat,"' und der zugleich zwei einander 
augenscheinlich entgegengesetzten Tendenzen gehorcht: den 
Forderungen des Moralgewissens, das die Bestrafung unserer 
Fehler verlangt, und dem triebbesetzten Reiz, den das Ver- 
brechen ausübt und der bis zur Exhibition des Verbrechens 
geht. Das Einbekennen des Verbrechens befriedigt tatsächlich 
(das darf man nicht übersehen) die exhibitionistischen Ten- 

174) The Imp of the Perverse (Graham' s Magazine, Juli 184J; 
The Mayfiower, 184J). 

175) Siehe besonders Reik: Geständniszwang und 
Strafbedürfnis (Int. Psychoanalytischer Verlag, Wien 192$). 



» 



384 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



denzen des Verbrechers, und wir wissen, daß die Verbrecher 
sidi oft und gerne ihrer Taten rühmen.*'^'' 

Wenn nun der Zwang, verbotene Handlungen zu begehen, 
einer von außen — in erster Linie von unsern Erziehern, 
dann von dem befehlenden Über-Idi oder Moralgewissen — 
uns aufgezwungenen Moral seinen Zwangscharakter entlehnt, 
so sind umgekehrt im Geständniszwang, der beim ersten Blick 
nur den Gewissensbissen, dem Moralgewissen zu gehordien 
scheint, viele Züge des E s zu erkennen, diesem tiefen und ur- 
sprünglichen Reservoir für unsere wildesten Triebe. Zwisdien 
diesen beiden psychischen Instanzen findet eine Art Austausch 
statt. Aber bevor der Held der Schwarzen Katze, 
der uns hier beschäftigt, auch seinerseits wie der Held des 
Schwatzenden Herzens oder Des Teufels der 
Verkehrtheit von jener Art Perversität erfaßt ist, welche 
dem exhibitionistischen Zwang und dem Strafzwang entspricht, 
sehen wir, wie er auf die primitivere Stufe der gleichen Per- 
versität zurückfällt, weldie die Mensdien vor dem Geständnis 
zwingt, das Verbrechen zu begehen, das Böse, welches in erster 
Linie das Böse ist, das dem andern zugefügt wird. 

Der andere, das ist hier zuerst die schwarze Katze. 

„Dieser Geist des Eigensinns", setzt der Herr des Tieres fort, 
„war es, der mich endgültig umwarf. Es war jene unergründlidie 
Gier der Seele, sich selbst zu quälen" (durdi die Lust, 
dann durch die Gewissensbisse, zuerst die andern gequält zu haben) 
„und seiner eigenen Natur zu trotzen" (natürlidi der moralisdien 
Natur durch die Triebnatur), „um des Bösen willen das Böse tun" 
(der wohlbekannte Zauber, den die verbotene Frucht ausübt, und 
der für Poe in der sadistischen Aggression steckte), „(jene Gier) die 
midi antrieb, meine Schuld an der wehrlosen Katze noch zu er- 
weitern, soweit nur eben möglich." 



176) Bei dieser Gelegenheit soll daran erinnert werden, welche 
Wollust Kürten, der Mörder von Düsseldorf, dabei empfand, 
seinen Riditern die entsetzlichsten Grausamkeiten einzugestehen. 



Die schwarze Katze 



385 



Nun folgt der Bericht über das zweite an der Katze be- 
gangene Verbrechen: 

„So legte ich ihr eines Morgens eine Sdilinge um den Hals 
und knüpfte sie an einem Baumast auf; ich erhängte sie unter 
strömenden Tränen und bittersten Gewissensqualen; erhängte sie, 
eben weil ich wußte, daß sie mich geliebt hatte, und weil ich 
fühlte, daß sie mir keinen Grund zu dieser Greueltat gegeben 
hatte; erhängte sie, weil ich wußte, daß ich damit eine Sünde 
beging; eine Todsünde, die meine unsterblidie Seele so befleckte, 
daß, wenn irgendeine Sünde nidit vergeben werden könnte, die 
unendliche Gnade des allbarmherzigen Gottes sich meiner Seele 
nidit erbarmen könnte." 

Ein Sohn, der seine Mutter ermordet hat, würde nidit 
anders sprechen. 

In der folgenden Nadit steht das Haus des Mörders, 
während er schläft, in Flammen. Seine Frau und seine Magd 
und audi er selbst retten sich. Aber das Haus ist gänzlidi zer- 
stört, seine ganze irdische Habe dahin. 

„Idi habe nidit die Schwäche", sagt er, „zwischen meiner Schand- 
tat und diesem Unglück einen Zusammenhang, wie etwa Ursache 
und Wirkung, suchen zu wollen." 

Aber man fühlt, daß sein ganzes Wesen an diesen Zu- 
sammenhang glaubt, und wir werden sehen, daß er damit nidit 
unrecht hat. 

„Am Tage nach dem Brande besichtigte ich die Trümmerstätte. 
Die Mauern waren bis auf eine eingestürzt. Es war eine nidit 
sehr starke Scheidewand, ungefähr aus der Mitte des Hauses, an 
der das Kopfende meines Bettes gestanden war. Sie hatte die Ein- 
wirkung des Feuers hartnäckig überdauert, eine Tatsache, die ich 
dem Umstand zuschrieb, daß dort der Bewurf erst kürzlich erneuert 
worden war. Vor dieser Mauer stand eine dichte Menschenmenge 
... Ich trat heran und sah, auf die helle Fläche eingedrückt, das 
Reliefbild einer riesengroßen Katze. Der Abdruck war erstaunlich 
naturgetreu. Um den Hals des Tieres lag ein Strici." 

Wie der Mörder der Katze „diesen Höllenspuk" erblickt, 
ist er zuerst außer sich „vor Staunen und Entsetzen". Dann 

Bonaparte: Edgar Poe. II. aj 



386 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



fällt ihm ein, daß er die Katze in dem gleichen Garten neben 
dem Hause, in den die Menge auf das Feuer hin eingedrungen 
ist, erhängt hat, daß jemand sie von dem Baum hat ab- 
schneiden und durch das offene Fenster — als makabres Ge- 
schoß — in das Zimmer, in dem der Herr schlief, hineinwerfen 
müssen, um ihn aus dem Sdilaf zu wedken. 

„Durdi stürzendes Mauerwerk war das Opfer meiner Grausam- 
keit in die Masse des frisdi aufgetragenen Bewurfs eingedrüd« 
worden, und der Kalk dieses letzteren, in Verbindung mit der 
Brandglut und dem Ammoniak des Kadavers, hatte dann das Relief- 
bild so wunderbar geprägt, wie es nun zu sehen war." 

Auf solche "Weise versudit der Mörder der Katze das er- 
schreckende Wunder zu rationalisieren. Es versetzt uns keines- 
wegs in Erstaunen, daß der Spuk trotz solcher Rationalisierung 
auf die Phantasie des Schuldigen einen tiefen Eindruck: macht. 
„Monatelang beschäftigte sich meine Phantasie mit der Katze", 
gesteht er uns. 



Wir wollen hier den Bericht unterbrechen, um die Frage 
nach der Identität der Katze zu beantworten. Wir dürfen 
uns bei unseren Überlegungen weder durdi ihr männliches Ge- 
schlecht noch durch ihren Namen irreführen lassen: die 
Schwarze Katze ist eine Totem darstellung der 
Mutter des Dichters, die in ihm durch die Causa occasionalis 
der Katze Catterina hervorgerufen wurde, der Katze, welche 
damals im Haus des Dichters (als Mutter-Imago) umherschlich 
und sich sogar auf dem Bett seiner schwindsüchtigen Frau 
niederlegte. Audh die Metamorphose des getigerten Fells der 
Catterina in das schwarze Haar des Pluto hat denselben Sinn: 
das Fell des schwarzen Katers ist von der gleichen Farbe wie 
das rabensdhwarze Haar der Lady Ligeia oder der Elizabeth 
Arnold. 

Wir haben bereits einmal gesehen, daß Poe seine Mutter 



Die sdowarze Katze 387 



Fnach der Art der Totemtiere im Riesenpferd des 
Metzengerstein dargestellt hat. Es ist nun mehr als ein 
zufälliges Zusammentreffen, daß sowohl die Katze als audi das 
Pferd in den beiden Gesdiiditen die Riesendimensionen an- 
nehmen, welche die primitiven Völker ihren großen Gottheiten 
verleihen, den Gottheiten, welche gesteigerte Projektionen des 
Vaters und der Mutter sind, und durch deren Gestalt der 
Größenunterschied zwisdien einem Kind und einem Erwach- 
senen nidit nur beibehalten bleibt, sondern sogar noch ver- 
größert wird. Ganz so wie das Pferd sich im Rauch über dem 
verbrannten Sdilosse vom Himmel abhob, hebt sidi die Katze 
riesengroß von der Mauer des gleichfalls verbrannten Hauses 
ab. Und das Thema Feuer muß in beiden Fällen dem gleichen 
Sinn dienen, es muß der Ausdruck und zugleidh die Strafe 
für jene urethrale, phallisdie Erotik sein, nach welclier der 
frühreife Knabe seine Mutter begehrte, und wofür er bestraft 
wird: „Alles wurde vernichtet. Meine ganze irdische Habe 
war dahin, und idi überließ mich von nun an haltloser Ver- 
zweiflung." Das ist eine unbewußte Anspielung auf den Ver- 
lust des Mutter-Hauses, das so früh dem Sohn Edgar ent- 
zogen wurde, und die „Habe" symbolisiert hier vermutlidi zum 
Teil die männlidie Potenz des Dichters, die durch dieselbe 
Katastrophe verniditet wurde, bei der die Mutter verschwand. 
Die Mutter ließ ihrem Sohn in Trauer und Verzweiflung nidits 
als das große Phantom zurück, das sein Leben und seine Kunst 
erdrücken sollte. 

Unsere Leser werden vielleicht finden, daß unsere Iden- 
tifizierung der Mutter mit einer männlichen Katze zu ge- 
zwungen ist. Zur Stütze der aufgezeigten These können wir 
uns jedoch auf die volkstümliche französische Spraciie und auf 
das volkstümliche Denken berufen, für weldie die Katze ein 
klassisdies Symbol für das weibliche Genitalorgan ist. In dem 
berühmten französischen Volkslied: 



25* 



388 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Mon p^re m'a donn^ un mari, 

Mon Dieu! Quel homme, quel petit homme! 

Le diat l'a pris pour une souris../™'"' 

ist die Sexualsymbolik selbst für den Nidhitanalytiker ver- 
ständlich. Der „petit homme" bedeutet hier zweifellos den 
Penis des Gatten; man bringt ihn sogar mit einer Maus in 
Verbindung, und nun wissen wir, daß die Maus in den Maus- 
Phobien, die bei Frauen sehr häufig auftreten, ein Phallus- 
Symbol ist. Die Katze, weldie die Maus fressen will, repräsen- 
tiert daher das weibliche Organ, in dem der Penis verschwindet, 
von dem er gefressen wird. 

Die Katze hat übrigens mit dem weiblidien Geschlechtsorgan 
das dichte, warme, wollüstige Haar gemeinsam, das beim 
Berühren reizt: die Frau hat dort eine „Katze", wo der Mann 
einen Penis hat; und außerdem ist der ganze Gang des kleinen 
Katzentieres weiblich durch seine Anmut und selbst durch das 
Verräterisdie seiner Bewegungen, wobei die Kralle stets bereit 
ist, aus der samtenen Pfote hervorzuspringen. 

Das Märchen ist dieser für alle Menschen gültigen Symbolik 
gefolgt, indem es den Hexen jeder Art die Katze zum Ge- 
fährten gibt. Die Hexe ist eine mythische Projektion der 
schlechten Mutter, so wie die „gute Fee" eine solche der guten 
Mutter ist; die Mutter wird dabei nach einem im Unbewußten 
herrschenden klassisdien Mechanismus in zwei Gestalten geteilt, 
eine von ihnen verfügt über alle ihre guten, die andere über 
alle ihre schlechten Eigenschaflen. Die Katze, im Märchen 
der untrennbare Gefährte der sdilechten und gefährlichen 
Mutter, ist daher gleichsam ihr Schatten, ihre Doublette. 

In der Geschichte von der Schwarzen Katze be- 
findet sich übrigens eine deutliche Anspielung auf diesen 



176 a) „Mein Vater gab mir einen Mann, 
O Gottl was für ein kleiner Mann! 
Die Katze sah ihn für ein Mäuschen an 



V 



Die schwarze Katze 389 



uralten und tiefen Zusammenhang. Schon auf den ersten Seiten 
spricht der Erzähler von ihm. Er weist dort auf die Intelligenz 
Plutos hin und meint: „Wenn wir auf die Intelligenz (des 
Tiers) zu spredben kamen, gedachte meine Frau, die übrigens 
nidit im geringsten abergläubisdi war, manchmal des alten 
Volksglaubens, daß Hexen oft die Gestalt schwarzer Katzen 
anzunehmen pflegen." "Wieder einmal hat der Aberglaube vom 
Gesiditspunkt der psychisdien Realität aus redit. 

In dem besondern Fall Poe werden wir uns aucii an zwei 
Katzen erinnern, deren Benehmen radikaler war als das Plutos, 
und die dem Herrn Mangel-an-Atem ein Stück Nase wegbissen, 
nachdem sie wie Tänzerinnen, wie die Sylphide Elizabeth 
Arnold mit einem Sprung ä la Catalani in den Dachboden des 
Chirurgen geraten waren.^'^ 

"Wenn nun sowohl die männlidie als audi die weiblidie 
Katze das weiblidie Organ darzustellen vermag, was hinderte 
Poe, um den die Katze Catterina herumstridi, daran, eine weib- 
lidie Katze zur Heldin seiner Gesdiichte zu machen? Es muß 
irgend etwas ihn ausdrüdilidi dazu veranlaßt haben, einen 
Kater, einen Pluto statt einer Proserpina zu nehmen, um die 
Mutter, die ihn aus dem Totenreich heraus heimsudite, zu 
symbolisieren. Dieses Etwas war wahrsdieinlich die auf früheste 
Zeiten zurückgreifende Erinnerung an die ursprünglich phal- 
lische Mutter, an die Mutter jener fernen Tage, in der sie 
nadi der Meinung des kleinen Jungen nodi einen Phallus hatte. 
Denn jeder kleine Knabe glaubt zuerst an eine Gleichheit 
aller Lebewesen und teilt allen Menschen, nadi seinem eigenen 
Bild, alles das zu, womit er selbst versehen ist, besonders den 
Penis, dieses widitige Organ, das beim Urinieren und durdi 
seine erotische Funktion, die sehr früh erwacht, Lust bringt.^^' 

177) Siehe S. 271. 

178) Freud, Analyse der Phobie eines fünfjähri- 
gen Knaben in Gesammelte Sdiriften, Band VIII. 



39° Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Die Masturbation des kleinen Jungen wird nun, sobald man 
sie entdedt, häufig durdi die Drohung verhindert, man werde 
dem Kind sein kleines Glied wegschneiden, oder durdi 
Drohungen, die von ihm ähnlidi interpretiert werden; und der 
Junge beginnt von nun an für die Integrität seines Körpers 
und für sein Lieblingsglied zu bangen. Aber erst die Entdediung, 
daß eine ganze Kategorie Lebewesen — die Mädchen und die 
Frauen — tatsächlich und endgültig des Phallus beraubt sind, 
läßt eine eventuelle Kastrationsdrohung in ihrer ganzen Rea.- 
lität, in ihrem ganzen Schrecken, Wirklichkeit werden. Der 
Knabe braucht nun einige Zeit, um diesen Unterschied zu akzep- 
tieren, seinen Augen zu glauben, so peinlidi ist ihm 
diese Tatsache. Und wenn er endlich den aktuellen Unterschied 
zwischen kleinen Mädchen und kleinen Knaben erfaßt hat, 
tröstet er sich durch die Vorstellung, daß der Penis der kleinen 
Mädchen wachsen wird, hält aber wenigstens an dem 
Glauben, die erwachsene Frau, besonders die Mutter, habe 
einen Penis, weiter fest. Nachdem er jedodi diese Meinung 
hat verlassen müssen, nachdem also auch seine Mutter ver- 
stümmelt zu sein scheint, und die Frau in der Gestalt der 
Mutter ihn in dieser Hinsicht endgültig enttäuscht hat, rächt 
er sich an ihr durch Haß oder Verachtung. Trotz der Ver- 
lockung durch das Geschlecht, die später diese Empfindungen 
verdeckt, manchmal sogar sie gänzlich untergehen läßt, haßt 
oder verachtet mehr oder weniger jeder Mann in der Tiefe 
seiner Psyche in der Frau das verstümmelte Ge- 
schöpf. 

Und was geschieht, wenn der Mann impotent ist? Impotent 
aus Furcht vor der Kastration, vor einer Kastration, die ihm 
nicht nur auf der Frau, sondern auch durch die mit einer 
weiblichen Vagina, mit einer Vagina dentata begabten Frau 
droht? Das scheint nun der Fall Edgar Poes gewesen zu sein; 
der Haß auf die verstümmelte oder verstümmelnde Mutter, 



Die schwarze Katze 391 



auf die Mutter, welche die Inkarnation der aktiven und der 
passiven Kastration ist, war die tiefere Ursache, warum die 
Schwarze Katze geschrieben werden mußte. 

Warum wird denn der Herr des Tiers von einem ersten 
Anfall von Grausamkeit gepackt, als die Katze ihn mit den 
Zähnen verletzt — und nidit mit den Krallen, wie das sonst 
bei Katzen Sitte ist? Ist darin nicht eine Anspielung auf die 
gezahnte Kloake zu sehen, der wir im Werk Poes 
immer wieder begegnen? Die Mutter hat den Sohn an der 
Hand verletzt — an der Hand, die häufig als Phallussymbol 
auftritt und die Masturbation durchführt: der Sohn wehrt sich, 
indem er ein Taschenmesser aus seiner Tasche zieht, das 
bürgerliche Äquivalent für den Dolch des Mannes der 
Menge oder für das Rasiermesser des Doppelmords 
in der Rue Morgue. Und jetzt fügt er selbst dem 
mütterlichen Totem, das er beim Hals gepackt hat, die Ver- 
stümmelung, die Kastration zu, um derentwillen er die Mutter 
haßt; er identifiziert sich hiebei mit dem allmächtigen Vater, 
dem er, wie wir schon früher beim Orang-Utan gesehen 
haben,^''^ diese Greueltat zuschreibt, er schneidet {cut) die 
Mutter; er schneidet ihr aber hier nicht die Kehle durch, 
sondern er läßt das Auge ausrinnen. Nun weiß man jedoch 
aus Träumen und Märchen, besonders aber aus der ödipussage, 
auf die wir noch zurückkommen werden, daß das „Blenden" 
ganz allgemein ein Kastrationssymbol darstellt. 

Nachdem die Blendung durchgeführt und die Wunde 
langsam geheilt ist, bietet die leere Augenhöhle, wie der Be- 
richtende uns sagt, „einen schrecklichen Anblick". Er dürfte 
aber kaum weniger schrecklich und abstoßend gewesen sein, 
wie für manche Männer, und unter ihnen für Poe, der Anblick 
der Vulva der Frau oder der Gedanke an diese Vulva, welche 
von ihnen im Unbewußten mit einer grauenhaften Wunde, dem 



179) Siehe S. 371. 



39^ Die Geschichten; Der Zyklus Mutter 



Überbleibsel des abgesdinittenen Penis, in Zusammenhang ge- 
bracht wird. Die Katze flieht nun entsetzt ihren Herrn mit der 
gleichen Heftigkeit, mit der sie ihm vorher verliebt gefolgt war, 
so daß er sie nur schwer „davon zurückhalten (konnte, ihm) 
audi auf die Straße zu folgen". Dieses Verhalten zwischen 
Herr und Katze gibt die wirklidie Situation, wie das in 
Träumen häufig der Fall ist, umgekehrt wieder. Denn der 
kleine Edgar war seiner Mutter durch das Haus gefolgt, e r 
wollte ihr nachgehen, wenn sie das Haus verließ, nicht sie ihm.. 
In der Geschichte flieht die verstümmelte Katze entsetzt vor 
ihrem Verstümmler: in Wirklichkeit floh Edgar entsetzt vor 
der verstümmelten und verstümmelnden Frau. 

Der Besitzer der einäugigen Katze entschließt sich wohl 
auch deshalb dazu, sie zu töten, weil er die durch sein Opfer 
gegenwärtige Verstümmelungsvision unterdrücken will. Die 
tiefere Ursache des Anfalls von Perversität, der den Alko- 
holiker in diesem Augenblick erfaßt hat, ist eben der Abscheu 
vor der Kastration. 

In der Geschichte jedoch wird seine wilde und rätselhafte 
Erbitterung und Überreiztheit, die der Katze zuerst ihr Auge, 
dann ihr Leben kostet, einer ganz andern Ursache zuge- 
schrieben. Noch bevor er das Federmesser dem Tier ins Auge 
stößt, ja noch bevor ihn die Katze mit den Zähnen beißt, 
sagt er: „Eines Nachts, als ich schwerbetrunken . . . nach Hause 
kam, schien es mir so, als ob die Katze mir auswiche." Und 
später, als die Katze die Annäherung ihres Herrn „in wahn- 
sinniger Angst" flieht, also noch bevor vom Geist der Per- 
versität die Rede ist, sind folgende zwei Sätze eingeschoben: 
„Es war mir noch immer so viel von meinem Gefühl ge- 
blieben, daß ich diese offenbare Abneigung eines Geschöpfes, 
das mich vordem so geliebt hatte, anfangs schmerzlich emp- 
fand. Doch dieses Empfinden wich bald einem anderen — der 
Erbitterung." So gerät der Herr der Katze zweimal, vor jedem 



Die schwarze Katze 393 



seiner Verbrechen, in einen Zustand mörderischer Erbitterung, 
■weil er vom Tiere gänzlidi verlassen wird. Darin muß 
man eine Wiederkehr jener Phase des Ödipuskomplexes er- 
kennen, in welcher der Junge sieht, daß seine wadisenden in- 
fantilerotischen Wünsdie von der Mutter zurückgewiesen 
werden. Darum ist er auf sie böse und dieser Groll beharrt im 
Unbewußten ofl ein ganzes Leben lang. 

Es gibt demnach zwei Ursachen für die Erbitterung, die 
Gereiztheit des „Verbrechers" gegen sein Opfer. Die eine wird 
eingestanden und liegt an der Oberflädhe: die Katze liebt ihn 
angeblidi nicht genug; die andere, tiefere, jene, die im übrigen 
die Atmosphäre der ganzen Geschidite bestimmt, steckt in dem 
Entsetzen vor dem ausgestochenen Auge der Katze. Das kann 
man aus den latenten Gedanken, die unterhalb der Gesdiichte 
mitströmen, in folgende Termini übersetzen: Edgar Poe mußte 
der Mutter bereits in der sadistisch-analen und sdion phalli- 
sdien Phase, in der er sidi befand, als sie starb, böse gewesen 
sein, weil sie seine infantilen Wünsdie zurückstieß. 
Aber ein wenig später, als er der moralisierenden Erziehung 
der Allans unterworfen wurde, ging seine infantile Sexualität 
unter dem Einfluß dieser Erziehung und durch die klassisdie 
Kastrationsdrohung unter. Erst in diesem Zeitpunkte wohl 
drängte sich ihm der Unterschied der Gesdilecäiter mit deni 
Gedanken von der Kastration der Frau auf, Erkenntnisse, die 
ihn genügend entscheidend in Angst versetzten, um seine spätere 
Impotenz zu bedingen. Diese Kastration der Frau, im besonderen 
der Mutter, eine Entdeckung, die während der äußeren Herr- 
schafl; der kränklichen Frances vor sich ging, mußte auf die 
wirklidie verlorene Mutter nadi rüdkwärts projiziert worden 
sein, auf die Mutter, deren innere Herrschaft in ihm niemals 
aufhören sollte. Und die schwarze Katze wird daher weniger 
deshalb gehaßt, weil sie ihrem Herrn aus dem Weg ging, sondern 
wegen des erschreckenden Anblicks ihrer Verstümmelung. 



3S4 



Die Geschidoten: Der Zyklus Mutter 



Darum wird sie aufgehängt. Warum aber wurde sie gerade 
auf diese Art, durdb Aufhängen, getötet? Eben wegen des "Ver- 
brechens, das die Mutter begangen hatte: ihre Strafe ruft ihr zu, 
warum sie getötet wird! 



In einer der berühmtesten unter allen Diditungen, die 
jemals von Mensdien gesdiaifen wurden, wird gleidifalls eine 
Mutter aufgehängt: in der ödipussage, jenem Mythos, dem 
Freud den Namen für den Universalkomplex entlehnt hat, 
durch den alle Mensdienkinder hindurdi müssen. "Während sich 
ödipus, der Sohn-Gemahl zur Strafe für seinen Inzest die 
Augen ausstidit, erhängt sidi Jokaste, die Gemahlin-Mutter. 

Die Strafe, die ödipus erleiden mußte, wurde schon beim 
Aufkommen der Analyse ohne Sdiwierigkeiten interpretiert, 
da die Blindheit ein deutliches Symbol für die Kastration ist — 
die Analytiker haben sidi aber manchmal, bisher jedoch immer 
vergeblich, auch danadi gefragt, warum Jokaste in der Sage 
gerade das Henken gewählt hat. 

Diese Frage ist keine müßige. Die Todesart, welche von 
den Menschen gewählt wird, ob es sich nun um ihren eigenen 
Selbstmord in der Realität handelt oder um den ihres Helden 
in ihrer Phantasie, wird nämlich niemals vom Zufall diktiert, 
sie ist im Gegenteil in jedem Falle haarscharf psychisch deter- 
miniert. Vielleicht gelingt es uns nun, mit Hilfe der 
Schwarzen Katze endlich auch auf die Frage, warum 
Jokaste sich erhängt hat, eine Antwort zu finden. 

Auf die Frage, warum die Katze aufgehängt wurde, haben 
wir schon früher im vorneherein, bei der Analyse des "Ver- 
lorenen Atems geantwortet. Der impotente, seines sym- 
bolischen Atems beraubte (der verstümmelte) Held kommt 
gerade dadurch, daß er gehängt wird, auf eine gleichfalls 
symbolische "Weise wieder zu phallischen Kräften. Das Henken 



Die schwarze Katze 39$ 



entspricht, wie wir dort^"'' gesehen haben, im Unbewußten 
einer RephaUisierung, und zwar deshalb, weil der Ge- 
henkte eine ejaculatio in extremis aufweist und audi weil der 
gesamte Körper des Gehenkten ein Äquivalent darstellt für 
einen aufgehängten Gegenstand, und dadurdi für den Penis des 
Mannes, der im Ruhezustand herabhängt. Der Gehenkte re- 
präsentiert demnach durch den ganzen Körper jenen bevor- 
zugten Teil des menschlichen Körpers, den, der vom Bauch des 
Mannes, nicht aber von dem der Frau „herabhängt". 

Alle drei, Herr Mangel-an-Atem, die stäiwarze Katze und 
Jokaste sind Gehenkte. Der Fall des Herrn Mangel-an-Atem 
ist klar: das Henken ist hier eine persönliclie Wunschphantasie, 
es bedeutet die Wiedereroberung des Penis, d. h. der männ- 
lichen Potenz, die ihrem Sdiöpfer fehlte. Die Fälle der 
schwarzen Katze und der Jokaste liegen jedoch keineswegs so 
einfach: in ihnen wird nicht mehr der Autor der Geschichte 
oder Sage wieder mit einem Phallus versehen, sondern die 
Mutter wird durch ihn auf diese "Weise wieder mit ihm begabt. 
Man darf dabei nicht vergessen: die ödipussage ist ebenso wie 
die Geschichte von der Schwarzen Katze eine Phan- 
tasie, die von Männern geschaffen wurde, alle Ereignisse, der 
ganze Handlungsverlauf, werden hier vom Standpunkt des 
Mannes erfaßt und gesehen.*^" 

Aber, kann man hier einwerfen, wird denn eine Frau da- 



179 a) Siehe S. 277 ff. 

180) Ich glaube, daß es Sagen gibt, die von Männern, und 
andere, die von Frauen geschaffen wurden. Zu den von Frauen 
erdachten Geschichten gehört zum Beispiel das Märchen vom 
Dornröschen, in dem, nach meiner Meinung, die Libido- 
schitisale der Frau von ihrer Kindheit an bis zu ihrer Deflorierung 
dargestellt sind. Die alte Frau, die sich trotz des Verbotes äes 
Königs, der vergebens die Vorhersage der Feen zunichte machen 
wollte, des Spinnrads und der Spindeln bedient, ist eine Gestalt der 
phallisdien Mutter, und außerdem eine Doublette der Fee Cara- 



39^ Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

durch bestraft, daß man ihr den Phallus zuteilt, nadi dem sich 
(wie uns die Analytiker gezeigt haben) jede Frau im Un- 
bewußten mehr oder minder sehnt? Selbst vom Standpunkt 
des Mannes aus, von dem aus diese Sage konzipiert ist, kann 
die Zuteilung des Gliedes nicht als Strafe gewertet werden, 
da ja der kleine Knabe nur sehr ungern und unter dem 
wachsenden Zwang, den die Realität ausübt, auf den Penis 
verzichtet, den er erst der Mutter zugeteilt hat; und jeder 
Mann ist ein solciier Knabe gewesen, wie immer auch die 
Neigung aussehen mag, die er später für das Organ der 
Frau empfinden kann. 

Gerade darin liegt nun der Haken. Die Schöpfer der 
ödipussage oder der Autor der Geschichte von der 
Schwarzen Katze, welche die Mutter dadurch, daß sie 
sie henkten, mit einem Phallus versehen, geben dabei gewiß 
zum Teil einer Wunschphantasie nach. Zu gleicher Zeit aber 
schleudern sie ihr die heftigste Anklage ins Gesicht: sie zeigen 
ihr auf eine makaber-ironische Art durci die Strafe, das 
Henken, an, für welches Verbrechen man sie so bestraft. Sieh 



bosse. Die Spindel ist ein Symbol des Klitoris-Penis, den das kleine 
Mädchen am Bilde der phalliscien Mutter und an seinem eigenen 
Körper entdeckt. Das Spiel mit der Spindel, das dem Kind verboten 
•wird, ist siditlidi ein Symbol für die Masturbation, die in der 
Kindheit immer klitoridisdi ist. Der Stich in die Hand ist zweifellos 
die häufig auftretende Verschiebung der Kastration des weib- 
lichen Organs auf die Hand, mit der dieses Organ bei der Mastur- 
bation berührt wird. Der Schlaf, in den das Kind verfällt, stellt 
wahrscheinlich die Latenzperiode dar, während der die Masturbation 
des kleinen Mädchens verdrängt werden muß, damit es endlich 
Frau wird. Der Prinz schließlich, der den Wald und die Dornen- 
hecke, die sich übrigens vor ihm öffnet, durchdringt, um zur 
schlafenden Schönen zu kommen, ist der Mann, welcher den Hymen 
der sich ihm hingebenden Frau zerreißt, und sie zu dem erotischen 
weiblichen Empfinden, das vaginal geworden sein muß, um seiner 
Funktion wirklich zu entsprechen, aufweckt. 



Die schwarze Katze 357 



her, sdieinen sie zu sagen, warum du bestraft wirst: du hast 
nicht besessen, was ich glaubte, daß du es besitzt, und was idi 
dich jetzt durdh die Todesstrafe darstellen lasse. 

Der durdi den gesamten hängenden Körper dargestellte 
Penis ist außerdem, das darf man nidit vergessen, ein nidit- 
erigierter, ein toter Penis. Stellt nun das Element Schlaffheit 
des Körpers nicht den Gipfel der Ironie inmitten der Ironie, 
die sdion in der Rephallisierung der Frau enthalten ist, dar? 
Hier sagt ansdieinend der Sohn zu seiner Mutter: Ja, du hast 
einen Penis, aber es ist ein toter Penis! Und im besonderen Fall 
des impotenten Poe könnte diese letztere Ironie gar leicht eine 
Anwendung des Gesetzes der Wiedervergeltung auf die 
Mutter sein.^*^ 

Auf diese "Weise wird die Rephallisierung der Mutter, des 
-Geschöpfs, dessen Kastrierung das letzte Hindernis fallen 
machte, hinter dem sich der Sohn gegen die Möglichkeit, daß er 
selbst kastriert werde, verschanzt, zum Ausdruck der schwersten 
Bestrafung. Und so kann uns die kleine Geschichte von der 
Schwarzen Katze Tausende von Jahren nach der alten 
und verehrenswürdigen Sage vom König von Theben zur 
Erklärung dieser Sage verhelfen. 

In den zwei Dichtungen wird übrigens die Kastration außer- 
dem durch das Ausstechen der Augen repräsentiert, in der Sage 
verliert der Sohn, in der Geschichte die Mutter das Auge. 
Gerade diese Tatsache, daß die Augenkastration am Totem der 
Frau durchgeführt wird, hat es uns möglich gemacht, den "Weg 
wiederzufinden, der von der Kastration der Mutter zu ihrer 



181) Man kann bei einigen Menschen, die von einer Trauer- 
■weidenphobie befallen sind, oder auch nur eine gewöhnliche Ab- 
neigung gegen diese Bäume haben, die Tatsache konstatieren, daß 
diese Angst vor den hängenden Zweigen eine "Verschiebung der 
Angst vor dem schlaflFen Penis, der Furcht vor der Impotenz, also 
vor der Kastration, darstellt. 



39^ Die Gesdiichten: Der Zyklus Mutter 

Rephallisierung führt, und dadurdi endlidi den latenten Sinn 
des Henkens der Mutter — Wunsdiphantasie und zugleich 
Strafphantasie — in der Vorstellung des Sohnes zu verstehen.^^^ 



„Ich konnte", gesteht uns der Mörder Plutos an der Stelle, 
an der wir die Erzählung unterbrochen haben, also nach der 
Ersdieinung an der Mauer, „mich von dem Phantom der Katze 
nicht freimachen." Das glauben wir ihm gern, da wir jetzt voll- 
kommen verstanden haben, daß diese Katze die vergrößerte 
Gestalt der Mutter ist. Die Mutter läßt sich aber nidit aus dem 
Leben des Sohnes verbannen, audi nidit durdi den Tod. Dann 
wohnen wir ihrer neuerlidien Rückkehr aus dem Reiche Plutos 
bei, aus dem die ewige Sehnsucht des Sohnes nach ihr sie 
heraufruft. 

„Monatelang", setzt der Erzähler fort, „besdiäftigte sidi meine 
Phantasie mit der Katze, und es erwadite in mir ein Gefühl, das 
beinahe Reue sein konnte." Er empfand zuerst tatsädilidj Sehnsudit 
nadi ihr. „Es kam so weit, daß idi den Verlust des Tieres bedauerte 
und midi in den Spelunken, in denen idi midi jetzt meistens 
herumtrieb, nadi einer andern Katze umsah, die der gemordeten 
möglidist ähnlidi sein und deren Platz bei mir ausfüllen sollte." 

182) Idi verdanke es Freud, diese zwei entsdieidenden Stellen 
des ganzen Textes verstanden zu haben: erstens die Gleidistellung 
des Hängenden mit dem was hängt, mit dem Penis, ein Einfall, 
dessen ich midi schon beim Verlorenen Atem bedient habe. 
Zweitens: der Vorwurf, den der Sohn gegen die Mutter erhebt, 
sie habe keinen Phallus, wird nach dem Sdiema des Henkens aus- 
gedrüdit; dadurdi gesdiieht mit dem ganzen mütterlidien Körper 
das, was er hätte besitzen müssen: er wird zum Penis, zu dem 
Organ, das herabhängt. 

Freud selbst also hat gelegentlidi eines Gesprädies über die 
Schwarze Katze, das idi mit ihm führte, seine Interpretation 
des ödipusmythos durdi die Deutung jener Stelle, die bisher dunkel 
geblieben war, durch die Interpretation des Henkens der Jokaste 
ergänzt. 



Die schwarze Katze 39c) 



Das bestärkt uns in unserem Einfall von der Sehnsucht. Und 
jetzt beginnt der zweite Akt des Dramas, der von der Gestalt 
einer zweiten Katze beherrsdit wird. 

„Als ich einmal in der Nadit halb stumpfsinnig vor Trunken- 
heit in einer ganz gemeinen Sdinapskneipe saß, wurde idi plötzlidi 
auf einen sdiwarzen Gegenstand aufmerksam, der oben auf einem 
riesenhaften Oxhoft Branntwein oder Rum, dem Hauptmöbel der 
dunstigen Höhle, thronte ... Es war eine sdiwarze Katze — eine 
sehr große — , gerade so groß wie die ermordete und dieser auch 
in allem ähnlich — bis auf eins: Pluto hatte nicht ein einziges 
weißes Haar am ganzen Körper, diese Katze aber hatte einen 
großen, allerdings nidit sdiarf abgegrenzten weißen Fledc, der fast 
die ganze Brust bedeckte." 

Ein Mildifledc, werden wir sagen, das wird uns sowohl 
durdi die Farbe als auch durch die Lage angegeben; ein Fledc 
von der symbolisdien Weiße, welche den Körper des seltsamen 
Tieres Tekeli-li im Pym bededkt hat und hier bloß die Brust 
der Katze färbt. Übrigens trug bereits der Sohn der milchigen 
Meere, das Tier mit den sdiarlachroten Krallen und Zähnen, 
welche an die Kastration erinnern, einen Katzenkopf. 

Und daß das Thema von der Wollust der Oralerotik des 
Säuglings, vielleicht sogar die unbewußte Erinnerung an das 
Stillen, mit dieser weißbrüstigen Katze wieder auftaucht, wird 
außerdem indirekt durch den Ort bewiesen, an dem der Er- 
zähler dieses Tier entdeckt. Die Katze läuft ihm nämlich in 
einer Spelunke zu, an einem Ort, wo man trinkt, sie thront 
hoch oben auf einem Faß Branntwein oder Rum. Darin ist ein 
Eingeständnis des Zusammenhangs zu erblicken, der die Dipso- 
manie Poes mit der unbewußten Erinnerung an das Saugen 
an der Mutterbrust, das nie vergessen wurde, verbindet. 

Der Herr Plutos ist zuerst entzückt darüber, dem wieder 
lebend gewordenen Opfer zu begegnen, er sdimeidhelt der 
Katze, die sich darüber sehr freut. Er schlägt bald nachher dem 
Besitzer der Spelunke vor, ihm das Tier zu verkaufen; „der 



400 Die Geschiditen: Der Zyklus Mutter 

aber erhob keinen Ansprudi auf die Katze; er kenne sie gar 
nidit — habe sie nie vorher gesehen". So sind Phantome: sie 
erheben sich plötzlidi aus dem Schatten, in dem sie sdiliefen. 

Und die nährende Mutter, die auf solche Art wieder zu 
ihrem Sohne zurückgekehrt ist, setzt ihre Verteidigungsrede 
fort. Sie hat ihn genährt, sagt sie gleich bei ihrem Auftaudien 
durch den Milchfleck auf ihrer Brust aus; dann fügt sie hinzu, 
daß sie ihn auch heiß geliebt und ihn noch nicht zurüdk- 
gewiesen habe, als er ein Säugling war! Während nämlidi 
Pluto, die erste Katze, welche wahrscheinlich die Mutter im 
sadistisch-analen und phallisdien Stadium repräsentierte, ihrem 
Herrn sdiließlich aus dem Wege gegangen war und dadurch 
seine Wut erregt hatte, repräsentiert die zweite Katze, das 
Tier mit der weißen Brust, vermutlich die Mutter im Oral- 
stadium, die ihm, wie wir sehen werden, vom Anfang bis 
zum Schluß wie der Schatten einer Liebenden, die neben dem 
Geliebten wandelt, nicht von der Seite geht. 

Zuerst begleitet sie ihn ohne jegliche Aufforderung auf 
dem "Wege aus dem Wirtshaus nach Hause, dorthin, wo sie sich 
„wie zu Hause" fühlt, und bald ist sie mit der Dame des Hauses 
befreundet. Aber ihre ganze Zärtlichkeit nützt ihr nichts. 

„In mir regte sidi bald eine Abneigung gegen die Katze", 
gesteht uns der Erzähler, „das war gerade das Gegenteil dessen, 
was Idi erwartet hatte, aber . . . ihre aufdringliche Liebe zu mir 
war mir unangenehm, ja sogar zuwider. Nach und nach steigerte 
sidi dieses Gefühl der Abneigung und des Ekels bis zu bitterstem 
Haß. Ich ging dem Tier aus dem Wege . . . aber allmählidi — mit 
jedem Tage mehr — sah idi sie nur nodi mit unausspredilidiem 
Abscheu und floh bei ihrem unerträglichen Anblick so entsetzt 
davon wie vor dem Gifthauch der Pestilenz." 

Das Geheimnis dieses Absehens, welcher aus Haß und Ekel 
besteht, wird uns sogleich enthüllt. 

„Was meinen Haß gegen das Katzenvieh zweifellos genährt 
hatte", sagt uns nun der Herr der weißbrüstigen Katze, und er 



f 



Die sdiwarze Katze 401 



wird bald deutlidier sagen: „was meinen Haß verursacht hatte, 
war eine Entdeckung gewesen, die ich sofort, nadidem idi es zu 
mir genommen, gemadit hatte — die Entdeckung, daß es wie 
Pluto eines seiner Augen beraubt war." 

Die dironologisdie, biographische Reihenfolge wird hier auch 
in der Dichtung beaciitet: erst bemerkt der Sohn die Milch, den 
weißen Fleck, und dann erst entdedit er die Kastration, das 
ausgestodiene Auge. Ganz ebenso — audi das entspricht bio- 
graphischen Tatsachen — war der unbeschädigte Pluto „mehrere 
Jahre hindurch" der Freund seines Herrn, bevor sein Auge 
ausgestochen wurde. Das zerstörte Auge ist nun entscheidend 
für das Schicksal beider Katzen: das Ende der ersten kennen 
wir bereits, vergebens versucht die zweite das Sdiicksal günstig 
zu stimmen, indem sie ihre milchweiße Brust vorweist! Die 
Verteidigungsrede der Milch kann gegen die Anklagerede der 
Kastration nidit aufkommen: der weiße Fledi vermag nidits 
gegen das ausgestodiene Auge. Und nidit ganz mit Unredit 
flieht der Herr der Katze ihren unerträglidien Anblidi wie den 
„Gifthauch der Pestilenz". Die Kastration wirkt sidi nämlich 
im Unbewußten wie eine Ansteckung, die von der Frau aus- 
geht, aus, die Frau beunruhigt den Mann durdi die sdieußliche 
Tatsache, daß sie ein kastriertes Gesdiöpf ist. 

Daher hat die Frau unseres Mörders nicht denselben Grund 
wie er, die Katze zu fürchten. Ein Syphilitiker braucht vor 
dem andern keine Angst zu haben; sie liegen in der gleidien 
Abteilung des Spitals. Und um des geplatzten Auges willen ist 
das Tier der Herrin des Hauses — vielleicht aus Sympathie 
für ihresgleichen — nur um so teurer. 

„Mit meiner Abneigung gegen die Katze", setzt der Mann 
fort, „schien deren Vorliebe für mich nur zu wachsen", denn 
die Mutter (als Amme, Trägerin der Mildi) läßt sich in 
ihrer Zärtlichkeit nicht entmutigen und setzt ihre Verteidigungs- 
rede fort. 

Bonaparte: Edgar Poe. II. 26 



402 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



„Die Katze" (sagt ihr Herr dann) „folgte meinen Schritten 
mit einer unbeschreiblichen Beharrlichkeit, von der man sich kaum 
einen Begriff machen kann. Wenn ich mich setzte, kroch sie unter 
meinen Stuhl und sprang auf meine Knie und belästigte mich mit 
ihren widerwärtigen Liebkosungen. Wenn ich aufstand, um fort- 
zugehen, lief sie mir zwischen die Beine, so daß ich in Gefahr 
geriet, hinzufallen, oder sie hing sich mit ihren langen und scharfen 
Krallen an meine Kleider und kletterte mir bis zur Brust hinauf." 
So wird die Neigung, welche das Kind für seine Mutter 
empfindet, wieder einmal durdh die im Traum oft angewendete 
Umkehrung dargestellt: die Katze benimmt sich ihrem Herrn 
gegenüber, wie das ganz kleine Kind sich seiner Mutter gegen- 
über benommen hatte, als es unter ihren Stuhl kroch, sich auf 
ihre Knie kauerte, zwischen ihre Füße und selbst zwischen 
ihre Brüste legte. „Ich allein gab ihr Nahrung", hat der Herr 
schon von seinem Pluto gesagt, und das mußte übersetzt 
werden: meine Mutter allein nährte mich. 

Aber alle Bemühungen der Mutter, die Verzeihung ihres 
Sohnes zu erlangen, sind vergeblich. Es ist zu spät: das Auge 
der Katze ist ausgestochen und 

„trotzdem ich mich dann stets versucht fühlte, sie mit einem 
Faustschlag umzubringen, schreckte ich davor zurück . . . haupt- 
sächlich . . . aus sinnloser Angst vor der Bestie". 

Der Unglückliche versucht nun, diese Angst zu definieren: 
„Diese Angst war nicht gerade Furcht davor, daß mir das Tier 
irgendeine physische Verletzung zufügen könnte, aber ich wüßte 
nicht, wie ich sie anders erklären sollte," 

Man kann die Kastrationsangst nicht besser definieren als 
durch den Hinweis, sie sei die Angst vor „irgendeiner physi- 
schen Verletzung"; sie ist aber mehr als das, vor allem durch 
die ins Unbewußte hinabreichenden psychischen Verzweigungen, 
die jener Schrecken mit sich bringt und in der Seele Edgar Poes 
tatsächlich mit sich brachte. 

Wir müssen uns jedoch jetzt eingestehen, daß wir uns 
von der Verteidigungsrede der Milch und der Zärtlichkeit, 



Die schwarze Katze 403 



welche der Sohn der zweiten Inkarnierung seiner Mutter zu- 
geschrieben hat, haben beeinflussen lassen. Ein seltsames Gefühl 
von Unbehagen, das gleichsam eine "Wiederkehr des Gefühls ist, 
welches der von der lästigen Zärtlidikeit des Tieres bedrückte 
Herr im höchsten Maße empfindet, hätte uns sogar sdion früher 
anzeigen müssen, daß dieses Bild der mütterlichen Zärtlichkeit 
von ihrem Sohn nicht ohne einen Beigeschmack von düsterer 
Ironie gezeidinet wurde. Hinter dieser Ironie verbarg sich, wie 
wir bald sehen werden, noch eine andere, bitterere und durch 
ihr Objekt konkretere, nämlicii die Ironie, mit der hier von 
der Milcäi gesprochen, und die nun hörbar wird. Wir müssen 
uns dabei wieder daran erinnern, daß die zarte, schwind- 
süchtige Schauspielerin Elizabeth Arnold ihren Sohn weder 
lange Zeit hindurch noch sehr reichlich nähren konnte; als 
Säugling litt Edgar wahrscheinlich Hunger und Durst, er 
sehnte sich nadi der Mutterbrust, und diese Sehnsucht nach 
Milch hat ihm auch die grandiosen PoUandschaflen des P y m 
eingegeben. Der weiße Fleck auf der Brust der zweiten Katze 
ist daher nicht nur eine "Wunschphantasie, sondern auch eine 
Phantasie des "Vorwurfs. Poe hat sich in der Schwarzen 
Katze, wie wir schon gesehen haben,^'^ bereits an einer 
andern Stelle eines der "Verkleidungsmechanismen bedient, die 
auch der Traum benützt: der Darstellung durdi das Gegen- 
teil, ein psychischer Mechanismus, welcher auch der Ironie 
eigen ist. Wir haben auch gesehen, wie er sich der makabren 
Ironie der "Wiederbegabung der kastrierten Mutter mit einem 
Phallus („Rephallisierung") durch das Schema des Henkens 
bedient; wir müssen nun diesem ersten Beispiel ein zweites 
hinzufügen: die unergiebige Mutterbrust kommt durch den 
breiten Milchfleck auf ironische "Weise zu Milch („Relaktifi- 
zierung"). 

183) Siehe S. 396 f. 

a6» 



404 



Die Geschidjten: Der Zyklus Mutter 



Meine Mutter hatte beinahe keine Milch, verkündet Poe 
durch diesen betrügerisclien und ironischen Fleck auf der Brust 
der zweiten, einäugigen Katze, und auch das ist ein Grund, 
warum ich auf sie böse bin, wenn auch der wichtigste Vorwurf 
in dem Faktum enthalten ist, daß dem Frauenkörper der Penis 
fehlt. 

Alle diese Vorwürfe gemeinsam werden nun in dieser Ge- 
schichte in der aus den Träumen bekannten Bildtecinik aus- 
gedrüdct. Der Herr gesteht uns, wenn er von der Angst spricht, 
die das Tier ihm einflößt, nun ein, daß diese Angst, 

„die Gefühle des Sdirediens und Entsetzens . . . durch ein Hirn- 
gespinst, wie man sidi kaum eines närrischer denken kann, maßlos 
gesteigert wurden. Meine Frau hatte midi mehr als einmal auf 
die Form des weißen Brustfleckes aufmerksam gemadit, von dem 
idi bereits gesprochen habe, ... darauf, daß dieser Fledc, obwohl 
er ziemlidi groß war, ursprünglich nur undeutlidi hervortrat; dodi 
nadi und nach, in kaum merklich fortschreitendem Wachtstum ... 
wurde dieses Zeichen in sdiarfen Umrissen deutlidi sichtbar. Es 
hatte nun die Form eines Gegenstandes, den idi nur mit Grausen 
nenne, und dessen Abbild midi mehr als alles sdiredite und ent- 
setzte, so daß ich das Scheusal am liebsten umgebracht hätte, wenn 
ich nur den Mut dazu hätte finden können. Es war das Bild ... 
eines GALGENS! . . ." 

So erscheint in dem weißlichen Fleck auf der Brust der 
Katze, mitten im Symbol der ersten, dem Kind durch die 
Mutter vermittelten Wollust, also wie in Mildi gemalt das 
Bild der Strafe, die dem Verurteilten in Kürze droht, der 
Strafe, die er früher der Mutter auferlegt hat, und die nun, 
nach dem Gesetz von der Wiedervergeltung ihn selbst trifft: 
das Henken. Die Sühne wird dem Verbrechen gleichen, idi 
schwöre es auf die Milch meiner Mutter! scheint der Verbrecher 
auszurufen. Und ganz so, wie die verstümmelte Mutter im Tod 
— makabre Ironie! — wieder den Phallus bekommt, erhält 
auch der impotente Sohn ihn nur durch den gleichen Tod 
(vieder. Der Ejnfall, nach dem btide wieder mit dem Phallus 



Die schwarze Katze 40 j 



beschenkt werden, ist nidit wirklidier als die Milch, die in jener 
vergangenen Zeit in der versiegten Brust der schwindsüchtigen 
Mutter zu finden war. Am Ende des Stricks gibt es im Grunde 
genommen für beide nur den Tod. Man könnte hier nodi 
einmal daran erinnern, daß der durcii den hängenden Körper 
symbolisierte Penis ein sdilaffer, herabhängender, toter Penis ist. 
Aber die Katze, die Trägerin des sdiredclidien Zeichens, 
verdoppelt ihre Anhänglidikeit an ihren Herrn, der sidi jetzt 
wirklich elend fühlt, 

„elend, weit über alles Mensdienelend hinaus . . . Ein vernunft- 
loses Tier" (schreit er auf) „konnte midi — midi, den Mensdien, 
das Ebenbild Gottes" (das heißt des Vaters, des Mannwesens par 
excellence!) „so unsäglidi elend madien! Adi, ich kannte nidit mehr 
den Segen der Ruhe, weder bei Tag noch bei Nadit!" 

Und die Mutter sucht ihr entsetztes Kind (was von neuer- 
lidier, grausamer Ironie ist) mit größter Zärtlichkeit wieder 
heim: sie schläft bei ihm. 

„Bei Tage ließ das Tier midi nicht einen Augenblick allein, und 
in der Nadit fuhr ich fast jede Stunde aus qualvollen Angstträumen 
empor, um den heißen Atem des Viehes über mein Gesicht wehen 
zu fühlen und den Druck seines sdiweren Gewichts — wie die 
Verkörperung eines gräßlichen Alpgespenstes — ewig auf meiner 
Brust, meinem Herzen zu tragen ." 

So taucht die Erinnerung an die Stunden, die Edgar Poe 
in seiner frühesten Jugend im Bett der Mutter verbracht hatte, 
in dem impotenten, der Verdrängung verfallenen Künstler mit 
Angst besetzt wieder auf. Die "Wollustempfindungen, die durch 
die Wärme und den nährenden Schutz gezeugt werden und 
zu denen noch andere deutliche erotische, bei der Berührung 
mit der geliebten Wärme des Mutterleibs empfundene Sensa- 
tionen hinzukommen, tauchen notwendigerweise mit Angst 
besetzt auf, da sie der Unterdrückung verfallen waren. 

Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit an eine Bemerkung, 
die meine mir sehr ergebene, aber primitive korsische Pflege- 



4o6 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 

frau einmal gemadit hatte. Man sollte niemals, riet sie mir, ein 
kleines Kind in der Wiege mit einer Katze allein im Zimmer 
lassen: die Katze würde sidi wahrscheinlidi auf die warme 
Brust des Kindes legen und es erstiden. Und auf der Rückseite 
eines Auszugs aus dem Taufregister finde idi unter anderen 
„widbtigen Mitteilungen", die im allgemeinen religiöser Natur 
sind: „Die Kirche, die sich nicht nur um das ewige Heil ihrer 
kleinen Kinder, sondern auch um ihr Wohl auf dieser Erde 
kümmert, verbietet den Müttern und Ammen auf das strengste, 
die Kinder wegen der ärgerlichen Ereignisse, denen die Mütter 
sich durch eine solche Unvorsichtigkeit aussetzen würden, bei 
sich schilafen zu lassen."^** 

Der erste Rat, der meiner korsischen Pflegefrau, ist gewiß 
eine Verschiebung des zweiten, der Kirciienvorsciirifl, eine Ver- 
schiebung, bei weldier die Mutter nach der primitiven Denk- 
weise meiner korsischen Pflegefrau durcii die Katze, durcii ein 
Totemtier, dargestellt wird. Und wenn audi das Wort „Alp- 
traum" seiner Etymologie nach die „Erstidkung","" wodurdi 
der Angsttraum charakterisiert wird, mit irgendeinem Dämon 

184) Auszug aus dem Taufregister der Diözese von Compi^gne, 
datiert vom 8. März 191 8. 

185) Das französische Wort cauchemar stammt (nach Littr^) 
von altfranzösisdi caucher (lateinisch calcare), niedertreten, drücken 
und von mar (deutsches Wort, das soviel wie Inkubus, Dämon 
bedeutet). Man vergleiche damit das englische nightmare. Im 
Languedoc heißt der Alpdruck diaoudje-vielio, die Alte, welche 
bedrüdct (Littr^). Siehe audi Oscar Blodi und W. von Wartburg, 
Dictionnaire etymologique de la langue frangaise, Paris 1932, Bd. I, 
Artikel: cauchemar. — Der deutsdie Marl, Mahr, Mahrt, Nacht- 
mart oder Naditmahr (nach Brockhaus, Artikel: Marl) ist ein im 
Volksglauben Deutschlands und des germanischen Nordens ver- 
breitetes geisterhaftes Wesen, das ,in mancher Hinsidit dem Alp 
ähnlidi ist. Unter Alp (Brockhaus, Artikel: Alp), von Alb, das ist 
Elfe, versteht man oft die Seele eines Mensdien, die während des 
Schlafens den Körper verläßt und einen anderen Menschen bedrückt 
und quält, indem sie sich auf dessen Brust setzt. 



Die schwarze Katze 407 



oder weiblidien Inkubus, der sdiwer auf dem Träumer liegt, 
in Zusammenhang bringt, so verbirgt sich darin vielleicht noch 
außerdem irgendeine verwandte Phantasievorstellung, deren 
Grundlage durdi die unbewußte Erinnerung an die Tatsache 
gegeben sein konnte, daß das Kind sich im Bett an den warmen, 
geliebten, aber fürchterlich schweren mütterlidien Körper 
schmiegte. Tatsache ist, daß unser Verbrecher „unter der "Wucht 
solcher Qualen" fühlt, „der schwadie Rest des Guten" erliege 
ihm. Böse Gedanken suchen ihn heim; seine traurige Stimmung 
„schwoll an zu bösem Haß gegen alles in der "Welt und gegen 
die ganze Menschheit". Der Fludb des gegen die Mutter ent- 
fesselten Hasses breitet sich so über das ganze Weltall aus, 
kehrt aber bald zu seinem Ausgangspunkt wieder zurüdi 
und konzentriert sich nun verstärkt auf sein eigentlidies Ob- 
jekt. Schon vor dem ersten Attentat gegen Pluto erlaubte sicii 
der Alkoholiker audi seiner Frau gegenüber „rohe "Worte", 
ja er sdhlug sie sogar. Jetzt aber, verursacht durdi die Angst, 
welche ihm die zweite Katze, deren Verteidigungsrede er 
zurückweist, einflößt, muß er uns eingestehen: „Mein sdiwei- 
gend duldendes "Weib (wurde) . . . nun das unglückliche Opfer 
meiner häufigen, plötzlichen und zügellosen "Wutausbrüche . . ." 
So sdieint hier die Frau als das Urbild der Katze durdi 
deren Konturen hindurch. Und es wird uns nicht überraschen, 
wenn der Schlag, der dem einen zugedacht war, abprallt und 
den andern trifft: er erreicht nur sein wirkliches Ziel. 

„Eines Tages", erzählt uns der Verurteihe, „begleitete (meine 
Frau) midi irgendeines häuslidien Gesdiäftes wegen in den Keller 
des alten Gebäudes, das wir in unserer Armut zu bewohnen genötigt 
waren. Die Katze folgte mir die Stufen der steilen Treppe hinab und 
war mir dabei so hinderlidi, daß idi beinahe kopfüber hinunter- 
gestürzt wäre. Das machte midi rasend. In sinnlosem Zorn vergaß 
ich die kindische Furcht, die meine Hand bisher zurückgehalten 
hatte, ergriff eine Axt und führte einen Hieb nadi dem Tier, 



^ Dte Geschichten: Der Zyklus Mutter 



der augenblicklidi tötlidi gewesen wäre, wenn er sein Ziel getroffen 
hätte. Aber meine Frau fiel mir in den Arm. Diese Einmischung 
brachte mici in wahrhaft teufliscie Wut. Ich entwand mich flirem 
Griff und schlug die Axt tief in ihren Schädel ein. Sie bradi 
lautlos zusammen. 

Nachdem dieser gräßliche Mord geschehen war", macht sich der 
Mörder sofort daran, „mit voller Überlegung ... den Leichnam 
zu verbergen." 

Er läßt mehrere Pläne an sich vorüberziehen: er will die 
Leiciie in kleine Studie zerhacken und sie durdi Feuer ver- 
nichten; ein Grab im Boden des Kellers machen; die Leiciie in 
den Brunnen des Hofes werfen; sie in eine Kiste verpacken 
und forttragen lassen. 

„Endlidi: ... ich entsdiloß midi, die Leidie im Keller einzu- 
mauern — ganz so, wie es alten Erzählungen zufolge die Mensdien 
des Mittelalters mit ihren Opfern gemadit haben moditen. 

Zur Ausführung gerade dieses Planes war der Keller sehr 
geeignet. Die Mauern waren leidit gebaut", der Mörtel ist feudit 
und weidi geblieben. „Überdies war an einer der Mauern ein 
Vorsprung, hinter dem sidi ein unbenutzter Rauchsdilot oder eine 
Feuerstelle befand, und der neuerdings wieder ausgefüllt und den 
übrigen Wänden des Kellers gleidigemadit worden war . . ." 

Der Mörder nimmt die Ziegelsteine heraus, stellt den 
Leichnam aufrechtstehend in den Kamin, legt die Ziegel wieder 
an ihre Stelle und nachdem er sich „einen Bewurf (hergestellt 
hatte), der von dem der andern Wände nicht zu unterscheiden 
war", bestreicht er „sehr sorgfältig die neue Vermauerung". 
Er entfernt den Sdiutt, der auf die Erde gefallen ist, betraditet 
triumphierend die Arbeit, „man sah der Mauer nidit im ge- 
ringsten an, daß sie aufgebrodien worden war", und sagt dann 
zu sich selbst: „Hier wenigstens ist deine Arbeit nidit umsonst 
gewesen!", was man in die Spradie des Unbewußten über- 
setzen kann: „Endlich wird die Frau, das ver- 
stümmelte Monstrum, nicht mehr wieder 



I 



Die schwarze Katze 409 



erscheinen! Die Kastration ist einge- 
m a u e r t." 

Und daß dies tatsädilidi der verborgene Gedanke ist, wird 
durch die Fortsetzung der Erzählung bestätigt: 

„Das nädiste, was idi nun tat, war, midi nadi der Bestie 
umzusehen, die so viel Elend veranlaßt hatte, denn ich hatte ihr 
inzwisdien längst das Urteil gesprodien: sie mußte sterben." 

Aber der Mörder kann seine Katze nidit mehr wiederfinden. 
Ist sie, ersdiredst durch die Gewalttat ihres Herrn, entflohen? 

„Es ist unmöglich", erklärt er uns nun, „zu besdireiben oder 
audi nur sidi vorzustellen, wie tief beruhigend das Gefühl der 
Erlösung war, das idi durdi die Abwesenheit der verhaßten Katze 
empfand. Audi in der Nacht ließ sie sich nicht blidcen — und 
so schlief idi, seitdem idi sie in mein Haus gebradit hatte, eine 
Nadit hindurch tief und ruhig; ja, idi sdilief, selbst mit der Last 
des Mordes auf der Seele." 

So stark empfindet er die Erleichterung, sich endlich das 
Kastrationsphantom vom Hals gesdiaflFt, es endlich, wie er 
glaubt, aus seinem Hause entfernt zu haben. 

Vergleichen wir nun diese Gefühlskälte — nachdem der 
Mörder sein wirkliches „Verbrechen", die Ermordung seiner 
Frau, begangen hatte, schien er nicht die geringsten Gewissens- 
bisse zu empfinden — mit dem Gefühl, das er empfand, als 
er Pluto aufhängte: „Ich erhängte ihn unter strömenden Tränen 
und bittersten Gewissensqualen . . ." Bei der Ermordung der 
Frau bestand eben nur mehr der Haßaffekt weiter; als die 
Katze getötet wurde, war er noch mit kindlicher Zärtlidikeit 
gemisdit. "Wir sehen also in dieser Geschichte, daß zwar nicht 
der Absdieu vor der Frau, wohl aber der Haß, und zwar der 
manifeste Haß gegen die Frau, das kastrierte Monstrum, 
anwächst. 

„Der zweite und der dritte Tag vergingen, ohne daß mein 
Quälgeist zurückkehrte. Ich atmete wieder auf wie ein Befreiter. 
Der Sdiredken hatte das Ungeheuer für immer vertrieben. Idi sollte 



410 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



es nie mehr erblicken! Meine Seligkeit war grenzenlos! Das Bewußt- 
sein meiner schwarzen Tat störte midi nur wenig. Ein paar Nadi- 
fragen, die erhoben worden waren, hatte idi schlagfertig beant- 
wortet. Selbst eine Haussuchung hatte stattgefunden — aber natür- 
lich war nidits zu entdecken gewesen." 

Am vierten Tag nach dem Morde kommt eine Polizei- 
kommission zu unserem Erzähler. Sie durchsuchen neuerlich das 
ganze Haus. 

„Schließlich stiegen sie zum dritten oder vierten Male in den 
Keller hinab . . . Mein Herz schlug so friedlidi ... Ich folgte den 
Herren von einem Ende des Kellers bis zum andern. Die Arme 
über die Brust verschränkt, ging ich festen Sdirittes einher." 

In dem Augenblick, in dem sich die Polizei befriedigt 
zurückziehen will, ist das Entzücken unseres Mörders zu groß, 
als daß er die Freude unterdrücken könnte. Er brennt darauf, 
„wenigstens ein "Wort des Triumphes auszurufen" und rufl:, als 
die Kommission die Kellerstufen hinaufsteigt: 

„Meine Herren . . . idi bin entzüdct, ihren Verdadit zerstreut 
zu haben. Idi wünsche Ihnen viel Glüdc und ein wenig mehr 
Höflichkeit. Nebenbei bemerkt . . . dies ist ein bewundernswert 
gut gebautes Haus. Diese Mauern — gehen Sie sdion, meine 
Herren? — , diese Mauern sind solide aufgeführt." 

Und der vom Dämon der Verkehrtheit, welcher diesmal in 
Form eines exhibitionistischen Geständniszwangs und Straf- 
bedürfnisses auftritt, inspirierte Mörder schlägt aus „tollem 
Übermut" mit einem Stoct kräftig „gerade auf die Stelle des 
Mauerwerks, hinter der sich die Leiche (seines) einst so ge- 
liebten Weibes befand". 

Die "Wirkung ist eine blitzartige: 

„Kaum war der Schall meiner Schläge verhallt, als eine Stimme 
aus dem Grabe mir Antwort gab. Es war ein Schreien, zuerst 
erstickt und abgebrochen wie das Weinen eines Kindes, dann aber 
schwoll es an zu einem ununterbrochenen, durchdringenden und 
unheimlichen Gekreisch, das keiner menschlichen Stimme mehr zu 
vergleichen war — zu einem bald jammervoll klagenden, bald 



Die schwarze Katze 411 



höhnisdi johlenden Geheul, wie es nur aus der Hölle kommt . . . 
Ohnmächtig taumelte ich an die gegenüberliegende Mauer . . . Die 
Leute auf der Treppe standen regungslos, von Sdireck und Ent- 
setzen gelähmt. Im nächsten Moment aber arbeitete ein Dutzend 
kräftiger Hände daran, die Mauer einzureißen. Sie fiel. Der schon 
stark in Verwesung übergegangene, mit geronnenem Blut bedeckte 
Leichnam stand aufrecht vor den Augen der Männer. Auf seinem 
Kopf saß, mit weit aufgesperrtem rotem Rachen und dem einen 
glühenden Auge, die fürchterliche Katze, deren teuflische Gewalt 
mich zum Mörder gemacht hatte, und deren Stimme mich nun den 
Henkern überlieferte. Ich hatte das Sdieusal in das Grab mit- 
cingemauert." 

So öffnet sich das Grab, da es von zwei Seiten her, von den 
Gewissensbissen und von dem Zwang, das begangene Ver- 
brechen zu exhibitionieren, bedrängt wird und speit vor dem 
entsetzten Blidt des Sohnes den Leichnam der Mutter aus, über 
dem die, mit vielfachen Sinnbildern der Kastration versehene 
Katze thront. Denn jetzt begnügt sich die furditbare Katze 
nicht mehr mit ihrem gräßlicäien, ausgestochenen Auge: sie 
öffnet weit den drohenden, blutroten Rachen, das Sinnbild der 
tiefen Frauen wunde, der Vagina! Und außerdem öffnet sich 
vor dem Mörder ein Kamin, der gleiche symboliscie Ort, in 
den der Körper des Fräuleins L'Espanaye eingezwängt worden 
war, eine furchtbare, klaffende Wunde am Körper des 
Hauses . . . Damit aber auch die grausame und makabre Ironie 
dieser Erzählung zur Geltung komme, wird der ganze Körper 
der Frau (wie vorher der ihrer Doublette Pluto) zwar nicht 
gehenkt, wohl aber aufrecht, gerade, erigiert (erect) dargestellt, 
er ruht vertikal in dem Kamingrab. Die Vertikale, nach der 
der Mörder seine Frau begräbt, nachdem er sie durch einen 
Axthieb auf den Schädel gespalten, verstümmelt hat (ein 
Pendant zu dem Stich des Federmessers in das Auge der Katze), 
ist aber auch eine Art Pendant zum Henken des Pluto, also 
wieder eine ironisch gemeinte Rephallisierung. Daß 
diese nichts anderes als makabre Ironie sein will, geht deutlicli 



jff Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



aus der Tatsadie hervor, daß das große Verbrechen, durch das 
die Mutter bis zum Grabe belastet erscheint, die Kastration ist, 
welche durch die einäugige Katze mit dem weitaufgerissenen 
Maul, das die Mutter schließlich krönt, symbolisiert wird. 

Das ist der Inhalt der Geschichte, in der die Kastration der 
Frau das Hauptthema bildet, ein Thema, das deshalb so 
packend und großartig wirkt, weil es selbstverständlich ganz 
latent bleibt. Viele unserer Leser, wenn sie dieses Budi nidit 
sdion weggelegt haben, werden uns wahrscheinlidb in die 
Kellergesdiosse des Unbewußten, die noch düsterer und unheil- 
verkündender sind als der Keller, in dem der Held der Ge- 
schichte seine Frau und seine Katze einmauert, nidit folgen. 
Poe selbst wäre wohl auch nicht mit uns gegangen: der latente 
Sinn seiner Erzählung war allzu weit von seinem bewußten 
Denken entfernt, das sidi durch die energisdie Verdrängung, 
weldie Poe in seiner Kindheit erlitten, von allem entfernt hatte, 
was in den Bereidi der Sexualität gehörte. 
^ Aber ebensowenig wie das Leugnen des Träumers den 
hinter dem manifesten Inhalt seiner Träume verborgenen 
latenten Sinn ungültig macht, jenen Sinn, den der Analytiker 
aufdedct, hätte das Leugnen des Autors der Schwarzen 
Katze ungültig madien können, was diese Gesdiidite im 
Grunde enthält. 



», 



Wir haben gesehen: die Kastrationsangst, die Furdit vor 
der in der Frau verkörperten Kastration, ist das Hauptthema 
der Schwarzen Katze. Es scheint jedoch, daß sidt 
sämtlicJie ursprünglichen Ängste des Kindes, die häufig auch 
im Mann verblieben sind, in diesem Beridit von der aufs 
höchste gesteigerten Angst wie bei einer Straßenkreuzung 
Rendezvous gegeben haben. 

In Hemmung, Symptom und Angst hat 



uns 



f 



Die schwarze Katze 413 



Freud^^" in einer dironologisdien Aufzählung die versdiiedenen 
Arten ursprünglidier Ängste beim Kind, deren jede mit einer 
bestimmten Gefahr korrespondiert, vorgeführt. Er spricht zu- 
erst von der G e b u r t s a n g s t, die physiologisdier Natur 
ist: das heißt, die physiologisdien Phänomene, die der Fötus 
beim Geburtsvorgang aufweist, Störung im Rhythmus des 
Herzschlags, ja sogar Asphyxie, bleiben vorbildlidi für alle 
Angsterlebnisse, die im weiteren Verlauf des Lebens auf- 
tauchen. Dann kommt die Trennungsangst, unter deren 
Ursadien die Entwöhnung die am deutlichsten physische ist; 
es rufl aber jede Trennung von der Mutter die Gefahr hervor, 
das Kind verliere ihre sdiützende Liebe, ein Verlust, der 
mit Recht Angst erzeugen kann. Als dritte Angst erscheint 
bei dem nun schon größeren Kind die K a s t r a t i o n s- 
angst zur Unterdrückung der ganzen infantilen Sexualität, 
der Masturbation des Kindes und zugleich auch des Ödipus- 
komplexes. Diese Angst, diese Furdit vor einer Verstüm- 
melung, vor einem Verlust des Penis, den man nicht so wie 
den mütterlidien Uterus (durdi das warme Bett) oder die 
Muttermilch (durch gekodite Mildi oder andere Nahrungs- 
mittel) ersetzen kann, diese ursprüngliche Angst vor einem end- 
gültigen, das teuerste Organ treffenden Verlust, entwickelt sicli 
zur ersten großen sozialen Furciit des Kindes und erzeugt 
nocli stärker als die Trennungsangst die künftige Moral. Die 
Gefahr einer Kastration, die in unserer Zeit real kaum zu 
fürchten ist, hat ihr phylogenetisches Urbild wahrscheinlidi in 
prähistorischen Zeiten, in jenen Zeiten, in denen der Vater der 
Urhorde, der Initiator der ersten Moral, nicht davor zurück- 
schredste, die meuternden Söhne, welche seine Frauen be- 
gehrten, zu töten oder zu kastrieren. Die vierte Angst, die 



186) Freud: Hemmung, Symptom und Angst (Int. 
Psychoanalytisdier Verlag, "Wien 1926; Gesammelte Schriften, Bd. XI). 



414 Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



Gewissensangst, stammt direkt von der Kastrations- 
angst ab, sie entsteht durdi die Introjektion der entsprechenden 
Kastratoren, unter denen sidi auch die verbietende und moral- 
predigende Mutter befindet, in die psychische Konstitution des 
Kindes. So nimmt die Psyche die Verbote der "Wesen in sich 
auf, weldie sie von draußen her anbefohlen haben, Verbote, 
weldie diese Wesen überleben, indem sie das Moralgewissen 
des neuen Mensdien werden. Das Kind, der Mann ist also 
moralisdi geworden, er bekommt jetzt Angst vor den Vor- 
würfen seines Gewissens. Zum Sdiluß erst taudit die T o d e s- 
angst auf, die nur das bewußte Idi erkennen kann, nie das 
unbewußte. Das endgültig gebildete Idi beginnt nämlidi seine 
Verniditung, den Tod, zu fürditen, da es mit dem Intellekt die 
Möglidikeit seiner Vernichtung erfaßt hat. Glüdilidierweise 
rettet das Unbewußte für die Mehrzahl der Menschen den 
Einsatz, indem es das tiefe Gefühl, mit dem der Mensch seine 
Unsterblichkeit empfindet, ins Unendlidie und in die Ewig- 
keit projiziert! 

So scheinen um die Kastrationsangst herum, die im Mittel- 
punkt unserer Geschichte wie die einäugige Katze auf dem 
gespaltenen Schädel der Frau thront, alle Arten von Angst ver- 
sammelt zu sein. Wir entdecken die Urangst der Geburt 
in dem Teil der Geschichte, in dem vom Keller und Kamin die 
Rede ist, in den die Mutter eingemauert wird: das Thema 
wendet sich dabei durch eine Art Wiedervergeltung gegen die 
Mutter, die dem Kind diese Angst eingejagt hat. Der weiße 
Fleck auf der Brust der Katze erinnert an die Entwöhnungs- 
angst, an die Trennungsangst. Von der zentralen Kastrations- 
angst geht auch die Gewissensangst aus, die den Verbrecher 
zum Geständnis bringt. Mit dem Galgen schließlich taucht auch 
die Todesangst auf. 

Aber alle diese Angstgefühle zusammen sind in unserer 
Geschichte, in der die Kastrationsangst das Hauptthema bildet, 



Die schwarze Katze 41 j 



diesem Gefühl untergeordnet, und jedes einzelne von ihnen ist 
mit der Hauptangst verstridit. Die Katze mit der weißen 
Brust hat audi ein ausgestodienes Auge, das Henken stellt 
zugleidi die Wiederbegabung mit dem Phallus dar, der Ge- 
ständniszwang führt zur Entdediung des Körpers, über dem 
sidi das Zeidien der Kastration befindet, und der Keller, das 
Grab, erinnern mit dem klaffenden Kamin an die fürditerlidie 
mütterliche Kloake. 



Es gibt nodi andere Gesdiidbten Poes, in denen der Diditer, 
wenn auch auf eine andere, sanftere Weise, sein Bedauern über 
das Fehlen des mütterlichen Phallus ausspricht und der Mutter 
vorwirft, ihn verloren zu haben. Wir denken dabei in erster 
Linie an den Entwendeten Brie f .^'^ 

Erinnern wir uns an den Inhalt dieser Gesdiidite: Die 
Königin von Frankreich besitzt, wie Elizabeth Arnold, eine 
kompromittierende und geheime Korrespondenz, deren Ab- 
sender X im Dunkeln bleibt. Der böse Minister stiehlt, um 
eines politischen Handels willen und um seine MacJit zu 
stärken, unter den Augen der Königin, die durdi die Gegen- 
wart des Königs, der nidits wissen darf, ihn nicht hindern 
kann, einen dieser Briefe. Sie muß den Brief unbedingt wieder 
bekommen. Die Polizei hat bei ihrer Untersuchung keinen 
Erfolg. Glüdslicherweise können wir uns an Dupin wenden! 
Mit Brillen bewaffnet, die ihm alles zu sehen erlauben, während 
sie seine eigenen Augen verbergen, begibt er sidi unter irgend- 
einem Vorwand zum Minister und entdeckt den Brief in einem 
Kartenhälter, der an einem Band „von einem kleinen Messing- 
knopf unterhalb und inmitten des Kaminsimses herabhing."^^* 

187) The purloined letter (The Gift, 1845). 

188) . . . that hung . . . front a Utile brass knob just beneath the 
middle of the mantelpiece. 



4l6 



Die Gesdjtchten: Der Zyklus Mutter 



Durdi seine Gesdiicklidikeit bemächtigt er sidi des kompromit- 
tierenden Papieres und legt einen falschen Brief an dessen Stelle. 
Die Königin, welcher der edite Brief zurüdigegeben wird, ist 
gerettet. 

Wir bemerken zuerst, daß der Brief, ein regelrechtes Symbol 
für den mütterlidien Penis, über dem Feuerherd des Kamins 
„hängt", so wie der Penis der Frau — wenn sie einen hätte! — 
über der Kloake hängen würde, die hier wie in den vorher- 
gehenden Geschichten unter dem häufig verwendeten Symbol 
eines Kamins dargestellt wird. "Wir haben hier gleidisam ein 
Bild aus der topographisdien Anatomie vor uns, bei dem selbst 
der Knopf (knob), die Klitoris nicht fehlt. Aber an diesem 
Knopf sollte wohl etwas anderes hängen! 

Der Kampf zwischen Dupin und dem Minister, der früher 
einmal Dupin einen „bösen Streich" gespielt hat, ein Kampf, 
aus dem Dupin als Sieger hervorgeht, ist in Wirklichkeit der 
ödipusstreit zwischen Vater und Sohn, bei dem es hier nadi 
dem prägenitalen, phallischen und archaischen Schema um den 
Besitz eines Teiles der Mutter, um ihren Penis, geht. Diese 
Geschichte ist daher ein Beispiel für die „Partialliebe", bei der 
das Organ und nidht die Gesamtheit des geliebten Wesens 
geliebt wird, eine Situation, die eine der Stadien der Ent- 
wicklung der infantilen Libido charakterisiert.^*" 

Aber wenn audi der Minister eine imponierende Vaterfigur 
ist, ein „Mann von Genie", welcher von dem vernünftigen, also 
nodi genialeren Sohn geschlagen wurde, so präsentiert er doch 
einen wichtigen Zug, der an den „Sohn" selbst erinnert: er 
ist Dichter! Der Minister ist übrigens auch als Vater eine 
zusammengesetzte Gestalt. Man findet in ihm Züge zweier 
„schlechter" Väter wieder: zuerst die des X, des unbekannten 

189) Abraham, Versuch einer En fwicklun gs g e- 
schichte der Libido (Int. Psydioanalytisdier Verlag, Wien 
1924, 2. Teil). 



Die schwarze Katze 4^7 



und triumphierenden Geliebten, der nach der Meinung des 
Kindes die Elizabeth Arnold kastriert hat, dann die des John 
Allan. 

Hat nicht auch John Allan eine Frau vergewaltigt und 
kastriert, Frances, die geliebte und kränklidie „Ma" ihres 
Edgar? Und hat er nicht die Tugend Elizabeths angegriffen 
und den Ruf der Schauspielerin kompromittiert, wie der 
Erpresser-Minister es bei der Königin zu machen versucht? 

John Allan erinnert auch dadurch an den Minister, daß er 
wie dieser vom Ehrgeiz getrieben war, hoch zu kommen. Und 
John Allan war es auch, der für das Kind Edgar Poe das 
wahre „monstrum horrendum, den genialen Mann ohne Prin- 
zipien", darstellte, diesen Verwandten des „Verbrechers" mit 
der „unendlidien Geisteskraft", der durch den Mann der Menge 
dargestellt wird. So erscheint im Ödipuskomplex des Sohnes 
zugleich der gehaßte und der bewunderte Vater. 

Aber wir haben am Minister bereits einen wichtigen Zug 
entdeckt, den er mit Edgar gemeinsam hat: beide sind didite- 
risdi begabt. Mit einem Wort, Poe identifiziert sich hier mit 
dem gehaßten aber bewunderten Vater vermöge jener Fähig- 
keit zur Identifizierung, die er im Entwendeten Brief 
als das geeignetste Mittel, in die Seelen einzudringen, preist. 

Mit dem Orang aus der Rue Morgue, mit dem Vater, 
der über die Mutter nur durch übermenschliche physisdie Kraft 
triumphierte, konnte sich Poe, der Dichter und Impotente, nicht 
vollkommen identifizieren. Beim Minister jedoch durfte er 
eine solche Identifizierung mit voller Zustimmung seines un- 
bewußten Ichs wagen, da der Minister über die Mutter zwar 
gleichfalls durch übermenschliche Kräfte triumphiert, diese 
Kräfte aber diesmal geistige sind. 

Der von der Königin betrogene König ist gewiß wieder 
einmal David, der legitime Gatte Elizabeths. Und wir sind 
nicht überrasciit, daß Dupin, die Verkörperung des Sohnes, sidi 

Bonaparte: Edgar Poe. II. „_ 



4i8 



Die Geschichten: Der Zyklus Mutter 



einen „Parteigänger der in Frage stehenden Dame" nennt, wenn 
er von seinen „politischen Sympathien" spricht. Und schließlich 
gibt Dupin gegen einen Scheck von fünfzigtausend Francs 
der Frau den Symbol-Brief, d. h. den Phallus, der ihr ab- 
handen gekommen war, zurück, während der Präfekt die 
versprochene Riesenbelohnung für sich behält. Wir entdecken 
darin abermals die Gleichung Gold = Penis. Die Mutter gibt 
dem Sohn für den Penis, den er ihr zurückgibt, Gold. 

Auch im Goldkäfer scheint der Schatz von der Mutter 
ihrem Sohn für den Penis, den er ihr zurückgibt, überlassen 
worden zu sein. Bei der Analyse dieser Geschidite war es noch 
nicht an der Zeit, auch die Gleichung Gold = Penis auf- 
zustellen. Wir haben zwar auf sie hingewiesen, aber ohne 
sie zu erklären. Jetzt aber, nachdem wir das unbewußte Thema 
des Henkens besprochen haben, wollen wir noch einmal an 
das seltsame Mittel erinnern, mit dessen Hilfe Kidd seinen 
Schatz wieder entdecken ließ. Er ließ durch die Augenhöhle 
des menschlichen Schädels, der auf einem hohen Ast angenagelt 
war, einen mit Blei besdiwerten Faden herabhängen, 
der den genauen Ort, an dem sich der Schatz befindet, angeben 
sollte. Das erinnert auf das seltsamste an das Thema vom aus- 
gestochenen Auge, der symbolischen Kastration, und an das 
vom Henken, das eine gleichfalls symbolische R e p h a 1 1 i- 
s i e r u n g darstellt. Beide Themen beziehen sich hier auf 
die tote Mutter, deren Schädel sichtlich über dem Schatz 
thront. 

Das Thema von der Kastration der Mutter, welches dem 
Bewußtsein, dem Denken des Erwachsenen so fremd, dem 
Denken nach infantilem Schema und dem Unbewußten eines 
jeden Lebensalters aber so vertraut ist, findet man also bei der 
Wurzel von mehr als einer großen Geschichte Edgar Poes 
wieder. 



Die schwarze Katze 419 



"Wir wollen nun den Zyklus Mutter, in dem sie uns unter 
so vielen Verkleidungen erschien, abschließen. In fast allen 
diesen Geschichten bildeten selbstverständlich die Beziehungen 
zwischen Mutter und Sohn das Grundthema. In einigen von 
ihnen hob sich jedoch bereits die Silhouette des Vaters vom 
Hintergrunde ab: erinnern wir uns an den Marchese Mentoni, 
der auf der Treppe seines Palastes steht, an Berlifitzing in 
seinem Schlosse, an Herrn Windenough und an den Chirurgen 
im Verlorenen Atem. Im Doppelmord in der 
Rue Morgue wurde bereits der tötende, kastrierende Vater 
in der Gestalt des Menschenaffen zum Hauptspieler des 
Dramas. Aber erst im Mann der Menge war die Sil- 
houette des Vaters im "Werk Poes zum erstenmal ganz im 
Vordergrund und in ihrer ganzen tragischen Größe sichtbar 
geworden. Die Mutter hingegen, das Opfer, blieb im Nebel 
des Geheimnisses, welcher das Verbrechen einhüllt, verborgen, 
und man könnte uns fragen, warum wir diese Geschichte in 
den Zyklus Mutter eingereiht haben; der tiefere Grund, der 
in ihr die Inspiration Poes lenkte, gerade die Beziehungen 
zwischen Vater und Mutter, die das Hauptthema dieser Ge- 
schichte bilden, haben uns dazu genötigt, diese Erzählung in 
dem von uns gewählten Zusammenhang darzustellen. 

Die Erzählungen, die wir im nächsten Teil untersuchen 
wollen, sind Variationen über ein anderes bedeutendes 
Thema: sie stellen nicht mehr die Beziehungen zwischen Sohn 
und Mutter, sondern die zwischen Sohn und Vater dar. Wir 
werden also jetzt diese beiden Protagonisten, zuerst im Zeichen 
des Hasses, dann in dem der Liebe miteinander handgemein 
werden sehen. 



INHALTSVERZEICHNIS DES IL BANDES 



II. TEIL: 
DIE GESCHICHTEN : DER ZYKLUS MUTTER 

Seite 

Einleitung y 

I. Der Zyklus der tot-lebenden Mutter 

Berenice ii 

Morella 22 

Ligeia 28 

Der Untergang des Hauses Usher 46 

Eleonora gj 

Das ovale Porträt 7j 

Das Stelldichein ja 

Metzengersteln 57 

n. Der Zyklus der Mutterlandschaft 

Die Gartenlandschaften und Die Insel der Fee 113 

Die Seegeschichten: Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur 

Gordon Pym 120 

Eine Geschichte von der Erde: Der Goldkäfer 21 j 

in. Geständnis der Impotenz 

Der verlorene Atem 24J 

IV. Der Zyklus der ermordeten Mutter 

Der Mann der Menge 309 

Der Doppelmord in der Rue Morgue 329 

Die schwarze Katze 376 

Elizabeth Poe, geb. Arnold Titelbild 



Von 

MARIE BONAPARTE 

sind im Internationalen Psychoanalytischen Verlag ferner folgende 
Werke erschienen: 

Über die Symbolik der Kopftrophäen 

1928. 48 Seiten. In Leinen Mark 3.30 

„Der Deutsche Jäger": In der Studie der Prinzessin Marie von 
Griechenland (veröffentlicht unter dem Mädchennamen der Ver- 
fasserin) wird das Problem, warum das Geweih das Attribut des be- 
trogenen Ehemannes ist, mit Mitteln der modernen Tiefenpsy- 
chologie gelöst. Im Kapitel „Magische Hörner" werden Hörner als 
Amulette gegen den bösen Blick behandelt. Das Kapitel „Jagd- 
trophäen" geht vom königlichen Weidwerk, der Parforcejagd, 
aus, deutet die Herkunft aus dem kollektiven Menschenopfer und 
stellt ihr die individuelle Hirschjagd, das Pirschen, gegenüber. 

'Der Fall Lefebvre 

Psychoanalyse einer Mörderin 

1929. 54 Seiten. Geheftet Mark 2.40, in Leinen Mark 3.80 

„Vossische Zeitung": Marie Bonaparte, die Prinzessin von Grie- 
chenland, hat den Fall Lefebvre in einem schmalen Band dargestellt, 
in welchem sie das Verhalten der sittsamen Spießbürgerin, die be- 
kanntlich seinerzeit eines Tages ohne jegliche Präliminarien ihre 
Schwiegertochter auf einem Ausflug in Gegenwart ihres Sohnes er- 
schoß, motivisch wenigstens soweit aufgeklärt, als es das spärliche 
Material zuläßt. Es ist wohl so ziemlich das erstemal, daß ein 
Kriminalfall eine systematische analytische Darstellung erfährt. 

Aus der Analyse einer mutterlosen Tochter 

Zwei Beiträge zur psychoanalytischen Kasuistik 

1931. 31 Seiten. Geheftet Mark i. — 

„Deutsche medizinische Wochenschrift": Selbstdarstellung 
der Pariser Psychoanalytikerin im Sinne der Lebensbeeinflussung 
durch Identifizierung mit der verstorbenen Mutter (Ödipuskomplex) 
und eine kurze kasuistische Mitteilung über eine kleptomane An- 
wandlung. 

Die Sexualität des Kindes 

und die Neurosen der Erwachsenen 

Sonderheft (V/io) der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 
193 1. 44 Seiten. Geheftet Mark i. — 

Inhalt : Die Verbreitung der Neurosen — Die infantile Sexualität und ihre Verdrängung — 

Die Sexuahtät der Erwachsenen und ihre Schädigungen — Einige Vorschläge zu einer 

Reform der Erziehung 



» m^ iiiii 



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Von 

MARIE BONAPARTE 

sind im Internationalen Psychoanalytischen Verlag ferner folgende 
Werke erschienen: 

Über die Symbolik der Kopftrophäen 

1928. 48 Seiten. In Leinen Mark 3.30 

„Der Deutsche Jäger": In der Studie der Prinzessin Marie von 
Griechenland (veröffentlicht unter dem Mädchennamen der Ver- 
fasserin) wird das Problem, warum das Geweih das Attribut des be- 
trogenen Ehemannes ist, mit Mitteln der modernen Tiefenpsy- 
chologie gelöst. Im Kapitel „Magische Hörner" werden Hörner als 
Amulette gegen den bösen Blick behandelt. Das Kapitel „Jagd- 
trophäen" geht vom königlichen Weidwerk, der Parforcejagd, 
aus, deutet die Herkunft aus dem kollektiven Menschenopfer und 
stellt ihr die individuelle Hirschjagd, das Pirschen, gegenüber. 

Der Fall Lefebvre 

Psychoanalyse einer Mörderin 

1929. 54 Seiten. Geheftet Mark 2.40, in Leinen Mark 3.80 

„Vossische Zeitung": Marie Bonaparte, die Prinzessin von Grie- 
chenland, hat den Fall Lefebvre in einem schmalen Band dargestellt, 
in welchem sie das Verhalten der sittsamen Spießbürgerin, die be- 
kanntlich seinerzeit eines Tages ohne jegliche Präliminarien ihre 
Schwiegertochter auf ' einem Ausflug in Gegenwart ihres Sohnes er- 
schoß, motivisch wenigstens soweit aufgeklärt, als es das spärliche 
Material zuläßt. Es ist wohl so ziemlich das erstemal, daß ein 
Kriminalfall eine systematische analytische Darstellung erfährt. 

Aus der Analyse einer mutterlosen Tochter 

Zwei Beiträge zur psychoanalytischen Kasuistik 

193 1. 31 Seiten. Geheftet Mark i. — 

„Deutsche medizinische Wochenschrift": Selbstdarstellung 
der Pariser Psychoanalytikerin im Sinne der Lebensbeeinflussung 
durch Identifizierung mit der verstorbenen Mutter (Ödipuskomplex) 
und eine kurze kasuistische Mitteilung über eine kleptomane An- 
wandlung. 

Die Sexualität des Kindes 

und die Neurosen der Erwachsenen 

Sonderheft (V/io) der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 
193 1. 44 Seiten. Geheftet Mark i. — 

Inhalt : Die Verbreitung der Neurosen — Die infantile Sexualität und ihre Verdrängung — 

Die Sexualität der Erwachsenen und ihre Schädigungen — Einige Vorschläge zu einer 

Reform der Erziehung 





MARIE BONAPARTE 


EDGAR POE 


BAND II 



MARIE BONAPARTE 

EDGAR POE 




4 



EINE PSYCHOANALYTISCHE STUDIE 

MIT EINEM VORWORT VON SIGM. FREUD 

BAND II 



INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 



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